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Liturgie der Prodeutschen

Joachim Bruhn

Zugegeben: der Kommunismus der Gegenwart, so, wie ihn die Kritische Theorie in der Reflektion auf die Shoah zu denken gab, hat sich mit seiner Stigmatisierung als „antideutsch“ etwas vorschnell zufriedengegeben, wurde dies doch bißchen eitel als guter Leumund aufgenommen. Die Kommunisten waren noch zu sehr in den Fraktionskämpfen der deutschen Linken befangen. Ist doch, was die Anti-Antideutschen von heute degoutieren, kaum anderes als das, was schon den Ahnen als „deutschfeindlich“ galt. Es war bislang der Fehler dieser Kommunisten, das nicht zu wissen, was der Karl Marx des „Kommunistischen Manifests“ genau wußte: daß der Kommunismus so wenig als Radikalisierung, gar: als revolutionäre Übertreibung von Linksdeutschland gelten kann wie dessen vom Bund der Kommunisten 1848 verworfene Vorläufer, die, in dieser Reihenfolge, als „reaktionärer Sozialismus“ in seinen Spielarten erst als „feudal“ und „kleinbürgerlich“, dann als „deutscher oder ‚wahrer’ Sozialismus“, schließlich als „konservativer oder Bourgeois­sozia­lismus“ abgetan wurden. Es wäre die Arbeit eines Manifests der Gegenwart, derart die Fraktionierungen der Post-’68er über die Schwarzrotgold-Kommunisten und die Grünen bis hin zu Autonomen, „Terroristen“, Spontaneisten in ihrem Gegensatz zur Kritischen Theorie zum Begriff zu bringen.

Denn die mondäne Polemik gegen die Antideutschen (im Jargon: „negative Rassisten“) erklärt sich nicht so sehr als Reflex linker De­batten um die Generallinie denn als eine Form der Feinderklärung des Kollektivs gegen jedweden Subversionsversuch am deutschen Volk, hilfsweise auch: am deutschen Arbeiter und am Klassenkampf. Insofern bietet der von Gerhard Hanloser edierte Sammelband einigen Anlaß zur Selbstkritik. Steht er doch nicht in der Kontinuität wie immer irriger, doch materialistischer Selbstreflektion, sondern, gerade in seinem massiv ins Antisemitische spielenden Affekt gegen Adorno und Genossen, im selben Regal mit Büchern wie Max Schelers „Die Ursachen des Deutschenhasses. Eine nationalpädagogische Erörterung“ (Leipzig 1917) oder Rolf Kosieks „Die Frankfurter Schule und ihre zersetzenden Auswirkungen“ (Tübingen: Hohenrain-Verlag, 5. Auflage 2004). Wo die zum Überdruß bekannte Form deutscher Ideologieproduktion, -ak­ku­mulation und -zirkulation das Kollektiv gegen die „abgehobene“ und „wurzellose“, gegen jedwede als „kritische Kritik“ hinweggekalauerte Subversion schützen will, da bedient deren linksumerneuertes Strategem diesen Zweck vermittels der rigorosen Entgegensetzung von „bloßer Ideologiekritik“ und sog. „Realanalyse“, wie schon das Editorial verspricht: eine Camouflage mehr des Responsoriums der deutschen Liturgie, des selbstbetäubenden Singsangs aus frei schwebender, abstrakter Kritik einerseits, konkreter, in der produktiven Klasse verankerter Theorie andererseits, d.h., frei nach Niklas Luhmann, deren funktionales Äquivalent.

Nach der Lektüre des Buches – das Problem, einen Sammelband mit immerhin 17 Originalautoren von B wie Bindseil bis Z wie Zuckermann zu rezensieren, erledigt sich wie von selbst dadurch, daß (fast) alle die Antideutschen in die Psychiatrie einzuweisen gedenken – werden die Kommunisten selbstkritisch einräumen müssen, daß selbst sie hier und da auf die Kostüme der Linksdeutschen hereingefallen sind. Dies leider gerade in punkto „Antizionismus“: Denn wie war es möglich, den Antizionismus fast durchgängig in seiner sowjetstaatskapitalistischen Form als theoretisch maßgebend für die Sturzgeburt von 1968 zu erachten? Den Antizionismus einzig als politische Ausgeburt des Stalinismus und theoretischen Ausdruck seiner metaphysischen Überhöhung, des Marxismus-Leninismus, zu verhandeln? Was doch, wie verquer auch immer, implizierte, ihn, seiner Selbstableitung aus marxistischer Tradition halber, tatsächlich für ein Problem revolutionärer Selbstkritik zu halten? Soll es wirklich so gewesen sein, daß Stalins Diktum aus dem „Kurzen Lehrgang“: „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen“, der Arbeitsfetischismus und also die Leitlinie der Deportation der sowjetischen Juden nach Birobidschan, der Linken in Deutschland nicht längst vom Nationalsozialismus vermacht worden war? Antizionismus in Deutschland ist alles andere als Importware.

Noch diese Vorstellung stellt sich nun als Verschiebungsleistung heraus, als Versuch, die leidige Angelegenheit auf ein Feld zu spielen, auf dem man glaubt, etwas zu bestellen zu haben, als eine Entgleisung nachgerade, die dazu nötigte, beständig, wenn auch noch in der Form der Kritik, das linksdeutsche Thema par excellence – die vorgeblich so dringend gebotene wie objektiv mögliche Unterscheidung von Antisemitismus und „legitimer Israel-Kritik“ – nachzuliefern. Wo doch der „Antizionismus“ in Deutschland schon immer und ganz bestimmt seit 1920, seit Hitlers Münchner Rede– „Wie kannst Du als Sozialist nicht Antisemit sein?“ – nur einen, gewissermaßen: den außen- und staatspolitischen Zwilling des Vernichtungswillens darstellt, bis hin zu Alfred Rosenbergs Traktat „Der staatsfeindliche Zionismus“, erste Auflage 1922, letzte Auflage März 1944? Der Antizionismus der Deutschen hat den des Marxismus-Leninismus vom „Roten Oktober“ bis zum „Schwarzen September“ (und bis heute) gerade so nötigt gehabt wie die bourgeoise Blöße die proletaroide Camouflage.

Einmal so betrachtet, sind sogar die Antideutschen auf das Kollektiv hereingefallen, vielleicht aus Angst vor der Einsamkeit: indem sie die endlose Selbstagitation der Deutschen und ihrer Linksfraktion, der „Antizionismus“ leite sich „eigentlich“ aus dem proletarischen Internationalismus her und aus dem jüdischen Bund, für Bargeld nahmen. Gerhard Hanlosers Sammelband klärt darüber auf, daß das Gegenteil der Fall ist. Man lese nur seinen eigenen Beitrag über den „Bundesrepublikanischen Linksradikalismus und Israel“ und notiere beiläufig die jeder Reflektion auf den Nazifaschismus zuwiderlaufende Leidenschaft, mit der er sich der Ausarbeitung eines, wie das jetzt in der Szene heißt, „emanzipatorischen Antizionismus“ verschreibt. Man studiere die Marx-Exegese von Nadja Rakowitz und anderer Autoren des „Express. Zeitschrift für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit“ über die „Ideologie der antideutschen Avantgarde“, die, ausgehend von der immerhin skurrilen Prämisse, das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital sei ein außerhalb der Geschichte und des Nazifaschismus hockender „Grundwiderspruch“, zu eben diesem deutschfreundlichen Resultat gelangen. Und man nehme die gesammelten Dudenschönheiten von Bernhard Schmids Aufsatz „Deutschlandreise auf die ’Bahamas’“ zur Kenntnis – er spricht gern von „bisherigen theoretischen Unzulänglichkeiten bezüglich des antisemitischen Elements am Nationalsozialismus“ –, um nachvollziehen zu können, was die Pro-Deutschen an Moshe Zuckermann gefunden haben, der ihnen in seinem Beitrag „Was heißt Solidarität mit Israel?“ aufschreibt, die Konstruktion und Abstraktion der Juden zu dem Juden sei in Wahrheit eine genuine Leistung der Kritischen Theorie und anderer antideutscher Kommunisten.

Das verwundert zwar nicht bei einem Autor, der, an anderer Stelle – in dem Band „Adorno – Philosoph des beschädigten Lebens“ (Göttingen: Wallstein-Verlag 2004) –, die Auffassung vertreten hat, die Kritische Theorie sei ein „schwerer Theoriekörper im Rahmen des großen pluralistischen akademischen Paradigmenangebots“, gibt aber doch ein Argument mehr zur Hand, das Hanlosers Buch unbedingt zur Anschaffung zu empfehlen: Denn so preiswert war bislang nirgendwo eine Einführung in die pro-deutsche Liturgie zu haben.

Rezension zu:
Gerhard Hanloser (Hg.), „Sie warn die Antideutschesten der deutschen Linken.“ Zu Geschichte, Kritik und Zukunft antideutscher Politik, Münster: Unrast-Verlag 2004, 290 Seiten, 19 €
Aus: Konkret August 2005

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