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Warenform, Denkform, Revolution

Über Notwendigkeiten der Ideologiekritik, zugleich eine Antwort auf Karl Heinz Roth

Joachim Bruhn

Karl-Heinz Roths Rede folgte dem schönen Leitmotiv, wonach sich die Vergangenheit beständig ändert, während die Zukunft stets gewiß bleibt. Seine Ausführungen münden darin, der nachgerade klassischen Illusions- und notorischen Projektemacherei der Linken ein neues Alibi zu verschaffen. Wer jedoch in der gesellschaftlichen Form der Theorie denkt, treibt Projektion und setzt etwas in die Sache, das nicht in ihr ist. Ich möchte einige Anmerkungen dagegen setzen, die zeigen sollen, warum die Fahndung nach dem revolutionären Subjekt nicht nur an sich nichtig ist und haltlos, sondern das revolutionäre Interesse vielmehr be- und verhindert. Die Linke ist zwar tot, und ihr Leichnam stinkt zum kommunistischen Olymp, aber solange sie nach dem revolutionären Subjekt fahndet, ist sie meines Erachtens noch immer nicht tot genug, um tatsächlich eine Hoffnung auf die Rückforderung der Zukunft zu haben.

Es versteht sich von selbst, daß die Opposition gegen die offizielle Arbeiterbewegung, gegen die Spielformen der Sozialdemokratie, d.h. gegen Stalinisten, Trotzkisten und andere Marxisten-Leninisten, eine gemeinsame Intention der autonomen Bewegung, an deren Endpunkt Karl-Heinz Roth angekommen ist, und der kritischen Theorie oder des “kritischen Kommunismus” darstellt, mit dem die Initiative Sozialistisches Forum einen Anfang machen möchte. Diese gemeinsame Überzeugung besteht darin, daß die Organisierung der Arbeiterbewegung die Desorganisierung ihrer revolutionären Potenz bedeutete, d.h. die Diktatur der Form über den Inhalt, genauer: das Verschwinden des Inhalts in der Form, in der Partei, in den Gewerkschaften. Die organisierte Klasse wurde, das hat der Operaismus zur Genüge bewiesen, zum Motor des Kapitals. Die traditionelle Arbeiterbewegung basierte von Anfang an auf der Spaltung zwischen garantierter und prekärer Arbeit, von Facharbeit und sog. Lumpenproletariat. Als Stefan Born, Mitglied des Bundes der Kommunisten, 1849 in Frankfurt die erste Gewerkschaft gründete, erhob er einen Eintrittspreis, den kein Pauper und kein Wanderarbeiter aufbringen konnte. Diese wunderbare Arbeiterbewegung, deren Loblied noch heute in linken Traditionsvereinen angestimmt wird, beteiligte sich von Anbeginn an der Kartellbildung von Lohnarbeit und Kapital gegen die Prekarisierten und Marginalisierten, arbeitete an der Formierung und Disziplinierung des Proletariats zur Arbeiterklasse. Die Sympathie für die häretischen Strömungen, die daraus erwuchsen und auf die sich Karl-Heinz Roth bezieht, hat deshalb jedem Versuch einer auch historischen Neuprojektierung revolutionärer Praxis zugrundezuliegen. Soweit d’accord, auch wenn gerade dies “die Wiederkehr der Proletarität”, von der Roth spricht, definitiv ausschließt.

Gleichwohl scheint die Krise der sozialrevolutionären Linken noch nicht so weit gediehen zu sein, daß sie es nun unterlassen könnte, ihr Umsturzprojekt ausgerechnet als Politik aufzuziehen und zu organisieren. Sie hat, auch als autonome Linke, die anarchistische, genauer: bakunistische Erfahrung nicht angeeignet und nicht materialistisch durchgearbeitet. Soll heißen: sie hat keinen kritischen Begriff von Totalität, der die Politik als nichts anderes ausweisen würde denn als nur andere Darstellung der Ökonomie, keine Vorstellung von der Souveränität, die sich im politischen Prozeß derart reproduziert wie sich der kapitale Wert im Marktgeschehen realisiert. Die Linke verfügt nicht nur über keine “Kritik der Politik” (Johannes Agnoli), sondern sie treibt mit Begeisterung die Politik, d.h. die Zusammenfassung des Besonderen zum Allgemeinen. Ihre autonome Aktion ist, als in der Form der Politik – Konsens! – verfaßte, wie immer contre coeur, so jedenfalls doch ein Beitrag zur Reproduktion von Herrschaft. (Die Autonomen sollten über die traurige Gültigkeit der operaistischen Geschichtsschreibung auch für sie selbst reflektieren.) Die unabhängige Linke ist daher nach wie vor und auch dort, wo sie sich von der sozialdemokratisch-legalistischen und bolschewistisch-staatskapitalistischen Tradition lösen will oder gelöst hat, in einer dreifachen Befangenheit geeint: erstens in der Abwesenheit einer Kritik der Politik im Sinne einer Kritik des Parlamentarismus. Man liebäugelt mit der fixen Idee einer “kritischen Benutzung” des Parlaments, und auch die außerparlamentarischen Gruppen sind nicht antiparlamentarisch, sondern subventionssüchtiges Vorfeld sei’s der Grünen, sei’s der PDS. Zweitens ist sie geeint im Mangel einer radikalen Kritik der Staatlichkeit, d.h. des Souveräns als der ins Politische gehobenen Darstellung der Akkumulation. Und drittens ist sie geeint in einem Mangel, der alle andere gewissermaßen resümiert, nämlich im Mangel der Ideologiekritik, in der Absenz einer dialektischen Idee negativer Wahrheit. Weil die Gesinnung schon die rechte, d.h. die linke ist, glaubt man sich über jeden Verdacht erhaben, selbst an der Produktion, Distribution und Zirkulation von Ideologie mitzuwirken. Das linke Subjekt, seiner sozialen Statur entweder Akademiker oder akademisierender Autodidakt, vermag sich selbst nicht zu rekonstruieren und nicht zu kritisieren als eine spezifische Gestalt bürgerlicher Vergesellschaftung. Der linke Intellektuelle ist unfähig, seinen notorischen Hang zur Ideologieproduktion zu erkennen und ihm zu steuern. Diese Neigung spricht sich im Bedürfnis nach Revolutionstheorie aus, das Karl-Heinz Roth gerade so vehement vorgetragen hat. Die Theoretisierung der Revolution jedoch, das möchte ich dagegen zeigen, ist eins mit ihrer Ideologisierung, d.h. mit ihrer Verhinderung.

Roth hat mit der Feststellung begonnen, darin bestünde die aktuelle Krise, daß die alltägliche Unzufriedenheit nicht mehr sich mit politischen Perspektiven und Utopien verbinde, daß es also keine Vermittlung gebe zwischen der Tatsache des Elends einerseits, ihrer Wertung und Deutung als Gegenstand notwendiger Empörung andererseits. Die Klage über diesen Mangel ist mir Indiz einer positivistischen Haltung in der Theorie; was bei Roth nach Marx klingt, dessen Melodie stammt von Max Weber. Das Organ dieser Vermittlung war in den siebziger Jahren ein ungeheurer Mikrokosmos von Kleinstgruppen und Kleinparteien, deren Gemeinsamkeit über alle Fraktionen hinweg darin bestand, daß es ihrer Statur nach bürgerliche Intellektuelle waren, die mittels dieser Organisationen versuchten, das neue, das proletarische Allgemeine gegen das bestehende Allgemeine zu organisieren. Diese Leute waren revolutionär, weil der Leninismus ihnen die Aufrechterhaltung der Spaltung von geistiger und körperlicher Arbeit versprach, d.h. das Kommando über die körperliche Arbeit im kommenden Planstaat, und ihnen überdies versprach, sie reichlich dafür zu belohnen, das “Klassenbewußtsein von außen ins Proletariat hineinzutragen”. In dieser Organisations- und Parteiaufbauwut kamen nicht zufälligerweise alle Eigenschaften des bürgerlichen Intellektuellen zum Vorschein, d.h. Eigenschaften, die der geistige Widerschein dessen sind, was Karl Marx in der “Kritik der politischen Ökonomie” als den Zusammenhang von Warenform und Denkform leider mehr angedeutet als analysiert hat. Leider kann ich hier unmöglich diesen Zusammenhang, den Alfred Sohn-Rethel und die kritische Theorie Adornos in extenso expliziert haben, darlegen, werde es aber doch in diesem einen Satz tun: Die Logik gültigen theoretischen Argumentierens, “entspricht” und “entspringt” eben der Logik, die das sinnlich Verschiedene als Ausdruck ein und derselben abstrakten Substanz – Wert –, identifiziert, und damit kommt eben die Spaltung von Wesen und Schein, von Theorie und Empirie in die Gesellschaft hinein, deren sekundäre Heilung und “Vermittlung” der historische Auftrag wie die gesellschaftliche Mission der Intellektuellen ist. Positivismus wird gesellschaftsnotorisch, wo der “Schein der Tatsachen” (Marx) Übermacht gewinnt. Kurz gesagt: Die Ideologie produziert der Intellektuelle, indem er sich – in wessen Interesse auch immer, ob als Söldling des Kapitals oder im Dienste des Proletariats – in dieser Spaltung wie der Fisch im Wasser bewegt, anstatt die Konstitution dieser Spaltung selbst zu kritisieren.

Wie gesagt: Marx hat diesen Zusammenhang, obwohl sich aus dem “Fetischkapitel” des Kapital alles weitere zwanglos ergibt, nur angedeutet und skizziert, nicht weiter entwickelt. Wenn daher Karl-Heinz Roth die kritische Wiederaneigung der marxschen Tradition fordert, dann wären allererst die schwachen Punkte in Marx selbst wegzuarbeiten, die den Sozialdemokratismus-Leninismus theoretisch möglich werden ließen. Es sind dies v. a. zwei, die Kritik der Politik und eben die der Erkenntnis, die unmittelbar in die Kritik der Ideologie überleitet. Der Materialismusversuch von Marx steht, historisch wie systematisch betrachtet, im genauen Übergang des Kapitals von der formellen Subsumtion der lebendigen Arbeit zu ihrer reellen Subsumtion. Marx vermag sich in der Grauzone dieser epochalen Transformation nicht definitiv zu entscheiden, ob es die Arbeit ist, die vergesellschaftet, oder ob es das Kapital ist, und er entscheidet sich doch fürs erste, d.h. dafür, das Kapital als den entfremdeten Ausdruck der gesellschaftlichen Arbeit darzustellen, d.h. die Vergesellschaftung durchs Kapital als die “uneigentliche”, bloß phänomenale Geschichte zu betrachten, der eine proletarische Geheimgeschichte als ihr Wesen und Grund unterliege. Anders gesagt: Marx schwankt zwischen der Theorie kapitalistischer Entwicklung, die ihn so berühmt wie berüchtigt gemacht hat, und der “Kritik der politischen Ökonomie”, die “Das Kapital” im Untertitel zu sein verspricht. Theorie und Kritik jedoch sind zwei par Schuhe. Mit der Theorie brachte er die Rede von der “Klasse an sich” und der “Klasse für sich” in die Welt, die als Ideologie schon längst da war, die Lieblingsideologie des auf “Vermittlung” erpichten Intellektuellen. Er setzte – obwohl sich, wie gesagt, aus der sog. Wertformanalyse, d.h. den ersten hundert Seiten des “Kapital”, das genaue Gegenteil folgern läßt – einen schlechten Idealismus in Umlauf, der dann in den Systemen des “wissenschaftlichen Sozialismus” Karriere machte, eine Trennung von Schein und Wesen, die nicht materialistisch artikuliert war, d.h. nicht in der Perspektive zu denken vermochte, daß dieses Wesen unmöglich anders als eben so zu erscheinen hatte. Denn das Wesen muß erscheinen, ein anderes Schicksal kann es nicht haben; der Schein ist das erscheinende Wesen, nicht, wie die linken Proletariatstheologen es gerne möchten, seine Verhüllung. Diese Argumentation soll mir für heute materialistisch genug sein, und sie spricht sich mit Marx gegen den Marxismus aus. Karl-Heinz Roth nun analysiert und argumentiert, wie er sagt, aus der “Klassenperspektive” – aber, wie mir scheint, er tut es mehr als Theoretiker denn als materialistischer Kritiker.

Wir alle bewundern Roths unendlichen Fleiß und den unermüdlichen Elan seiner historischen Studien. Was aber, wenn die Empirie nur Vorwand wäre, nur Illustration? Wenn er sich bei dem Unterfangen, das sozialrevolutionäre Interesse im Herzen der Wirklichkeit als deren eigene unabweisbare Notwendigkeit zu verankern, darein verstrickt hätte, dies Interesse mit Empirie nur zu garnieren? Wenn er, beim Versuch des genauen Gegenteils, nur die vollendete Äußerlichkeit von Interesse und Wirklichkeit demonstriert hätte? Ein Indiz dafür, neben der Diskussion um die “moralische Ökonomie”, die später zu führen sein wird, ist Roths Analyse der wiederkehrenden Proletarität. Denn das empirische Material, mit dem er das Szenario globaler Ausbeutungsketten entwirft, soll dazu dienen, eine längst vorgefaßte, sich aus dieser empirischen Fülle keineswegs notwendig herleitende Revolutionstheorie zu begründen. Die Empirie ist seiner These äußerlich, und sie läßt sich ganz zwanglos als Beleg für eine ganz andere Theorie des gegenwärtigen Kapitalismus verwenden, nämlich einer Theorie, die die von Roth aufgezählten Phänomene als Indizien eines sich zu seinem Begriff entfaltenden Kapitalismus analysiert: Nicht die Proletarität kommt wieder, vielmehr setzt sich das Kapital absolut.

“Sich zu seinem eigenen Begriff entfaltender Kapitalismus”: Das soll meinen, daß die Vermittlung des Kapitals mit sich selbst, daß die Selbstverwertung des Werts oder die Akkumulation als in sich selbst gründender Selbstzweck – Marx hat dafür die scheinbar paradoxe Metapher des “automatischen Subjekts” gewählt – ihren Kreis immer enger und enger zieht. Kapital ist, was seine Voraussetzungen als sein eigenes Resultat reproduziert, Kapital ist Identität von Grund und Begründetem, d.h. Selbstkonstitution. Ein zentrales Problem des Kapitals ist der Durchgang des produzierten Wertes durch den Markt, die Realisierung des Werts in der Form des Geldes. Es handelt sich dabei nicht nur um ein absolutes, sondern zudem um ein relatives, also um ein Zeitproblem: Verlorene Zeit ist verlorenes Geld, d.h. in Relation zu anderen, schnelleren Kapitalien entwertetes Kapital. Die Rationalisierung der Zirkulation versucht nichts anderes, als die Umschlagszeit des Kapitals, die die Wertrealisierung behindert, auf Null als ihren Grenzwert gehen zu lassen. Nullzeit ist der Limes, der durch die Stofflichkeit der Waren wie durch die Räumlichkeit der Zirkulation selbst niemals erreicht wird, obwohl sie, ihrem, Begriff nach, erreicht werden muß: Das ist der Gegenstand des zweiten und dritten Bandes des “Kapital”. Die gegenwärtigen Erscheinungen wie zum Beispiel die Verbilligung im Transportwesen oder “die dritte, die mikroelektronische Revolution”, von der z.B. Robert Kurz schwärmt, sind nichts an sich neues, sondern sie prägen das Kapitalverhältnis seit der ersten großen Rationalisierung der Zirkulation, nämlich den Erfindungen des Bankenwesens im großen Stil Anfang und Mitte des vorherigen Jahrhunderts: die unendliche Formenvielfalt des Kredits, die ebensoviele Formen sind, die Umschlagszeit zu verringern. Meine These lautet also: Das Kapital, das versucht, sich mit sich selbst zu vermitteln und seine Zirkulationszeit auf Null zu setzen, muß notwendigerweise alles, was an ihm selber stofflich ist, wegzuarbeiten und zu entstofflichen suchen.

Die Empirie, die Roth bemüht, deutet daher bei aller Evidenz des ersten Blicks keineswegs auf eine Entkoppelung von Produktion einerseits, parasitärer Geldvermehrung durch “Rentiers und Couponschneider” [ 1 ] andererseits, sondern ist ein Indiz der Totalisierung des Kapitals. Und damit verfällt auch Roths Versuch der Kritik, den Klassenantagonismus erneut auf den Gegensatz von Arm und Reich abzubilden. Nicht die Zirkulation hebt ab ins nichts als geldheckende spekulantenhafte Wolkenkuckucksheim, sondern die Produktion des Kapitals greift über sich selbst über und totalisiert sich. Jede Spekulation, jede absurde Geldschöpfung, die die börsenmakelnden Yuppies aus dem Nichts zaubern, ist eine Spekulation auf die Verminderung der Umschlagszeit des produktiven Kapitals. Die empirischen Phänomene also, die die Revolutionstheorie neu begründen sollen, begründen tatsächlich das gerade Gegenteil. Es verwundert sehr, daß Roth, bemüht wie kaum ein anderer darum, den Klassenantagonismus aus dem ideologisierenden Zugriff der dogmatischen Tradition zu befreien, über das Verhältnis von Empirie und Theorie sowenig reflektiert wie diese. Sein Theorieverständnis ist so traditionalistisch wie das aller, die nie die “Negative Dialektik” zur Kenntnis genommen haben – so schreibt er z.B., es ginge darum, “die methodischen Kernbestände der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie, die im Gegensatz zu der daraus abgeleiteten historischen Prognose zweifellos unverändert sind, zu bewahren und empirisch-kritisch weiterzuentwickeln.” [ 2 ] Die marxsche Theorie allerdings kennt keinen Gegensatz von Methode und Gegenstand, weil sie eine materialistische, keine positivistische ist. Die “Methode” ist nichts Äußerliches, sie ist kein Werkzeug und nicht der Hammer, mit dem die Linken so lange auf die Realität einhauen, bis der revolutionäre Funke sprüht – sie ist die Selbstreflexion des Gegenstandes. Daher kennt sie kein Problem der Vermittlung von Theorie und Empirie. Aber Roth, der kritische, undogmatische Marxist, spricht über Marx wie ein Positivist.

Insoweit ihre Intention auf materialistische Kritik geht, hat es die marxsche Theorie weder nötig, auf “empirisch-kritische” Weise fortentwickelt zu werden (d.h., was Roth wohl meint, andere Prognosen aufgepropft zu bekommen), noch ist sie dazu fähig. Handelt sie doch von nichts anderem als von der negativen Synthesis der Gesellschaft im Kapital, die aus der so herrschaftlichen wie ausbeuterischen Spaltung der Produkte und ihrer neuen Darstellung als hie Tauschwert, da Gebrauchswert entspringt. Es ist diese Synthesis, die sich als abstrakte Quantität einerseits, konkrete Qualität anderseits darstellt, d.h. als Vermittlungsproblem von Geld und Ware, und die dem Verstand anbietet, sie einerseits theoretisch zu durchdenken, andererseits empirisch zu erforschen. Dieses durchsichtige Angebot sollten wir dankend ablehnen und ideologiekritisch zurückweisen, denn die Revolution läßt sich unmöglich in den “objektiven Gedankenformen” (Marx) des Kapitals selbst begründen. Warum? Weil sie, wenn sie die Revolution ist, (unter anderem) den Zwang, in den Formen der Ideologie zu denken, hinfällig werden läßt. Die Revolution ist nicht gelungene Vermittlung, sondern sie ist die gesellschaftliche Liquidation des Vermittlungsproblems selbst. Roth will die Revolutionstheorie als die Eselsbrücke, die Theorie und Empirie verbindet. Daher seine Rede von einer neuen, sozialrevolutionären Moral, die aus den neuen Formen sozialer Subjektivität erwachsen soll. Seine Polemik gegen “den starren Funktionalismus und Determinismus der marxistischen Kritik” [ 3 ] zeigt an, daß er das dogmatische Spiel einer durch die Partei vermittelten Dialektik zwischen der Klasse an sich und der Klasse für sich ebensosehr zurückweist, wie er entschieden bemüht ist, nur diese Parteifunktion zu substituieren, nicht aber das Schema selbst aufzugeben. An den systematischen Ort der Partei tritt das Konstrukt der sozialrevolutionären Moral. Und hierin aufersteht die komplette Tradition. Denn das neue Subjekt, das in den neuen Klassenverhältnissen gezeugt wird, mag in seinen Exemplaren zwar empirisch ganz verschieden sein, mag sich anders artikulieren, mag in Weltgegenden kämpfen, in denen zuvor noch niemand gekämpft hat – aber es bleibt doch das Produkt einer objektiven sozialen Lage, die einen objektiven politischen Auftrag stiftet und damit den objektiven Zwang, sich diese Lage und diesen Auftrag mit Bewußtsein anzueignen. Nichts anderes hat Lenin gesagt, nicht anderes Karl Kautsky und Georg Lukàcs, nichts anderes Stalin. Es verwundert sehr, im Kern dieses avantgardistischen Konstrukts eine theoretische Konstellation wiederzufinden, die diese schlechte Tradition wieder aufnimmt: Es verlangt nämlich danach, den Spagat zwischen objektiver sozialer Lage und subjektiven sozialen Bewußtsein zu schaffen, die Synthese zu stiften. Hierzu benötigt es den Intellektuellen als Vermittler. Es ist zwar bei Karl Heinz Roth nirgendwo von einer Partei die Rede, aber alle Momente, die die klassische Partei der Proletarität auszeichneten, kehren in diesem neuen Vermittlungsvorschlag wieder.

Ideologiekritik dagegen zielt auf den Bruch mit den objektiven Gedankenformen des Kapital. Sie will nicht damit sich abfinden, mit sozialer Notwendigkeit falsch zu denken, will aus der neurotischen Zwanghaftigkeit, die Empirie des Kapitals nur in den vom Kapital selbst gestifteten theoretischen Reflexionsformen verstehen zu können, ausbrechen. Die vermeintlich revolutionäre Dialektik von “Klasse an sich” und “Klasse für sich” jedoch ist nichts als Ideologie, nur ein Traum der linken Intellektuellen. Sie leitet sich ab aus dem Gegensatz von Tauschwert und Gebrauchswert, in dem das Empirische zum Phänomen wird, zum Uneigentlichen, also: wie es im “Kapital” heißt, zum “stofflichen Träger” des Tauschwerts, d.h. seiner zwar allemal notwendigen, noch lange aber nicht hinreichenden Bedingung. Im Geld, das zeigt die marxsche Wertformanalyse, emanzipiert sich der Tauschwert noch von dieser nur formellen Trägerschaft durch den Stoff und setzt sich selbst als Stoff, als seine eigene Empirie. Darin ist die Empirie nichts als die Konkretion des Abstrakten, dessen Darstellungsform. Theorie als Denkform (d.h. als Selbstbewußtsein der Ware) durchschaut das Wirkliche auf sein Wesen, d.h. reflektiert auf die tätige Abstraktion des Werts als auf den Grund seiner Konstitution. So führt der theoretische Erkenntniswille mitten hinein in die Affirmation des Vorfindlichen. Die Theorie des Kapitals gibt das Kapital als Theorie. Wenn die Linke sich rekonstruieren will, wenn sie sich zur Rückforderung der Zukunft ertüchtigen will, dann muß sie mit der radikalen Kritik beginnen, d.h. sich selbst vom notorischen Hang zur Ideologieproduktion befreien. Nur dann wird Praxis als revolutionäre Antipolitik möglich sein. [ 4 ]

Erstmals erschienen in den “Blättern des iz3w” Nr. 222 (1997).

Anmerkungen

1 Karl Heinz Roth, Die neuen Klassenverhältnisse und die Perspektive der Linken – Schwächen und Stärken eines überfälligen Diskussionsvorschlags, in: Ders., (Hg.) Die Wiederkehr der Proletarität. Dokumentation der Debatte, Köln 1994, S. 155 – 283, hier S. 281 2 Ebd., S. 270 3 Ebd., S. 264 4 Vgl. Initiative Sozialistisches Forum, Das Ende des Sozialismus, die Zukunft der Revolution. Analysen und Polemiken, Freiburg 1990


[ 1 ] Karl Heinz Roth, Die neuen Klassenverhältnisse und die Perspektive der Linken - Schwächen und Stärken eines überfälligen Diskussionsvorschlags, in: Ders., (Hg.) Die Wiederkehr der Proletarität. Dokumentation der Debatte, Köln 1994, S. 155 - 283, hier S. 281
[ 2 ] Ebd., S. 270
[ 3 ] Ebd., S. 264
[ 4 ] Vgl. Initiative Sozialistisches Forum, Das Ende des Sozialismus, die Zukunft der Revolution. Analysen und Polemiken, Freiburg 1990

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