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Leninisten mit Knarren

War die Rote Armee Fraktion nur eine bewaffnete K-Gruppe? [ 1 ]

Jens Benicke




Für die Anarchos der Agit 883 war der Fall klar: Bei der RAF handelt es sich um “Leninisten mit Knarren”. [ 2 ] Von den übrigen Leninisten, etwa von der DKP über die Trotzkisten bis zu den marxistisch-leninistischen K-Gruppen, unterscheidet sie sich nur aufgrund ihrer Bewaffnung, d.h. weil sie den bewaffneten Kampf in der Metropole führt. Also hier Leninisten mit Parteibuch und da Leninisten mit Knarren. War die RAF also nichts anderes als eine bewaffnete K-Gruppe?

Genau wie die anderen K-Gruppen entsteht die RAF aus den Zerfallsprodukten der Studentenbewegung. Die Protagonisten der ersten Generation der Gruppe sind alle in der antiautoritären Protestbewegung aktiv. Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe sind Mitglieder des SDS und Andreas Baader, der schon an den sog. Schwabinger Halbstarken-Krawallen 1962 beteiligt war, agiert im Umfeld der Kommune I. Holger Meins dreht als Filmstudent Videoclips, die auf Teach-ins und Kongressen der Bewegung gezeigt werden. Und mit der “konkret”-Journalistin Ulrike Meinhof und dem APO-Anwalt Horst Mahler sind sogar zwei der bekanntesten Köpfe der Bewegung an der Gründung der RAF beteiligt.

Die Randgruppenstrategie

Der besondere politische Schwerpunkt in dem sich viele der späteren RAF Gründer politisch engagieren ist die sog. Randgruppenstrategie. Diese geht auf Veröffentlichungen von Herbert Marcuse zurück, der konstatiert, daß die Arbeiterklasse in den fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten in das System integriert ist und damit in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen eine konservative Position einnimmt. [ 3 ] Trotzdem bleibe eine Revolution ohne die Beteiligung der Arbeiterklasse, schon allein aufgrund ihrer Produktionsmacht und ihrer bloßen Anzahl, undenkbar. Um das Proletariat für die Revolution zu gewinnen, bedürfe es deshalb Katalysatorgruppen, die entweder aufgrund ihrer Bildungsprivilegien in der Lage sind, den gesellschaftlichen Zusammenhang zu durchschauen (Intellektuelle wie etwa Studenten) oder aufgrund ihrer Ausgrenzung ein existenzielles Interesse an einer grundlegenden Änderung der sozialen Verhältnisse hätten (gesellschaftliche Randgruppen). Bei der Formulierung dieser Randgruppenstrategie hat Marcuse vor allem die Kämpfe der Schwarzen in den Ghettos der USA im Sinn.

Die studentische Protestbewegung greift diese Randgruppentheorie auf und versucht sie in der Bundesrepublik in die Praxis umzusetzen. Vor allem die sog. Heimkampagne, bei der sog. “Fürsorgezöglinge” in ihren Heimen organisiert werden sollen, ist Ausdruck dieser Bemühungen. Im Juni 1969 fahren Studierende in das besonders berüchtigte Fürsorgeheim Staffelberg bei Frankfurt und stellen dort die Verantwortlichen zur Rede und organisieren mit den Heimbewohnern eine Vollversammlung auf der verschiedene Forderungen aufgestellt werden. In der Folge dieses Besuches gründet sich in dem Heim eine Basisgruppe. Doch anders als von den APO-Aktivisten geplant, flieht eine große Anzahl der angesprochenen Bewohner aus dem Heim und wird nun von den Studierenden in Frankfurt untergebracht, wo die Aktivisten versuchen sie in die politische Arbeit einzubinden. [ 4 ] Dieses Vorgehen wiederholt sich in einer Reihe von weiteren Heimen in Frankfurt und der Umgebung. [ 5 ]

Für Ulrike Meinhof ist die Situation in den Heimen eines ihrer zentralen Themen. Immer wieder veröffentlicht sie anklagende Artikel in der “konkret” und mit “Bambule” produziert sie sogar einen Fernsehfilm zum Thema. Eine der Bewohnerinnen, des in “Bambule” dargestellten Heims, Irene Goergens ist dann 1970 auch an der Baader-Befreiung beteiligt.

Andreas Baader und Gudrun Ensslin sind an den Aktionen der APO im Fürsorgeheim Staffelberg beteiligt und engagieren sich nach ihrer zeitweiligen Haftentlassung 1969 so stark an der Organisierung der nun in Frankfurt lebenden ehemaligen Bewohnern des Heims, daß sie sogar zu den offiziellen Ansprechpartnern der Behörden avancieren. [ 6 ] Und auch in der ersten gemeinsamen Erklärung der Gruppe nach der Befreiung Andreas Baaders beziehen sie sich ausdrücklich auf die gesellschaftlichen Randgruppen, die diese Aktion als Teil ihres eigenen Kampfes um Befreiung begreifen sollen:

“Den Jugendlichen im Märkischen Viertel habt ihr die Baader-Befreiungs-Aktion zu erklären, den Mädchen im Eichenhof, in der Ollenhauer, in Heiligensee, den Jungs im Jugendhof, in der Jugendhilfsstelle, im Grünen Haus, im Kieferngrund. Den kinderreichen Familien, den Jungarbeitern und Lehrlingen, den Hauptschülern, den Familien in den Sanierungsgebieten, den Arbeiterinnen von Siemens und AEG-Telefunken, von SEL und Osram, den verheirateten Arbeiterinnen, die zu Haushalt und Kindern auch noch den Akkord schaffen müssen – verdammt! Denen habt ihr die Aktion zu vermitteln, die für die Ausbeutung, die sie erleiden, keine Entschädigung bekommen durch Lebensstandart, Konsum, Bausparvertrag, Kleinkredite, Mittelklassewagen. Die sich den ganzen Kram nicht leisten können, die da nicht dran hängen.” [ 7 ]

Doch dieser Bezug auf die gesellschaftlichen Randgruppen ist nur von kurzer Dauer. Mit dem Höhepunkt der Revolte 1968 und der (oft unbewussten) Erkenntnis ihrer Niederlage in den folgenden Jahren beginnt in der Protestbewegung ein Fraktionierungsprozess, der für die meisten Protagonisten eine Abkehr von ihren antiautoritären Ursprüngen bedeutet. Die dissidenten Strömungen der Arbeiterbewegung, die in der antiautoritären Phase des Protestes rezipiert und die man versuchte in Praxis umzusetzen, werden nun abgelehnt. Die Mehrheit der Aktivisten wendet sich wieder der marxistischen Orthodoxie in ihren verschiedenen Spielarten zu. Dabei entwickelt die maoistische Interpretation des Marxismus-Leninismus die größte Anziehungskraft und unzählige Gruppen die sich darauf berufen entstehen. Auch die Gründungsmitglieder der RAF tendieren jetzt zum Marxismus-Leninismus und den sog. Mao Tse-tung Ideen.

Übergang zum Maoismus

Dieser positive Bezug auf das kulturrevolutionäre China und den “großen Vorsitzenden” Mao Tse-tung ist innerhalb der radikalen Linken zu dieser Zeit Konsens von der antiautoritäre Subkultur bis zu den Kaderparteien (Ausnahme sind nur die DKP und die Trotzkisten). Dabei gibt es aber verschiedene Lesarten und Phasen der Mao Rezeption: [ 8 ]

1. Mao als Ikone des antibürgerlichen Protestes, Anti – Autorität und Bürgerschreck

Vor allem die Kommune 1 in Berlin steht für diese Rezeptionsweise. Mao wird dabei als modisches Accessoire, etwa als Button getragen um damit zu provozieren. Die Ereignisse in China, und v. a. die Kulturrevolution werden selektiv auf die hiesigen Verhältnisse übertragen, im Sinne eines Kampfes der jungen Generation gegen das etablierte, überkommende System der Alten. Exemplarisch dafür steht eine Parole der Roten Garde Berlin: “Sie sind alt, wir sind jung – Mao Tse-tung!” [ 9 ] Auch die Zeitschrift “konkret” nutzt die Chinabegeisterung in diesem Sinne, wenn sie Fotostrecken von nackten Frauen mit Mao-Zitaten unterlegt. Mao symbolisiert für die rebellierenden Studierenden “ […]die radikalste und plakativste Antithese zur “alten” bürgerlichen Welt ebenso wie zur “alten” reformistischen-revisionistischen Linken.” [ 10 ] Diese plakative Benutzung Maos und der chinesischen Ereignisse, die auf die konkreten Inhalte der chinesischen Revolution kaum Bezug nimmt, wird sehr schnell von der Modeindustrie und der Werbung aufgegriffen. Es entsteht ein Mao-Look und Mao-Chic, der auch von Prominenten wie Brigitte Bardot aufgegriffen wird.

2. Mao als genialer Künstlerpolitiker

Die Ereignisse in China werden vermittels schwärmerischer und literarischer Berichte als Idylle gegen die Entfremdung des Westens gelesen. Man betont die Exotik der fremden Kultur und lobt das einfache Leben, dem man die zerstörerische Zivilisation der modernen Welt entgegenstellt. Mao wird dabei als genialer Künstler, Philosoph und Politiker gesehen, dem es gelungen ist eine Alternative, sowohl zum kapitalistischen Westen, als auch zum bürokratischen Osten, zu schaffen. Beispielhaft für diese Richtung stehen die Veröffentlichungen im “Kursbuch”, in dem etwa die Berichte des Sinologe Joachim Schickel oder die “Erzählungen aus einem chinesischen Dorf” von Jan Myrdal abgedruckt werden.

3. Der Mao der K-Gruppen

Mao wird dabei von den marxistisch-leninistischen Aufbauorganisationen in die Reihe der “sozialistischen Klassiker” eingeordnet. Seine theoretischen Schriften werden kanonisiert und Zitate als Legitimation für das jeweilige Vorgehen der Gruppen verwendet. Jede spielerisch-provokative oder literarische Verwendung des Mao-Images ist nun der todernsten Buchstabengläubigkeit gewichen.

Als Ergebnis der Mao Rezeption lässt sich festhalten: Die Aneignung des Maoismus in Deutschland sagt wenig über die Ereignisse in China und die Theorien Mao Tse-Tung aus, dafür aber umso mehr über die, die sie rezipieren. Der Maoismus wird dabei etwa zur Provokation oder zur Legitimation des eigenen Handels verwendet. Nach dem Ende der antiautoritären Studentenbewegung wird der Maoismus so Konsens innerhalb der meisten Zerfallsprodukte.

Die RAF und die K-Gruppen

Und so schulen auch Baader und Ensslin die ehemaligen Staffelberger mit Schriften von Lenin und Mao und die erste theoretische Schrift der RAF, “Das Konzept Stadtguerilla”, ist gespickt mit Zitaten von Mao Tse-Tung. Besondere Bedeutung hat für die RAF dabei der Ausspruch Maos, daß der bewaffnete Kampf die höchste Form des Marxismus-Leninismus sei. [ 11 ] Für sich nimmt die Gruppe daher in Anspruch mit dem bewaffneten Kampf in den Metropolen zu beginnen und darin liegt der Hauptunterschied zu den anderen K-Gruppen, die den Zeitpunkt zum Beginn des bewaffneten Umsturzes als verfrüht ansehen und stattdessen erst die kommunistische Partei aufbauen wollen, die dann die Revolution führen soll. Die RAF schreibt deshalb zur Legitimierung ihres Schrittes an die Adresse der anderen marxistisch-leninistischen Gruppierungen: “Wir bezweifeln, ob es unter den gegenwärtigen Bedingungen in der Bundesrepublik und Westberlin überhaupt schon möglich ist, eine die Arbeiterklasse vereinigende Strategie zu entwickeln, eine Organisation zu schaffen, die gleichzeitig Ausdruck und Initiator des notwendigen Vereinheitlichungsprozess sein kann.” [ 12 ]

Dieser Vereinheitlichungsprozess kann nach Ansicht der RAF in der aktuellen gesellschaftlichen Situation der Bundesrepublik nur durch die praktische revolutionäre Intervention einer Avantgarde angeschoben werden und nicht durch die Strategie der marxistisch-leninistischen Aufbauprojekte, die die RAF als gewerkschaftlicher Ökonomismus ablehnt. “Die Rote Armee Fraktion redet vom Primat der Praxis. Ob es richtig ist, den bewaffneten Widerstand jetzt zu organisieren, hängt davon ab, ob es möglich ist; ob es möglich ist, ist nur praktisch zu ermitteln.” [ 13 ]

In diesem existenzialistischen Willen zur praktischen Tat zeigt sich der entscheidende Unterschied zu den anderen K-Gruppen, die ihre Strategie scheinbar auf die objektiven historischen Entwicklungstendenzen der kapitalistischen Produktionsweise abstimmen und den bewaffneten Umsturz erst dann für aktuell erachten, wenn sie dies aus der Entwicklung der Klassenkämpfe ablesen können. Für die RAF dagegen ist, obwohl sie verbal natürlich auch das Proletariat als das revolutionäre Subjekt bestimmt, nicht die Organisierung der deutschen Arbeiterklasse vorrangig, wie für die übrigen K-Gruppen. Denn diese ist nach der Einschätzung der RAF durch die Manipulation der Herrschenden und ihrer Medien in das System integriert und kann erst durch beispielhafte und Bewußtseinsschaffende Aktionen einer Avantgarde wieder seine Rolle als revolutionäres Subjekt zurückgewinnen. Sie schreibt deshalb auch: “Die Bomben gegen den Unterdrückungsapparat schmeißen wir auch in das Bewußtsein der Massen.” [ 14 ] In dieser Klassenanalyse steht die RAF also durchaus noch in der Tradition der antiautoritären Studentenbewegung und dies wird auch von den auf Parteiaufbau orientierten marxistisch-leninistischen Gruppen kritisiert. So schreibt z. B. der “Kommunistische Bund Bremen”: “An der wirklichen Aufgabe der revolutionären Intelligenz gehen aber die Genossen vorbei. Diese besteht in der Mitarbeit an der systematischen, notfalls auch illegal betriebenen Agitation und Propaganda sowie an der Organisierung des Industrieproletariats und seiner Vorbereitung zum bewaffneten Aufstand. Soweit unsere Differenzen mit den Genossen von der RAF! Allem opportunistischen Gekeife aber stellen wir entgegen: Die in der Roten-Armee-Fraktion kämpfenden und die niedergeschossenen Genossen, sie standen und sie stehen auf unserer Seite der Barrikade.” [ 15 ] Auch wenn sie die Praxis der RAF für verfehlt, bzw. verfrüht erachten und dementsprechend harte Kritik an deren Vorgehen üben, so erkennen die marxistisch-leninistischen Parteiaufbauinitiativen in ihr doch Geistesverwandte, die es vor der staatlichen Reaktion zu schützen gilt.

Mit ihrem Insistieren auf dem Primat der Praxis beruft sich die RAF direkt auf Mao und kritisiert somit indirekt die anderen ML-Organisationen, die erst die Partei aufbauen wollen, bevor sie zum bewaffneten Aufstand übergehen. Die westdeutschen Stadtguerilleros sehen im bewaffneten Kampf die einzig legitime Umsetzung der Ideen Mao Tse-Tungs in den Metropolen. Zur Legitimation ihres Vorgehens berufen sie sich auf Maos Text “Über die Praxis”, den sie im “Konzept Stadtguerilla” ausführlich zitieren: “Wer ein bestimmtes Ding oder einen Komplex von Dingen direkt kennen lernen will, muß persönlich am praktischen Kampf zur Veränderung der Wirklichkeit, zur Veränderung des Dinges oder des Komplexes von Dingen teilnehmen, denn nur so kommt er mit der Erscheinung der betreffenden Dinge in Berührung, und erst durch die persönliche Teilnahme am praktischen Kampf zur Veränderung der Wirklichkeit ist er imstande, das Wesen jenes Dinges bzw. Komplexes von Dingen zu enthüllen und sie zu verstehen. Aber der Marxismus legt der Theorie darum und nur darum ernste Bedeutung bei, weil sie die Anleitung zum Handeln sein kann. Wenn man über die richtige Theorie verfügt, sie aber nur als etwas behandelt, worüber man einmal schwatzt, um es dann in die Schublade zu legen, was man jedoch keineswegs in der Praxis umsetzt, dann wird diese Theorie, so gut sie auch sein mag, bedeutungslos. Mao Tse-Tung, Über die Praxis.” [ 16 ]

Aufgrund der ideologischen Gemeinsamkeiten wendet sich die RAF in ihren frühen Schriften, wenn sie Stellung zur radikalen Linken nimmt, explizit an die K-Gruppen. Beispielhaft dafür steht eine Tonbandbotschaft der RAF an ein Teach-in der maoistischen “Roten Hilfe” in Frankfurt, in dem sie die Distanzierung des “Kommunistischen Bundes” und des “Kommunistischen Studenten Verbandes” (KSV) von der terroristischen Praxis der RAF nach der Mai Offensive 1972 verurteilt. [ 17 ] Bezeichnend ist ebenfalls, daß Horst Mahler als der Vertreter der RAF, dessen Text “Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa” [ 18 ] einen geradezu dogmatischen marxistisch-leninistischen Maoismus vertritt, sich während seiner Haftzeit von der RAF abwendet und der Linie der konkurrierenden “Kommunistischen Partei Deutschland/Aufbauorganisation” (KPD/AO) anschließt. Die K-Gruppen wären aber wahrscheinlich alles andere als erfreut, hätten sie gewusst wie die RAF-Gefangenen die Führer der konkurrierenden ML-Organisationen einschätzen: In einem Kassiber aus dem Gefängnis werden nämlich die “Vorkämpfer” der KPD/AO und der “Kommunistischen Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten” (KPD/ML) als Vertreter des “Kleinbürgertums” mit den entsprechenden Verhaltensweisen eingeschätzt. [ 19 ] Damit unterscheidet sich die RAF im Umgang mit den rivalisierenden ML-Organisationen kein bißchen von den anderen K-Gruppen, die ebenfalls regelmäßig die Führungsgruppen der Konkurrenz als “kleinbürgerlich” denunzieren.

Im Verhältnis der K-Gruppen zur RAF gibt es unterschiedliche Bewertungen der einzelnen Gruppierungen. Diese lassen sich entlang einer Dreiteilung der K-Gruppen, wie sie Michael Steffen aufgestellt hat, einordnen: [ 20 ]

 Erstens in “ultralinke” Parteien, wie die KPD/ML und die KPD/AO, die verbalradikal alle Bemühungen um Reformen als “reformistisch” bzw. “ökonomistisch” zurückweisen und die im Rahmen der sog “Drei-Welten Theorie” der “Kommunistischen Partei Chinas” (KPCh) einen nationalistischen Kurs verfolgen. Diese Parteien stehen der RAF von den K-Gruppen am nächsten. Ihre Kritik richtet sich gegen die ihrer Meinung nach verfrühte Aufnahme des bewaffneten Kampfes, der nicht unter der Führung ihrer Partei steht und z. T. ganz konkret an einzelnen Aktionen, während andererseits aber auch einzelne Anschläge befürwortet werden. [ 21 ]

 Zweitens in “zentristische” Bünde, wie den “Kommunistische Bund Westdeutschlands” (KBW) und den KB, die realpolitisch pragmatischer orientiert sind und z. T. radikaldemokratische Forderungen aufstellen. Diese Bünde kritisieren zwar die Verfolgungsmaßnahmen gegen die RAF als Bestandteil der staatlichen Faschisierung, distanzieren sich aber eindeutig vom Vorgehen der RAF. Dieses wird als kontraproduktiv bei der Gewinnung der proletarischen Massen eingeschätzt.

 Und drittens in “rechte” Bünde, wie den “Kommunistischen Arbeiterbund Deutschlands” (KABD) und den “Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD” (AB), die ihren Schwerpunkt auf Betriebspolitik legen und deshalb kaum außerbetriebliche Aktivitäten entwickeln. Folgerichtig verurteilen diese Bünde die Aktionen der RAF am schärfsten.

Der Leninismus der RAF

Die Geistesverwandtschaft zwischen den ML-Organisationen einschließlich der RAF, zeigt sich dagegen etwa in der Vorstellung von RAF und K-Gruppen, sie seien die Avantgarde der revolutionären Arbeiterbewegung. Aber während sich bei der RAF die Avantgarderolle in der aktuellen Situation darauf beschränkt die Massen aus ihrer Integration in das System durch exemplarische Aktionen zu lösen und über das weitere strategische Vorgehen noch keine weiteren Aussagen gemacht werden, ist es bei den K-Gruppen eindeutig, daß sie die Führung im Klassenkampf übernehmen wollen. Den Arbeitern wird ganz kautskyanisch-leninistisch nur ein trade-unionistisches Bewußtsein zugestanden, daß der Führung durch die Kommunistische Partei bedarf. Und trotz des ganzen Proletkultes in ihrem Auftreten bestehen die ML-Gruppen zu großen Teilen aus Studierenden und Schülern. So ergibt sich dann über Umwegen doch wieder die Führungsrolle der Intellektuellen über die Arbeiter.

Die RAF dagegen sieht sich noch in einer Phase des revolutionären Kampfes, wo die Vereinheitlichung des Proletariats in einer Kommunistischen Partei nicht auf der Tagesordnung steht. Sollte dagegen diese Phase erreicht werden, ist davon auszugehen, daß sie zu den gleichen Antworten gelangt wäre wie ihre schon konstituierten Konkurrenzparteien, da sie alle auf den gleichen ideologischen Grundlagen des Marxismus-Leninismus basieren. Iring Fetscher schreibt dazu: “Dem Elite-Vorwurf sucht man sich im übrigen durch eine […] Berufung auf die Leninische Kaderpartei zu entziehen, die ja stellvertretend für die unterdrückten Massen handelt, solange diese außerstande sind, selbst zu agieren. Die “RAF” gilt dann gleichsam als der Kern einer künftigen Kaderpartei, die als “Avantgarde der (potenziell) revolutionären Massen handelt, auch wenn diese selbst einstweilen noch völlig passiv bleiben.” [ 22 ]

Die K-Gruppen, die RAF, aber auch die Kommunistische Partei Chinas sehen sich als legitime Erben Lenins gegen den Revisionismus in der Sowjetunion, der DKP etc. Zentraler theoretischer Bezugspunkt der RAF ist folglich auch, neben Mao, in erster Linie Lenin.

Beispielhaft lässt sich dies an Horst Mahlers Überlegungen über die Rolle der lohnabhängigen Massen in den Metropolen ablesen, die er im Rückgriff auf Lenin als Arbeiteraristokratie charakterisiert. Im Unterschied zu Lenin trifft diese Einschätzung bei Mahler aber auf die gesamte Lohnarbeiterklasse zu und nicht nur auf deren Führung. Die RAF sieht ihre Theorie und Praxis also als die zeitgemäße Anwendung der leninistischen Vorgaben. Dies formulieren Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof auch in dieser Klarheit: Gudrun Ensslin: “was zu lenins zeiten partei hieß und zu lenins zeiten die partei war, heißt heute guerilla, guerilla, massenlinie, avantgarde und partei sind die vier namen der einen sache: guerilla.” [ 23 ] Ulrike Meinhof: “nicht die raf hat recht, weil dies alles schon bei lenin steht, sondern lenin ist gut, weil er daßelbe sagt wie die raf – und deswegen ist er auch ne autorität für uns.” [ 24 ]

Aus diesen Äußerungen der RAF-Anführerinnen spricht ein theoretischer Eklektizismus der, genau wie bei vielen anderer Zerfallsprodukten der Studentenbewegung zu beobachten, die Teile von historischen Theorien die man in sein Konzept einbauen kann übernimmt, während man diejenigen die dem widersprechen ignoriert, in unserem Fall etwa die Kritik Lenins am Terrorismus: “Als 1972 die theoretische Auseinandersetzung mit der “RAF” innerhalb der “Neuen Linken” begann, zeigte sich übrigens auch bald, daß die gleichen Theoreme, die von der “RAF” als Argument für die Aufnahme des “bewaffneten Kampfes” in der Bundesrepublik Deutschland herangezogen wurden, von ihren Kritikern benützt werden konnten, um die Aktionen der “RAF” als schwere ideologische und strategische Fehler abzulehnen.” [ 25 ]

In diesem Fall lässt sich also feststellen, daß es sogar die selben Belege sind, die einmal zur Legitimation der Stadtguerilla herangezogen, und einmal zur theoretischen Verurteilung des aktuellen bewaffneten Kampfes verwenden werden.

Durchgängig von zentraler Bedeutung für die Theoriebildung der RAF ist der Bezug auf die nationalen Befreiungsbewegungen der sog. Dritten Welt. Darin sehen sie die Avantgarde der Weltrevolution. Während die Arbeiterklasse in den Metropolen noch in das herrschende System eingebunden ist, kämpft die Bevölkerung in der Peripherie bereits gegen den Imperialismus und für eine sozialistische Zukunft. “Daraus folgt aber, daß das revolutionäre Subjekt jeder ist, der sich aus diesen Zwängen befreit und seine Teilnahme an den Verbrechen des Systems verweigert. Daß jeder, der im Befreiungskampf der Völker der Dritten Welt seine politische Identität findet, jeder, der nicht mehr mitmacht: revolutionäres Subjekt ist – Genosse.” [ 26 ]

Trotz der ähnlichen Bedeutung, die die nationalen Befreiungsbewegungen für die übrigen K-Gruppen spielen, lehnen sie eine solchermaßen voluntaristisch begründete Theorie des revolutionären Subjektes ab. Dieser revolutionäre Voluntarismus, den die RAF von der antiautoritären Bewegung beibehält und mit dem sie auch die Aufnahme des bewaffneten Kampfes in der Bundesrepublik rechtfertigt, unterscheidet sie von den übrigen marxistisch-leninistischen Gruppierungen.

Abgesehen von diesen bedeutenden taktischen Differenzen überwiegen aber die theoretischen Gemeinsamkeiten der ersten RAF-Generation mit den sich etablierenden K-Gruppen. Beide entstehen als Zerfallsprodukte der antiautoritären Studentenbewegung und berufen sich auf den Marxismus-Leninismus und dessen Weiterentwicklung durch Mao Tse-tung. Genau wie die anderen K-Gruppen wirft die RAF dem antiautoritären Flügel der Protestbewegung vor, eine “studentischkleinbürgerliche Organisationsform” [ 27 ] darzustellen, die ungeeignet ist die Revolte auszuweiten. Denn dies könne nur der Marxismus-Leninismus, der aber, das hebt die RAF lobend hervor, erst durch die Studentenbewegung als Waffe im Klassenkampf rekonstruiert wurde.

Die Abwehr der nationalsozialistischen deutschen Vergangenheit

Auch auf weiteren Gebieten besteht eine weitgehend deckungsgleiche Gesellschaftsanalyse von RAF und K-Gruppen. So wendet man sich etwa von der konkreten Beschäftigung mit der nationalsozialistischen deutschen Vergangenheit ab, die für die Studentenbewegung der frühen Sechziger Jahre noch große Bedeutung hatte und operiert nun mit einem inflationär gebrauchten Faschismus-Begriff. In ihrem antiimperialistischen Weltbild wird nun überall auf der Welt der Faschismus geortet. Auch in der Bundesrepublik. Allerdings wird nun nicht mehr etwa die personelle Kontinuität der Führungseliten oder die ausgebliebene juristische Verfolgung von NS-Tätern beklagt, sondern v. a. repressive Maßnahmen des Staates werden als faschistisch gebrandmarkt.

So wird die politische Situation in der Bundesrepublik der Siebziger-Jahre oft vermittels NS-Analogien beschrieben. Dabei wird der NS-Faschismus theoretisch auf eine präventive Bekämpfung der Linken verkürzt und die Beteiligung großer Teile der deutschen Bevölkerung bestritten.

Gerade die RAF benutzt den Faschismus Vorwurf gegen den Staat inflationär. So gebraucht das “Kommando Thomas Weisbecker” der RAF in der nur einige wenige Sätze langen Anschlagserklärung zu den Bombenanschlägen in München und Augsburg im Mai 1972 vier explizite NS-Vergleiche. Wie anderen K-Gruppen auch, sieht das RAF Kommando die analysierte Faschisierung des Staates als von oben betriebene Reaktion auf die Klassenauseinandersetzungen und verortet ihre Aktionen als expliziten Widerstand dagegen. “Die Schutzpolizei, die Bereitschaftspolizei, die Kripo, der Bundesgrenzschutz und ihre behördlichen und politischen Auftraggeber haben zur Kenntnis zu nehmen, daß ihre Anstrengungen, die sozialen Probleme diese Landes faschistisch zu “lösen” – durch die Aufrüstung der Polizei, durch die Militarisierung der Klassenkämpfe, durch rücksichtslosen und hinterhältigen Schusswaffengebrauch – auf Widerstand stoßen werden.” [ 28 ]

Und als den entschiedensten Teil dieses Widerstands sieht sich die RAF selbst. Was dann wiederum zu einem besonders harten Vorgehen des Staates gegen die Stadtguerilla führt. Die in der Tat zu kritisierende Behandlung der RAF Gefangenen in den bundesdeutschen Gefängnissen, die Isolationshaft, das Kontaktsperre Gesetz, die Nichtbehandlung kranker Gefangener und weitere eklatante Verstöße gegen die Rechte der Inhaftierten werden von der RAF als faschistischer Vernichtungsversuch interpretiert. So schreiben sie in ihrer ersten Hungerstreikerklärung: “Unsere Isolation jetzt und das Konzentrationslager demnächst […] kommt raus auf: Vernichtungslager – Reformtreblinka – Reformbuchenwald – die “Endlösung”. So sieht‘s aus.” [ 29 ]

Personen wie Gudrun Ensslin oder Ulrike Meinhof, die jahrelang gegen die Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit in der Bundesrepublik und gegen die personellen und strukturellen Kontinuitäten zum deutschen Nazi-Faschismus protestiert haben, vergleichen ihre Situation nun mit der der Juden in den Vernichtungslagern. Sie instrumentalisieren damit die Judenvernichtung für ihre eigenen Interessen und relativieren damit die Singularität der Shoah. Besonders deutlich zeigt sich diese Instrumentalisierung in ihrer Zusammenarbeit mit palästinensischen Organisationen und der Einschätzung Israels, worauf später noch eingegangen wird.

Aber auch die anderen K-Gruppen begreifen die staatliche Bekämpfung der RAF als forcierte Faschisierung, die sie in Analogie zu Maßnahmen aus dem Nationalsozialismus stellen. Allerdings vertreten sie die Auffassung, daß der staatliche Repressionsapparat die Bekämpfung RAF nur als Vorwand nutze um in Wirklichkeit die kommunistische Arbeiterbewegung, also sie selbst, zu treffen. So schreibt z. B. der “Rote Morgen”, das Zentralorgan der “Kommunistischen Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten (KPD/ML): “Und heute nimmt Bonn Kurs auf ein neues ’33, Kurs auf den Faschismus. Was ist denn die “Sicherungsverwahrung für terroristische Gewalttäter”, die jetzt in den Bonner Ausschüssen vorbereitet wird anderes als eine Neuauflage der faschistischen Schutzhaft, mit der die Nazis ihre KZs füllten? Oder die Kontaktsperre, wie sie über die Stammheimer und andere politische Gefangene verhängt war. Sie hat in Stammheim und anderswo genau die Verhältnisse der totalen Isolation geschaffen, wie sie in den Zuchthäusern der Hitler-Diktatur herrschten.” [ 30 ]

Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung zwischen der RAF und dem Staat, während der Schleyer Entführung, spitzen die K-Gruppen die NS-Vergleiche noch einmal zu. So schreibt der “Rote Morgen” über eine Fernsehansprache von Bundeskanzler Schmidt: “Man glaubte Goebbels zu hören, aber es war Schmidt.” [ 31 ] Und die “Rote Fahne” der “Kommunistischen Partei Deutschlands/Aufbauorganisation (KPA/AO) schreibt über eine Rede Schmidts: “So hat auch Hitler argumentiert.” [ 32 ] Und nach dem Tod der Stammheimer Gefangenen: “Selbst wenn die Selbstmordversion zutreffen sollte, ist der Vergleich mit KZ-Methoden nicht hinfällig.” [ 33 ] Der “Arbeiterkampf” des “Kommunistischen Bundes” (KB) steigert diesen Vorwurf sogar noch, in dem er schreibt: ““Selbstmord” die “Endlösung” des Staates" [ 34 ] , und somit den Tod der RAF Gefangenen in Stammheim in Verbindung setzt mit der Ermordung der europäischen Juden während der Zeit nationalsozialistischer Herrschaft. Diese Beispiele zeigen, daß die K-Gruppen geradezu zwanghaft zu NS-Analogien greifen um die aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse zu erklären. Allerdings fühlen sie sich in erster Linie selbst als die Opfer des als faschistisch angesehenen Vorgehens des Staates. Und setzten sich damit selbst an die Stelle der historischen Verfolgten des Naziregimes.

Dieser Schuldabwehrantisemitismus lässt sich nicht nur anhand der Äußerungen der K-Gruppen zur staatlichen Bekämpfung der RAF nachweisen, sondern auch in ihrem Verhältnis zu Israel. Denn ebenso wie die RAF gehören auch die marxistisch-leninistischen Parteien zum radikalsten Flügel des sowieso nicht gerade zimperlichen linken Antizionismus in Deutschland. [ 35 ]

Antizionismus

Das Ereignis, das für den linken Antizionismus in Deutschland geradezu eine katalysatorische Funktion hat, ist die Geiselnahme der israelischen Olympiamannschaft 1972 in München durch das palästinensische Terrorkommando “Schwarzer September”. Ausnahmslos alle K-Gruppen stellen in ihrer Berichterstattung über die Geiselnahme in München Analogien zwischen Israel und dem Nationalsozialismus her. [ 36 ] Dabei werden nicht nur in diesem konkreten Fall die Täter und Opfer vertauscht. Für die ML-Parteien sind die Mitglieder des palästinensischen Kommandos und nicht die als Geiseln genommenen israelischen Sportler die Opfer. Es werden durch die Vergleiche zwischen Israel und dem Nationalsozialismus aus den Opfern der nationalsozialistischen Verbrechen in der Vergangenheit Täter der Gegenwart gemacht. Die Politik des israelischen Staates wird mit NS-Deutschland gleichgesetzt. Doch diese Analogie wird sogar noch gesteigert, indem das israelische Vorgehen gegen die palästinensischen Guerillaorganisationen mit der Ermordung der europäischen Juden gleichgestellt wird. Dadurch wird die deutsche Schuld relativiert. Die K-Gruppen belegen, nicht nur an diesem Beispiel, exemplarisch die These Adornos vom Schuldabwehrantisemitismus, der vermittels eines ganzen Arsenals an Abwehrmechanismen, wie Leugnung, Verschiebung, Verkehrung, Projektion und Rationalisierung die als störend empfundenen Elemente der deutschen Geschichte bearbeiten, um damit eine positive Kollektividentität weiter aufrechterhalten zu können.

Die Zeitschriften der K-Gruppen sprechen in ihrer Berichterstattung eine eindeutige Sprache: So schreibt die “Rote Fahne” der KPD/AO unter der Überschrift “Zionisten: Die Nazis unserer Tage”, daß die zionistischen Machthaber mit faschistischen Mitteln Palästina “araberfrei” machen. [ 37 ] Die “Rote Fahne” des “Kommunistischen Arbeiterbundes Deutschlands” (KABD) spricht von München als Alibi um den “Ausrottungsfeldzug bis zum zionistischen Endsieg zu führen.” [ 38 ] Der “Rote Morgen” der KPD/ML sieht Israel als “ein einziges KZ für Araber" [ 39 ] und der “Arbeiterkampf” des KB sieht die Vergeltungsangriffe Israels auf palästinensische Guerillalager nach der Geiselnahme von München nach dem Vorbild der Nazis ausgeführt. [ 40 ]

Doch trotz dieser doppelten Täter-Opfer Verkehrung in ihrer Bewertung der Ereignisse lehnen die meisten K-Gruppen die Geiselnahme durch das palästinensische Kommando als individuellen Terror ab. Dieser schade nur der Sache der palästinensischen Revolution, weil er nicht von den Massen getragen werde und scharfe israelische Reaktionen hervorrufe.

Nur die “Kommunistische Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten-Zentralbüro (KBD/ML-ZB) und die RAF begrüßen die Aktion des “Schwarzen September” uneingeschränkt. So schreibt das “Zentralbüro der KPD/ML” in einem nach dem blutigen Ende der Geiselnahme verteilten Flugblatt: “Die KPD/ML ist der Meinung, daß der individuelle Terror, wie ihn die palästinensischen Kämpfer anwenden, dann ein richtiges Mittel ist, wenn er den Kampf der Massen um die Befreiung Palästinas vom zionistischen Joch vorantreibt.” [ 41 ]

Für die KPD/ML-ZB ist diese Bedingung erfüllt und somit die Geiselnahme durch das palästinensische Kommando legitim. Für die RAF dagegen stellt sich die Frage nach der Legitimität individuellen Terrors erst gar nicht. Sie wendet ihn bereits in ihrem bewaffneten Kampf praktisch an. Die RAF ist dem Kampf der bewaffneten Palästinenser Gruppen besonders verbunden, schließlich verkehren ihre Kommandomitglieder häufig in Ausbildungslagern im Nahen Osten und so ist eine enge Zusammenarbeit entstanden. Das ausführliche Strategiepapier “Die Aktion des “Schwarzen September” in München. Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes” ist die letzte Schrift, die die Mitglieder der ersten Generation der RAF vor ihrer Festnahme veröffentlichen.

In ihr entwirft die RAF ihre Analyse des modernern Imperialismus. Dieser sei durch die Aktion des “Schwarzen Septembers” exemplarisch durchschaubar gemacht worden. In der Reaktion auf die Geiselnahme von München hätte der Imperialismus sein faschistisches Wesen offenbart und damit hätte das palästinensische Kommando die Grundtendenz des Imperialismus offen gelegt: “Dieser Imperialismus zeigt sein faschistisches Wesen nur, wenn er auf Widerstand stößt – eine spätkapitalistische Machtergreifung hat er nicht nötig. Seiner historischen Tendenz nach ist er faschistisch: auf Ausbeutung aus und Unterwerfung, Vernichtung, Vergeudung, Entlaubung, Zerstörung von Menschen und Bodenschätzen.” [ 42 ]

Dadurch daß der Imperialismus durch die palästinensischen Guerillas gezwungen wurde sein faschistisches Wesen zu zeigen, sei die Aktion antifaschistisch gewesen. “Die Aktion des Schwarzen September war antifaschistisch. Sie hat den Zusammenhang zwischen dem alten NS-Faschismus und dem entfalteten Imperialismus als dem erst durch und durch faschistischen System hergestellt.” [ 43 ]

Für die RAF ist also erst der Imperialismus der wirkliche Faschismus. Der Nationalsozialismus war dagegen nur eine “politische und militärische Vorwegnahme des imperialistischen Systems der multinationalen Konzerne.” [ 44 ] Um ihren heutigen Kampf als antifaschistisch zu legitimieren, wird der Nationalsozialismus verharmlost. Er wird als eine noch unvollkommene Vorwegnahme des heutigen imperialistischen Weltsystems bagatellisiert. Die Vernichtung der europäischen Juden, die die Spezifik und Singularität des Nationalsozialismus darstellen kommt in der Analyse der RAF nur als makaberer Vergleich, der die Verkommenheit der israelischen Regierung belegen soll vor. Die RAF wirft dieser vor, sie habe ihre “Sportler verheizt wie die Nazis die Juden – Brennmaterial für die imperialistische Ausrottungspolitik.” [ 45 ]

Israel wird in diesem Papier durchgängig mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt. Es wird von “Israels Nazi-Faschismus" [ 46 ] gesprochen, der israelische Außenminister Moshe Dayan als “Himmler Israels” bezeichnet und der jüdische Staat als “Moshe-Dayan-Faschismus” [ 47 ] denunziert. Der Text der RAF stellt eine Entlastung der deutschen Geschichte von den Verbrechen des Nationalsozialismus dar. Der NS wird im Vergleich zum heutigen Imperialismus verharmlost, um dadurch die eigene Praxis als antifaschistisch legitimieren zu können. Der israelische Staat der zum Zufluchtsort der Opfer der NS-Vernichtungspolitik wurde, wird als Teil des imperialistischen Systems selbst als faschistisch angesehen und somit der Kampf gegen den jüdischen Staat als antifaschistisch gerechtfertigt. Der RAF gelingt es so die Wahrheit des Nationalsozialismus vermittels des Faschismus zu verdrängen.

Die weitere theoretische Entwicklung der RAF

Spätestens mit der Schrift “Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front” [ 48 ] vom Mai 1982 zeigt sich aber ein deutlicher Wandel in der theoretischen Ausrichtung der RAF, der auch das Verhältnis zu den noch existierenden K-Gruppen verändert. Nach Jahren in denen die Politik der Gruppe auf die Befreiung der gefangenen Mitglieder gerichtet war, wird nun wieder der antiimperialistische Kampf in den Mittelpunkt gerückt. Dabei bleiben die USA für die RAF der zu bekämpfende Hauptfeind, anders als für eine Reihe der anderen K-Gruppen, die der Politik der Volksrepublik Chinas folgend, jetzt in der UdSSR den strategischen Hauptgegner sehen. Die RAF dagegen verteidigt nunmehr die Existenz der sozialistischen Staaten, denen sie früher Revisionismus vorgeworfen hat. Auch gibt es eine punktuelle Zusammenarbeit mit den Regierungen des Ostblocks, etwa bei der Unterbringung aussteigewilliger Mitglieder. [ 49 ]

Die RAF wendet sich inzwischen auch nicht mehr an die übrigen marxistisch-leninistischen Parteien, wenn sie strategische Diskussionen innerhalb der radikalen Linken lancieren will, sondern an die sog. antiimperialistischen Gruppen, die sich seit den siebziger Jahren zu einer mit der Politik der bewaffneten Gruppen sympathisierenden Strömung entwickelt haben und an andere bewaffnete Gruppierung im europäischen Ausland. Bis zu ihrer Auflösung im März 1998 nähert sich die RAF dann immer deutlicher den verbliebenen sozialen Bewegungen in der Bundesrepublik als Bezugspunkt an.

Die theoretische Einordnung der RAF lässt sich also als Entwicklung von der zerfallenden antiautoritären Protestbewegung der sechziger Jahre über den Marxismus-Leninismus, der sich aber in der Einschätzung der aktuellen gesellschaftlichen Situation in der Bundesrepublik und damit verbunden der Frage nach dem Zeitpunkt der Aufnahme des bewaffneten Kampfes von den K-Gruppen unterscheidet, hin zu einer eigenständigen internationalistischen-antiimperialistischen Position beschreiben. Die RAF-Mitglieder waren also Leninisten mit Knarren, die sich aber in einigen zentralen strategischen Punkten von den Leninisten mit Parteibuch unterschieden.

Vortrag im Jour fixe der Initiative Sozialistisches Forum am 30. April 2008

Literatur

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Anmerkungen:

[ 1 ] Zur Roten Armee Fraktion gibt es eine umfassende Literaturlage. Der folgende Überblick bezieht sich weitgehend auf den Band: ID Archiv (Hrsg.), Rote Armee Fraktion, Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, in dem die Texte der RAF und zusätzliche Materialien abgedruckt sind.

[ 2 ] N.N., Rote Armee Fraktion: Leninisten mit Knarren, in: Agit 883. Revolutionäre Aktion Nr. 86 vom 06.12.1971, S. 8-9.

[ 3 ] Vgl. Herbert Marcuse, Analyse eines Exempels. Hauptreferat des Kongresses “Vietnam – Analyse eines Exempels”, in: Peter Erwin Jansen (Hrsg.), Herbert Marcuse Nachgelassene Schriften. Band 4: Die Studentenbewegung und ihre Folgen, Lüneburg 2004, S. 53-74.

[ 4 ] Vgl. Peter Brosch, Fürsorgeerziehung. Heimterror und Gegenwehr, Frankfurt/M 1971.

[ 5 ] Die Heimkampagne der APO gehört zu den erfolgreichsten Aktionen der Bewegung, denn nach den Protesten und der massenhaften Flucht von Jugendlichen aus den Heimen, werden in der Folgezeit die meisten geschlossenen Heime abgeschafft.

[ 6 ] Vgl. Gerd Koenen, Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus, 2. Auflage, Köln 2003, S. 233ff.

[ 7 ] Vgl. Rote Armee Fraktion, Die Rote Armee aufbauen. Erklärung zur Befreiung Andreas Baaders vom 5. Juni 1970, in: ID Archiv 1997, S. 24-26.

[ 8 ] Die folgenden Ausführungen stützen sich in erster Linie auf: Laura K. Diehl, Die Konjunktur der Mao-Images in der bundesdeutschen “68er”-Bewegung, in: Sebastian Gehrig / Barbara Mittler / Felix Wemheuer (Hrsg), Kulturrevolution als Vorbild? Maoismen im deutschsprachigen Raum, Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien 2008, S. 179-201.

[ 9 ] Zitiert nach: Gerd Koenen, Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977, Frankfurt am Main 2002, S. 148.

[ 10 ] Ebenda, S. 146.

[ 11 ] Vgl. Rote Armee Fraktion, Das Konzept Stadtguerilla. April 1971, in: ID Archiv 1997, S. 27-48.

[ 12 ] Ebenda, S. 37.

[ 13 ] Ebenda, S. 40.

[ 14 ] Rote Armee Fraktion, Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa, Mai 1971, in: ID Archiv 1997, S. 100.

[ 15 ] Kommunistischer Bund Bremen, Bewaffneter Kampf in Westeuropa heute. Eine Kritik an der “Roten Armee Fraktion”, in: Wahrheit. Kommunistische Arbeiter Korrespondenz, Organ des Kommunistischen Bundes Bremen, Nr. 1 Februar 1972, S. 12.

[ 16 ] Zitiert nach: Rote Armee Fraktion, Das Konzept Stadtguerilla, in: ID Archiv 1997, S. 36f.

[ 17 ] Vgl. Rote Armee Fraktion, Tonbandprotokoll von dem Teach-in der Roten Hilfe, Frankfurt. Erklärung vom 31. Mai 1972, in: ID Archiv 1997, S. 148-150.

[ 18 ] Vgl. Rote Armee Fraktion, Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa, Mai 1971, in ID Archiv 1997, S. 49-111.

[ 19 ] Vgl. Iring Fetscher und Günter Rohrmoser, Ideologien und Strategien. Analysen zum Terrorismus, Band 1, unter Mitarbeit von Jörg Fröhlich et. al., herausgegeben vom Bundesministerium des Innern, Opladen 1981, S. 115.

[ 20 ] Michael Steffen, Geschichten vom Trüffelschwein. Politik und Organisation des Kommunistischen Bundes 1971-1991, Berlin 2002, S. 33f.

[ 21 ] Vgl. Jens Benicke, “Von Heidelberg nach Mogadischu, ein Weg von der revolutionären bis zur konterrevolutionären Aktion” Das Verhältnis der bundesdeutschen K-Gruppen zur RAF, am Beispiel der Kommunistischen Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten (KPD/ML), in: Sebastian Gehrig / Barbara Mittler / Felix Wemheuer (Hrsg), Kulturrevolution als Vorbild? Maoismen im deutschsprachigen Raum, Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien 2008, S. 133-152.

[ 22 ] Fetscher und Rohrmoser 1981, S. 28. Hervorhebung im Original.

[ 23 ] Gudrun Ensslin, zitiert nach: Fetscher und Rohrmoser 1981, S. 332.

[ 24 ] Ulrike Meinhof, zitiert nach: Fetscher und Rohrmoser 1981, S. 75.

[ 25 ] Fetscher und Rohrmoser 1981, S. 24.

[ 26 ] Rote Armee Fraktion, Die Aktion des “Schwarzen September” in München. Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes. November 1972, in: ID Archiv 1997, S. 166.

[ 27 ] Rote Armee Fraktion, Das Konzept Stadtguerilla. April 1971, in: ID Archiv 1997, S. 36.

[ 28 ] Kommando Thomas Weisbecker der RAF, Anschläge in Augsburg und München. Erklärung vom 16. Mai 1972, in: Edition ID Archiv 1997, S. 145.

[ 29 ] Gefangene aus der RAF, Hungerstreikerklärung vom 8. Mai 1973, in: ID Archiv 1997, S. 189.

[ 30 ] Redaktion Roter Morgen, “Solidarität der Demokraten”?: Verschärfter Terror gegen die Werktätigen, in: Roter Morgen. Zentralorgan der Kommunistischen Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten KPD/ML, 45 vom 11. November 1977, S. 1.

[ 31 ] Redaktion Roter Morgen, Nach der Schleyer-Entführung: Bonn verschärft den Terror, in: Roter Morgen. Zentralorgan der Kommunistischen Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten KPD/ML, Nr. 37 vom 16. September 1977, S. 1.

[ 32 ] Redaktion Rote Fahne, “Anarchismus” - Vorwand für Ausbau des staatlichen Terrors: Schmidt: “Unser Rechtsstaat ist wehrhaft geworden”, in: Rote Fahne. Zentralorgan der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), Nr. 16 vom 20.04.1977, S. 1.

[ 33 ] Redaktion Rote Fahne, Den Tod von Jan Carl Raspe, Gudrun Ensslin und Andreas Baader aufklären, in: Rote Fahne. Zentralorgan der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), Nr. 43 vom 26.10.1977, S. 2.

[ 34 ] Redaktion Arbeiterkampf, “Selbstmord” die “Endlösung” des Staates, in: Arbeiterkampf. Arbeiterzeitung des Kommunistischen Bundes, Nr. 121 vom 23. Januar 1978, S. 6-7.

[ 35 ] Vgl. Martin W. Kloke, Israel und die deutsche Linke. Zur Geschichte eines schwierigen Verhältnisses, Schriftenreihe des Deutsch-Israelischen Arbeitskreises für Frieden im Nahen Osten e. V., 2. erweiterte und aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 1994.

[ 36 ] Interessant in diesem Zusammenhang ist die Reaktion der maoistischen und maospontaneistischen Gruppen in Frankreich. Diese distanzieren sich vorbehaltlos von den Morden und der Geiselnahme durch das palästinensische Kommando. Das Entsetzen über das Massaker von München beeinflusst sogar die Auflösung der bedeutendsten Gruppe, der Gauche Prolétarienne. Vgl. Michel Wieviorka, 1968 und der Terrorismus, in: Gilcher-Holtey (Hrsg.), 1968 – Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft, Geschichte und Gesellschaft Sonderheft 17, Göttingen 1998; S. 273-282.

[ 37 ] Vgl. Redaktion Rote Fahne, Zionisten: Die Nazis unserer Tage, in: Rote Fahne. Zentralorgan der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), Nr. 9 vom 28.2.1973, S. 1.

[ 38 ] Redaktion Rote Fahne, Zivilisierte und Unzivilisierte, in: Rote Fahne. Zentralorgan des Kommunistischen Arbeiterbundes Deutschlands, Nr. 10/1972, S. 2.

[ 39 ] Redaktion Roter Morgen, Terror und Eroberung: Der israelische Imperialismus, in: Roter Morgen. Zentralorgan der Kommunistischen Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten KPD/ML, Nr. 21 vom 23. Oktober 1972, S. 5.

[ 40 ] Vgl. Redaktion Arbeiterkampf, Olympischer Frieden…und palästinensischer Krieg?, in: Arbeiterkampf. Arbeiterzeitung des Kommunistischen Bundes, Nr. 22 vom Oktober 1972, S. 1-3.

[ 41 ] KPD/ML und KJVD, Erklärung des Zentralbüros der KPD/ML vom 7.9.1972: Nieder mit der Kumpanei zwischen dem Westdeutschen Revanchismus und dem israelischen Imperialismus, Flugblatt, S. 2.

[ 42 ] Rote Armee Fraktion, Die Aktion des “Schwarzen September” in München. Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes, in: ID Archiv 1997, S. 158.

[ 43 ] Ebenda, S. 167.

[ 44 ] Ebenda, S. 168.

[ 45 ] Ebenda, S. 173.

[ 46 ] Ebenda, S. 159.

[ 47 ] Ebenda, S. 173.

[ 48 ] Vgl. Rote Armee Fraktion, Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front, Mai 1982, in: ID Archiv 1997, S. 291-306.

[ 49 ] Vgl. etwa die Autobiographie von Inge Viett, die 1982 unter aktiver Beteiligung der staatlichen Behörden in die DDR übersiedelt. Inge Viett, Nie war ich furchtloser. Autobiographie, Hamburg 1997.

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