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Der Sinn des Lebens und die Politisierung der RAF

Nach dem Hungerstreik

Joachim Bruhn

„Die Pflicht des Revolutionärs ist es, die Revolution zu machen!“: Mehr als zwanzig Jahre nachdem der Vietnam-Kongreß des SDS diesen kategorischen Imperativ auf die Tagesordnung der Geschichte setzte, haben die letzten Enragés der Revolte auf das Recht des gefangenen Revolutionärs sich besonnen, an die Revolution vorerst nur zu glauben und sich ansonsten seiner Haut nach Kräften zu wehren. Die entwaffnete Avantgarde hat sich dazu durchgerungen, ihren ebenso gesinnungstüchtigen wie identitätssüchtigen Freunden draußen nicht schon wieder den dummen August zu spielen. Sie hat sich dazu entschlossen, nicht länger den Watschenmann von Staatsschützern abzugeben, denen ein innerer Feind, der außer guten Vorsätzen nichts hinter sich hat, gerade recht kommt. Und sie hat sich endlich dagegen entschieden, noch länger den Teufel in der Flasche für grüne Jungs und Mädels zu geben, die für ihre ‘gewaltfreie Politik’ gerade] noch damit Reklame machen können, es gebe zu den Alternativen keine Wahl, weil sich das staatliche Gewaltmonopol nur parlamentarisch totreden, nicht aber totschießen lasse. Es gibt keine Pflicht des Revolutionärs, den Kommunismus ohne Rücksicht auf Verluste ausgerechnet im Hochsicherheitstrakt zu erkämpfen, wenn draußen der Spaß am Widerstand längst dem Recht auf Revolution den Rang abgelaufen hat. Auch wenn die Gefangenen der RAF ihren zehnten Hungerstreik noch aus überlegenem Kalkül wie taktvoller Rücksichtnahme auf die dem Publikum liebgewordenen Illusionen für die „Zusammenlegung, der politischen Gefangenen“ führten, so sind sie doch im Resultat ihres Kampfes zu politischen Gefangenen geworden, denen folgerichtig nicht Gnade, sondern Amnestie zusteht.

Unter dem Regime der Isolationsfolter hat sich die Rote Armee im Gefängnis als die Fiktion erkennen müssen, die sie gesellschaftlich schon lange war, und den auf freiem Fuß befindlichen Rest ihrer Fraktion als Sammlung von Pappkameraden. Die Gefangenen betrachten nun das Gewaltrecht des Guten, an dem sich eine ganze Generation von Radikaldemokraten und Theologen berauschte, ebenfalls als eine bloß moralphilosophische These, die man zwar mit ihnen diskutieren kann, die sie jedoch politisch zu nichts weiterem verpflichtet. So ist ihnen die Revolution in die Gesinnung gerutscht, für die man sich bestenfalls in Unkosten stürzt, nicht aber den Hals bricht. Von der fixen Idee glücklich erlöst, ihre umstürzlerischen Absichten mit revolutionärer Praxis zu verwechseln, reklamieren sie nicht mehr die allgemeine Wahrheit und strategische Gültigkeit ihres Projekts, sondern vielmehr ihre ehrliche Absicht und innere Aufrichtigkeit. Was sie betrifft, haben sie ihr Monopol als Lieferanten ‘politischer Identität’ en gros et en detail aufgegeben und darüberhinaus gleich noch den ganzen Gewerbezweig abgeschrieben. Denn wer die Gesellschaft der Freunde des bewaffneten Kampfes je kennenlernen durfte, der wird kaum die leise Ironie und den mühsam gezügelten Spott überhören, mit dem Karl-Heinz Dellwo ihnen die ganze Revolutions-GmbH abtrat: „Unsere Genossen draußen brauchen uns nicht als Motor für ihr Terrain. Sie sind es selber“( taz vom 1. Juni ’89). So wünscht ein Gebrauchtwagenhändler gute Reise, der gerade den Ladenhüter losgeschlagen hat, und nun hofft, daß es der glückliche Kunde mit seinem Schrotthaufen wenigstens um die nächste Ecke schafft.

Das sozialrevolutionäre Projekt, das die gesellschaftliche Trennung von Ökonomie und Politik zu überwinden versprach, dem sein bewaffneter Arm gegen den naturwüchsigen Legalismus der Politik auf die Sprünge helfen wollte, ist seitens der Gefangenen dementiert und in das Reich der Notwendigkeit verwiesen, das sich ihnen als das der Unmöglichkeit darstellen muß. Darin besteht die Politisierung der RAF, die zugleich ihre Auflösung bedeutet. Im Rückzug auf die Politik, in Karl-Heinz Dellwos Polemik gegen die „Zerstörung des Politischen“ durch den Staat, spricht sich die Transformation der RAF aus einer Organisation militanter und unbedingter Staatsfeinde in eine verhandlungsbereite Lobby diskriminierter Regierungsgegner aus, die bestrebt ist, auch für gescheiterte Revolutionäre einmal jenen Bonus einzuklagen und einzustreichen, den die bürgerliche Gesellschaft für uneigennütziges Handeln und vorbehaltlosen Altruismus den Steuerhinterziehern aus den Parteizentralen sonst so überreich austeilt. „Christian Klar ist ein Mörder, aber sein Motiv war nicht Habgier. Er tötete aus verquasten politischen Überzeugungen. Er meint, die Welt ist nicht mit Reformen, sondern nur mit dem Revolver zu verändern. Er will die Massen ‘befreien’. Er und seine RAF-Genossen fühlen sich als Speerspitzen einer revolutionären Volksbewegung“, schrieb der ‘Stern’ mitten im Hungerstreik am 22.März, und er gab den Gefangenen damit den guten Rat, nicht länger mit dem Staat über das miserable Endergebnis ihrer Kommandoaktionen zu rechten, sondern lieber das Thema zu wechseln und mit der politisierenden Öffentlichkeit über ihre guten Absichten zu diskutieren. Diese Anregung haben sie aufgegriffen und den Umgang mit einer Öffentlichkeit, die aufs Meinen, Fühlen und Wollen geradezu versessen ist, so überaus schnell gelernt, daß der Verdacht entsteht, sie hätten ihren Lebtag keine andere heimliche Leidenschaft gekannt als das Studium in Sachen ‘think positive!’. Mit dem Rücken zur Wand und in letzter Minute haben sie eingesehen, wie taktisch unklug es ist, aus der Position des Schwächeren heraus gegen das zum Volkscharakter gehörende Vorurteil zu polemisieren, der Nachweis materieller Interessen und sog. niedriger Beweggründe, die jemanden umtreiben mögen, sei schon die ganze Miete einer schlagenden Kritik an seinen Urteilen; und souverän beanspruchen sie die Prämie, die das Prinzip von trial and error immer dann ausschüttet, wenn das im Fehltritt blamierte Motiv des ganzen Experiments auch aus Goethes Faust stammen könnte. Im klaren Bewußtsein um den politischen Mehrwert des Altruismus übt die RAF Selbstkritik und klagt sich öffentlich dafür an, daß sie den höheren Sinn der Tat nicht vermitteln konnte, statt dafür, daß sie die Safes nicht knackte, um sich, was immerhin klüger und objektiv sinnvoller gewesen wäre, auf Hawai ein sorgenloses Leben zu machen. Daß die privatistische Aneignung nicht als der Vorschein der kollektiven Enteignung verstanden werden konnte, als die sie gemeint war, wird freimütig zugestanden und doch zugleich unter Hinweis auf den guten Willen und im Appell an „jeden, der ein politisches Verständnis von seinem Leben hat und kein individualistisches, d.h. egoistisches“ (Adelheid Schulz, Hungerstreikinfo Nr.8 vom 6. 4. 89) mit dem Weihwasser der Uneigennützigkeit veredelt. Gewieft besetzen die Gefangenen den offiziellen wie alternativen politischen Diskurs und spekulieren darauf, daß die unter Volksgenossen beliebte Polemik gegen den Eigennutz auch ihnen zum Vorteil ausschlagen wird.

Denn der blanke Idealismus, dem es, der Selbsterhaltung heroisch ein Schnippchen schlagend, ohne langes Federlesen gleich ums Ganze geht, steht der demokratisierten Volksgemeinschaft schon deshalb unter Kuratel und Strafunmündigkeit, weil es der Deutsche ums Verrecken nicht zugeben mag, dem Führer aus ganz anderen Gründen als der Sorge um Deutschland wegen nachgelaufen zu sein. Zu Beginn des Hungerstreiks noch zögernd, gegen Ende immer selbstbewußter und zielsicherer haben die Gefangenen in diesem wunden Punkt der Volksseele gestochert. Weil es nicht Hinz und Kunz sind, die hierzulande im Mittelpunkt stehen, sondern der Mensch, darum mag der Deutsche, wenn überhaupt, nur solchen Revolutionären sich anvertrauen, deretwegen sich der ganze Aufstand eigentlich nicht lohnte und die selber die letzten wären, die einen Vorteil davon hätten. „Nicht Abgrenzungen, hohle Parolen, ideologische Modelle stehen im Zentrum, sondern die Menschen“, hat Eva Haule (taz, 31. 5. 89) erkannt und stellt daher gezielt die Frage, die alle, den Bund der Steuerzahler und den evangelischen Kirchentag nicht ausgenommen, faustisch umtreibt: „Wie können die Interessen der Menschen gegen die Macht durchgesetzt werden?“ So schwer die Frage wiegt, so kleinlich wäre es, um unterschiedliche Lösungen zu zanken und die Unterschiede etwa zwischen Robert Jungks ‘Menschenbeben’ und Ulrike Meinhofs bewaffneter Revolution für den Kommunismus sektiererisch übertreiben zu wollen.

Wo es in Deutschland um den Menschen geht, da folgt die Frage nach dem Sinn des Lebens auf den Fuß. „Wegwerfdinge, Wegwerfwerte, Wegwerfleben“: Als die Deutsche Bischofskonferenz in ihrer Erklärung ‘Ursachen des Terrorismus und Voraussetzungen seiner Überwindung’ im April 1978 das Inkognito der Verfasser des ‘Konzept Stadtguerilla’ lüftete und nicht Marx und Lenin, sondern den nihilistischen Zeitgeist als Ghostwriter entlarvte, als wenig später eine komplette Friedensbewegung eben jene tiefgreifende „Erfahrung der Sinnleere“, die die Bischöfe als die geheime Triebkraft des Kollektivs RAF erkannt hatte, auch gewaltfrei zu bewältigen vermochte, als schließlich die grüne Partei der Wegwerfgesellschaft mit Recycling und dem Wegwerfleben mit Lebensreform konterte – da konnte, wer einen Rest Urvertrauen in die Ideologiekritik der Protestbewegung sich bewahrt hatte, immer noch annehmen, wenigstens insofern seien die bewaffneten Revolutionäre allemal besser als ihr schlecht gewordener Ruf, daß sie den Kampf eher abbrechen würden als den Katholiken auch noch öffentlich recht zu geben. Die „Wiederherstellung der vollen Dimension des Menschen“ jedenfalls, die die RAF nach dem Scheitern der „Offensive ‘77“ anstelle der Revolution zum Programm erhob (texte der raf, S.599 f.), wäre den Aufwand nicht wert gewesen und hätte sich bequemer in einer Selbsterfahrungsgruppe bewerkstelligen lassen. Daher ist der bewaffnete Kampf nur äußerlich an den Kräfteverhältnissen gescheitert und wesentlich daran, daß er auch nichts Anderes bezweckte als der Rest der identitätskranken Sippschaft. Der kleine Unterschied der Methode rechtfertigt die großen persönlichen Folgen nicht. Weil die RAF jedoch den Kampf über den Augenblick der Niederlage hinaus fortgeführt hat und weil sie nicht nur rundweg abstritt, praktisch geschlagen, sondern auch, geistig entwaffnet zu sein, darum können die Gefangenen als Nutznießer einer verdrehten Dialektik nun ihre Schwäche in Stärke verwandeln. Kaum zieht man die Methode ab, schon liest sich das Programm der bewaffneten Revolution als ein an alle und niemand adressierter Appell zur Rettung der Menschlichkeit vor dem Konsumterror. Was zur Offensive nichts taugte, das wird zur Notbremse. „Wenn ihr in der Betäubung des Zwangskonsums von Fernsehen, Video, Mode usw. euer Leben seht, ist das euer Problem“, so wurden auf einer Hamburger Solidaritätskundgebung Leute agitiert, die die Polizei mit dem Wasserwerfer vor die Glotze scheucht, und die Gefangenen als leuchtende Vorbilder hingestellt, die „als ganze Menschen miteinander leben wollen; halbe Menschen gibt’s hier schon genug“(Hungerstreikinfo Nr.6 vom 23. 3. 89). Dagegen gibt es kaum einen Einwand, und die Pioniere der Landkommunen, die es besser wissen müßten, haben sich längst in Grund und Boden gelangweilt. Wenn sich die Sozialkritik mangels Masse in die Polemik gegen die halbe Portion Mensch abgesetzt hat, dann gibt es keinen vernünftigen Grund mehr dafür, der RAF einen Strick daraus zu drehen, daß sie Helmut Schmidts fernsehfreien Sonntag als staatstragenden Reformismus bekämpfte.

Es liegt eben in der List der Unvernunft einer ebenso idealistischen wie autoritären Anthropologie, daß sie ihren Kunden mit dem Versprechen überindividueller Verbindlichkeit erst ködert und ihn dann, wenn er das ideologische Sonderangebot verbrauchen will, so maßlos enttäuscht, daß er gleich seinen gesunden Menschenverstand hätte gebrauchen können. Was Sinn machen soll, löst sich doch nur wieder in Geschmacksfragen auf. Weil, was die Sinnfrage betrifft, Astrologie, Therapie und bewaffneter Kampf tatsächlich austauschbar sind, fällt die Entscheidung um so schwerer als es um gar nichts geht. Um nicht, wie einst Buridans Esel, vor identischen Hafersäcken aus Unfähigkeit zur logisch begründeten Entscheidung für den einen und gegen den anderen jämmerlich einzugehen, wird die Aufforderung zur Wahl nicht als falsche Frage zurückgewiesen und vielmehr, aus Not am Sinn, dezisionistisch übers Bein gebrochen.

Ob man daher mit Rolf Heißler der Meinung ist, die halben Menschen, die den Staat tragen, stünden im Kampf gegen die ganzheitliche Revolution letztlich auf verlorenem Posten (Hungerstreikinfo Nr. 4 vom 9. 3. 89), oder eher die Auffassung Antje Vollmers teilt, die Vorstellung vom Staat als dem „Vertreter des kollektiven Gesamtbösen“(in : Die Grünen, Ende der bleiernen Zeit? Versuch eines Dialogs, Bonn 1989, S. 72) sei antiquiert und man müsse vielmehr, um der Gewalt zu wehren, „eine menschliche Nähe herstellen, die das Schießen unmöglich macht“(Was hat die RAF mit den Räubern vom Liang-Shan-Moor zu tun?, in: Frankfurter Rundschau vom 24. 5. 89): Wenn die Lehre vom wahren Menschen den Bereich der Kulturkritik verläßt und sich politisiert, dann offenbart sie nur, daß der Klassenkampf in den Gegensatz feindlicher Temperamente sich aufgelöst hat und die Charaktermasken von einst unablösbar in den Charakter selbst sich eingefressen haben. Wer gegen die bürgerliche Gesellschaft und ihren Staat nichts besseres einzuwenden weiß als die geschmäcklerische Unterstellung, sie bildeten ein „System ohne Lebenssinn“(Karl-Heinz Dellwo, taz vom 6. 3. 89), der braucht den Kampf gar nicht erst aufzunehmen.

Es scheint, auch den Gefangenen habe der Gedanke, zu welch vielfältigen und einander ebenso bedingenden wie ausschließenden Zwecken der Jargon der Eigentlichkeit taugt, so plötzlich und unvermittelt sich aufgedrängt, daß sie seiner noch nicht völlig inne geworden sind. Tatsächlich liegen der anthropologischen Metaphysik die optimistische Lesart, Leben schlechthin sei Sabotage und revolutionär, und die pessimistische Variante, das nackte Leben habe noch nie zu besonderen Hoffnungen berechtigt, so nahe beieinander, daß der Übergang aus Überlegung schwerfällt und nur unterm Druck genau jener Notwehr des Leibes, die der letzte Hungerstreik war, als Sprung vollzogen werden kann. Wo vor Jahresfrist das nackte Leben noch für die Transzendenz in die Bresche geschlagen wurde, „weil als Mensch zu leben überhaupt der Antagonismus ist zur imperialistischen Struktur“ (Brigitte Mohnhaupt, Erklärung zum Dialogvorschlag, taz vom 8. 8. 88), da erscheint nun die Rettung des Lebens selbst als Utopie und sein Sinn als Überleben. Nur die Verweigerung der Transzendenz erlaubt nun „eine substantielle Erfahrung von dem, was Freiheit ist“ (Karl-Heinz Dellwo, taz vom 1. 6. 89)* und die Auffassung von vorgestern, „daß nichts das Leben so entwerten würde wie jene Haltung, die es absolut setzt und den Sinn zur zweitrangigen Frage macht“ (Dellwo, Hungerstreikinfo Nr. 4 vom 9. 3. 89) ist noch nicht einmal mehr eine blasse Erinnerung.

Aber noch darin, daß sie im Spiegelspiel der politisierenden Metaphysik lediglich die Stellung wechselt, betrügt sich die RAF, wenn auch endlich zu ihrem Vorteil, um die Einsicht, wie es im System der totalen Vergesellschaftung um das Verhältnis der revolutionären Notwendigkeit zur gesellschaftlichen Wirklichkeit bestellt ist. Denn nicht zufällig erscheint die These vom Doppelcharakter des Lebens wie eine Karikatur jener klassischen Revolutionstheorie, die auf den Doppelcharakter des Proletariats sich gründete: Sie ist der geistige Reflex der Revolution im Stande ihrer einstweiligen Unmöglichkeit, hilfloser Revolutionarismus, der das Gewaltrecht des Guten in das Faustrecht der besseren Menschen aufheben mußte. Weil die RAF der total vermittelten Gesellschaft Contra bieten wollte, konnte sie auf nichts sich berufen als auf den blanken Willen – das ist ihre Würde; und ihr Wahnsinn; weil aber das Produkt der Vermittlung nichts anderes ist als die Herrschaft einer zweiten Natur, die den Individuen als Herrschaft des freien Willens sich darstellt, darum hat sie am Ende nur noch den nackten Leib – das ist ihre Pleite und vielleicht ihre Hoffnung. Daß die RAF der Bundesrepublik ein Kollektiv von Stauffenbergs nachreichen wollte, war ihr politischer Untergang; daß sie sich nun weigert, noch länger ideologische Stereotypen mit dem Leben zu haften, mit denen sich die Genossen von einst in Amt und Würden brachten und sich, im Resultat ihrer Politisierung, zu den Fans draußen verhält wie eine Gewerkschaftszentrale mitten in der Tarifrunde zu den Streikposten, kann der erste Schritt ihrer persönlichen Rettung werden. So spiegelt in der Karriere der RAF sich jene traurige Alternative wider, vor die die Gesellschaft die revolutionäre Intention noch allemal stellt, und die vor Jahren die Redaktion der Zeitschrift „Autonomie“ in einem Moment seltener Klarheit beschrieben hat als die elende Wahl zwischen „terroristischem Nihilismus“ einerseits, „sozialarbeiterischer Befriedigung“ andererseits (Autonomie. Materialien gegen die Fabrikgesellschaft Nr.14, S. 11). Vor die falsche Wahl gestellt, zwischen dem revolutionären Gebot der abstrakten und unmittelbaren Negation und der reformistischen Versuchung, im System der Vermittlung Fuß zu fassen, sog. Lernprozesse zu organisieren und an den vorfindlichen Bedürfnissen ‘anzusetzen’ und ‘anzuknüpfen’, haben sich die Gefangenen mit gutem Grund für „das Politische“ entschieden.

„Wir wollen eine revolutionäre Entwicklung. An ihrer ersten Stelle steht das Politische“, hat Karl-Heinz Dellwo zum Abbruch des Hungerstreiks erklärt, während doch die neue Leidenschaft für die Politik das Publikum ebenso über ihren Zweck täuscht wie der alte Haß auf den Staat schlechthin. Denn daß es einen schwarzen Schimmel namens ‘revolutionäre Politik’ geben soll, bleibt der Grundirrtum einer Bewegung, die es nie zu einem Buch mit dem Titel „Staat oder Revolution“ gebracht hat, und wird nun zur Uberlebensnotlüge der „Leninisten mit Knarre“(Agit 883 vom 6. 12. 1971) von einst. Glücklicherweise haben die Revolutionen bislang trotz der Revolutionäre stattgefunden, was in dem objektiven Paradox begründet liegt, daß sich die Pflicht des Revolutionärs, die Revolution zu machen, noch nie mit der Erkenntnis im Einklang befand, daß die machbare Revolution der Mühe nicht wert wäre, weil sie ihrer Idee, der Freiheit, Hohn spräche.

Aus: die tageszeitung vom 28. Juni 1989, S. 12 f. In französischer Übersetzung von Bodo Schulze unter dem Titel Le sens de las vie et la politisation de la RAF in: Temps critiques N° 1 (Printemps 1990), S. 101 – 112.

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