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Einheit in der Trennung

Manfred Dahlmann

1. Ohne Zweifel ist auch die heutige Gesellschaft (die postnazistische, wie in einem demnächst in einem Freiburger Verlag erscheinenden Buch genauer ausgeführt werden wird), wie die von vor 200 Jahren auch, eine kapitalistische, d.h. eine sich dank der Vermittlung im Wert synthetisierende Gesellschaft. Aus diesem Umstand allein schon ergeben sich, Utopieverbot hin, und das auf Verewigung der Priesterschaft der Intellektuellen zielende konkrete Entwerfen von zukünftigen Modellen her (bei diesen Dingen handelt es sich, das will ich gleich einräumen, um äußerst sinnvolle, wenn man so will: vernünftig begründete Tabuisierungen, die auch nicht im geringsten anzutasten sind), aber dennoch: schon in meiner Eingangsformulierung, also der, daß wir, aller Veränderungen der letzten Jahrzehnte zum Trotz, weiterhin eindeutig in einer kapitalistischen Gesellschaft leben, sind positive Aussagen zur kommunistischen Gesellschaft impliziert, die unmittelbar aus der bestimmten Negation der bürgerlichen folgen, und denen ich kurz nachgehen will. Wobei vorweg klarzustellen ist, daß es sich um logische Operationen handelt, woraus wiederum folgt, daß die schließliche Praxis sich an diese Logik nicht unbedingt zu halten hat, vor allem dann nicht, wenn sich erweisen sollte, daß Logik zum Fetisch wird und so das Grundprinzip des Kommunismus: die freie Assoziation der Einzelnen ohne Zwang, verletzt. Das Verhältnis von Logik und Praxis, wie das von Allgemeinem und Besonderem, wie das von Empirie und Theorie usw., ist vom Prinzip her ganz anders zu denken als dies sich die heutige Wissenschaft vorzustellen vermag. Aber das nur am Rande.

2. Darin, daß die kapitalistische Gesellschaft sich im Wert aus sich selbst reproduziert unterscheidet sie sich von allen ihr vorangegangenen. Für den Begriff des Kommunismus heißt das – und das ist, wie es bei logischen Operationen eingangs immer so ist: absolut banal: daraus folgt also, daß dieser Kommunismus nur dann als Fortschritt gegenüber der existierenden Gesellschaft zu begreifen ist, wenn er nicht in eine Form gesellschaftlicher Synthesis zurückfällt, über die der Kapitalismus selbst schon hinausweist. Die zivilisatorische Überlegenheit des Kapitalismus gegenüber allen anderen, bisher historisch realisierten Formen von Vergesellschaftung, so unterschiedlich sie immer gewesen sein mögen, besteht – und jeder kennt diese banale Wahrheit, aber die meisten pfeifen auf sie, sobald es konkret zu werden beginnt – besteht also darin, die althergebrachten, personalen, auf Unmittelbarkeit beruhenden Abhängigkeitsverhältnisse durch ein apersonales, abstraktes System rechts- und warenförmiger Beziehungen abgelöst zu haben. Philosophisch zeigt sich dieser fundamentale Fortschritt in der Menschheitsgeschichte darin, daß der aristotelische Wahrheits- und Vernunftbegriff – wenn auch, wie ich gleich ausführen werde, nur für ganz kurze Zeit und nur theoretisch – durch den Kantschen, bzw. Hegelschen ersetzt worden ist. Für den Kommunismusbegriff folgt daraus jedenfalls logisch unabweisbar, daß sich die Menschen hier nicht in einer Form vergesellschaften, die auf personalen Abhängigkeiten beruht, in welcher Form auch immer. Der Kommunismus darf sich deshalb von der bürgerlichen Gesellschaft, von der er sich ja fundamental unterscheidet, in einer wesentlichen, einer ganz zentralen Bestimmung gerade nicht unterscheiden, und hier hört nun jede Banalität sofort auf: Die Vermittlung, über die sich in ihm die Beziehungen der Menschen gestalten, sind, wie in der bürgerlichen, abstrakte, versachlichte, horribili dictu: verdinglichte. Tertium non datur, wie der Logiker sagt. Nur als gegenständlich Vermittelte können menschliche Beziehungen als von Herrschaft und Ausbeutung frei gedacht werden (und realisiert werden erst recht).

3. Im vorbürgerlichen, also aristotelischen Wahrheitsbegriff kann Freiheit von Herrschaft dagegen nicht gedacht werden und wurde es auch nicht. Weshalb Utopien oder ähnliche chiliastische Träumereien von einem Atlantis noch hinter den aristotelischen Vernunftbegriff zurückfallen: sie argumentieren, so heißt das philosophisch:  platonisch-idealistisch. Wie auch immer man von hier aus, also im vorbürgerlichen Denken insgesamt, Wahrheit denkt: der Besitz der Vernunft ist dann in jedem Fall ein Privileg: ist einer Aristokratie vorbehalten, sei es dem Kaiser, dem Philosophen, dem Weisen oder sie ist Privileg Gottes. Herrschaft selbst ist Teil dieser Vernunft: nämlich ist exakt ihre Praxis. Herrschaft kann in diesem Denken nur gerecht, oder in einer sonstigen Weise, gestaltet, nie aber grundsätzlich aufgelöst werden. Vernunft ist lediglich das Instrument, mittels dessen die persönlichen Abhängigkeitsbeziehungen, die von Natur aus existieren, im Sinne dessen, was allgemein als höchstes Gut anerkannt wird, zu regeln sind. Von Natur aus existieren, ist zu betonen: denn wer kann, versetzen wir uns kurz mal in den Empirismus eines Aristoteles, von hier aus gesehen, mit vernünftigen Gründen bestreiten, daß Alte weniger stark sind als Junge, daß Philosophen weiser sind als Handwerker, daß Frauen und Sklaven weniger Wert haben als Männer usw. usf.?

4. Im Zuge der Aufklärung erst erkennt eine Gesellschaft, daß ein anderer Vernunftbegriff als der instrumentelle nicht nur denkmöglich, sondern auch praktizierbar ist. Erkennt, daß nirgendwo anders als in jedem Individuum, das Menschenantlitz trägt, eine allen gemeinsame Vernunft ihren Ort hat. Hier, in jedem Einzelnen, ist sie vollständig angelegt und aus ihm heraus ergibt sich ihre potentielle Entfaltung in die konkrete Praxis der Gesellschaft. Lassen wir mal die innerphilosophische Problematik beiseite: es wird jedoch schon bei Kant überdeutlich, warum und woran dieser Vernunftbegriff in der existierenden, also der kapitalistischen Gesellschaft praktisch scheitern muß: Die Vernunft gewinnt ihre Fähigkeit zur Selbstreproduktion, zur Dynamik ihrer abstrakten Beziehungen allein dadurch, daß sie den größten Teil der Menschen bei Strafe des Unterganges zwingt, ihre Arbeitskraft zur Ware zu machen, da nur so diese Menschen ihren Körper am Leben erhalten können. Der bürgerliche Vernunftbegriff dementiert sich demnach sofort in sich selbst: denn daß dieser Zwang Herrschaft und Ausbeutung in neuer Form erzeugt, statt die alten Formen zu überwinden, sagt einem jede Vernunft: und sei es die aristotelische.

5. Nachdem Marx die Folgerungen der bürgerlichen Vernunft, in ihrem Gegensatz zur aristotelischen, auf den Begriff gebracht hatte: (und genau diese Folgerungen, soweit sie nicht geschichtsphilosophisch mißinterpretiert werden, tragen den Namen Kommunismus), mußte die bürgerliche Gesellschaft all ihre geistigen (und später auch: todesindustriell praktischen) Batallione in den Kampf gegen diesen Ort führen, in dem die Vernunft sich als Freiheit von Ausbeutung und Herrschaft frei zu denken vermag: gegen das transzendentale, also allen gemeinsame Ich, das dennoch, in einem und gleichzeitig, und darin jeder aristotelischen Logik Hohn spottend, jeden Einzelnen zum unverwechselbaren Exemplar seiner Gattung macht. (Auch mit diesem Sachverhalt kommt, dies wieder nur am Rande, die Wissenschaft, wie sich etwa in ihrem Verhältnis zu Freud zeigt, nicht zu Rande: sie kennt entweder nur das Kantsche, philosophische  Ich, also den Ort, der alle meine Empfindungen, Urteile, Beobachtungen, kurz: Verstandestätigkeiten begleitet, oder aber das psychische, das den einzelnen mit einem (angeblich) unveränderlichen Selbst, mit Chahrakter- und sonstigen Eigenschaften und mit Persönlichkeit belegt.) Der wissenschaftliche Positivismus jedenfalls von der einen, die Nietzscheanische Willensphilosophie von der anderen Seite her nehmen das bürgerliche, transzendentale Ich unter Dauerbeschuß. Heute behauptet mittlerweile jeder Spiegel-Schreiberling zu wissen – und die akademische Gegenposition gegen diesen Biologismus, die Jünger Foucaults, behaupten dasselbe, wenn sie ihr reaktionär-faschistisches Gefasel vom Tod des Subjekts vom Stapel lassen – daß das Ich eine bloße kulturelle Illusion sei, der nichts materielles, substantielles, körperliches entspreche, kurz, das also in Wirklichkeit gar nicht existiere. Sie alle haben ja auch so recht: das Ich ist die im Kapitalismus sich konstituierende Illusion, die aber, und genau dies wäre von Kommunisten in dieser Schlacht dagegen zu halten, den Materialismus, der Bedingung seiner Möglichkeit nach, erst begründet und sich, im Kommunismus, zu realisieren hätte.

6. Im rudimentären, d.h. mit sich selbst nicht versöhnten Ich reproduziert sich der politische Kampf des Bürgers gegen sich selbst, was ihn dazu drängt, sich im Volk (oder in sonstigen Gebilden: Religion, Nation etc.) aufzugeben: Weil ihm dies aber, solange bürgerliche Tauschverhältnisse existieren, gar nicht wirklich gelingen kann – zumindest solange er nicht tatsächlich, also leiblich gestorben ist – will er es in seinem Gegenpol, dem Juden, den er als die gelungene Versöhnung des Ichs mit sich selbst imaginiert, zerstören. Soviel nur zur philosophischen Grundlage des Antisemitismus. Über alles weitere wurde hier ja schon verhandelt.

7. Kein Wunder also: der heutige Wahrheits- und Vernunftbegriff ist, wo immer man ihm begegnet, nicht in die Zukunft gerichtet, sondern mit dem aristotelischen unheilvoll verbandelt,  d.h. er ist der Logik vom ausgeschlossenen Dritten verpflichtet, oder dem Relativismus, der die Absolutheit von Wahrheit und Vernunft leugnet, um die absolute Herrschaft des Kapitals nicht infrage stellen zu müssen. Doch mit der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft ist es nun einmal denkmöglich geworden, Vermittlung in einer Form zu fassen, in der ihr Substanz gar nicht unbedingt unterstellt werden müßte: Kommunismus wäre also die für jeden Logiker unbegreifbare (und nur einem Theologen irgendwie verständlich zu machende) Bestimmung einer Vergesellschaftung ohne Arbeit, wäre die Existenz von Wert bzw. Reichtum ohne Substanz.

8. Von dieser abstrakten Grundlage aus kann man nun durchaus einige Schritte weiter in die Konkretion gehen: wohlgemerkt, ohne den Grundsatz zu verletzen, daß positive Bestimmungen des Kommunismus, die die konkrete Lebenswirklichkeit erfassen, vom theoretischen Standpunkt aus unmöglich sind, vor allem insoweit sie ein ethisches Sollen beinhalten.

9. In diesem Sinne läßt sich z.B. ausführen, daß der Kommunismus sich in einer Weise vergesellschaftet, die ausschließt, daß Angst ein Medium ist, in dem sich die Beziehungen der Menschen gestalten. Es geht hier nicht um Angst an sich: die ist nur im Tod überwunden. Vereinzelung, also Trennung, ist die Voraussetzung jeder bürgerlichen wie der kommunistischen Gesellschaft, und sie ist damit vom Auftreten von Urangst nicht zu trennen. Es geht hier aber um die profane Angst, morgen nichts mehr zu essen zu haben, wenn man einem Befehl nicht gehorcht bzw. einer x-beliebigen Anforderung nicht genügt. Es geht um die alltägliche Angst, vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen zu sein, wenn ich mich in einer bestimmten Form verhalte, oder, unter Androhung von Strafen, bzw. was dasselbe ist: unter dem Versprechen eines Lohnes, zu einem bestimmten Verhalten bewegt zu werden. Die Freiheit des Geistes, sich von solcher von Not diktierter Mechanismen zu emanzipieren, ist absolut zu setzen. Ansonsten kann von Kommunismus keine Rede sein. Die Grenze ist damit gezogen, die den Kommunismus von jeder, religiös oder sonstwas getragenen Erweckungsbewegung trennt: das Bewußtsein des Einzelnen ist ihm gleichgültig, solange gesichert ist, daß es unmöglich ist, auch nur einen einzigen Menschen zu irgendetwas zu bringen, indem man ihm damit droht, daß ansonsten seine: im ganz engen Sinne: körperliche Unversehrtheit infrage gestellt ist.

10. Wie dieses Gewaltmonopol, und um nichts anderes handelt es sich bei der Durchsetzung dieses Primats des Vernunft aller Einzelnen im Kern,  sich im Kommunismus organisiert, weiß ich nicht. Der Staat, der, daran sei wieder mal erinnert, der existiert im Kommunismus selbstredend nicht. Kommunismus und Staat schließen sich ebenso aus wie Kommunismus und Geld. (Und, am Rande: Selbstredend geht es hier nicht um Namen, sondern das vom Namen Bezeichnete. Es geht um die Frage, wie eine Gesellschaft zu denken ist, die ohne allgemeines Äquivalent und ohne allgemeingeltendes Recht existiert und gerade so sich als vernünftige Gesellschaft zu organisieren vermag.) Sich Gedanken darum machen, wie das alles zusammengehen kann, kann man sich allerdings schon jetzt. Daß sich dieser Zusammenhalt (bei – potentiell – völliger Losgelöstheit des Einzelnen von allen autoritären Bindungen, wie man immer wieder betonen muß) von selbst einstellt, ist ausgeschlossen. Denn der Mensch ist nicht von Natur aus gut, so wenig wie von Natur aus schlecht, sondern von Natur aus bedürftig. Mir fällt hier nichts besseres ein, als der Rat, darauf zu vertrauen, daß Marx recht hatte, als er meinte, die Menschheit stelle sich nur die Probleme, die sie auch lösen könne. Wenn wir viele Probleme also jetzt nicht lösen können, so können wir sie doch wenigstens stellen – um sie zu lösen, wenn sie sich als richtig gestellt erweisen.

11. Gehen wir noch etwas weiter in der Konkretion kommunistischer Vergesellschaftung: Das Ich, so wie es als bürgerliches Versprechen in jedem von uns existiert, setzt das Allgemeine, das sich als Differenz erzeugt. In der Erfahrung, daß es sich in Differenz zu seinem Körper befindet, darin aber mit dem Körper eine unauflösliche Einheit bildet (denn ohne ihn existiert das Ich natürlich nicht, es wäre ohne Verstand) konstituiert sich sowohl das bürgerliche Subjekt als auch das potentiell kommunistische Individuum. Damit ist die Natur als die Grenze markiert, hinter der das Reich der Notwendigkeit und vor der das Reich der Freiheit beginnt. Daraus folgt, jetzt wieder logisch banal: je intensiver man sich mit diesem Reich der Notwendigkeit beschäftigt, und damit, es zu überwinden, umso eher ergeben sich die Räume des Reiches der Freiheit. Diese Differenzierung setzt damit unumstößlich fest, daß es im Kommunismus den Individuen unmöglich geworden ist, andere verhungern oder an behandelbaren Krankheiten sterben zu lassen, oder sonstwie in ihrer Körperlichkeit zu beeinträchtigen. Freiheit setzt die Fähigkeit voraus, unabhängig von den Bedürfnissen der Natur, also den Regungen des eigenen Körpers agieren zu können: Allerdings, dies im strikten Gegensatz zum religiösen Asketen, nicht gegen diesen Körper, sondern mit ihm hedonistisch versöhnt.

12. Ich benenne ein weiteres Problem, das sich sofort einstellt, wenn man der bestimmten Negation der kapitalistischen Gesellschaft nachgeht: Vergesellschaftung durch den Wert und somit im Staat bedeutet, daß Qualität nur eine Rolle spielt, soweit sie in Quantität übersetzt werden kann. Empirischer Träger dieser Transformation ist in der bürgerlichen Gesellschaft bekanntlich das Geld. Im Kapitalismus gewinnt das Subjekt deshalb die Freiheit, darüber bestimmen zu dürfen, was für es wichtig ist. Objektiven Gebrauchswert hat hier tatsächlich allein das, was vom Subjekt als mit Gebrauchswert ausgestattet bestimmt wird. Deshalb hat im Kapitalismus das Bedürfnis des Zahnarztes nach einer Yacht exakt denselben Status wie das Bedürfnis des Verhungernden nach einem Stück Brot. Natürlich bereitet der Kommunismus diesem Unfug ein verdientes Ende. Ansonsten schriebe er ja den kapitalistischen Irrsinn anstelle seines vernünftigen Potentials fort. Doch kann er ja auch diesbezüglich  nicht doch wieder in den vorbürgerlichen Zustand regredieren, in dem Autorität, staatliche, religiöse oder sonstwie institutionalisierte, festsetzte, was wichtig, was weniger wichtig war. Also auch hier: Eine klare Differenzierung zwischen Körper und Geist, zwischen Notwendigkeit und Freiheit, eine Differenzierung, die sich in ihrer Struktur abstrakt reproduziert, also objektiv und absolut ist, ohne jedoch in Staat und Geld zu materialisieren oder in Ideologie aufzugehen, ist notwendig. Das Problem aber bleibt: in welcher Form materialisiert und reproduziert sich diese Differenzierung in jedem einzelnen, wenn auf Rechts- und Eigentumsformen, also die Grundlage von Herrschaft und Ausbeutung, nicht zurückgegriffen werden kann?

14. Wir sind wieder bei der alles entscheidenden Frage: was ist im Kommunismus das alles Besondere synthetisierende, allgemeine Medium der Vermittlung? Im Kapitalismus ist es der Wert, der Vergesellschaftung jenseits von Ausbeutung und Herrschaft zwar verspricht, dieses im Zwang zur Arbeit aber sofort wieder dementiert. In allen anderen bisherigen Gesellschaften war es allein die unmittelbare Angst vor dem Aggressor, die die Beziehungen der Menschen regelte. Klar, was es bezweckt, wenn die Werbung und die Kulturindustrie an Sicherheit, Geborgenheit, Gefühl, Liebe und all den Kram appellieren, der angeblich eine Vermittlung jenseits des Werts und der Warenförmigkeit leisten soll. Aufgabe der Kulturindustrie, aber auch der Religion unter kapitalistischen Bedingungen, ist es, das Individuum, das in den Tauschbeziehungen die Möglichkeit von Freiheit erfährt, wieder in seine alten Ängste zurückzuholen und so in seine Vergangenheit zurückzustoßen, damit er weiterhin seine Arbeitskraft zu verkaufen gezwungen ist. Erinnert sei hier nur daran, daß die Familie die Ur- und Keimform eines jeden Rackets ist. In diesen Rackets organisiert sich der Zwang, der die Freiheit und Gleichheit auf den Märkten dementiert. Aufgabe des Kommunisten ist es, sich aus all diesen Fallen zu lösen. Wahrhaft keine einfache Sache.

 15. Zum Schluß noch was, um die Kritik der politischen Ökonomie im engeren Sinne  nicht zu kurz kommen zu lassen: Die Überlegenheit des Kapitals über alle anderen gesellschaftlichen Verkehrsformen ergibt sich aus seiner inneren, bekanntlich lebensgefährlichen Konkurrenz des jeder gegen jeden, die die Dynamik erzeugt, dank der es zur Selbstreproduktion und zu immer neuen Rationalisierungsschüben kommt und die für die Verüberflüssigung des Menschen sorgt, statt der Reduzierung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit für alle, und auch dafür sorgt, woran jede Planwirtschaft scheitern muß: Nämlich daß sich auf dem Markt genau die Schraube findet, die ich für meine Maschine jetzt gerade brauche. Eine Organisation des Reichs der Notwendigkeit, die nicht, in gleicher Weise wie das Kapital, in der Materialisation seines Prinzips eine Dynamik verankert, die die für die Naturerhaltung notwendige, gesellschaftliche Arbeit tatsächlich ständig zu reduzieren vermag, hat gegen den alten Kapitalismus von vornherein keine Chance. Auch das nur zur gefälligen Beachtung, wenn von Kommunismus die Rede ist. Die Antwort darauf kenne ich nämlich auch wieder nicht.

16. Werden wir aktuell: Notwendig ist der kollektive Kritiker: ein anderes Organisationsprinzip der Kritik, das Identifikation und Gegenidentifikation emanzipativ gegen die herrschenden Verhältnisse in Anschlag bringen könnte, kennen wir nicht. Wobei dieser kollektive Kritiker, um ihn etwas näher zu bestimmen, sich durchaus wie das Ich des Bürgers organisieren könnte: als Einheit in der Trennung. Und auf der Grundlage einer nicht infragezustellenden Vernunft und Wahrheit, die darin ihre Basis hat, daß jeder Mensch gleich frei geboren ist, und im Vollzug der beständigen Reflexion der Bedingungen, wo Ein- und Angriffsmöglichkeiten der Kritik liegen, die der Reaktion, besonders der im linken Gewande, das Handwerk legen.

Vortrag, gehalten auf dem Kongreß “Gegen die antisemitische Internationale” in Berlin, 6.-7. Juni 2003

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