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Hartz IV für Lenin & Lafontaine

Rezension zu: Gabriele Gillen, Hartz IV. Ein Abrechung

Joachim Bruhn

Gabriele Gillen, Hartz IV. Ein Abrechung.
Berlin: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2004, 2. Auflage Februar 2005, 254 Seiten, 7,90€.

Alle Menschen werden Schwestern, das heißt: Sozialdemokraten. Alle Männer werden Brüder, das heißt: LeninistInnen. Dort, wo das Herz vor Betroffenheit trieft, der Hartz am schmerzhaftesten ist, da, wo die Vernunft sehr, sehr seicht und schon fadenscheinig, da ist jedweder Mensch nur Sozialdemokrat und Leninist vom Schlage Oskar Lafontaines. Und kein Kommunist ist, der sich nicht vom Pathos der sozialen Gerechtigkeit mitreißen ließe: eben dies gibt ja das Maß seiner Verschmelzung mit der bürgerlichen Ordnung, die Gleichheitsparole, und darum ging es immer schief. Kein Kommunist, der sich nicht sehnte, mittenmang zu sein und Fleisch vom Fleische, nicht apart, kein Sektierer, nicht im Abseits und im Schlagschatten der Lautsprecher: Glauben, was alle glauben, das macht froh; den verallgemeinerten Aberglauben teilen, das soll sein die halbe Miete zur Wahrheit. Wäre es nicht schon die halbe Revolution, d. h. die erste Rate auf die staaten- und klassenlosen Weltgesellschaft, wenn man die Sozialdemokratie einmal ganz, ganz ernst und wirklich radikal ernst nähme? Sie an ihrem Anspruch mäße? Sie auf zu ihre Konsequenzen hin durchbuchstabierte? Nach der brechtischen Methode: gut, das ist der Cent! Aber wo ist der Euro? Wäre das nicht Gesellschaftskritik? Wäre nicht die Spitze des Wahns, nur wirklich und praktisch bekannt, schon die erste Abschlagszahlung auf die Freiheit?

Kein Kommunist, der intellektuell auf sich hielte, der nicht insgeheim diese Zwangsvorstellung vom "Anknüpfen" Vorfindliche hegte und zur Linkspolitik kultivierte, nicht die fixe Idee vom dialektischen Jonglieren mit " Minimalprogramm" und "Maximalprogramm". Die Sozialdemokratie ist das zwangsneurotische Über-Ich der Revolutionsversuche. Jetzt gibt es auch das Buch zur linken Zwangsneurose, Gabriele Gillens Abrechnung mit Hartz IV bei Rowohlt: So, wie Gillen schreibt, so muß Rolf Hochhuth in "Krieg und Klassenkrieg" geschrieben haben vor ’68, so müssen die Spontaneisten gebetet haben vor dem Altar der Klasse, kurz bevor sie die K-Gruppen gründeten, so müssen die Maoisten als die Enragés des Postfaschismus agitiert haben, bevor sie mit Anthroposophen und sonstigen Brutaloperaisten wie dem Fischer die "Grünen" aufmachten – ein herzergreifendes Geheul, das Gabriele Gillen anstimmt. Und alles ist ganz wahr, schön gedacht und so gut gesagt, wie man es von einer WDR-Journalistin erwarten darf. Mit Statistiken. Auf Punkt und Komma wird Schröder die Bilanz gelegt. Ist nicht das lesende Volk ein heimlicher Rationalist, der denkt, Herrschaft sei Irrtum und Ausbeutung, ein Mißverständnis an der Nation? Wer je glaubte, die Menschheit frone & fröne dem Kapitalverhältnis ob mangelnder Benachrichtigung über dessen tatsächliche Untaten, kommt auf seine Kosten, und wer denkt, es läge am Mangel der Information, daß eben diese Menschheit besagtem Verhältnis nicht schon gleich den Hals umdreht, erst recht. Wie schön wäre es, an Märchen zu glauben. Und wie man es genießt, wenn Gillen den kleinbürgerlichen Charakter der Grünen entlarvt, indem sie etwa Seite 79 einen Offenen Brief an die Grünen schreibt und die Wahrheit darüber auspackt, wie es sich mit den Arbeitern der Faust und den Arbeitern der Stirn verhält:

"Nein, ihr habt nichts zu tun mit den Arbeitern. Mit Schweißgeruch. Mit Menschen in Maschinenhallen oder an Fließbändern. Mit Möbelpackern oder Heizungsmonteuren. Mit Schützenvereinen und Angelsportclubs. Mit Hauptschülern und sonntäglichen Kirchgängern. Nein, das Volk liegt euch nicht." Das ist die Argumentation der wahrhaften, der lafontainistisch-leninistischen Sozialdemokratie – die konsequente Steigerung von Arbeiter, Schweiß, Schützenverein und Alfred Tetzlaff immer weiter hinauf bis ins Volk hinein als dem ultimativen Gully allen deutschen Wahns.

Joachim Bruhn, aus: konkret Nr. 4/2005

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