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Antifaschismus als Revolutionsersatz

Oder:
Wie es der bürgerlichen Subjektivität noch einmal gelang, sich revolutionär zu maskieren. Eine Antwort auf Loic Debray

Joachim Bruhn

Loic Debray ist nicht der Erste und wird auch nicht der Letzte sein, der dem diskreten Charme der RAF erliegt und sich zum subtilen Interpreten einer bewaffneten Praxis ernennt, die nichts anderes bezweckt, als die Ideologie der bürgerlichen Gesellschaft 200 Jahre nach St. Just und über ein halbes Jahrhundert nach Stalin doch noch praktisch zu bewahrheiten. Was Debray als Vorschein revolutionärer Praxis deutet und zur Intention aufs revolutionäre Subjekt verklärt, das gewinnt seine Faszination, so die grundlegende These meiner von ihm inkriminierten Artikel ”Le corps, alerte rouge ” und ” Le sens de la vie et la politisation de la RAF” in der ersten Nummer der Temps critiques, aus einer fundamentalen Vertauschung des zu revolutionierenden Objekts und einer haarsträubenden Verkehrung des intentional revolutionären Subjekts. Die RAF – dies die Vertauschung – nimmt die kapitalisierte Gesellschaft umstandslos als wesentlich faschistische; sie suggeriert sich selbst – dies die Verkehrung – als revolutionäre Antifa, die die Menschenrechte gegen die kapitalistische Verschwörung durchsetzen will. Es ist dies die extremste Form des bürgerlichen Mißverständnisses über den eigenen gesellschaftlichen Zustand, eine Form, die sich als antibürgerlich schlechthin begreifen muß. Darin teilen sie zwar den Selbstbetrug über ihren sozialen Zweck, der die Jakobiner befähigte, der Borniertheit ihrer Interessen nicht ins Auge sehen zu müssen und so der Gesellschaft der Interessenten zum Durchbruch zu verhelfen. Aber sie tun dies als Ungleichzeitige, zu spät; und so ist es ihr Schicksal, die geistigen Abfälle des Bürgertums ein letztes Mal zu recyceln und als Produkte neuer Qualität zu verkaufen. Sehen wir zu, wie Debray diesem Selbstmißverständnis nicht nur aufsitzt, sondern es überdies apologetisch reproduziert.

Die Geschichte der RAF zeigt nachdrücklich, daß sie, mit den so verhaßten linken Intellektuellen der 68er Generation, die Auffassung teilte, der bürgerliche Staat der Gegenwart sei essentiell faschistisch, tarne dies jedoch vor den Massen hinter einem Vorhang aus Manipulation und `Konsumterror’. Die Aktion der RAF wollte den Schleier zerreissen. Spekuliert wurde darauf, das nackte Antlitz der Macht provoziere notwendig und automatisch die Aufklärung der Massen und einen praktischen, zur Revolution treibenden Begriff der Macht. Die RAF teilte mit den anderen Fraktionen und Splittern der Protestbewegung die völlige Abwesenheit eines materialistischen Begriffs von Ideologie; Ideologie, geistiger Widerschein der polit-ökonomischen Struktur der kapitalisierten Gesellschaft, erschien ihr, wie der bürgerlichen Aufklärung, als Priestertrug, und, wie deren sozialdemokratisch-leninistischer Reprise, als Machination der Zeitungen, der Medien und des Bundespresseamtes. Ideologie war (und ist) ihr das Uneigentliche, bloßer Schein, nicht wesentliche Erscheinung. So war sie nie etwas anderes als der bewaffnete Arm der Kampagne “Enteignet Springer!” und ist es bis heute geblieben. Die Macht, der staatliche Gewaltapparat, erschien dagegen als Kern der Gesellschaft. Nach dem Scheitern der Offensive 1971/72 und der Verhaftung des Gründungskaders war die RAF auch intellektuell erledigt. [ 1 ] Was die RAF politisch rettete, was ihren Mythos begründete, das war gerade das Unglück ihrer Kader: Das Gefängnis brachte sie in die Gewalt des Eigentlichen; die Aufklärung über den Staat, die zuvor mißlang, schien nun, unter den Bedingungen der Isolationshaft, endlich evident zu werden. Wenn Loic Debray schreibt: “Devoiler la nature de l’Etat, c’est lui porter un coup; en mettant a jour le vrai visage de la social-democratie, on ne se contente pas de reveler une essence du pouvoir, on le fait apparaitre a decouvert pour mieux l’atteindre” (S.119f), dann reproduziert er nicht allein den Jargon, der die RAF als marxistisch-leninistische Gruppierung ausweist (das “Enthüllen” und “Entlarven” ist der Ersatzdroge derer, die nichts zu kritisieren haben); und dies ist allerdings, obwohl es zu nichts führt, eine “Revolutionstheorie”), und wiederholt nicht nur die einigermaßen stalinistische These vom Sozialfaschismus als der perfidesten Verhüllung der Macht, – er macht sich zum Anwalt eines erschwindelten Existentialismus. Die Rede von der “vrai visage de l’Etat” ist Ideologie – wer der Macht in die garstige Fratze schauen will, der mag den Code civil oder das BGB studieren –, aber sie besitzt eine strategische Funktion: Die Entblößung des bürgerlichen Menschen von all den subjektiven Rechten, die der Staat den Freigängern einräumt, ist seine Reduktion auf einen Gegenstand der Pflicht und des objektiven, des Staatsrechtes. Der Citoyen jedoch, zumal der jakobinisch gestimmte, begreift nicht, das seine soziale Konstitution ambivalent ist, daß er, als Subjekt von Freiheiten, anders nicht existieren kann denn als Objekt von Pflichten zugleich. Anthropologe, der er ist, gilt ihm das Menschenrecht als Zweck des Staates und daher die Macht, die es suspendiert, als Unrecht und Gewalt überhaupt. Die Isolationshaft erlaubt es der RAF, ein intellektuelles Paradox glaubhaft und evident werden zu lassen – weil die Suspendierung des subjektiven Rechts als Gewalt, Vernichtung, Faschismus also, erscheint, daher kann der Kampf ums Menschenrecht zugleich als revolutionärer Akt gelten.

Nichts tut daher der RAF mehr Unrecht als Debrays Behauptung, “ceux-ci n’ont jamais voulu écrire une théorie de la révolution même s’ils ont écrit et pensé à l’occasion de différents événements liés à leur pratique” (S.124f). Die “différents événements” sind tatsächlich nichts anderes und wenig mehr als der Kampf gegen die Isolationshaft; und die Revolutionstheorie der RAF, die schon vor der Verhaftung ihres historischen Kaders nur eine aktivistische Auslegung der marxistisch-leninistischen – und d.h. dimitroffschen Theorie des Faschismus [ 2 ] –, war, liegt in den Schriften aus dem Gefängnis und in den Appellen zur Anwendung der Genfer Konvention und zur Zusammenlegung vollständig vor. Sie besteht im “faire apparaitre l’essence du pouvoir” am eigenen Körper, und man könnte sagen, daß die Revolution nur an einem einzigen Ort gemacht werden kann – im Gefängnis. Hier ist der Ort der revolutionären Subjektivität, die Debray so großartig findet, und sie bezweckt nichts anderes als, wie Peter Brückner herausgestellt hat, “die revolutionäre Neukonstituierung einer bürgerlichen Gesellschaft im Knast”.[ 3 ] Hier allerdings, im Gefängnis, kann das Individuum nur “au nom de rien” (Debray, S.124) vorgehen; der Name des Nichts aber heißt: Menschenrecht, Naturrecht. Weil das Gefängnis die Abstraktion vom subjektiven Recht vollzieht, erscheint der Widerstand als Kampf gegen Vernichtung. Darüber wurde die RAF zum kollektiven Ideologen des revolutionär sich mißverstehenden Menschenrechts des Bürgers, in der Isolationshaft haben die Vertauschung des Objekts und die Verkehrung des Subjekts gleichermaßen ihr Realfundament.

Vertauschung des Objekts bedeutet logisch die imaginäre Ersetzung der parlamentarisch verfaßten kapitalisierten Gesellschaft durch den Faschismus; sie bedeutet ideologisch mindestens die Verharmlosung des Nationalsozialismus, meistens den offenen Rückfall ins antisemitische Stereotyp. Die Vertauschung schuldet sich eben dem bestenfalls soziologischen Begriff von Gesellschaft, dem auch Debray huldigt, wenn er von “Verbrechen” (S.122) spricht. “Faschismus” wird zum Decknamen von Unrecht schlechthin. In der ‘Hungerstreikerklärung der politischen Gefangen’ vom Mai 1973 heißt es etwa: “Unsere Isolation jetzt und das Konzentrationslager demnächst – ob nun unter Regie von grünen oder weißen Terrortrupps – kommt raus auf: Vernichtung – das Vernichtungslager – Reformtreblinka – Reformbuchenwald – die ‘Endlösung’”. [ 4 ] Die Fiktion, in Auschwitz sich zu befinden, läßt die Revolutionstheorie der RAF nicht nur hochgradig zynisch werden, sondern auch manifest pädagogisch: Das KZ erscheint als ideale Unterrichtseinheit und optimale Lernsituation in Sachen Staat. Daraus folgt: Wer in Auschwitz nicht klug wird, der wird es nimmer mehr. Aus dieser Vertauschung begründet sich eine weitere Gemeinsamkeit der RAF mit den Alternativen über die in meinen Artikeln notierte hinaus. Weil der Existentialismus der RAF sich nicht ideologiekritisch und vielmehr lebensphilosophisch (Kampf gegen den “Konsumterror”) zu begründen weiß, lädt er sich mit antisemitischen Stereotypen auf. Es wäre eine eigene Analyse wert, zu untersuchen, wie die RAF, unter der Fahne des “Antizionismus”, zur Verbreitung von Antisemitismus in der deutschen Linken beigetragen hat. Hier mag es genügen, anzumerken, daß Parolen wie “Israels Nazi-Faschismus” [ 5 ] sich nicht allein aus der ML-Biographie der historischen RAF erklären. Die sog. ‘Revolutionstheorie’ der RAF ist nach Seite des Objekts betrachtet jedenfalls das gerade Gegenteil von Revolution.

Die Vertauschung des Objekts zieht die Verkehrung des Subjekts nach sich. Was Debray an der RAF so positiv findet – “Il s’agit d’une lutte à deux, la compréhension des masses n’est pas nécessaire...”(S.123) – ist eher eine “folie à deux” und jedenfalls das Resultat der Selbstimagination als Widerstandskämpfer nach dem Vorbild der Stauffenberg und Johann Georg Elser. Darin liegt, so meine These, die Würde und der Wahnsinn der RAF zugleich: Weil sie erkannte, daß die faschistische Volksgemeinschaft in der bürgerlichen Gesellschaft latent ist, darum verkannte sie die politische Ökonomie dieser Gesellschaft. [ 6 ] Fasziniert vom Ausnahmezustand, ließ sie sich von der Normalität verblenden. “Was erwarten die Genossen eigentlich in einem Land, daß Auschwitz widerstandslos über sich ergehen ließ” [ 7 ] – das war die Ausgangssituation der historischen RAF, und daß der nachgetragene antifaschistische Widerstand im Bewußtsein der RAF zugleich die Gestalt einer tiers mondistischen Guerilla annahm, das liegt an den Irrungen und Wirrungen der Zeit und jedenfalls nicht an den Überlegungen, die Debray in die RAF hineingeheimnißt. Es mag sich mit der französischen Action directe anders verhalten als mit der RAF – die RAF allerdings ist nicht zu begreifen ohne jene Vertauschung, die es machte, daß die linksbürgerlichen Radikaldemokraten der 68er-Bewegung in der BRD, man lese nur die Leitartikel von Ulrike Meinhof in `konkret’, nicht anders agieren konnten als mit den geistigen Mitteln des ML, der nichts anderes darstellte als “die proletarische Theorie der bürgerlichen Revolutionäre”. [ 8 ] Was folgt aus diesen Bemerkungen für die Probleme der Subjektivität und der Revolutionstheorie, die Loic Debray in seiner Kritik aufgeworfen hat? Ich möchte dies in fünf Thesen zusammenfassen:

1.

Die RAF bewegt sich im Horizont des Problems der Vermittlung von Theorie und Praxis. In diesem Feld ist Revolution undenkbar, sie sabotiert sich selbst. Die Leere des Subjekts als ein vermittelndes ist konstitutionell, den einzigen Halt in der Haltlosigkeit vermag es sich nur existentialistisch zu halluzinieren. Das ist der Grund, warum es keine Denunziation ist, das Selbstbewußtsein der RAF in den Begriffen Carl Schmitts und Ernst Jüngers zu fassen: Es ist das Bewußtsein des “Partisanen” und des “Waldgängers”.

2.

Es stimmt: Revolutionäre Subjektivität darf nicht “chercher à réaliser l’universel”, muß vielmehr sein “un défi lancé à l’universel”(S.123). Aber dies heißt noch lange nicht, daß sie in der Dialektik von Allgemeinem und Besonderen die Seite des Partikularen zu wählen hat, und bedeutet vielmehr, daß sie diese Dialektik, als negative, an sich selbst sabotieren muß. Wird dies Problem nicht – mit den Mitteln der Kritik der politischen Ökonomie – erkannt, dann macht sich revolutionäre Subjektivität zum Anwalt des bornierten Bewußtseins in seiner widerständigen Unmittelbarkeit, sei es in Gestalt der soi-disant “Alternativen”, sei es in Gestalt des Antisemitismus, der gegen das Abstrakte hetzt. Für beides ist die RAF allerdings repräsentativ: Sie ist, mit allen Konsequenzen, der militaristische Flügel der ökopazifistischen Lebensreform und teilt dessen völkisches Bewußtsein.

3.

Daß die intentional revolutionäre Subjektivität sich in die Affirmation des bürgerlichen Subjekts verkehrt, das wird nirgends deutlicher als im Blick der RAF auf das Verhältnis von Recht und Gewalt. Wer, wie die RAF, einer “Gewaltstaatstheorie” anhängt, die Friedrich Engels im “Anti – Dühring” schon kritisierte, der wird das Erbe des Anarchismus verfehlen und wird darüber zum Apologeten der Menschenrechte, d.h. arbeitet an der ideologischen Reproduktion dessen, was er praktisch doch bekämpfen will. Und das macht die Niederlage der RAF längst vor aller Gefangenschaft aus, daß sie zum ideologischen Staatsapparat im Untergrund geworden ist.

4.

Tatsächlich: Die linken Intellektuellen, so die RAF, “préfèrent mettre en chantier une longue thèse sur Lukács plutôt que de se laisser influencer tout de suite par Blanqui”(S.125). [ 9 ] Die RAF jedoch hat Lukács nie kritisiert, sondern ihn nur blanquistisch interpretiert – darin sind sie, wie ihre Gegner in der Linken, Intellektuelle geblieben und ihre Praxis daher reine Kopfgeburt. Die Frage aber ist: Was heißt es, in der Theorie Blanquist zu sein?

5.

Die Antwort kann nur gefunden werden, wenn der Horizont von Theorie/Praxis verlassen und das Problem in den Begriffen von Kritik und Krise gestellt wird. Loic Debrays Einwände verdeutlichen nur, wie eng und ausweglos der alte Horizont geworden ist. Man darf die RAF nicht theoretisch interpretieren, sondern muß ihre Politik kritisch liquidieren – und zwar möglichst bevor der Staat an den Gefangenen sich vergreift oder die Gefangenen sich an sich selbst vergreifen. Die Frage lautet vielmehr: Was heißt es, in der Krise als “Adornit” zu handeln?

In französischer Übersetzung von Bodo Schulze unter dem Titel «L’antifascisme comme ersatz de révolution ou comment la subjectivité bourgeouise réussit und dernière fois à se doter d’un masque révolitionnaire» erschienenen in Temps critiques N° 3 (Grenoble: Editions L’Impliqué, Printemps 1991), S. 153 – 164.

Anmerkungen

[ 1 ] Voire Emile Marenssin, De la préhistoire à l’histoire, in: La Bande à Baader ou la violence revolutionnaire, Paris 1972 (Champs libre) – Jetzt in deutscher Übersetzung als Stadtguerilla und soziale Revolution. Über den bewaffneten Kampf und die Rote Armee Fraktion (Freiburg 1998).

[ 2 ] Voire le chapître “Die Angst vor dem Faschismus überwinden, um seine Wurzeln zu vernichten!” in: Kollektiv RAF, Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa, Berlin (Wagenbach) o.J.(1971), S.60ff

[ 3 ] Voire Peter Brückner/Barbara Sichtermann, Die Verknastung der sozialen Welt. Versuche über die RAF; in: Peter Brückner, Über die Gewalt. Sechs Aufsätze zur Rolle der Gewalt in der Entstehung und Zerstörung sozialer Systeme, Berlin (Wagenbach) 1979, S.104

[ 4 ] Zitiert nach Brückner/Sichtermann, a.a.O.,S. 98.

[ 5 ] Rote Armee Fraktion, Die Aktion des Schwarzen September in München. Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes (1972), in: Bundesrepublik Deutschland(BRD)./.Rote Armee Fraktion(RAF). Ausgewählte Dokumente der Zeitgeschichte, Köln (GNN) 1987, S. 34.

[ 6 ] Voire Ulrich Enderwitz, Die Republik frißt ihre Kinder. Hochschulreform und Studentenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 1986.

[ 7 ] Rote Armee Fraktion, Stadtguerilla und Klassenkampf (1971), in: BRD./.RAF, a.a.O.,S. 21

[ 8 ] Voire Wolfgang Zimmermann, Die proletarische Theorie der bürgerlichen Revolutionäre als revolutionäre bürgerliche Theorie des Proletariats, oder: Die neuen Ritter von der traurigen Gestalt, in: Politikon. Göttinger Studentenzeitschrift, N°43, 1974.

[ 9 ] Kollektiv RAF, Das Konzept Stadtguerilla(1970), in: BRD./.RAF, a.a.O.,S. 9

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