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Die Gewerkschaft läßt denken

Joachim Bruhn

Wie aussichtslos die Lage der Gewerkschaft geworden ist, zeigen ihre Versuche, sich bei den Kopflangern anzuschmeicheln. Weil kaum wer hinhört, wendet sich die Gewerkschaft verstärkt den Zuchtanstalten der Intellektualität zu, den Universitäten; das ist die Arbeit der Hans-Böckler-Stiftung. Was bekommt die Gewerkschaft dafür, wenn sie, etwa bei Holger Schatz, über die neoliberale Rekonstruktion des Leistungsprinzips denken läßt? Nichts. Sie bekommt nichts, was nicht längst in den „Gewerkschaftlichen Monatsheften“ zu lesen war, nichts, was nicht die „WSI-Mitteilungen“ laufend brächten. Sie bekommt nichts außer empiristischer Kompilation, der man attestieren mag, sie sei fleißig. Was die Gewerkschaft im Theoretischen bekommt, ist gerade nur die Veredelung ihrer eigenen Faktenreligion durch einen akademischen Slang, der so forsch wie naseweis mit „Diskurs“, „Diskursfeld“, „Diskurspraktik“ auftrumpft und der am Ende gar nicht mehr faseln kann, ohne, in schon legasthenischer Steigerung, „einen Diskurs mit Effekt zu plazieren“. Die Gewerkschaft läßt denken, weil sie glaubt, die Intellektuellen hätten das qua Diplom gefälligst so zu beherrschen wie die Trucker und Bäckereifachverkäuferinnen ihr Gewerbe. Weit gefehlt. Wo die Gewerkschaft denken lassen will, vielleicht gar in der Hoffnung, es spränge ein Begriff der Gegenwart heraus, bestätigt der Intellektuelle ihr nur die gesellschaftliche Aggression gegens Denken: Überall, wo Schatz versehentlich der Philosophie in die Quere kommt, wird die Reflektion darauf als „abstrakter Salonantikapitalismus“ abgetan oder als steriles „Streibtischstudium des Kapital“, und es wird, ganz im linksdeutschen Cant, ein Gegensatz zwischen „wirklichkeitsferner Wertkritik“ einerseits, „grauem Alltag“ und „Analyse jeweiliger (Klassen-)Kräfteverhältnisse“ andrerseits aufgemacht. So erhält die Gewerkschaft für das Geld, das sie dem Notgroschen der Streikkasse entnimmt, Aufklärung weder über die Philosophie noch über die Gesellschaft. Was sie dagegen erfährt, ist, daß die Intellektuellen, die sie mieten möchte, längst ihre eigene Version haben jener Spaltung ins Abstrakte und Konkrete, in Tauschwert und Gebrauchswert, die eine große Fraktion ihrer eigenen Mitgliedschaft gerne in die Opposition des Produktiven gegens Sterile übersetzt. Die Gewerkschaft wollte sich aufklären lassen; sie bekommt, was jeder weiß, ohne gleich eine Doktorarbeit zu verfertigen. Vielleicht aber, kann sein, hat sie sich statt dessen eine Aufklärung über Intellektuelle erworben, die sie sich nur noch aneignen muß, um sie wirklich zu besitzen. Denn der Unterschied zwischen der Intellektualität und dem Denken besteht darin, daß diese im Befund eines Vermittlungsbedarfs am Ende sich beruhigt, während jenes die Vermittlung kritisiert als wirklich seiende und negative. Das Resümee des Buches inszeniert daher kunstvolle Tautologien der Façon, es bedürfe nun einer „emanzipatorischen (Anti-)Politik“ oder auch „nichtreformistischer Reformen“. Wenn die Gewerkschaft über diesen schwarzen Schimmel in herzliches Gelächter ausbräche, hätte sich die Investition in Holger Schatz gelohnt.

Rezension zu:
Holger Schatz, Arbeit als Herrschaft. Die Krise des Leistungsprinzips und seine neoliberale Rekonstruktion,
Münster: Unrast-Verlag 2004, 332 Seiten, 18 €

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