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Reale Abstraktion und reelle Subsumtion

Ilse Bindseil

Wenn es eine Ethik des Denkens gibt – oder der Reflexion –, dann des Inhalts, daß es dem Unwahren in der Welt nichts hinzufügen, ihm nichts an die Seite stellen darf, kurz, daß es klären muß und nicht verunklaren darf, auch und gerade durch Erklärung nicht.

Die Begründung für dieses Gebot liegt in der Erwartung, die sich ans Denken heftet und die zum Denken motiviert: daß es Klarheit bringt. Ohne diese Hoffnung würde man sich der Anstrengung, die es bedeutet, und dem Verzicht auf Praxis, den es als ‘Denkpause’ unabdingbar fordert, nicht unterziehen. Als Bestandteil – nicht bloß Attribut, sondern Ausweis – einer Arbeit, die das Denken selbst einer Wahrheitsprüfung unterzieht, muß Reduktion angesehen werden, das heißt modellhafte Einfachheit und Kürze. Sonst weiß ja das Denken mit seinem eigenen Ergebnis nichts anzufangen: Es wird ihm nicht klar.

Bereits die klassische rationalistische Forderung nach “simplicité” und “clarté” deutet darauf hin, daß es sich bei der Wahrheit des Denkens um eine Wahrheit für das Denken handelt, nicht um ein sachlich korrektes Denken also, sondern um eine Kritik und wirkliche Aufhebung von Unklarheiten, die der Gedanke selbst bewirkt hat, von Verirrungen also, Mystifikationen des Geistes. Denn die Natur, die Gegeninstanz des Verstandes, ist an sich ja weder knapp noch redundant, weder kompliziert noch einfach; ja, für das Denken ist sie gar nicht. Erst durch eine projektionssüchtige Darstellung entsteht der Eindruck, sie berge Geheimnisse; so wird sie zum Inbegriff des Gegenstands einer objektbezogenen, auf ein Gegenüber gerichteten geistigen Tätigkeit, die zugleich mit der Aufklärung, die sie leistet, unvermeidlich dessen Mystifikation bewirkt.

Wenn mit der Anstrengung des Denkens die Erwartung von Klärung und Reduktion sich verbindet, dann muß bereits die pure Möglichkeit, daß es im Gegenteil verunklaren, das zu Reduzierende komplizieren und die Aufgabe vergrößern könnte, einen geradezu metaphysischen Schrecken einflößen: Wen soll man dann noch um Klärung angehen! Dies gilt vor allem, wenn das Denken bereits als Appellationsinstanz – und nicht wie bei einer vorausgesetzten Natur als erster Formulierungs- und Rationalisierungsversuch – fungiert. Hier bleibt nichts übrig, als dem solchermaßen in sein Gegenteil umgekippten Denken den Charakter als Denken zu bestreiten, damit die Option auf Klärung und die Instanz, die sie bewerkstelligen kann, erhalten bleiben. Daß das Denken ein bißchen falsch oder ein bißchen richtig ist, gibt es in diesem Fall, wo es sich ausdrücklich in zweiter Instanz betätigt, nicht; höchstens in der Weise, daß es selbst zum aussagekräftigen Material, kurz zum redenden Symptom für den fremden Kritiker wird.

Einen metaphysischen Schrecken anderer Art beschwört die jüngere und jüngste marxistische Diskussion, wenn sie teils wie die italienischen Operaisten von “reeller Subsumtion”, teils wie die deutschsprachige Wertkritik von “realer Abstraktion” redet. [ 1 ] Vielleicht kann man zwischen beiden Begriffen noch die Differenz erkennen: daß der erste sich praxisorientiert oder revolutionsfixiert trotz aller theoretischen Orientierung auf den Realprozeß bezieht, an dem eine zunehmend totalitäre Vereinnahmung des Einzelnen durch das kapitalistische Verwertungsinteresse konstatiert wird; der letztere dagegen, introvertierter, eher von einer Entwicklung innerhalb der theoretischen Betrachtung des Kapitalverhältnisses zeugt, von einer Enttäuschung mit weniger praktischen als vielmehr theoretischen Folgen. In der Rede von der realen Abstraktion spiegelt sich die Erfahrung, daß Geld kein bloßes Mittel, keine Übersetzungshilfe, keine reine Methode ist, die das Ungleiche zu beziffern und das Ungleichartige dennoch zu vergleichen erlaubt; daß es vielmehr einen eigenen, aggressiven Zweck verkörpert, der die Menschen oder Dinge von den ihm lästigen Verkörperungen und Vergegenständlichungen befreit, letztere also oder – wie wir uns auch ausdrücken – ‘von letzteren’ abstrahiert.

Ausdrücklich wird das Neue und Besondere sowie das Unerhörte der jüngsten Befunde hervorgehoben. So suggeriert etwa die Diagnose, der Kapitalismus habe sich bis in die letzten Nischen des Privatlebens ausgebreitet, solche Nischen habe es vorher tatsächlich gegeben – was zumindest auf Marx bezogen eine seltsame Behauptung ist, steht der Arbeiter dem Kapital doch immer mit Haut und Haaren zur Verfügung und bringt zum Beispiel mit der Reduktion seines Arbeitstags nur die für es notwendige Konsumtionszeit hervor, so daß von Nischen überhaupt nur in bezug auf Reste nichtkapitalistischer Gesellschaftsordnungen gesprochen werden könnte.

In den fatalistischeren wertkritischen Untersuchungen nimmt das aus Neuem und Besonderem zum Unerklärlichen, ja erkenntnistheoretisch Ungeheuerlichen zusammengewirkte Geheimnis des Geldes exakt den Platz der Revolution ein. So wie der Kapitalismus, traditioneller Lesart zufolge, in letzter Instanz nicht erklärt, nur abgeschafft werden kann, so ist er jetzt in seiner innersten Instanz, dem Geld, unerklärbar. Er hat seinen Grund nicht in seinem Untergang, der Revolution, sondern in seinem Ursprung, dem metaphysischen Geheimnis des Geldes. Das eigentlich fällige Erschrecken über die Tatsache, daß das Geld als unerklärliche, aber erklärende Macht die Nachfolge metaphysischer Prinzipien angetreten hat – das zu einer kritischen Selbstbesinnung der Theorie führen müßte –, wird, bevor es wirksam werden könnte, durch das Erschrecken über jene andere Tatsache ersetzt: daß nämlich das als metaphysisch Identifizierte nun keineswegs bloß metaphysisch, als Bestandteil von Philosophie und Religion, vielmehr “real abstraktiv” oder “reell subsumierend” tätig ist; nicht symbolisch oder rein begrifflich, sondern wirklich.

Nun sind Abstrahieren und Subsumieren immer schon geistige Tätigkeiten, nicht irreale Tätigkeiten. Als irreal gelten sie allenfalls in der Psychologie, wo sie als Probehandeln firmieren. Ihre besondere, das Geistige überdeterminierende Bedeutung erhalten sie erst dann, wenn man Realität mit sinnlicher Unmittelbarkeit, möglichst körperlicher Einzelheit identifiziert, wodurch dem geistig Vermittelten, körperlos Allgemeinen dann ein in bezug auf Realität minderer Status zukäme und sich die Gleichheit ‘geistig gleich irreal’ ergäbe.

Diesem sinnlich erfahrbaren Einzelnen entspricht ein sinnlich erfahrender Einzelner, wie Hegel ihn als unmittelbares Bewußtsein an den Anfang seiner “Phänomenologie des Geistes” stellt. Das Sein und das Nichts dagegen, das am Anfang seiner “Wissenschaft der Logik” steht, ist ein Vertreter jenes geistig verfaßten Allgemeinen, in das der Einzelne sich unvermeidlich einordnet, das er also mitnichten oder allenfalls in seinen Halluzinationen produziert, in seinen Reflexionen aber lediglich nachvollzieht. Innerhalb dieses irreduzibel geistig verfaßten Allgemeinen sind nun aber Abstrahieren und Subsumieren die realsten Tätigkeiten der Welt. Im Gegenteil, der Gedanke, sie könnten bloß symbolisch zu verstehen sein, auf der Ebene von Zeichen sich abspielen, nichts Reales bewirken, ist etwa innerhalb des Schemas der Hegelschen Logik völlig absurd; eher käme dem Einzelnen auf Grund seines unvermeidlichen Mangels – gegenüber dem Allgemeinen eben bloß Einzelnes zu sein –, auf Grund seiner geringeren Realität also ein bloß symbolischer Charakter zu. Weniger umwegig gedacht, ist aber das Einzelne ein ganz natürliches Objekt des Abstrahierens und Subsumierens, muß an ihm doch, was es an überschüssiger Verkörperung und Konkretion enthält und was seine Position innerhalb eines ihm in jeder Hinsicht übergeordneten, es regelrecht umschließenden Allgemeinen vergessen läßt, aufgelöst und aufgehoben, also “abstrahiert” und es selbst in seinem systematischen Bezug zum Allgemeinen wiederhergestellt, also “subsumiert” werden. Daß diese Abstraktion und Subsumtion, die ja nur den Tatsachen zu ihrem Recht verhilft, nicht “real” oder nicht “reell” sein sollte, ist aber gar nicht denkbar.

Nun läßt sich die Welt auch aus der Perspektive des Hegelschen unmittelbaren Bewußtseins erhellend darstellen; wir brauchen bloß genügend Sorgfalt auf die Angabe der Perspektive, des Gesichtswinkels, zu verwenden und für diesen Gesichtswinkel dann die geeignete Darstellungsform zu finden. (Die Deduktion wird’s nicht sein; die Induktion aber, die von der Wegarbeitung des Selbstbehauptungsinteresses des Subjekts zur Verarbeitung der Spuren des Allgemeinen schritte, wäre derzeit vielleicht der Königsweg der Erkenntnis.) Gegenüber dem Kapitalismus nimmt eine solche dem unmittelbaren Bewußtsein geschuldete Darstellung, die von der Authentizität des Wahrgenommenen und der zentralen Stellung des Wahrnehmenden ausgeht, notwendig den Charakter des Dokuments, der oral history an. Der Einzelne ist ein authentisches Auskunftsmittel, das betreffend, was er erlebt; aber eben erlebt. Will er dagegen erklären, dann muß er sowohl die Naivität als auch den Größenwahn aufgeben, die das unmittelbare Bewußtsein vielleicht zur Herrschaft tauglich, zur Erkenntnis aber untauglich machen. Es gäbe dann keinen Kompromiß: Geht die Initiative, die bewegende Kraft vom Allgemeinen aus, dann sind dessen Tätigkeiten zugleich notwendig abstrakt und notwendig real; irreal ist nur der Glaube des Einzelnen, er wäre der reale Beweger.

Es ist leicht ersichtlich, daß die intellektuelle Katastrophe durch ein Zusammenzwingen beider Perspektiven zustande kommt: wenn nämlich der trotz aller objektiven Analyse festgehaltene Standpunkt des unmittelbaren Bewußtseins mit dem dadurch ins Symbolische oder ins Metaphysische abgedrängten Allgemeinen zusammenprallt. Der Zusammenprall der unverträglichen Perspektiven erzeugt den Schock, der als ‘ungeheuerlich’ dann zum Attribut der kapitalistischen Sache wird. Die soll durch einen Sprung der Metaphysik in die Wirklichkeit bzw. durch eine metaphysische Wendung der letzteren zustande kommen; tatsächlich handelt es sich bloß um die Kollision zweier ganz unmetaphysisch zu verstehender Realitäten, einer allgemeinen, aber subjektlosen und einer allerdings hochgradig subjektivierten, nur leider besonderen.

Was als ein ebenso simpler wie weitreichender Fehler in der Methodik erscheint, das mag als Kollision von theoretischem und lebensgeschichtlichem Standpunkt sich leicht erklären, wäre also ein Einbruch der Lebensgeschichte in die Theorie. Freilich müßte dieser Einbruch einen Ort haben, einen Schauplatz, an dem er stattfinden kann; und der wiederum könnte entweder nur das Allgemeine oder das Besondere sein. Aus notgedrungen postmoderner Perspektive sieht es tatsächlich so aus, als wenn es sich um die innertheoretische Angelegenheit eines Subjekts handelte, dem seine eigene theoretische Geschichte sich als ein systematisches theoretisches Problem und damit quasi doppelt vor Augen stellt: dem nämlich der Umweg, den es selbst über den Geist genommen hat, um zum Kapital zu kommen, als systematischer Charakter des Kapitals erscheint. So eingeordnet, ließe sich nicht nur der spektakuläre spätmarxistische Befund, sondern auch der systematische Widerspruch, der ihn charakterisiert, auflösen in die kohärente Bildungsgeschichte eines unmittelbaren Bewußtseins: Bei sich anfangend, bei dem, was es mit seinen Sinnen begreift, fortschreitend zu dem, was hinter dem Sinnlichen steckt, dem Abstrakten, landet es schließlich beim sinnlichen Sein des Abstrakten. Die Konstruktion wäre abstrus, wenn es sich nicht, eben gut postmodern, in Wirklichkeit um eine Erzählung handelte. Als solche ist sie offen und ehrlich und greift, auch wo sie erkenntnistheoretisch ärgert, ans Herz, hält sie in guter Tradition doch am heroischen Einzelnen fest, am Subjekt, auch wenn es düpiert ist. Weit davon entfernt, das Reelle seiner Ansprüche zu beglaubigen, dokumentiert sie die Realität seiner Verzweiflung und erfüllt damit auch inhaltlich alle Anforderungen an eine gute Erzählung.

Erstmals erschienen in: Ästhetik & Kommunikation 113 (2001), S. 77-80.

Anmerkungen

[ 1 ] Den Anstoß zu diesen Überlegungen gaben drei Texte: Bruhn, Joachim. 2000. Karl Marx und der Materialismus. Thesen über den Gebrauchswert des “Marxismus”. In: Bahamas 33; Negri, Antonio.1996. Twenty Theses on Marx. In: S. Makdisi, C. Cesarino, R.E. Karl (Hg.): Marxism beyond Marxism. New York, London. Auf deutsch zugänglich in einer unautorisierten Übersetzung von Jürgen Ehbrecht (siehe die Autoren dieses Hefts); Scheit, Gerhard. 2000. Was zu beweisen ist. Zum Verhältnis von Logischem und Historischem bei Marx. In: Streifzüge, 3. Absichtlich verzichte ich auf eine Vereinnahmung der angeführten Texte, beispielsweise durch Zitate, da ich überzeugt bin, daß es zwischen ihnen und meiner auf strikte Vereinfachung setzenden Position nicht nur eine sachliche Differenz, sondern auch eine initiatorische Schranke gibt, die ich nicht verwischen will.

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