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Die Pro-Deutschen sind da!

Zur Präsentation des Buches von Gerhard Hanloser (Hg.) “Sie warn die Antideutschesten der deutschen Linken. Zu Geschichte, Kritik und Zukunft antideutscher Politik” (Unrast Verlag, Münster 2004) am 18. Dezember in der Freiburger KTS

Initiative Sozialistisches Forum

Deutschland ist das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten. Alles hat hier, in Deutschland, seine Ordnung zu haben. Auch links von der Mitte: Die Subver­sion, d.h. die “Zersetzung”, ist der Feind, Kritik verhaßt, die Revolution schon aus ökologischen Grün­den verboten. Konformismus ist bessere Einsicht und jeder Einwand nur ein Dokument des höheren Einverständnisses und der Bereitschaft zum Mitmachen. Wahrheit gilt als dogmatisch und als Konstruktion. Wem gar nichts mehr einfallen will, dem fallen immer noch Foucault und Heidegger ein, oder, wie es im Machwerk Hanlosers heißt: der “Sprechort”. Ideologiekritik, insbesondere die in der Tradition von Marx/Adorno, erscheint als abgehoben, wurzellos, ergo jüdisch und volksfeindlich. Naturgemäß ist Deutschland daher ein Bollwerk gegen Erkenntnis, gegen jedweden materialistischen Aufklärungsversuch.

Was sich hier “die Linke” nennt und was, wie der Herausgeber Hanloser, schon immer, wenn auch selbstverständlich kritisch, mit jeder Friedens­bewegung gegen Amerika (und also gegen Israel) kollaborierte, agiert im kleinbürgerlichen Haß auf das Denken, auf die Kohärenz der Philosophie. Was Marx im “Kommu­nistischen Manifest” den “wahren Sozialismus” nannte, meint exakt dies Gebräu aus Attac!, Wolf Wetzel, RDL, Holger Schatz und Eßbach-Seminar: Suppenküchen-Sozialismus für Rest-Autonome, dazu Gutmenschen-Brei, garniert mit zusammengelesenen Zitaten – eine Werbeprämie für ein Jahresabonnement der Zeitschrift “wildcat”.

Was unterscheidet diese linken Gegner antideutscher Kritik, die der Herausgeber versammelt, in ihrer Aversion gegen Kommunismus, Kritische Theorie und Theodor W. Adorno eigentlich noch von rechter deutscher Ideologie, wie sie sich zum Beispiel im NPD-Organ “Deutsche Stimme” unter dem Titel “Geistiger Giftpilz der Gemeinschaftszersetzung” artikuliert:

“Die Kritische Theorie war nichts anderes als eine Theorie der radikalen Verneinung jeder gewachsenen Ordnung ... Wer sich wie Adorno ... der Zerstörung von Identität, Halt und Zusammengehörigkeit aufs Panier geschrieben hat, darf sich doch nicht verwundert die Augen reiben, wenn die entwurzelten Einzelnen plötzlich zum manipulierbaren Spielball anonymer Macht­strukturen ... werden. Denn wo das Volk zerstört wird, stirbt die Gemeinschaft, wo die Gemeinschaft zerstört wird, stirbt die Kultur, und wo die Kultur zerstört wird, stirbt der Einzelne. ... (Dies ist) das pathogene Denken (Adornos), das wirklich nur dem Gemeinschaftshaß des entwurzelten jüdischen Intellektuellen entspringen konnte.”

Die deutsche Rechte und die deutsche Linke befinden sich in einer Art antagonistischer Kooperation. Im erbitterten Gegensatz zueinander reproduzieren sie die deutsche Ideologie, die – probehalber einmal als philosophische Position betrachtet – im gemeinsa­men Haß auf die Kritische Theorie besteht. Dieser Haß ist die Camouflage ihres gemeinsamen Antisemi­tismus (rechts) und Antizionismus (links). Und wo die deutsche Rechte von “Entwurzelung” quatscht, da engagiert sich der deutsche Linke, wie Hanloser, gegen “eine bloße Ideologiekritik” und für “Realanalyse” (173). Das Schema: Gegen das Abstrakte, für das Konkrete, ist stets das gleiche.

Versteht sich, daß Hanloser, weil er einen ganz anderen Markt mit deutscher Ideologieware zu beliefern hat, sich für Propaganda gegen “das pathogene Denken” irgendwie zu fein ist. Seinem Vorwort merkt man an, wie angestrengt er die Ambivalenz zu meistern sucht, einerseits seinen kleinbürgerlichen Haß auf die Kritische Theorie , d.h. auf den Kommunismus der Gegenwart, auszuagieren, andrerseits aber dessen antisemitische Pointe nach zu unterdrücken. Was beim rechten Ideologen “Entwurzelung” heißt, nennt der linke gestelzt “Wirklichkeitsabstinenz”. Und gleich auf Seite 8 heißt es:

“Da sich radikale Kritik in Deutschland ... nicht mit dem historischen Subjekt verknüpfen konnte, geriet sie jedoch des Öfteren zur ‚kritischen Kritik‘ (Marx) und zur reinen Selbstbespiegelung vermeintlich kritischer Geister. Den Umstand vor Augen, daß eine fundamentale Umwälzung der Verhältnisse in weite Ferne gerückt zu sein scheint, radikalisierte sich diese Haltung zum distanzierenden Habitus, und Kritik wurde gleichbedeutend mit Denunziation und Polemik.”

Nicht von “Abgehobenheit” spricht der Wildcat-Autor, sondern von “Denunziation und Polemik”, und er bringt den Kalauer von der “kritischen Kritik” in Anschlag, dessen Sinn bei Marx er nicht kennen will: diffamiert werden soll ja die angeblich rein selbstbezügliche, narzißtische und de facto autoerotische Selbstbegattung der “kritischen Kritik”, das Volksfremde also, das Unfruchtbare, Sterile. Das ist, milde betrachtet, fishing for compliments im Ungeist. Nicht so milde betrachtet, ist das ganze Buch eine Illustration der bekannten These von Karl Kraus: “Deutsch fühlen, aber nicht können.”

Oft weiß man bei der Lektüre nicht so recht, ob die Ungelenkheit und regelrechte Unbedarftheit dieser Adorno-Verächter einfach nur Ausdruck sprachlicher Inkompetenz ist und damit bemitleidenswert, oder schon böse Absicht. Daß Michael T. Koltan vom Freiburger “Archiv für soziale Bewegungen” die Barrikade, die zwischen ihm und der revolutionären Vernunft sich aufgerichtet hat, damit dokumentiert, daß er die Kommunisten, d.h. die Anti-Deutschen, psychiatrisieren will (104), ist unerheblich; daß der Herausgeber diese Verbalexzesse ihm gestattet hat, nicht. Da es dem Archivar zur Gesellschaftskritik nicht reicht, ihn das gute Gewissen aber zu jeder Gemeinheit befugt, ist aushilfsweise von “antideutschem Wahn” (89), von “antideutscher Hysterie” (91) sowie davon die Rede, die Kritische Theorie z.B. der ISF und der Bahamas sei überhaupt “pervers” (103). Und überhaupt: Wo die Kritik versagt, wird die Psychiatrie zu Hilfe geholt – was Wolf Wetzel gerne, wie neulich in Bockenheim, in öffentlicher Rede fordert, das ist dieser Claque das Legitimste überhaupt, hat doch auch Moshe Zuckermann, der hier den Adorniten geben darf, attestiert, bei den Antideutschen handle es sich um eine “partikulare Perversion” (217), was Ilse Bindseil nur unterschreiben kann, denn bei Antideutschen “geht es zu wie im Lehrbuch der Zwangsneurose” (283) – kurz und gut: antideutsch ist, ganz wie der Nazi sagt, “pathogenes Denken”, ein Fall für die Klapse.

Es ist derlei das Maß der autoritären Phantasie des Herausgebers, die auf Säuberung geht. Man merkt seiner Schreibe an, daß er der Generation Golfkrieg I angehört, daß er schon als Schüler den National­pazifisten abgab. Daß etwa Bernhard Schmid von “den bisherigen theoretischen Unzulänglichkeiten bezüglich des antisemitischen Elements am Nationalsozialismus” (39) schwatzt, ist so bescheiden wie seine journalistische Produktion auch – daß der sonst so hyperkritische Kritiker jedweder “kriti­schen Kritik” ihm den Sprachschwulst durchgehen läßt, aber nicht. Unter den Pro-Deutschen hackt eine Krähe der andern kein Komma aus.

Denn die Unbedarftheit des einen Kumpans harmoniert mit der Ideologieproduktion des andern Spezis aufs vorzüglichste. Wer einen Gedanken nicht aufschreiben kann, der hat auch keinen gehabt – so hieß es zu Zeiten, in denen die Vernunft noch halbwegs bei Groschen war. Heute regiert das Bedürfnis, sich authentisch auszudrücken, über die Sprache. Die Sprache jedoch ist der objektive Leib der Wahrheit, die Sprachver­schwurbelung im Werk des Herausgebers das genaue Indiz der Lüge.

Der Herausgeber ist selbst bis über die Ohren verquast und auch sonst ein ausgemachter Linksmichel, der seinesgleichen sucht (und gefunden hat). Sein eigener Beitrag – der in Sachen so aufrichtiger Nebulösität wie grotesk auftrumpfender Unbildung nur noch von Holger Schatz übertroffen wird – ist ein Kompendium der intelligent betriebenen Selbstver­dummung. Wirklich beachtliche Redewendungen wie die vom “Starkmachen eines Klassenbegriffs” (181), die zur Absurdität gehäufte Verwendung des Wörtchens “durchaus” (einer Chiffre der Pseudo-Kritik unter den Ja-Sagern), überhaupt die akademische Gespreiztheit solcher Vokabeln wie der vom “Sprechort” (171, 191), auch das so foucault­mäßig wie heideggerianische Raunen vom “diskursiven Wahrheitsregime” (203) zeigen an, worum es dem Herausgeber zu tun ist: Daß es eben nicht um die Sache selbst geht und um ihre Revolutionierung – und deshalb enthält das 300seitige Machwerk auch nichts zum Nazifaschismus –, sondern darum, sich anzudienen; und daß es nicht, nur zum Beispiel, um die Kritik des Antisemitismus geht, sondern darum, die fixe Idee zu bekämpfen, “der Antisemitismusbegriff (sei) zur Legitimationsideo­logie” geworden – denn: “der antideutschen Linken kommt der Antisemitismus ... zupaß ... (200).

Dieses Buch, das heute abend beworben werden soll, demonstriert den unauflöslichen Zusammenhang von Sprachverwahrlosung und deutscher Ideologiebildung. Daß der Herausgeber letztlich davor zurückschreckt, die Konsequenz aus all dem zu ziehen und, wie etwa der Trotzkist Norman G. Finkelstein, zur Begeisterung der Nazi-Presse auf eine “Holocaust-Industrie” zu schließen, d.h. aus dem, was “zupaß” komme, auf ein Verhältnis der Beauftragung und recht eigentlich: Verursachung zu folgern, ist bloßer Zufall und nur dem Kalkül auf das Publikum geschuldet.

Anders gesagt: Was Gerhard Hanloser davon abhält, sich umstandslos mit der oben zitierten Invektive gegen die Kritische Theorie zu solidarisieren, ist nicht etwa ein Gefühl für Wahrheit oder gar Einsicht, sondern Opportunismus, also das Kalkül aufs eigene Fortkommen als Theoretiker.

Zum Weiterlesen:

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