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Was tun? Was denken?

Die Linke zwischen Deutschtümelei, Kapitalismuskritik und Revolutionsversuch
Fünf These

Joachim Bruhn

“Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?”

Robert Mitchum

1.

Im Zweifel gegen den Angeklagten: Die Gesellschaft, in der wir leben müssen, ist die des Kapitals. Und sie ist es doch nicht. Sie ist die Gesellschaft der Ausbeutung und Herrschaft. Aber sie ist zugleich doch die, die diesen objektiven Tatbestand als sein gerades Gegenteil erscheinen läßt: als Freiheit und Gleichheit. Dieser Schein ist wesentlich, er ist so falsch wie undurchdringlich: wahrgewordene Lüge, totalisierte Ideologie. Darin kommt die “Selbstaufhebung des Kapitals auf seiner eigenen Grundlage”, von der Marx und die Kritische Theorie als von der so historischen wie logischen Tendenz der Akkumulation sprachen, zu ihrem Ausdruck. Der Grundwiderspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital ist, wenn nicht getilgt, so doch in den Motor der Akkumulation verwandelt. Hinter dem schlechten Schein des Kapitals ist kein gutes Wesen der Arbeit; vielmehr hat der schlechte Schein zum Wesen seiner selbst sich radikalisiert: Das sprengt die klassischen Kategorien der Gesellschaftskritik. Kritik, die einmal als Organ wie Agent eines wie immer definierten revolutionsträchtigen Wesens gegen den Schein opponierte, schlägt um in Affirmation. Die Erben des Kommunistischen Manifests sind zu Erbschleichern geworden.

2.

Im Ergebnis der Selbstaufhebung des Kapitals hat sich das Paradox der klassenlosen Klassengesellschaft etabliert. Ihr Katalysator in Deutschland war die Zusammenbruchskrise von 1929, ihr Autor der nazistische Staat, ihr Nerv die barbarische, antisemitisch formierte deutsche Revolution gegen das “mühelose Einkommen”, ihre Organisationsform die in einem klassenübergreifende wie klassennegierende Volksgemeinschaft. Sie mündete in der Verwandlung der Gesellschaft in einen geschlossenen Mordzusammenhang. Der Weltkrieg und, mehr noch und eigentlich, der Massenmord an den Juden waren das Resultat, das die Gesellschaft ihrer Begreifbarkeit in den klassischen Kategorien der Gesellschaftskritik beraubte. Der Gegenstand, der Theorie schon nach der Novemberrevolution langsam entglitten, sprang nun ins Jenseits aller Theorie, weil er ins Jenseits aller Vernunft sprang. Alle marxistische, revolutionäre oder sonstwie linke Gesellschaftskritik nach Auschwitz ist Müll, die nicht die Massenvernichtung zum Fundament und zum Konstitutivum ihrer Reflektion werden läßt.

3.

Weder hat die Linke die historische Entfaltung des Kapitalverhältnisses zu seinem Begriff: klassenlose Klassengesellschaft verkraftet oder gar bewältigt, noch ist sie damit, daß dies in Deutschland geschah, zu Rande gekommen. Deutschland und das Kapital scheinen – das zeigt die Diskussion um Goldhagen und die antinationale Linke – zwei Paar Stiefel zu sein. Aber das Ende und der Untergang der Arbeiterbewegung, dem das Kapital seiner inneren Logik gemäß zustrebt, und die Volksgemeinschaft als die deutsche Barbarei, worin diese Logik nur erscheinen konnte, sind eins. Denn der sozusagen: geschichtsphilosophische Ort des Nazismus ist eben der, die Barbarei als substantiell und qualitativ neue, im kommunistischen Aufstiegsplan der Menschheit von der Urgesellschaft zum Sozialismus absolut nicht vorgesehene Gesellschaftsformation eigener Ordnung erstmals realisiert zu haben, eine Gesellschaft sui generis, die sich, als allerdings kapitalgeborene, nichtsdestoweniger als kapitalentsprungene darstellt – ein Salto vom Sprungbrett des Kapitals aus dem Kapitalverhältnis heraus gewissermaßen, der, obwohl absolut geboten, doch nur unter typisch deutschen Bedingungen möglich war. Die Barbarei ist die in Deutschland erstmals erschienene negative Aufhebung des Kapitals – und so wenig kann es daher einen Gegensatz von Antikapitalistisch und Antinational geben, als in Wahrheit das Antinationale die einzig legitime Form des Antikapitalistischen ist: Wer nicht von der Volksgemeinschaft sprechen mag, sollte vom Kapitalismus schweigen.

4.

Die Linken überwintern gleichwohl in den Ruinen des Marxismus. Man richtet sich ein, wirtschaftet so vor sich hin, organisiert Interessen, treibt Politik: Denken aus zweiter Hand. Man halluziniert, als lebte man zu Zeiten Rosa Luxemburgs, von einer Dialektik zwischen Reform und Revolution. Man betätigt sich je nach Gusto als Trümmerfrau oder Müllmann vergangener Revolutionstheorie, sucht das Verwertbare zusammen, flickt hier, leimt dort. Aber die Geschichte hat den Marxismus definitiv gesprengt, keine Anstrengung vermag ihn mehr zu rekonstruieren. “Das ist gut und nicht schlecht” (Mao). Allerdings kommen die Müllmänner und die Trümmerfrauen vom Denken in den Haupt- und Nebenwidersprüchen immer noch nicht los, werden nicht fertig mit einer abgelebten Gestalt der revolutionären Theorie, einer famosen, die den Intellektuellen versprach, im Blick hinter die Kulissen des Scheins und directemang aufs Wesen das absolut Erste und den Ursprung zu finden, aus dem alles weitere zwanglos sich ableiten ließe: Ökologismus und Reformismus sind nur zwei der Möglichkeiten, der von den Nazis bewiesenen Wahrheit auszuweichen, daß hinterm kapitalen Schein kein proletarisches Wesen mehr haust. Das Kapital ist nicht die Selbstentfremdung der Arbeit und keineswegs ihre bewußtlos produzierte Autoaggression. Vielmehr ist der Schein zum Wesen seiner selbst geworden, hat sich erst verdinglicht und dann subjektiviert. Die Linken operieren unter dem Niveau sowohl des Kapitals im allgemeinen wie seiner deutschen Form im besonderen. Statt den Fortschritt in den Materialismus, der aus Karl Marx gegen die Lenin und Stalin und Mielke und Honecker auch sich folgern ließe, zumindest zu versuchen, verschanzen sie sich im Antiquariat ihrer nichtigen Hoffnungen und glauben wirklich, dies sei eine Barrikade.

5.

Aber der Rote Wedding ist vom Führer auf den St. Nimmerleinstag verschoben worden. In all seinen Varianten und Derivaten ist der Marxismus nur dazu noch gut, die Geschichte der Arbeiterbewegung schönzuschwatzen, die Massenvernichtung zu verleugnen, den Sozialreformismus zu rechtfertigen, das Volk zu preisen, die deutsche Wertarbeit zu loben und das “wurzellose” Finanzkapital zu geißeln. Nicht nur jeder subversive Gedanke, auch jede revolutionäre Intention ist ihm entwichen – und der Reformismus, der, von den Trotzkisten der Gruppe “Linksruck” über DKP und PDS bis hin zu den Veganern, den Tierschützern und den Menschenschützern von Amnesty international – die Autonomen und die Jusos nicht zu vergessen –, alles versammelt, was irgendwie voller Mitleid und triefend guten Willens ist, agiert als der Testamentsvollstrecker dieser grandiosen Pleite. Die Rückeroberung der Zukunft dagegen wird nur als Aneignung der materialistischen Intention in Marx einerseits, als Reflektion auf die deutsche Barbarei andrerseits gelingen. Gegen Arbeit und Nation: Das ist das Minimalprogramm der sozialen Revolution in Deutschland.

Zuerst in: Bündnis gegen Arbeit (Hg.), Terror der Ökonomie, Elend der Politik, Freiburg 1998.

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