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Völkischer Geist, von Stalin verschweißt

Georg Fülberth und seine Genossen

Joachim Bruhn

“Lassen wir in dieser Zeit tiefster Finsternis der kommunistischen Weltbewegung für uns das Licht leuchten, das erstrahlt aus der unvergänglichen revolutionären Praxis und dem theoretischen Werk des Genossen Josef Wissarionowitsch Stalin, dessen 110. Geburtstag zu gedenken wir heute zusammengekommen sind. Konkreten Sinn aber hat dieses Zusammenkommen aber nur, wenn es ein Schritt ist auf dem Weg, von dem es im Lied heißt: “... und so wächst aus Leninschem Geist/von Stalin geschweißt/die Partei, die Partei, die Partei.” So würde Georg Fülberth, der so schön differenziert über die Finessen des Klassenkampfs schreiben kann, den Großen Proletarischen Schweißer selbstverständlich nie und nimmer lobhudeln, denn als wissenschaftlicher Sozialist wie praktizierender Politikwissenschaftler ist er gleich doppelt zur Erziehung jener unseligen Vereinfacher verpflichtet, die seinen “Spätsozialismus” einfach Stalinismus nennen. Aber er hat gute Genossen, die mit Freude den großen Gesang für ihn anstimmen, Genossen, die mit Vergnügen erklären, was Georg Fülberth eigentlich sagen will, wenn er sich “einen der größten Patrioten” nennt, “den die DDR im Westen jemals hatte”, Genossen, die sich überhaupt nicht schämen, die Absichten zu erläutern, die Fülberths Partei, die DKP, tatsächlich hatte, als sie hinter der roten Fahne schon die schwarzrotgoldene durchblicken ließ.

Einer dieser Genossen heißt Rolf Vellay, und der singt, wie schon kurz gehört, den Schweißer leidenschaftlich gerne an, lebt in Datteln (Ruhr), hat Klassenverrat begangen und ist 1953 der KPD beigetreten, obwohl er doch, was er niemals zu erwähnen vergißt, 1927 “als Sohn einer Offiziers- und Grundbesitzerfamilie in Schlesien” tatsächlich hochwohlgeboren wurde und das gar nicht nötig gehabt hätte. Er tat‘s aus tieferer Einsicht in den geheimen Heilsplan der Weltgeschichte. Das Rentnerdasein vertreibt er sich mit Agitprop und hält am liebsten Vorträge darüber, daß die kommunistische Zukunft in der Vergangenheit begraben liegt (“Vorwärts in der revolutionären Weltbewegung heißt heute: Zurück zu Stalin!”), weiterhin darüber, daß die “Anti-Stalin-Hetze” nichts sei als “Greuelpropaganda”. Sein Lourdes ist das Moskau der Stalin-Zeit, und als FDJler hat er 1957 gerade noch “das Glück gehabt”, die Mumie des proletarischen Pharao selbst in Augenschein nehmen zu können. Es muß dies eine derart überwältigende Erweckung gewesen sein, daß kein aufrichtiger Nationalist, dem es ernst ist mit den Interessen des deutschen Volkes, der ungeheuren marxistisch-leninistischen Agitation hätte widerstehen können, die die Führermumie noch immer abstrahlte. Und das ihm, dem hochwohlgeborenen Junker, der doch, wie er ebenfalls nie zu sagen unterläßt, “mit 17 Jahren noch 1944 freiwillig Soldat” wurde!

Heute bedauert es Prof. Fülberth sehr, dem Gen. Vellay nicht schon sehr viel früher begegnet zu sein, aber es ist eben leider so, daß “erst in der Katastrophe diejenigen hervortreten, die Brecht als für die kommunistische Sache unentbehrlich bezeichnet hat”, und daß, wie er ebenfalls im Januar 1993 aus Marburg nach Datteln schrieb, erst jetzt “die menschlichen und politischen Qualitäten von Zeitgenossen sichtbar werden, die vielen anderen in besseren Zeiten schon durch ihren Klarblick und ihre Konsequenz voraus waren”. Denn dort in Datteln fand gerade eine Konferenz über Fülberths Lieblingsthema “War die DDR sozialistisch?” statt, die sich Rolf Vellay zum 65. Geburtstag spendiert hatte, aber Fülberth war leider verhindert, und so mußten sich Willi Gerns (DKP), Klaus Arnecke (MLPD), Heinz Jung (PDS), Egon Schansker (KPD/ML-Westberlin) und Michael Brücher vom “Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD” unter der Aufsicht von Hans Heinz Holz ganz alleine über das “Selbstbestimmungsrecht der Nationen” verbreiten, während Heinz Schmidt (PDS) und Gen. gegen “Mord und sexuelle Verkommenheit” sich aussprachen und mutig gegen eine westliche “Konsumorientierung” polemisierten, die den “Werten des Sozialismus” nur deshalb das Wasser abgraben konnte, weil im Kreml schon lange kein Licht mehr brannte. (Alles weitere läßt sich in der Dokumentation nachlesen, die der Gen. Vellay, Postfach 101948, 45619 Recklinghausen, vertreibt. Gegen eine Schutzgebühr von nur DM 2.- ist auch dessen seine Geburtstagandacht “Zurück zu Stalin” erhältlich, und zwar im bundle mit einer Replik vom “Arbeiterbund” unter dem Titel: “Vorwärts mit Mao-tse-tung, der Stalins Lebenswerk verteidigt, kritisiert und weiterentwickelt hat!”).

Fülberths Genosse Vellay scheint überhaupt und nach allem, was man von ihm lesen darf, der typische Fall eines altgewordenen Jungdeutschen zu sein, dessen vom GröFaZ verratene Liebe zu Volk und Vaterland nur der “Führer des Weltproletariats” zu befriedigen vermochte. Daß das deutsche Volk bestehen bleibt, während die Hitler ständig gehen und wiederkommen, wie der Schweißer prophezeite, war den Genossen noch nie Anlaß zur Trauer. “Stalin ist nicht gescheitert”, denn dieser prachtvolle Georgier, so bemerkte Vellay im Dezember 1989 in Ostberlin auf einer Veranstaltung der KPD/ML (“Roter Morgen”) aus Anlaß seines 110. Geburtstages zutreffend, hatte seine Heimat schon als Fünfzehnjähriger geliebt, und deshalb kam im Priesterseminar von Tiflis “neben seiner ausgeprägten Intelligenz auch die gefühlsmäßige Seite seiner Persönlichkeitsentwicklung nicht zu kurz: aus dieser Zeit sind Gedichte bekannt, in denen er die Schönheit seiner Heimat und das Heldentum des um seine Freiheit kämpfenden georgischen Volkes besingt. Das seinem Alter angemessene Ringen um die Gewinnung eigener Persönlichkeit identifizierte er mit dem Freiheits- und Unabhängigkeitsdrang seines Volkes so sehr, daß er sich den Beinamen 'Koba' gab, was bedeutet: der Unbeugsame!” Im weiteren wird ausgiebig Stalin zitiert, zum Beispiel dessen tiefsinniges Diktum: “Der Frieden kann erhalten und gefestigt werden, wenn die Völker die Sache der Erhaltung des Friedens in die eigenen Hände nehmen”. Aber die Festigung, die ist und bleibt die Sache der Partei! Und vom Selbstbestimmungsrecht der Völker ist im weiteren überhaupt viel linksnationalistisches Gewese – kein Wunder, hält Vellay doch den “Kurzen Lehrgang der Geschichte der KPdSU (B)” bis heute für ein Werk von “unvergänglicher Meisterschaft”, das, so Seite 446 in der Ausgabe von 1938, in extenso zeigt, wie der “Täuschung des Volkes” beizukommen ist. Mit der Begeisterungsfähigkeit eines Hitlerjungen besingt er “die hohe Moral der einfachen Menschen”, die Stalin mehr liebten als das eigene Leben und sich fürs Vaterland der Werktätigen opferten. Was Vellay letztendlich an Hitler zu kritisieren hat, scheint eigentlich dessen Unfähigkeit zu sein, die Schlacht um Berlin als eine Krieg des ganzen Volkes, d.h. als leveé en masse und nach dem Vorbild der Verteidigung Leningrads zu organisieren: “Seht ihr, solch geradezu übermenschliches Verhalten, solche Selbstüberwindung und Disziplin – das war die Moral der Menschen in der Stalin-Zeit!”

Damit wird so recht deutlich, was das Mannheimer Programm der DKP von 1978 eigentlich meinte, als es “die Verwirklichung der Volkssouveränität” forderte, und was Georg Fülberth heute noch vertritt, wenn er in seiner Schrift “Eröffnungsbilanz des gesamtdeutschen Kapitalismus” von 1993 am “Spätsozialismus” bemäkelt, dieser habe sich spätestens seit 1968 “nur noch formal aus der Volkssouveränität hergeleitet”.

Aus: links. Sozialistische Zeitung Nr. 292/293 (September/Oktober 1994), S. 48

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