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Die niedere Kunst der Demagogie

Ein letztes Standbild aus dem Leben des Theoretikers Robert Kurz

Joachim Bruhn

„Im Gegensatz zum Idealismus, ... der die objektive Wahrheit nicht anerkennt, ... geht der marxistische philosophische Materialismus davon aus, ... daß die Welt und ihre Gesetzmäßigkeiten durchaus erkennbar sind.“
J. W. Stalin, Geschichte der KPdSU (B). Kurzer Lehrgang, 1938

„Wir chinesischen Kommunisten, deren Ausgangspunkt die höchsten Interessen der breitesten Volksmassen Chinas sind, glauben an die absolute Gerechtigkeit unserer Sache. ... Können wir da noch gutheißen, ... daß irgendwelche politische Mikroben unseren gesunden Körper anfressen?“
Mao Tse-Tung, „Über die Koalitionsregierung“, April 1945

„Schluß der ‚Debatte’ mit sämtlichen Hardcore- und Softcore-Bellizisten! ... Die radikale Linke im deutschsprachigen Raum wird sich auch publizistisch neu formieren müssen, wenn sie je wieder von dieser Seuche loskommen will.“
Robert Kurz, „Das Spiel ist aus“, junge Welt vom 2.-7. April 2003

Kritik, die ihren Feind zum Querulanten psychiatrisiert, als abnormal denunziert und zum Unmenschen dequalifiziert, d.h. zur „Mikrobe“ oder zur „Seuche“, ist keine, sondern Demagogie und Propaganda, die intellektuelle Vorwegnahme der Säuberung und der Exekutionskommandos. Wer von Ideologie als dem notwendig falschen Bewußtsein nichts versteht, der mag sich einbilden, die Welt werde klippklar und transparent, wenn die Opposition erst einmal tot und begraben sein wird. Widerspruch ist Schmutz. Widerspruch ist gemein und niedrig. Widerspruch ist heimtückisch: Das weiß man seit Stalin, kritisch auch seit Günter Anders und seinen Geschichten von der Frau Nu, philosophisch erst recht seit Christian Enzenbergers „Größerem Versuch über den Schmutz“. Die Generallinie der Autoritären ist eine chirurgische Operation, ein blankes, steriles Messer, das mit dem Karzinom der Gesellschaft so viel zu tun hat wie der Exorzist mit dem Diabolischen: Solingen rostfrei. Kritik ist da nur ein anderes Wort für Amputation. Kein Wunder, daß die Kritik, philosophisch verstanden, d.h. nach Marx, „kein anatomisches Messer“ darstellt.

Etwas brach durch in Robert Kurz, als er die antideutschen Kommunisten als „Seuche“ beschimpfte, eine Wut, die seit zwei Jahrzehnten gegen Kritische Theorie sich aufgestaut hatte, ein so wortmächtiger wie namenloser Haß auf alles, was die Revolution will und den Kommunismus ohne Große Säuberung, auf alles, was für die staaten- und klassenlose Weltgesellschaft sich engagiert ohne Liquidation, d.h. ohne deutsch zu sein. Nie war Kurz anderes gewesen als ein maostalinistischer Kader, ein autoritärer Charakter, wie er im „Kurzen Lehrgang“ steht. Die Geschichte seines kometenhaften Aufstiegs war stets der genaue Index der Philosophievergessenheit und der allerdings antisemitischen Aversion der linken Öffentlichkeit gegen die Kritische Theorie gewesen; im genauen Maße, in dem die „Krisis“-Gruppe reüssierte, wurde die Linke immer noch deutscher. Sich mit Marx gegen die Erkenntnis des Nazifaschismus zu stellen, war allerdings eine haarsträubende Rochade, und so kehrte der Marxismus-Leninismus, überwunden geglaubt, in wenn auch neuer, gar marxistisch-puristischer Gestalt, aus Nürnberg wieder: Woher auch sonst! Kurz, das war die Marx-Revision für Genossen, die vom Materialismus nichts verstanden, eine Art Marx für arme Leute, die das „Kapital“ trotz unendlicher Schulung nur als die Große Methode verstanden und die immerhin froh zu sein hatten, noch daß jemand sich die Mühe gab. Zwar war der Schabernack um den Begriff der abstrakten Arbeit so gegenstandslos wie all der andere Zinnober, den Kurz & Co. um die ersten hundert Seiten des „Kapital“ trieben, aber die Leser ahnten, daß es darauf hinauslaufen würde, den Kampf gegen Pest , Cholera und die Epidemie Adorno zu begründen, und waren es zufrieden.

In Nürnberg ging es nicht um Marx, um die Revolution auch nicht. Es ging um Autorität, um das Dogma, im übrigen um Seuchenbekämpfung, d.h. um die Austreibung des famosen Konstrukts vom „Arbeiterbewegungsmarxismus“ aus den Köpfen, um Exorzismus also, um das subjektive Einbekenntnis positiver Wahrheit. Wer sich für die Marx-Interpretation der „Krisis“-Gruppe aussprach, der genoß das wunderbare, das beflügelnde Gefühl auf die Seite von Herrschaft zu treten, d.h., so paradox es klingt, die Partei des Staates zu sein und daher das Objektive souverän widerzuspiegeln, sich zum Organ zu machen: Plötzlich wurde alles so durchsichtig wie Franz Schandl.. Plötzlich durfte man guten Gewissens die Sätze lesen, die eigentlich der Kritik des Stalinismus verfallen waren, Sätze wie: „Die reale Globalisierung des Kapitals wurde strikt geleugnet“ – man stelle sich vor: etwas Reales leugnen, und das auch noch „strikt“! Da stockt der Atem, und der Leser darf sich auf der Seite dessen fühlen, der Bucharin verhört und Trotzki ermordet. Wer es toll findet, eine „Seuche“ zu kritisieren, die etwas Reales „leugnet“, hat von Erkenntnis erstens eine Polizeivorstellung und hat vom „Realen“ zweitens eine solche, daß die kapitale Wirklichkeit aufgrund ihrer internen, negativen, antagonistischen Verfassung nie und nimmer in der Lage ist und sein kann, eine zwar falsche, aber doch unausweichliche geistige Repräsentanz ihrer selbst hervorzubringen, d.h., wie Marx sagen würde und auch gesagt hat, ein „notwendig falsches Bewußtsein“. Daß aber das „Reale“ von seiner ideologischen Darstellung nicht nur nicht geschieden werden kann, daß vielmehr das „Reale“ diese Darstellung seiner selbst so hervorbringt wie benötigt, um es selbst, die Totalität und daher erst „real“ zu sein, das ist in etwa die Quintessenz des Marxschen Materialismus, der Wertformanalyse insbesondere. Die Polizeisprache der „Krisis“-Gruppe ist schon Indiz dessen, daß das verkniffelte Verhältnis von Schein und Wesen dadurch gelöst werden soll, daß alles, was „leugnet“ und daher dem Reich des Scheins zufällt, abgeschnitten gehört und des Todes ist: faule, unwesentliche Existenz. Oder, in Kurz’ eigenen Worten: „Kritik der politischen Ökonomie: Fehlanzeige“.

Der archimedische Punkt der „Krisis“-Unternehmung war der komplette Verzicht auf Ideologiekritik und auf die Reflexion des Zusammenhangs von Warenform und Denkform, ein gefundenes Fressen für Intellektuelle, die eben noch, mit Kautsky und Lenin, den „wissenschaftlichen Sozialismus“ in die Arbeiterklasse „hineintragen“ wollten. Und so flossen eben die autoritären Charaktere der „Krisis“ zu, die zwanzig, dreißig Jahre zuvor der KPD (AO), dem KB, dem KBW oder der KPD (ML) beigetreten wären: kleine postproletarische Despoten allesamt. Derart ist Kurz, und so ist „Krisis“, zum soziologischen Phänomen geworden: ist dieser Verein doch der Sache nach ein ZK ohne Massen und die logisch ultimate K-Gruppe, d.h. das höchste und letzte Stadium des Maostalinismus, so ist er der Erscheinung nach die Speerspitze der Undogmatik. Wer je das zweifelhafte Glück hatte, einer Jahreshauptversammlung dieses Vereins beizuwohnen, der wird bestätigen, wie hier der Dogmatismus zum Opportunismus das gute Gewissen macht, d.h. zu eben der „Aufhebungsbewegung“ und „Massenpolitik“, die an allem und jedem, auch an der deutschen Friedensbewegung der Israel- und Amerikahasser natürlich, „anzuknüpfen“ vermag, den Feminismus nicht zu vergessen und schon gar nicht das tolle „Abspaltungstheorem“. Mit nur einer Prise Übertreibung ließe sich dieser Befund darin zusammenfassen, daß in Robert Kurz Stalin und Klaus Theweleit zusammenfallen, wenn auch ins gar Nichts. Er ist die fleischgewordene Utopie des kleinen Bourgeois, der bei IKEA kaufen muß und von Mahagoni träumt, der ein Sachbearbeiter ist und Dieter Bohlen beneidet, der die „Gesetze der Dialektik“ handhaben möchte und nicht versteht, warum er trotzdem im Lotto nicht gewinnt.

Wie konnte das geschehen? Daß es kein zufälliger Kategorienfehler gewesen sein kann, der ihm den Materialismus verdunkelte, scheint deutlich, zumal Kurz vor zwei Jahren sein ganzes Unverständnis in dem Band „Marx lesen. Die wichtigsten Texte von Karl Marx für das 21. Jahrhundert“ für den Enzensberger-Verlag die Länge und die Breite dokumentierte. Auch wurde er verschiedentlich auf seinen Irrtum freundlich hingewiesen. Man wird Kurz vielmehr, insbesondere seit seinem denkwürdigem „Krisis“-Artikel über die „Himmelfahrt des Geldes“ und seinen Einlassungen zum 11. September, einer irgendwie hysterischen Spielform des Proudhonismus zuordnen dürfen, wofür nicht zuletzt sein stupendes Gefühl fürs „Reale“ spricht. Darum geht es aber nicht – erklärt werden muß, woher der Mann seine ans Manische grenzende Schreibwut bezieht, diesen nimmermüde polternden Elan, das immer Gleiche zu wiederholen, diese unerschöpfliche Begeisterung, seinen Lesern das „Reale“ nun aber wirklich zu erklären, diese verdächtige Entschiedenheit schließlich, um Deutschland und um die Shoah einen großen Bogen zu machen. Woher kommt das? Wie kann das sein, das einer das Publikum noch mehr molestiert als Wolfgang Fritz Haug, Walter Jens und Elmar Altvater zusammen? Daß einer auf allen Wellen zugleich funkt, auf „Konkret“, in „jungle World“, in der „jungen Welt“ und, natürlich, seit Jahren im „Neuen Deutschland“? Natürlich hängt es mit dem „Realen“ zusammen und mit dem „Leugnen“, mit dem Abstreiten des von Kurz für evident gehaltenen, mit seinem Drang zur Anerkennung und zum Bekenntnis. Kurz: Es ist sein antikritischer Furor, der ihn seit Jahren in einem „Kommunismus der Sachen“ leben läßt, der allerdings vom Bewußtsein nur falsch widergespiegelt wird.

Die unselige Verve, mit der Kurz seine Version des ML der Kundschaft andient, hängt, wie schon in Stalins „Kurzem Lehrgang der Geschichte der KPdSU (B)“, mit einer eloquenten Praktik der sexuellen Denunziation zusammen. Denn das „Leugnen“ des „Realen“ ist dem ZK nicht einfach nur ideologiekritisch von Belang, es ist vielmehr unsittlich und wider die Natur. Kurz ist ein Kleinmeister der Insinuation. Ohne weiter in sein literarisches Schaffen auszugreifen, findet sich allein in „Das Spiel ist aus“ sowie in „Konkret im Krieg“ dies: „Dreist“, „scheißen“, „infam“, „Hetze“, „Vieh“, „kriegsgeil“, „pubertär“, „verschämt“, „duckmäuserisch“, „ohne Biß“, „blöken“, „lauwarm“, „krampfhaft“, „austrocknen“, „vulgär“, „vollsudeln“, „Leim“, „Giftspritze“, „Anstand“, „Verfolgungswahn“, „Verwilderungsformen“, „in Wahrheit“, „krallen sich an“, „jämmerlich“, „Odium“, „seitenverkehrt“, „paranoid“, „autistisch“, „Hintermänner“, „Komplex“, „Wahn“, „Realitätsverlust“, „Instinkte“, „Ekel“, „versaut“, „verkommen“, „triefend“, „Seuche“, „Paralysierung“, „byzantinisch“, „Lynch- und Femegerichte“, „Paranoia“, „erstickend“, „verhärtetes Bewußtsein“, „erste Lebenszeichen“, „Sarg“, „Schläge unter die Gürtellinie“, „mit Dreck werfen“, „Sumpf“, „Händchen halten“. Was ist antideutsch?, fragt die Nürnberger Wertkritik, und die Antwort ist: pervers und liederlich, „vulgär“ und „seitenverkehrt“, „triefend“ und „versaut“. Dieser Subtext, diese Metaphern der sexuellen Denunziation sind es, die über die politische Intention Auskunft geben, nicht der agitatorische Bombast, der den „Kampf zweier Linien“ intoniert.

Alles, was nicht antideutsch ist, ist dagegen gesund, d.h., wie Stalin sagte, „eine völlig natürliche und unvermeidliche Erscheinung“, die sein muß, damit endlich „der Kapitalismus mit der Revolution schwanger geht“. Der Widerwille, gar Ekel der Nürnberger Marx-Revision gegen die materialistische Kritik hatte sich längst und überreichlich an der adjektivistischen Kraftmeierei gezeigt, die seit je das Qualitätssiegel der „fundamentalen Wertkritik“ war: ob nun von „bellizistisch kontaminierten (!) Dampfplauderern linksbürgerlichen Krisenbewußtseins“ die Rede war oder ob, so etwa in Kurz’ neuestem Buch „Weltordnungskrieg“, „die Kategorie des Interesses bereits auf dem Boden der kapitalistischen Ontologie, also innerhalb der Hülle der übergeordneten Fetischform der Moderne angesiedelt“ wurde – dies in manifeste Sinnlosigkeit überschlagende AgitProp-Geplapper vermittelt, wie der Musikteppich im Kaufhaus, die gesteigerte Aufmerksamkeit des Lesers für die Schnäppchen der sexuellen Denunziation.

Woher dieser Überschuß? Es scheint, als begann plötzlich, als er von Hans-Magnus Enzensberger für den Verlag mit der Fliege entdeckt wurde, etwas schiefzulaufen im Leben des linken Theoretikers Robert „Bobby“ Kurz aus Nürnberg. Bis 1991 war es halbwegs redlich zugegangen mit diesem Leben, erst paar Artikel für „Neue Strömung. Zeitschrift für marxistisch-leninistische Theorie und Politik“, dann seit 1986 Marx-Rekonstruktion im Auftrag einer „Zeitschrift für revolutionäre Theorie und Politik“, die sich erst „Marxistische Kritik“ nannte und später „Krisis“. Ab und zu eine feine kleine „Kapital“-Schulung mit den Gen. Trenkle und Lohoff, Bemühungen um den Begriff der abstrakten Arbeit, auch Grundkurs Philosophie und Dialektik als Methode, nicht zu vergessen natürlich Vermittlung von Theorie und Praxis – das Übliche eben, nichts Ehrenrühriges. Vorträge in Bamberg, Bildungsarbeit im Bayreuther Jugendzentrum, Dispute mit sozial engagierten Pfarrerstöchtern in Seltmann-Weiden und mit Befreiungstheologen aus Erlangen - kurzer Lehrgang, langer Marsch: das Schicksal einer Generation. Unsinnig, Provinzmarxisten anderes abverlangen zu wollen in den Zeiten der allerersten Friedensbewegung gegen den atomaren Holocaust, als Ebermann, Gandhi und Trampert die Partei aufbauten. Man behauptete sich, so gut es eben ging, schließlich lebte man in Oberfranken und war nicht Wolfgang Pohrt. Das zog sich endlos so hin. Es ist gut brüten und köcheln in der Provinz, aus Not und auch der Aussicht auf das Reichsparteitagsgelände wegen.

Wer schreibt, der bleibt; und bleiben wollte man jedenfalls. Die Sache mit der abstrakten Arbeit war zwar schön und gut, aber bis zum „Manifest gegen die Arbeit“ war es noch lang hin, und bis dahin mußte doch auch polemisiert werden, schon der Vermittlung und dringend nötigen Aufhebung wegen. Die Frankfurter Schule allerdings ist, wie der Name schon sagt, keine Nürnberger: weil sie den Trichter nicht braucht. Darum hatte der Gen. Kurz im Rausch der Erkenntnis, der philosophisch luftige Gemüter immer dann ergreift, wenn ein Groschen fällt, im Sauseschritt nicht nur sämtliche ideologie- und also denkformkritischen Bestimmungen der ersten einhundert Seiten des „Kapital“ flott überlesen, sondern auch die strategische Marxsche Unterscheidung von Forschung und Darstellung. Das war weiter nicht schlimm, denn die Forschung hatte Robert Kurz sowieso in der Tasche: das bißchen Fakten, Fakten, Fakten sollte weiterhin nicht in die Quere kommen, schon gar nicht das bißchen nazifaschistische deutsche Empirie: dem Enzensberger würde das gefallen, obwohl man einander damals noch gar nicht entdeckt hatte. Toll, wie man den Nazifaschismus a conto „Modernisierung“ und „Durchsetzung des Werts“ wegbuchen konnte. Das flutschte! Und auch die Sache mit der Darstellung, diese vermaledeite „Stelle“, wo Marx sagt, die Darstellung solle – nach der Forschung - das innere Band, den roten Faden zum Ausdruck bringen, verschwand rückstandslos im Trichter. Außer dem Licht unterm Scheffel hatte Robert Kurz nichts zur Darstellung zu bringen – und den sprachlichen Ausdruck dafür, den besaß er schon, eben die Sprache des stalinistischen Rokoko und den adjektivistischen Bombast der Schauprozesse. Es ist dies die Sprache seiner maostalinistischen Anfänge, nun für die linke Szene und das Milieu derer, deren Identifikationsbedürfnis die Reflektion erschlägt, gleichsam aufgehoben, eine Sprache für alle, die Enzensberger toll finden.

Schon immer berührte am sprachlichen Ausdruck der Nürnberger „fundamentalen Wertkritik“ eine gewisse Fahrigkeit und Ungelenkheit unangenehm. Warum bloß schritt kein Lektor ein, wenn Kurz in vollem Brast vom „unabgeschmolzenen Speck der Postmoderne“ oder gar vom „unaufgehobenem Arbeiterbewegungsmarxismus“ dröhnte? Warum bemerkte kein Gremliza, daß ein unaufgehobener eben ein liegengebliebener Arbeiterbewegungsmarxismus ist, also ein Ladenhüter, daß ein unabgeschmolzener Speck, klinisch gesagt, auf Fettsucht hindeutet? Es war alles immer irgendwie überdreht und verrutscht.. Der Grund ist: Kurz klingelt mit Philosophie wie die Monstranz bei der Wandlung, und das Lektorat kuscht aus Angst vor der Blamage. Kurz imponiert. Er beeindruckt, weil er alles weiß, nämlich nichts. Das imponiert sogar an sich verständige Leuten wie Gremliza, die die Angst umtreibt, vor der Herrschaftswissenschaft „Philosophie“ keine gute Figur zu machen und die sich doch nur eingestehen müßten, daß der Meister des Gongs noch weniger Ahnung hat als sie selbst. Zwar ist der Kaiser nicht nackt, aber einen Duden hat er auch nicht. Philosophie jedoch ist Denken, das Denken selbst: Adorno. Der durchaus antisemitische Haß auf die Kritische Theorie, der Robert Kurz von allem Anfang an motiviert, d.h. die Zerstörung des Denkens im Auftrag und zum Wohlgefallen Linksdeutschlands, ist zudem ein Haß auf Sprache, die an sich selbst anderes ist als der „Ausdruck“ des unbedingten Willens zum Ausdruck, zur Originalität damit des Willens zur Macht. Weil Kurz das Problem der Darstellung im Materialismus und bei Marx an die Wand stellt, wird die Sprache der Kritischen Theorie als bloße Idiosynkrasie Adornos denunziert, wird das gefällige Gelächter übers „postponierte Reflexivum“ angedreht: Adornos Sprache soll sein, diplomatisch gesagt, eine Marotte, und maostalinistisch ausgedrückt, d.h. so, wie es Robert Kurz aus dem Herzen spricht, soll sie nicht taugen zum AgitProp. Sie ist volksfeindlich“, nicht geeignet zum Megaphon der famosen „Aufhebungsbewegung“. Damit imponiert Kurz im gleichen Maße, indem Frechheit siegt. Seine Sprache ist eine Waffe, aber keine der Kritik, keine der militanten Aufklärung und Befreiung, sondern eine Waffe der Demagogie, ein Jargon, der sich beifallsheischend auch in Namenswitzen so gefällt wie schon der stalinsche mit dem Geburtsnamen Trotzkis. Indem Robert Kurz die Kommunisten links von „Krisis“, die antideutschen Kritiker, als „Seuche“ denunzierte, hat er die Grenze überschritten, die die Kritik von Propaganda trennt. Er hat sich selbst vom Materialisten, der er einmal sein wollte, hat sich vom Traum seiner Träume, eine Art wertkritischer Lenin der Gegenwart zu werden, zum Generalsekretär entwickelt, der nach der Polizei schreit. Darin besteht die objektive Rache der Ideologie und auch der Sprache, in der sie sich notwendig ausdrückt. Wer einmal politisch-chirurgisch zu denken sich entschlossen hat, der wird auch die niedere Kunst des Adjektivs und das nichtswürdige Trommelfeuer mit gemeinem Schimpf nicht scheuen. Aber die Sprache läßt sich nicht betrügen, und wer eine „Seuche“ anprangert, der ist selbst die deutsche Misere.

Denn am Ende hat sich Robert Kurz doch übernommen. Er hat über seine Verhältnisse polemisiert, wie jeder, der den Gegner zum Agenten, zum Unmenschen, zum Bazillus degradiert, wie jeder, der in einer anderen Perspektive als der Marxschen polemisiert, denunziert und kritisiert. Er wollte die alte Gesellschaft verlassen; angekommen ist er in der „jungen Welt“, bei den Politikern, bei Jürgen Elsässer, der auch gerne von „Ideologiekritikern und ähnlichen Parapsychologen“ (junge Welt, 11. 1. 2003) schwatzt, d.h. von Dingen, die er nicht lernen mag. Am Ende dieser Karriere steht ihr eigener Anfang, steht Robert Kurz als nach Jahren der Agitation abgewetzter Stratege, dem die subversiven Begriffe des Materialismus nur die Bauern sind auf dem Schachbrett seiner Kombinationen, ein Politiker, wie eigens geschaffen, das Diktum zu bestätigen, wonach der Theoretiker die intellektuelle Erscheinungsform des Werts ist und also die totale Vermittlung, die alles ergreift, weil sie nichts begreift. „Der Liberalismus“, sagt Mao-Tse-Tung (Gegen den Liberalismus, 7. September 1957), „aber hebt den ideologischen Kampf auf; .... daraus ergibt sich ein modriges, spießbürgerliches Verhalten, das zu politischer Entartung führt ...“: Treffender als Mao hat es Robert Kurz es auch nicht zu sagen vermocht: spießbürgerliche Entartung, heimtückisch organisiert von, „nützlichen Idioten, die mit triefender Impertinenz das Maul aufreißen.“. Damit ist das Spiel aus.

Aus: konkret N°6 / 2003

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