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Die Psychokratie und ihre falsche Subversion

Joachim Bruhn

Corinne Maier hat ihren Bestseller „Die Entdeckung der Faulheit“ nach einer Rezeptur verfaßt, daß im nächsten Jahr das Buch „Vom Vergnügen der Pflicht“ zu erwarten ist, d.h. einen Hybrid aus Lebensratgeber, Entlarvungsliteratur und kleinbürgerlicher Kulturkritik. Das Subjekt ihrer Kritik (wenn denn hier von „Subjekt“ und „Kritik“ die Rede sein kann), ist der „mittlere Angestellte“, die soziale Schicht zwischen körperlicher und geistiger Arbeit, die blue collar aus Angst vor dem Abstieg verachtet und den Nadelstreifen-Jetset trotz erwiesener Inkompetenz maßlos ob seines Erfolges beneidet und daher als Shareholdervalueapologet denunziert, also jenes zur Vermittlung der kapitalisierten Gesellschaft berufene Milieu, das sich nationalökonomisch bei Proudhonismus und Tobin Tax, philosophisch bei Heidegger, Derrida und Habermas geborgen fühlt und soziokulturell in Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers und in Esoterik überhaupt. Der mittlere Angestellte muß leiden, weil der „Geist des Kapitalismus“ verflogen ist, weil zwischen Arbeit und Einkommen, zwischen Leistungswille und Karrierechance kein Zusammenhang mehr besteht. Darüber soll der Angestellte subversiv werden, innerlich kündigen, fortan so tun als ob und die Arbeit simulieren. Maiers Buch empfiehlt sich als strategische Richtlinie, denn „das Unternehmen ... ist nicht mehr der Ort des Erfolgs. Der soziale Aufzug ist blockiert.“ Aber keine Angst: „Ich bin deswegen noch lange keine Marxistin.“ Das braucht die Autorin um so weniger zu sein, als sie sich begriffslos im Grundwiderspruch der Kapitalproduktion herumwirft, von Befehl und Kommando einerseits, Initiative und Improvisation andrerseits. Die vollendete Subsumtion unters Kommando wäre der Stillstand der Produktion, Herrschaft der Technokratie die Sabotage. Die Improvisation aber ist das süßeste Geheimnis der Arbeitskraft. Seit Beginn der Kapitalproduktion wird daher versucht, den „subjektiven Faktor“ in Regie zu nehmen: erst hieß das Psychotechnik, dann „deutsche Taylorisierung“ (statt der seelenlosen aus USA), heute herrscht die Psychokratie, ein synthetisches Destillat aus C.G. Jung und Makrobiotik, Bachblütentherapie, Kraft der Steine und Dalai Lama. Der daraus springende „Neusprech“, den Corinne Maier anprangert – das „Coaching“ und die „Unternehmensphilosophie“ und das „human engineering“ und die „Evaluation“ usw., usf. –, sind tatsächlich eine Pest und eine Plage. Der Verbalsmog hat mit dem tendenziellen Fall der Profitrate deutlich zugenommen. Maier allerdings, die zum Orden der Foucaults sich zählt, möchte nur die Windrichtung ändern; und ihre zehn goldenen Regeln für den Klassenkampf des mittleren Angestellten fassen sich in der Maxime zusammen, der „Unterdrückung“ von oben mit „diskretem, aber gnadenlosen Parasitentum“ von unten zu begegnen. So zehrt das Buch allein von seinem sorgsam beschwiegenen Gegensatz zu Paul Lafargue, dem Klassiker der Faulheit. Dessen Schrift „Das Recht auf Faulheit“ von 1884 fordert die Abschaffung der Lohnarbeit nur überhaupt, und es enthält, gegen Maiers dürftige Häresie, die schöne Sentenz: „Das Kapital ist der einzige Gott, der noch auf keinen Atheisten gestoßen ist.“

Rezension zu:
Corinne Maier, Die Entdeckung der Faulheit. Von der Kunst, bei der Arbeit möglichst wenig zu tun,
München: Goldmann-Verlag, 2005, 156 Seiten, 12 €

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