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Automatik einer Theorie

Martin Janz

“Für den Revolutionär ist die Zeit schon immer reif gewesen.” Mit dieser einfachen Wahrheit resümiert Max Horkheimer bereits 1942 seine später in der “Dialektik der Aufklärung” und anderen Schriften dargelegte Kritik am verdinglichten Bewusstsein nicht nur der bürgerlich-instrumentellen Vernunft, sondern auch der zum wissenschaftlichen Sozialismus erstarrten Kritik der politischen Ökonomie. Der Marxismus blieb dieser Kritik gegenüber jedoch überaus resistent und hat in der Modernisierungstheorie von Robert Kurz trotz aller Einwände, die der Verfasser des “Schwarzbuch Kapitalismus” am Traditionsmarxismus formuliert, seine nun wohl finale Krise erreicht. Ging es früher darum, den Reifegrad des Kapitalismus für das letzte Gefecht wissenschaftlich festzulegen, offenbart sich Robert Kurz heute, am angeblichen “Ende der Modernisierungsgeschichte”, die “Reife des kapitalistischen Selbstwiderspruchs im Vernichtungs- und Selbstvernichtungswunsch” des Kapitalismus. Die Flugzeugangriffe vom 11. September auf das WTC und das Pentagon als Selbstmordattentat der Moderne? Vielleicht sollte man dann doch lieber über den Reifegrad von französischem Käse sinnieren. All jenen, die aus gutem Grund die gesellschaftlichen Verhältnisse und weltpolitischen Konstellationen seit 1945 vor dem Hintergrund der volksgemeinschaftlichen Krisenlösungsstrategie – der Symbiose von Kapital und Arbeit im NS sowie in der postfaschistischen deutschen Nachkriegsgesellschaft – reflektieren und die in den Anschlägen von New York und den Selbstmordattentaten in Israel einen antisemitischen Vernichtungswillen sehen, der mit dem des Nationalsozialismus strukturell vergleichbar ist, entgegnet der Nürnberger Meistertheoretiker in seinem Beitrag “Mudschaheddin des Werts” in der Jungle World vom 10. Oktober bündig: Ihr seid von vorgestern, euer Bewusstsein ist in der Konstellation des Zweiten Weltkrieges hängen geblieben. Denn der immanente Todestrieb der Wertvergesellschaftung lasse sich in der “reif gewordenen Weltkrise” nicht noch einmal, wie beim Niederringen der Nazis, auf dem Boden dieses Verhältnisses aufhalten und veräußerlichen. Weil die Weltwirtschaftskrise am Anfang des Jahrhunderts nur eine Durchsetzungskrise der Moderne, nicht aber deren “finale Krise” gewesen sei, habe der NS von der bürgerlichen Vernunft als ein äußerliches Reich des Bösen wahrgenommen und von der Anti-Hitler-Koalition bekämpft und besiegt werden können. Im Unterschied zur bürgerlichen Ideologie hätten Horkheimer und Adorno den NS zwar als das begriffen, was er Kurz zufolge nicht auch, sondern ausschließlich war: als Resultat der Aufklärung selber. Sie hätten aber den schwerwiegenden Fehler begangen, den NS als “negative Aufhebung des Kapitalismus” zu bestimmen und nicht als “Entwicklungsstufe und Erscheinungsform des Kapitalismus selbst”. Und genau dieses Erbe werde der aufklärerischen Linken von heute – gemeint ist die antideutsche Linke, die im Unterschied zur Restlinken den Krieg der USA gegen die Taliban nicht schon allein deshalb verteufelt, weil die USA als kapitalistische Weltmacht selbst viel Dreck am Stecken haben – zum Verhängnis. Sie orientiere sich an einem gemeinsam mit dem westlichen Kapitalismus geführten Kampf gegen den negativ aufgehobenen (deutschen) Kapitalismus, anstatt die Selbstvernichtungsdynamik des sich verwertenden Werts zu durchschauen. Diese durchschaut zu haben, nimmt Robert Kurz seit Jahren für sich in Anspruch. Doch in ein ökonomistisches Weltbild eingesponnen, ist es ihm unmöglich, die negative Aufhebung des Kapitalismus als das zu begreifen, was sie ist: eine dem Kapital im doppelten Wortsinn entsprungene Gesellschaft eigener Ordnung. Er missversteht das im postfaschistischen Nachkriegsdeutschland fortwesende volksgemeinschaftliche Krisenlösungsmodell als ein “anachronistisches Konstrukt antideutscher Geisterseher”. Deren Auseinandersetzung mit der völkischen deutschen Ideologie und mit der antisemitischen Konstitution des deutschen Nationalstaats spricht er jeden ernsthaften Bezug auf die veränderten Weltverhältnisse ab. Was aber ist von einem “realanalytischen Bezug” zu halten, der ganz im Stil der marxistischen Tradition die Wirklichkeit spaltet: in einen Strukturprozess des Kapitals auf der einen Seite (Basis), in ideologische Traditionen und Stimmungen auf der anderen (Überbau)? Irgendwie sei das eine zwar mit dem anderen vermittelt, das kennt man zur Genüge, doch einen (negativen) Begriff des falschen Ganzen sucht man bei Kurz vergebens. So ist es kein Zufall, dass er Antisemitismus als ein “Konstrukt” behandelt, als der Akkumulation äußerliche “Ideologie”, die die antideutsche Ideologiekritik mit dem Strukturprozess des Kapitals kurzschließe. Antisemitismus als notwendig falsches Bewusstsein, als Rationalisierung einer an sich selbst irrationalen Form der Vergesellschaftung, als Personifizierung des abstrakten Tauschprinzips, kurz: als strukturelles Phänomen und objektive Ideologie kapitalistischer Vergesellschaftung ist in der Realanalyse von Kurz nicht vorgesehen. Ebenso wenig wie der moderne Antisemitismus, der nach Auschwitz genötigt ist, als Antizionismus aufzutreten, und dem Israel die gewohnte Projektionsfläche bietet. Wie Kurz bereits im “Schwarzbuch Kapitalismus” den eliminatorischen Antisemitismus der Deutschen als Durchgangsstadium der Geschichte der Moderne behandelt, dabei die dem NS immanente Dialektik von Modernisierung und völkischer Blut- und Bodenideologie stillstellt und die Massenvernichtung der europäischen Juden zur Funktion der Moderne rationalisiert, sieht er nun im islamistischen Vernichtungs-Antisemitismus nichts anderes als die Kehrseite der Moderne: der Islamismus als ein Resultat der Aufklärung, als unabwendbares Schicksal der Vernichtungslogik des Werts. Die mit Derivaten der Marxschen Kritik angereicherte Evolutionstheorie von Kurz ist von vornherein nicht in der Lage, das Verhältnis von Allgemeinem und Besonderem, von Verwertungslogik und historischen Spezifika in einer der Sache selbst adäquaten Weise zu reflektieren. Sie braucht sich nicht bei solchen “Nebensächlichkeiten” aufzuhalten wie etwa der, die Anschläge von New York im Kontext einer weltweiten Intifada zu thematisieren. Weder der offensichtlich antisemitische Gehalt der Anschläge noch der seinem Wesen nach antisemitische bzw. antizionistische Islamismus scheinen das eigentliche Problem zu sein. Denn der “Zusammenbruch des World Trade Center”, wie Ernst Lohoff von der Krisis-Gruppe die Zerstörung des Welthandelszentrums bezeichnete, signalisiere das endgültige Ende des Kapitalismus, ein Ende, das Kurz in den Anfang der “Wertvergesellschaftung” projiziert: Am “Ende der Modernisierungsgeschichte”, das die Nürnberger Zusammenbruchstheoretiker seit Jahren beharrlich herbeischreiben, erweise sich, “dass die Kantsche ‘reine Form apriori’ nie etwas anderes als ein Weltvernichtungsprogramm und sein ‘ewiger Friede’ nichts als die Friedhofsruhe einer vom Wert verwüsteten Welt” war. Ferner, so Kurz, fallen in der “zerbrechenden gemeinsamen Form der Wertvergesellschaftung” – was immer man sich darunter vorzustellen hat – “Fortschritt und Reaktion, Aufklärung und Gegenaufklärung unmittelbar (!) zusammen”. Dann aber wird Kritik zur bloßen Meinung, Theorie zur reinen Verdopplung realer Verhältnisse: Der Theoretiker ist der Wert. So wie der Wert nichts ist als die abstrakte Vermittlung von Gebrauchswert und Tauschwert, die Identität von Form und Inhalt, ist der Theoretiker nichts als die Vermittlung von objektivem Inhalt (ökonomischer Struktur) und subjektiver Form (ideologische Traditionen): “Weil sie (die antideutschen Ideologiekritiker) keinen Begriff der fetischistischen Konstitution von Gesellschaft haben, die stets in blinde Objektivierung und subjektiv-ideologische Repräsentation auseinander fällt, verwechseln sie die Realität von weiterwirkenden ideologischen Traditionen und Stimmungen mit der anderen, wenngleich damit vermittelten Realität von objektiven Prozessen auf der Ebene der kapitalistischen Struktur und ihres ‘automatischen Subjekts’”. Würde Kurz den kritischen Gehalt dessen erfassen, was Marx mit der paradoxen Formulierung “automatisches Subjekt” zum Ausdruck bringen wollte: dass die Wahrheit des Kapitals dessen Abschaffung ist und kein realanalytisches Theorie-Projekt, bliebe ihm zumindest erspart, die Gesellschaft in schlecht soziologischer Manier in zwei “Realitäten” auseinander zu dividieren: in Struktur bzw. objektiven Prozess auf der einen, Subjektivität bzw. Traditionen und Stimmungen auf der anderen Seite. Weil er aber ahnt, dass seine Werttheorie sich nicht wirklich von anderen bürgerlichen Theorien unterscheidet, reichert er sie mit einer Polemik auf unterstem Niveau an. Er spricht von “übel riechendem Schwall”, bezeichnet die antideutschen Kritiker als “Analphabeten in der Kritik der politischen Ökonomie” usw., um so bei der theoriesüchtigen Linken Distinktionsgewinne – insbesondere hinsichtlich der derzeit überaus beliebten Anti-Bahamas-Bekenntnisse – einzustreichen. Polemik, häufig die einzig sachliche Form der Darstellung, wird so auf reine Kraftmeierei heruntergebracht, deren einziger Zweck die Abwehr identitätszerstörender und deshalb gehasster Kritik zu sein scheint.

Zuerst erschienen in Jungle World 46 vom 7.11.01.

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