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“Charaktermasken abschminken”

Abstrakte Herrschaft, bewaffneter Kampf, konkrete Leichen

Joachim Bruhn

Das Konzept Stadtguerilla verhält sich zum kritischen Kommunismus wie der Exorzismus zum kategorischen Imperativ: nichts, was in der Begründung des bewaffneten Kampfes nicht von Anfang an grundfalsch gewesen wäre, unmöglich, aus irriger Reflexion zutreffende Resultate ableiten zu wollen, sinnlos auch, den Staat erschießen zu wollen: auf Ludwig N° XVI. folgte nicht XVII., auf Hartz IV stets allerdings V. Die vollendete Äußerlichkeit von Bewußtsein und Endergebnis – vulgo “Entfremdung” genannt – setzt die Einsicht in den aktuellen Zustand der verkehrten Gesellschaft als unvermittelten Zufall, als opake Irrationalität. Darin hatte der bewaffnete Kampf gegen den Staat Einblicke in die Statur des politischen Souveräns eröffnet, die sich die Kämpfer zu keinem Zeitpunkt anzueignen vermochten. Sie agierten, intellektuell wie praktisch, stets unter dem Niveau des von ihnen spektakulär erklärten Antagonismus. Die RAF war und blieb so eine nützliche Idiotin demokratisch organisierter Herrschaft, “Leninisten mit Knarre” [ 1 ] ; ein Medium der sekundären Humanisierung des objektiven Zwangscharakters gesellschaftlicher Reproduktion.

Die RAF wollte auf den Staat schießen, am Ende lag ein Mensch auf der Straße: am Grab der Banker und Vorstandsvorsitzenden stellte der Staat sich dar als bloßes Netzwerk, geknüpft aus nichts als Menschen wie Du und Ich, als Interaktionszusammenhang bedürftiger Körper und als Familie Eigentlich, so läßt sich die Frankfurter Allgemeine schreiben, “hat ein Staat keine Emotionen” [ 2 ] , aber beim Leichenschmaus für seine Agenten ist‘s wirklich herzergreifend und zum Heulen. Es ist diese intellektuelle Subalternität, die aus der jüngsten Erklärung von Christian Klar spricht, und die man, ohne den Ex-Innenminister Baum zu loben, bestimmt als “Revolutionskauderwelsch” [ 3 ] denunzieren darf. Anders war es niemals gewesen, und wenn die gefangenen Genossen in Stammheim einander anherrschten: “tauch mal unter, ’in die tiefe‘, such und find die subtilen, terrorisierenden, blutsaugenden mechanismen des weltmarkts, gesamtkapitals in dir” [ 4 ] , wäre eine strikt freudianische Psychoanalyse angebracht gewesen, nicht weiteres Training der Mao-Bibel. Die Kritik der Waffen, die die RAF in Szene setzte, hatte die sozialphilosophische Qualität eines Brühwürfels.

Christian Klar schoß auf die kaltherzige Charaktermaske von der Dresdner Bank; in die Grube fuhr der treusorgende Familienvater Jürgen Ponto, eine Seele von Mensch, interessiert an “Politik und Kultur”, “vor allem an Kunst”, außerdem noch “Vorsitzender des Gremiums Musik im Kulturkreis des Bundesvorstands der Deutschen Industrie”, Freund von Herbert von Karajans und anderer Geistesgrößen. [ 5 ] Nicht sehr zielsicher, diese Aktion: der Kapitalagent soll sterben, der Philantroph ist tot. Diese merkwürdige Verwandlung – ein Katholik würde mit Karl Marx von Transsubstantiaton sprechen – vollzog sich durch die Tat hindurch ohne jedwedes Bewußtsein der Täter, eine Wesenswandlung, in der die politische Souveränität ihr Unwesen dokumentiert. Die RAF, durch unkritischen Abusus maoleninistischer Ideologeme ohnehin benebelt, verbarg das Problem vor ihrem Bewußtsein durch die obsessive Rede von der “Charaktermaske”, ein Begriff, der nicht zuletzt durch ihre Praxis seiner subversiven Intention beraubt wurde und der Gegenwart nun als zynisch und menschverachtend gilt: ein Kollateralschaden an kritischer Theorie.

Das Problem, das die marxsche Kritik der politischen Ökonomie mit der Einführung des Begriffs der Charaktermaske im Kapitel über den Austauschprozeß der Waren [ 6 ] darstellt, besteht eben darin: Wie kann es sein, daß die bürgerliche Öffentlichkeit, in Form der Welt am Sonntag [ 7 ] etwa, das himmelschreiend Perverse der RAF einerseits darin findet, daß sie Menschen als “Schweine” bezeichnete, d.h. “den Funktionsträgern des ‚Systems‘ das Menschsein abgesprochen hatte” – während sie andrerseits, wenige Seiten später im Wirtschaftsteil der gleichen Ausgabe, ein Portrait der VW-Maske Piëch unter der Schlagzeile “Der geborene Keiler” druckt und berichtet, der heiße sich puterstolz selbst ein “Wildschwein” und habe sich der “Abwehr von Freßfeinden” verschrieben. [ 8 ] (Die Frankfurter Allgemeine fügt zum zoologischen den psychiatrischen Befund hinzu, Piëch sei “ein Besessener” [ 9 ] ). Was denn nun? Darf man Piëch das Schwein nennen, das er ist und das er sich selbst schimpft? Schleyer das, das er war? Zweifellos. Es ist dies nach Marx eine substantielle Einsicht der Gesellschaftskritik. Wer seinen Beruf wie seine Berufung – seine “historische Mission”, schreibt Die Welt von Piëch – ins Management von Ausbeutung und Herrschaft setzt, ist nur entindividualisierte Funktion und Puppe, dekoriert mit Charakterfetzen. Die Unteren sind zwar auch nicht besser, sondern nur verhausschweint. Aber samt und sonders besteht, was der Elite an Entschlußkraft und Führungswillen nachgerühmt wird, in derart tierischen Eigenschaften, daß es der Sau graust. Das bläht ins Metaphysische sich auf, und am Ende ist jeder dieser Agenten, wie die Bunte an Juan Carlos lobt, “ein großartiger und verantwortungsvoller Mensch mit tiefen und echten Emotionen.” [ 10 ]

Die “Charaktermasken der Personen”, sagt Marx, sind nur die Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse, als deren Träger sie sich gegenüberstehen.” Es geht um Personen, nicht um Individuen. [ 11 ] Als juristisches Subjekt gesetzt – als verantwortlicher, zurechnungsfähiger, identischer Verkehrsknotenpunkt des Kaufens und Verkaufens, als Vertragsschließender – ist das Individuum der Form eingeordnet, durch die hindurch die Akkumulation des Kapitals allein sich vollziehen kann, d.h. der Subjektform oder auch: Wertform des bedürftigen Körpers. Darin setzt die tätige Abstraktion des Kapitals den konkreten Leib als seine dingliche, atmende Erscheinungsform – nicht umsonst beweinte Helmut Kohl am Grabe Alfred Herrhausens dessen “gelebten Patriotismus” [ 12 ] –, als seinen stofflichen Träger und als das denkende Fleisch, in dem es materialisiert. Die Ware an und für sich ist ein sinnloses, weil sinnenloses Ding. Daher die Gesellschaftsnotwendigkeit der Körper, denn, so Marx, den “der Ware mangelnden Sinn für das Konkrete des Warenkörpers ergänzt der Warenbesitzer durch seine eigenen fünf und mehr Sinne.” [ 13 ] Wie der Gebrauchswert die, wenn auch unverzichtbare, Staffage des Tauschwerts, so der Körper das notwendige Menschenmaterial, an dem die kapitale Vergesellschaftung erscheint.

Wer auf einen Kapitalisten schießt, der kann daher nur danebenschießen, trifft nicht Ausbeutung und Akkumulation, sondern den Körper eines Menschen. Andererseits – und hier kommen, wie stets in fetischisierten Verhältnissen, allerhand “theologische Mucken” und “metaphysische Spitzfindigkeiten” (Marx) [ 14 ] hinein – taugt keineswegs jedwedes Fleisch zur Darstellung des Subjekts. Der Körper, dazu die Psyche, die ihn antreibt, bedarf gewisser Mindestqualifikationen, die das Bürgerliche Gesetzbuch mit den Ritualen der Zulassung wie des Ausschlusses aus der Gesellschaft der mündigen Privateigentümer organisiert. Diese Anforderungen steigen mit der gesellschaftlichen Hierarchie. Als Hartz IV-Empfänger versteht man von BWL und VWL übergenug, vermag man mit 345 € hauszuhalten. Auf den Kommandohöhen muß es schon Wildschwein sein: “unbedingter Siegeswille”, “Genie”, “Kälte”, “undurchschaubar” soll das Schwein sein, d.h. “irgendwo zwischen milde und maliziös”, summa summarum muß die Funktion Piëch “ruppig, brutal, bisweilen grausam” paradieren können [ 15 ] – Qualifikationen des Charakters allesamt, die zur Maskerade prädestinieren. Es scheint dann so, als verhielte es sich genau andersherum, so, als seien die Maskierten Eliten aus eigenem Verdienst. So durchschlagend regiert hier der Fetischismus, daß es natürlich Soziologen gibt, die ermittelt haben, “daß Manager in den Vereinigten Staaten mit jedem Kilogramm Übergewicht rund 1.000 Dollar im Jahr weniger verdienen”, und daß “Männer, die größer sind als 1,82 Meter, rund zehn Prozent mehr Gehalt erhalten als jene mit nur durchschnittlicher Körpergröße.” [ 16 ] Die Stofflichkeit des Trägers, oder, wie Stalin einmal sehr richtig bemerkte, die Beschaffenheit dieses “Menschenstaubs” [ 17 ] ist die zwar notwendige, nicht aber hinreichende Bedingung der Funktion. Zum Treibsatz der Fetischisierung, zum Kult etwa, den dies Strampelfleisch als “Fit for Fun” begeht, reicht es allemal. Und Männer mit Mensuren verdienen das Doppelte.

Wie in der Ökonomie, so in der Politik. Die Stellenausschreibung für das Schwein Piëch gleicht der, der der politische Souverän der kapitalisierten Gesellschaft zu genügen hat. Seit der bürgerlichen Aufklärung, seit Nicolò Machiavellis kritischen Studien über die Herrschaft und ihren strategischen Gebrauch ist klar, daß, wer herrschen will, ein Löwe zu sein hat, der glaubhaft als Schaf muß auftreten können. In sich muß er den Widerspruch versöhnen, das logisch einander Ausschließende zur synthetischen Einheit eben dessen bringen, der in letzter Instanz verbindlich entscheidet. Souverän ist, wer im Jenseits der logischen Widersprüche west, sich unmöglich zu widersprechen vermag: tätige Identität der Herrschaft mit sich. Was das Kapital mit der Souveränität eint, ist, daß, so wenig der selbstbezügliche Prozeß der Akkumulation im dinglichen Sein der Fabriken aufgeht, so wenig die Souveränität mit den fixierten Institutionen des Politischen, dem Staat und seinen Apparaten, strikt identisch ist. Beides ist Prozeß, wenn auch unterm Zwang der Verdinglichung. Was das Kapital allerdings von der Souveränität trennt, ist, daß dieses in der Form des Geldes Handgreiflichkeit und sinnliche Evidenz unmittelbar erzeugt und derart die Ausbeutung als ihr grades Gegenteil darstellt, während jene unmittelbar nur in der Form des Rechts sich präsentiert, d.h. als Verhüllung der bedingungslosen Verfügung über Leben und Tod, deren Name Gewaltmonopol lautet. Das Recht suggeriert höhere Freiheitsgrade als die Wirtschaft, die Schicksal sein soll; in Begriffen wie Volkssouveränität, in Praktiken wie dem allgemeinen, freien und gleichen Wahlrecht scheinen gar die Leute in Gestalt des “Volkes” zum Subjekt eines Staates zu werden, der sich, als Reich des freien Willens, d.h. der Freiheit, polemisch gegen das Reich der Notwendigkeit zu wenden vermöchte.

So, wie Wert, Geld, Kapital sich als die ewigen, naturgegebenen Darstellungsformen von Produktion und Reproduktion verstanden wissen wollen, so auch die Kategorien des Politischen. Die Verkehrung der Gesellschaft treibt zur Verewigung der Herrschaft des Menschen über den Menschen, damit zu einer Realabstraktion, die als Recht erscheint und ideologisch in negativer Anthropologie gründet. Daß der Mensch des Menschen Wolf sei, ist die Ermächtigung zur ursprünglichen Zentralisation der Gewalt, zur Auspreisung des Souveräns als Stifter des Landfriedens. Was Thomas Hobbes im “Leviathan”, wenn auch als gesellschaftliches Verhältnis, sich ausdachte: die Idee vom Souverän als des “allgemeinen Menschen”, d.h. als die realexistierende Abstraktion der Gattung Mensch schlechthin vermittels der Synthesis aller ihrer Exemplare, das wurde 1933 in Deutschland in der Figur Hitler und als “Behemoth” drastisch. Der Souverän als der Mensch schlechthin bewies sich als der Deutsche an und für sich. Als sich herausstellte, wer die Wölfe in Wahrheit waren und wie gnadenlos gegen die Menschen sie losschlugen, erwies sich zugleich, daß die Souveränität nur von einer einzigen Person verfleischlicht und ausgeübt werden konnte, einer Gestalt, deren privater Sadismus mit der objektiven Zwanghaftigkeit des Staates unmittelbar in eins fiel. Im Souverän kam der “Arier” zu sich wie der “Arier” im Souverän. Hitler, zärtlich “Wolf” genannt, stellte den “Meister der Krise” (Gerhard Scheit) [ 18 ] , objektiv ein Kretin, dessen psychologischer Charakter jedoch den gültigen Staatscharakter implizierte, und vice versa. Es ist diese Souveränität, die die bürgerliche Öffentlichkeit nach Hitler vergessen machen, verleugnen und abspalten möchte, indem sie den Carl Schmitt respondiert und von der “anthropologischen Lektion”, von der “conditio humana” schwärmt, daß “wir von Natur aus auf den Staat angewiesen sind.” [ 19 ] Alle Macht will Ewigkeit.

Aber diesen barbarischen, ergo in einem Barbaren inkarnierten Souverän kann man immerhin in die Luft sprengen und liquidieren. Hitler zu exekutieren, das hätte bedeutet, den Staat der Volksgemeinschaft an die Wand zu stellen. Der einzige und wunderbare Johann Georg Elser hat es 1938 versucht; als die zur kritischen Theorie Horkheimers und Adornos gebotene Praxis. (Zum Stauffenberg hat es ihm daher, weil nicht von Adel und kein “Tyrannenmörder”, nicht gelangt.) Kein Wunder daher, daß sich die RAF auf Che Guevara berief, auf Mao-tse-tung, auf die Tupamaros und andere militante Volkstümler, vor allem auch auf die bewaffneten Antisemiten vom ‚Befreiungskampfes des palästinensischen Volkes‘, niemals jedoch auf Johann Georg Elser. Denn an Elser hätte sie nicht nur lernen müssen, was es bedeutet, in absoluter Einsamkeit das objektiv Vernünftige zu erkennen und daraus praktische Konsequenz zu ziehen, d.h. materialistisch zu reflektieren und zu agieren, sondern auch, daß die Identität von Souveränität und Staatsapparat in der Figur Hitler nur im System der nazifaschistischen Barbarei möglich war und ist. Da sie das alles, in verstockter Renitenz gegen die (materialistische) Aufklärung, keineswegs lernen wollte, fälschte die RAF den Begriff des NS-Faschismus zur deutschen Gemeinverträglichkeit um und machte die Kühnls, Gossweilers und Dimitroffs glücklich. Als von “Israels Nazi-Faschismus” [ 20 ] die Rede war, als dann behauptet wurde, der Haß auf die Juden sei “ins Volk reinmanipuliert worden” und eigentlich ein Zeichen der “Sehnsucht nach dem Kommunismus” [ 21 ] , als es schließlich hieß: “Ohne daß wir das deutsche Volk vom Faschismus freisprechen – denn die Leute haben ja wirklich nicht gewußt, was in den Konzentrationslagern vor sich ging – können wir es nicht für unseren revolutionären Kampf mobilisieren” [ 22 ] , da war die RAF, indem sie auf die Charaktermasken von Kapital und Staat anlegte, tatsächlich, wenn auch im Untergrund, ein ideologischer Staatsapparat geworden: Lüge in Waffen.

Sie mußte ihr Ziel verfehlen, indem sie es traf, Hanns Martin Schleyer zum Beispiel. Der “Boss der Bosse” hatte früh schon sein Fleisch den Zwecken von Kapital und Staat serviert, war auserwählt und rekrutiert worden. Er hatte diese Zwecke von Grund auf in Heidelberg studiert, den ganzen Kanon: “Rassentheorie”, “Grundlagen der nationalsozialistischen Weltanschauung”, “Wehrwissenschaft”, Jura: sowieso, Finanzwissenschaft: erst recht. Damit hatte Schleyer allerdings, wie sein Biograph Lutz Hachmeister süffisant notiert, “ein modernes, interdisziplinäres Studium der Staatslehre absolviert” [ 23 ] , also genau das, was heute Politikwissenschaft, Verwaltungswissenschaft, Öffentliches Recht heißt. Kein Fachidiot also, und heute würde man sagen: transdisziplinär. Daß etwa die Subjektform nach BGB Einschluß durch Ausschluß bedeutet, konnte Schleyer 1937, wenn auch nicht deutsch, so doch gültig, formulieren als das nazistische Apriori: “Auslese bedeutet immer zugleich Ausmerze.” [ 24 ] Will sagen: Elite ist Mordkollektiv. Mit diesem Wissen und Können stieg er auf nach Daimler-Benz und weiter in die Paradiese des Kapitals – bis er der RAF in die Quere kam, die ideale Zielscheibe: eigentlich. Aber das Killerkommando dachte gar nicht daran, irgend das von Johann Georg Elser nur verhängte Urteil an Hitler und seinen Kumpanen wenigstens und endlich im Nachhinein zu vollstrecken. Bei allem “Faschismus”-Gedröhne waren nicht Rache und historische Gerechtigkeit ihr Interesse, sondern nur bißchen Agitprop gegens Finanzkapital, d.h., wie Christian Klar heute noch lallt, gegen die Verschwörung einer “internationalen Besitzerklasse” gegen die “Massen”, gegen das Volk und gegen “den Menschen” sowieso. [ 25 ] So ermordete die RAF Schleyer und erzeugte nichts als einen überaus nachhaltigen staatspädagogischen Eindruck.

Sie bedachte nicht, konnte nicht bedenken, wie überaus intensiv in der Gestalt Schleyers der “stoffliche Träger” (und, soweit hier von Homo sapiens die Rede sein kann, der auch) mit der Sozialfunktion verschweißt war und verschmolzen. Das war keine Maske mehr, sondern ein Meisterwerk plastischer Chirurgie. Denn Schleyer hatte von Anfang verstanden, daß der Herrschende für die Ewigkeit i.e. praktische Verewigung der Herrschaft mit Leib und Seele zu haften hat; man mag dies, im Psychojargon, seine ganz spezielle “Glaubwürdigkeit” nennen: “Ich bin immer bereit, Regierungshandlungen im Sinne der Staatsräson zu akzeptieren” [ 26 ] , will sagen: die souveräne Verfügung über Leben und Tod auch für sich selbst gelten zu lassen, als Material des Staates den Marschbefehl sich zu holen. Schleyer hatte so die RAF theoretisch wie praktisch überholt. Denn die RAF bewegte sich, gerade in ihren antisemitischen Projektionen, noch vollständig auf dem Boden des Liberalismus; sie hatte, wie immer verschroben: so doch, ein Vermittlungsproblem zwischen “konkret” und “abstrakt”, zwischen den “Massen” und den Profiteuren, die sie “aus dem Himmel herab züchtigen” (Christian Klar), sie kam mit dem Widerspruch von Bourgeois und Citoyen nicht zu Rande. Schleyer dagegen hatte dieses Problem von vorneherein gar nicht; er verstand es nicht einmal: Er begriff sich als deutscher Soldat, als belebte Waffe im Vernichtungskrieg gegen alles, was am Volkskörper unproduktiv und illoyal zu sein hatte. Die RAF schoß auf Schleyer und traf Hanns Martin, weil sie, Jakobiner der liberalen Intelligenz, keinesfalls sehen konnte, daß der ihre Avantgarde darstellte. Moralisierend abgespalten wurde, was Schleyers Biograph berichtet: “Für Schleyer war, im Sinne von Hegels Staatslehre, das Wirkliche vernünftig und das Vernünftige wirklich.” [ 27 ] Ob der Weg wirklich von Hegel zu Hitler führt, sei bestritten; wahr bleibt, daß Hitler das Unwahre am Liberalismus durchschaute wie kein anderer Bürger [ 28 ] , indem er begriff, daß die Vermittlung von Bourgeois und Citoyen in letzter Instanz nur im Tod, nur im Mordkollektiv möglich wird: die Vermittlung, als vollendet negative, ist Selbstopfer und Opferung zugleich, damit der Stoff, aus dem der heroische Realismus der Funktionäre seit Stahlgewittern schon immer gefertigt wird. So zog er die Konsequenz aus Hegel, der allerdings an Versöhnung, daher an Revolutionskriege dachte – die Bestimmung im § 328 seiner “Grundlinien der Philosophie des Rechts” spricht für sich: das Soldatsein impliziert “das feindseligste und dabei persönlichste Handeln gegen Individuen bei vollkommen gleichgültiger, ja guter Gesinnung gegen sie als Individuen.” [ 29 ] Man mordet die Funktion; daß der “stoffliche Träger” dabei mit zugrunde geht, kann einem nachher von Herzen leidtun, man mag es, ‚als Mensch‘, bedauern, gar bereuen.

Aus dieser im kapitalisierten Gesellschaftszustand ganz spontan, naturwüchsig folgenden Spaltung leitet sich die strukturelle Unfähigkeit der bürgerlichen Öffentlichkeit zum synthetischen, d.h. vernünftigen Urteil ab. Der Titel etwa von Anne Siemens Interviews mit Angehörigen der RAF-Opfer spricht für sich: “Für die RAF war er das System, für mich der Vater. Eine andere Geschichte des deutschen Terrorismus.” Hier die Funktion, da der Mensch; einerseits die Charaktermaske, andrerseits Hanns Martin; dazwischen erst einmal nichts, später dann der skrupellose Versuch, die Charaktermaske auf Pump der menschlichen Qualitäten hochzujubeln. Was für ein Buch hätte Anne Siemens kollationiert, wenn Elsers Attentat auf Hitler geglückt wäre? Mutmaßlich dieses: “Für Elser war er das System, für mich der Geliebte. Eine andere Geschichte des NS. Interviews mit Eva Braun”. Das synthetische Urteil dagegen war die Tat Elsers. Und der Satz, den Anne Siemens im Gespräch mit Patrick von Braunmühl aufschreibt, könnte fraglos bei der Braun stehen: “Er war ein Mensch, bei dem Meinung und Handeln stets übereinstimmten.” [ 30 ] Nicht, daß die Trauer der Angehörigen verlacht werden soll. Nur: Allseits entsteht der bestimmte Eindruck, daß Blut stärker sein soll als Wasser, daß das Gesetz der Sippe gilt, daß Deutschsein die Natur der Leute ist. Daß es auch anders geht, hat Niklas Frank in seinen Büchern “Der Vater. Eine Abrechnung” und “Meine deutsche Mutter” gezeigt: Man kann, soll und muß den Tod des Vaters wünschen, wenn dieser z.B. der Generalgouverneur von Polen war, wenn man auch als Sohn noch bei Sinnen ist und der Familie zum Trotz der menschlichen Gattung angehören möchte.

Die RAF verfing sich in den Antinomien, die das Spiegelspiel der Politik eröffnet. Noch 1998, in ihrer Auflösungserklärung, war sie bemüht, an die moralischen Dilemmata des Liberalismus, dem sie entsprang, anzuknüpfen und ihren Kampf als Tragödie zu inszenieren: “Menschen in ihrer Funktion für das System anzugreifen, ist für alle Revolutionäre auf der Welt ein Widerspruch zu ihrem Denken und Fühlen...” [ 31 ] Es war das Drama des unbegabten Revolutionärs, der sich in der Frage verwickelt, ob der Zweck die Mittel heiligt: die Ideologie einer durch den Nazifaschismus für immer liquidierten Epoche. Mag sein, daß das Hausieren mit den Sorgen und Nöten der Friedensbewegung die Methode der Wahl ist, Gnade zu erbetteln und Zukunft fürs Restleben; warum nicht. Gleichwohl ist der Antrag, den Christian Klar beim Präsidenten eingereicht hat, das der RAF letztmögliche Attentat auf den Begriff und auf die Praxis der kommunistischen Revolution, bedeutet das doch, den Souverän so, wie er ganz ungezähmt, als bloße Willkür, aus dem vorgeblich zum System gewordenen Recht hervorlugt, als humanistische Wohltat auf sich herabzuflehen.

Zu Zeiten galten die Gefängnisse als die Universitäten der Revolutionäre; die Genossen der RAF sind darin nur immer noch dümmer geworden. In der Hochzeit ihres jakobinischen Überschwangs erklärte die RAF, als sie im November 1972 den Mordanschlag palästinensischer Nationalfaschisten auf die israelische Olympiamannschaft legitimierte, diese hätten “die Charaktermasken des ‚Rechtsstaates‘ Bundesrepublik gezwungen, abzuschminken.” [ 32 ] Daß unter der Schminke nicht die Wahrheit des Souveräns war, sondern das Gleiche nochmal und in Grün, ging nirgends auf. Darum war die RAF niemals eine, wenn auch hoffnungslos verspätete, Fraktion jener Roten Armee, die die letzten Überlebenden von Auschwitz befreite.

Erweiterte und annotierte Fassung des in Jungle World vom 14. März 2007 erschienenen Artikels

[ 1 ] Vgl. den Artikel: Rote Armee Fraktion: Leninisten mit Knarre, in: agit 883 v. 6. 12. 1971.

[ 2 ] Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. März 2007 (Leserbrief)

[ 3 ] Gerhard Baum, zitiert nach junge Welt vom 28. Februar 2007

[ 4 ] Pieter H. Bakker Schut, das info. Briefe von Gefangenen aus der RAF 1973 – 1977. Dokumente, Hamburg 1987, S. 31 – hier zitiert nach Wolfgang Kraushaar (Hg.), Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburg 2006, S. 1363

[ 5 ] So Corinna Ponto bei Anna Siemens, Für die RAF war er das System, für mich war er der Vater. Die andere Geschichte des deutschen Terrorismus, München/Zürich 2007, S. 106 ff.

[ 6 ] Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 1 (Berlin 1973), S. 99 ff.

[ 7 ] Richard Herzinger, Die RAF wollte immer den totalen Krieg, in: Welt am Sonntag vom 18. Februar.2007, S. 15

[ 8 ] Hannelore Crolly, Der geborene Keiler, in: A.a.O., S. 60

[ 9 ] Georg Meck, Der Sieger, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 18. Februar 2007, S. 44

[ 10 ] Marie Waldburg in Bunte vom 15. Februar 2007

[ 11 ] “Die Gesellschaft der Individuen”, so der Titel eines Buches von Nobert Elias, ist ein interessiertes Phantasma von Soziologen

[ 12 ] In dem Film Black Box BRD (2001) von Andreas Veiel

[ 13 ] Marx, Kapital, a.a.O., S. 100

[ 14 ] Ebd., S. 85

[ 15 ] So die Liste bei Crolly und Meck, a.a.O.

[ 16 ] Michael Wittershagen, Der menschliche Makel, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 18. Februar 2007 (Beilage “Beruf und Chance”). – Darum veröffentlicht der Suhrkamp-Verlag gerne postmodern-positivistische Soziologen wie Ulrich Bröckling und dessen Buch “Das unternehmerische Selbst” (Frankfurt 2007), wo doch jeder Lektor, der nicht ganz blind ist, den Fehler schon im Titel sehen müßte: daß es nicht “Das kapitalistische Ego und seine Maske” heißt. Das suhlt sich in den Phänomenen, um den Begriffzu verweigern.

[ 17 ] So der große Menschenkenner J.W. Stalin irgendwo in seinem Kurzen Lehrgang der Geschichte der KPdSU (B).

[ 18 ] Vgl. Gerhard Scheit, Die Meister der Krise. Über den Zusammenhang von Vernichtung und Volkswohlstand, Freiburg 2001

[ 19 ] Wolfgang Kersting, Staat, wo ist dein Stachel. Rüdiger Voigt will mit Carl Schmitt gegen Carl Schmitt denken, in: FAZ vom 5. März 2007. – Das “unconditional surrender der” Alliierten ist die Konsequenz dieser Identität von Hitler und Souveränität..

[ 20 ] Die Aktion des Schwarzen September in München: Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes, in: Texte der RAF, Malmö 1977, S. 422, zitiert nach Kraushaar, a.a.O., S. 861

[ 21 ] So Ulrike Meinhof als Zeugin 1972 im Prozeß gegen Horst Mahler, zitiert nach Kraushaar, a.a.O., S. 861

[ 22 ] Ulrike Meinhof, ebd., zit. nach Kraushaar, S. 690

[ 23 ] Lutz Hachmeister, Schleyer. Eine deutsche Geschichte, München 2007, S. 80 f.

[ 24 ] Ebd., S. 134

[ 25 ] Christian Klar, “Das geht anders”, in: junge Welt vom 28.02.2007.

[ 26 ] Zitiert nach Siemens, a.a.O., S. 131

[ 27 ] Hachmeister, a.a.O., S. 401

[ 28 ] So Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt 1979, S. 135

[ 29 ] Hegel, Grundlinien, S. 496

[ 30 ] Siemens, a.a.O., S. 273

[ 31 ] “Wir beenden das Projekt”. Die Abschiedserklärung der Roten Armee Fraktion, in: Jungle World N° 18 (1998) vom 29. April 1998

[ 32 ] RAF, Die Aktion des Schwarzen September..., a.a.O., S. 860

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