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Initiative Sozialistisches Forum

Kritik ohne Utopie?

Podiumsdiskussion mit Wolfgang Pohrt

Freitag, 3. Juli 1981, 20Uhr im Theatersaal der “Fabrik”, Habsburgerstr. 9

Die Linke weiß nicht mehr, wo ihr der Kopf steht. Alle wollen nur noch alles und das alles sofort, aber subito! Was sie eigentlich gewollt hat, ist vergessen. Seit die Wirklichkeit aus ihren Begriffen ausgewandert ist, wähnt sie die Schuld bei den Begriffen, nicht bei den Verhältnissen und den Köpfen. Also wandert die Theorie zu Dumpingpreisen in die Antiquariate. Die Studentenbewegung ist in den Institutionen vertröpfelt, die Arbeiterklassen aller Länder vereinigen sich nur noch auf den Schlachtfeldern. All das schafft der Linken zwar Frust – und also Grund zur Weinerlichkeit –, aber keine Ent-Täuschung des eigenen Denkens. So wie die Wirklichkeit begriffslos ist, ist die Linke kopflos. Wo die Köpfe leer sind, schwellen ersatzweise die Herzen über. Nicht mehr die Ausbeutung der Menschen durch die Menschen, sondern ”Kälte” wird beklagt; nicht mehr die Hitze den Kämpfe, sondern des Gefühls gesucht. Gefragt ist das Intensive, das Lebendige und – daher – Echte. War das Kämpfen zuvor gegen Mehrwertproduktion, Zerstörung des Gebrauchswerts der Menschen, Dinge und Verhältnisse gerichtet, ist es nun gerade noch Anlaß, psychischen Mehrwert, die sog. “Betroffenheit, privatistisch abzusahnen. Alles, und sei es das Ernsteste, gerät zum Happening. Und so erregen sich die Gemüter trotz “no future”, sind sie Menschen leidenschaftlich trotz “no fun”.

Und unterdessen scheint die Entscheidung der historischen Alternative “Sozialismus oder Barbarei” längst gefallen. Das Kapital produziert den alltäglichen Notstand, die Barbarei, die Bronx inmitten der chromglitzernden Fassaden. Auschwitz ist jeden Tag. Gestern erst Vietnam, Kambodscha, Jonestown, heute McDonald, morgen Atomkrieg in Europa. Und doch ist die Linke: nicht so radikal wie die Wirklichkeit. .Man trägt grün, alternativ oder erfreut sich an abstraktem Weltekel.

Als ob die Realität nicht schon dämonisch genug wäre, beginnen Teile der Häuserkampfbewegung noch die inneren Dämonen, “das wild und unkontrollierbar pulsende Leben” zu kultivieren. Ihr leerer Aktionismus, gut genug, die inneren Dämonen zu entfesseln und danach “mit schweißigen Händen, die fiebrig am Körper hängen” (Bewegung in Freiburg, Heft; 2) nach Hause zu trotten, nimmt noch freiwillig die Partei der Atombombe: nicht genug kritisches Bewußtsein kann vernichtet werden. Ihr “Unter-unter-Snobismus”, der auf dem Stolz beruht, einen Anschein von reinem Nichts erreicht zu haben, erlaubt es ihnen, den Nachvollzug dessen, was gesellschaftlich über sie vollstreckt ist, noch als Spaß und Opposition zu verstehen.

Und als sei die Wirklichkeit noch nicht seltsam vertrackt genug, bereichern sie die Alternativen mit lebensreformerischen .Allerweltsrezepturen. Ihre harmlose Friedlichkeit, ihre abgeklärte Weltsicht und Seelenstärke noch um Elend sind das Patientenideal eines jeden engagierten Sozialarbeiters. Wie alle Menschen guten Willens wollen sie den Frieden und. friedlich schlingen sie ihr Müsli im Schatten der Bombe. “Auf die Körnerfresser und Nudisten der Jahrhundertwende folgte prompt der erste Weltkrieg, und man muß kein Feigling sein, um einen kalten Schauer zu verspüren, wenn diese Unglücksapostel heute wieder in Scharen auftreten”'(W. Pohrt).

So ist die Verabschiedung der Gesellschaftskritik durch die Linke zur Verabschiedung der Linken durch das Kapital geworden. Liegt diese Linke nicht noch unter dem. Niveau der Verhältnisse, damit aber unter aller Kritik? Kann man jemanden mit Aussicht auf Erfolg kritisieren, wenn sich dieser noch nicht ‘mal insgeheim elend fühlt? Was heißt denn heute überhaupt '”Kritik”? Sicher ist nur, daß sie nicht – etwa nach Art des parlamentarischen konstruktiven Mißtrauensvotums “positiv” ist. Sie ist. vielmehr der Krise verwandt, bezweckt Selbsterkenntnis. Aber gibt es überhaupt noch ein Subjekt, das – seiner selbst noch unbewußt – zumindest die Möglichkeit besäße, sich selbst zu erkennen (und sich gar zu ändern)? Sind nicht die Umstände, unter denen es entstehen und als Arbeiterklasse theoretisch gedacht werden konnte, längst vorbei?

“Als Marx vor hundert Jahren meinte, die große Mehrzahl aller Menschen habe nicht mehr zu verlieren als ihre Ketten, hatte er deren kostbarsten Besitz vergessen: das Leben. Inzwischen ist aus dem gehüteten Schatz ein Ladenhüter geworden. Ohne public relations, ohne Lebenshilfe und -beratung, in hartnäckigen Fällen ohne den rund um die Uhr tätigen Überlebenskünstler am Telefon, sind die Leute kaum noch daran zu hindern, das Leben, abzustoßen wie schlechte Aktien”, meint Wolfgang Pohrt. Wenn nichts mehr am Leben hält außer liebgewonnener Gewohnheit, was hilft dann Kritik ? Was kann sie befreien, wenn sie nicht irgendeine Hoffnung auf befreites Leben in der Hinterhand bereithält?

Ob sich die Kritik tatsächlich darin erschöpft, erschöpfen muß, dem wirklichen Elend noch das Bewußtsein des Elends hinzuzufügen, um den Druck unerträglich werden zu lassen, wollen wir am Freitag, den 3. Juli, mit Wolfgang Pohrt diskutieren. Er ist Autor der Bücher “Theorie des Gebrauchswerts” (Syndicat) und “Ausverkauf. Von der Endlösung zu ihrer Alternative” (rotbuch 224). In seinen Büchern vertritt er der Kritikbegriff der Kritischen Theorie, die Hoffnung nicht durch ihr Aussprechen an die falsche Wirklichkeit zu verraten. Die Kritik könne sich die Hoffnung auf Freiheit nur bewahren in der äußersten Negativität, ihr Mittel sei der extremste, und darum heilsamste Sarkasmus. Gewiß: Kritik mit billiger Hoffnung im Rücken verkommt leicht zum sozialstaatlichen Reformismus. Aber ist es dem Sarkasmus nicht auch eigen, das behagliche Bewußtsein des privatierenden Bürgers auszupolstern? Ihm die zynische Rechtfertigung seiner Allerweltsweisheiten à la “Die Welt ist schlecht und die Politik eine Hure” zu beschaffen ?

Die Kritiken Pohrts sind beredter Ausdruck der Verzweiflung über die Marotten der Linken, denen die Revolution ebenso Mode war wie es heute die Lebensreform ist. Die ihren Kopf verraten haben, um sich – menschlich-allzumenschlich – wohl zu fühlen und “ihr” Leben zu leben. Aber wie verträgt sich diese Form der Kritik mit der Marxschen, in deren Tradition er steht?

Die Kritik ist keine Leidenschaft des Kopfes, sie ist der Kopf der Leidenschaft” (Marx )

Die kopflos gewordene Sucht nach dem. letzten Rest von Leben ist gerade noch stark genug, um das gesellschaftliche Grauen halbwegs erträglich zu machen. Die Menschen sind nicht leidenschaftlich, sondern krampfhaft bemüht, die Freundlichkeit der Welt jetzt schon zu erleben – und machen damit doch alles noch schlimmer. Leidenschaft zielt stets auf das Utopische, so noch nie Dagewesene und empfängt von dort ihre Kraft, gerade wo sie politisch wird. Auf was kann die Kritik hoffen, wenn sie keine Chance hat, im die moralische Krise der Kritisierten umzuschlagen ?

“Die Kritik will ihren Gegner nicht widerlegen, sie will ihn vernichten.” (Marx)

Widerlegt hat sich die Linke mittlerweile selbst, weil sie ihren Gegner nicht mehr kennen will. Die Kritik als politischer Kampf ist tot, dafür haben die Vorschläge, wie wir alles besser machen würden, Konjunktur. Es wimmelt von Lebensreformern, die auf Staatssubventionen scharf sind. Schlägt in einer solchen Situation die Pohrtsche Kritik nicht um in Selbst-Denunzierung, Selbstvernichtung des kritischen Bewußtseins. Kann sie sich denn nur so treu bleiben?

Die Kritik will den vernünftigen Inhalt aus seiner unvernünftigen Form befreien.” (Marx)

Der klassisch marxistischen Kritik wurde der Rücken gestärkt durch den Fortschritt. In einer “List der Vernunft” gleichsam würde das Kapital schon die Bedingungen schaffen, sich selbst gründlich ebenso unnütz wie verhaßt zu machen. Was ist aus dem “vernünftigen Inhalt” geworden, seit das Kapital täglich, stündlich mehr die kommunistisch mögliche Freiheit auffrißt, die Bedingungen der Emanzipation zerstört? Seit nur noch “Atomkraft und Fließband das Rad der Geschichte gesetzmäßig zum Sozialismus treiben” (so eine DDR-Wirtschaftszeitung)? Ist nicht damit die Kritik endgültig ihrer gesellschaftlichen Basis beraubt oder sieht der kritische Blick, undialektisch, gebannt auf die Katastrophe wie die Maus auf die Katze, starr vor Schreck? Gibt es überhaupt noch revolutionäre Dialektik jenseits von Atomkraft und Fließband?

“Je unmöglicher der Kommunismus wird, desto verzweifelter muß für ihn eingetreten werden.” (Max Horkheimer)

Die klassische Arbeiterbewegung wurde zum Sozialismus höchstens in dem Maße gestoßen, wie sie selbst zu ihm drängte. Kann nun die. nackte Verzweiflung die Hoffnung als Dynamit im Unterbau des Kapitals ersetzen ? Wenn jeder Schritt nach vorn nur einer näher ist zum Abgrund hin - was hilft dann außer der Notbremse, an der jeder zieht, der “Leben” will? Befördert nicht die Pohrtsche Kritik gerade den unspezifischen Appell “an alle”, an dem sie doch leidet?

“Wir wissen, daß die Zerstörung einer Illusion noch keine Wahrheit ergibt, sondern nur ein Stück Unwahrheit mehr, eine Erweiterung unseres lsquo;leeren Raumes‘, einen lsquo;Zuwachs unserer Öde‘.” (Nietzsche)

Die Kritik an den Alternativen und Lebensreformern setzt subtil, indem sie sich strikt anti-utopisch verhält, doch wieder auf die Erkenntnisfähigkeit der Kritisierten. Woher dieses Vertrauen, wo doch zu erwarten stünde, daß nach dem Wegfall des einen Hirngespinstes nur dessen Potenzierung an seine Stelle träte? Ist denn Kritik ohne Utopie überhaupt möglich? Oder formuliert sie gar keine Hoffnungen mehr, weil sich diese materialistisch nicht mehr begründen ließen? Ist die Pohrtsche Kritik die angemessene Kritik in einer Zeit, wo das kritische Bewußtsein gezwungen ist, auf den glücklichen Zufall zu hoffen, um sich nicht ganz geschlagen zu geben? – Dies werden einige Themen der Diskussion mit Wolfgang Pohrt sein.

Wolfgang Pohrt
Die schweigende Mehrheit vor der Verwirklichung ihrer geheimen Wünsche durch ihre Opfer bewahren

Ich weiß kein verhärteteres Kollektiv in der ganzen Welt”, schrieb Horkheimer über Deutschland in seinen 'Notizen'. Ein Ausdruck dieser Härte ist es, wenn in diesem tierlieben Land wider die Natur die Väter ihre Söhne überleben.

Wie Springer, so verlor der Generalbundesanwalt Rebmann, der oberste Verfolger seiner im Durchschnitt 30 Jahre jüngeren Feinde, vergangenes Jahr durch Selbstmord seinen Sohn. Der Tod des Sohnes hat den Fahndungseifer dieses Vaters, der durchweg Personen verfolgt, welche im Alter seiner Kinder sind, nicht erschüttern können. Woanders vielleicht mahnt der Tod zum Eingedenken, zur Frage in diesem Fall, ob eine Welt, in welcher sich die Söhne erfolgreicher Väter das Leben nehmen, denn wirklich mit Hochsicherheitstrakten und finalen Rettungsschüssen gegen alle Versuche, sie zu verändern, verteidigt werden soll; zum grüblerischen Zweifel am Wert jener Anstrengungen und Aufbauleistungen, deren Resultat der Sohn, der statt des Erbes den Freitod wählt, verschmäht; zur Skepsis, ob eine ganze Generation von Eltern, welche ihren Kindern eine Welt geschaffen hat, die sie nicht ertragen können, obendrein auch noch das Recht besitzt, diese Kinder zu verfolgen und zu richten.

Hier aber wird der Tod nicht als Mahnung zum Eingedenken, sondern – exemplarisch nach dem Bombenanschlag aufs Münchener Oktoberfest – als Nagelprobe auf den Durchhaltewillen begriffen. Wir, die wir vom Hausmeister bis zum Vorgesetzen so ziemlich alles und jeden fürchten, wir lassen uns vom Tode anderer, von anderen Toten also, nicht erpressen. Die Toten von München: taktlose Spielverderber, Querulanten, Außenseiter. Sich mitten auf der Festwiese von einer Bombe zerfetzen zu lassen, um uns den redlich verdienten und hart erarbeiteten Spaß zu versauen. Von wegen, das Fest ging weiter.

Besonders die Kriegsgeneration, die mit der hohen Kampfmoral im Schlußverkauf, ist unverwüstlich. Vielleicht von jenen Leichenbergen, die sie in den Konzentrationslagern und an den Fronten schuf, nährt sich ein gnadenloser Überlebenswille. Es scheint, als habe dieses Monstrum die Lebenskräfte seiner 50 Millionen Opfer vampirhaft ausgesaugt, um diese Kräfte in solche der eigenen Zählebigkeit zu verwandeln.

Der alte Kannibalenglaube, daß man durch den Verzehr des getöteten Feindes dessen Kräfte erwirbt, erklärt im 20. Jahrhundert, wo den Überlebenden die Mägen platzen müßten, äßen sie alle getöteten Feinde auf, ein Mysterium eigener Art: das deutsche Wirtschaftswunder. Wie jener Rentner, der in der Berliner Gedächtniskirche Dutschke mit seiner Krücke niederstreckte, macht diese Generation aus jedem Holzbein eine Waffe.

Im 77-jährigen Greis, der sich – am 8. Oktober 1980 in Hannover – über das Benehmen eines 50 Jahre jüngeren Mannes geärgert hatte und ihn deshalb im Nahkampf mit dem Messer totstach, erscheint ein bösartig gewordener Selbsterhaltungstrieb. Er klammert sich; ans Leben, nicht weil er es liebt, sondern weil er will, daß alle anderen vor ihm sterben. Sein Triumph ist das Vergnügen, kurz vor dem unvermeidlichen eigenen Untergang noch den der anderen zu sehn. Sein letzter Blick sucht nicht wie der von Moses das gelobte Land, um mit der Gewißheit, daß die Kinder und Enkel dort glücklich leben werden, in Frieden zu sterben. Er möchte, bevor er stirbt, am liebsten ringsum die Atomblitze zucken sehn. Wenn er die Welt, bevor er sie verläßt, zur Hölle macht, dann hat er die Hölle im Jenseits nicht zu fürchten. Das war die Endlösungshoffnung und die Eschatologie der Nazis, die in dem Wörtchen Endsieg steckt. Kein Schwerbeschädigter, der seinen Ausweis: nicht wie einen Haftbefehl, und kein Rentner, der seine Platzkarte nicht wie eine Dienstmarke präsentieren würde. Sie legen nicht Wert auf den Sitzplatz, sondern auf die Befehlsgewalt, andere, die weder Krüppel noch verwelkt und verbittert sind, zu vertreiben. Wenn es nur möglich wäre, riefen sie gleich die Polizei und ließen alle verhaften.

Im Blick, mit dem die Alten ihre Kinder, die Chaoten, Randalierer, Terroristen und Verfassungsfeinde mustern, sticht eine mitleidlose Härte zu, welche die Deutschen sich vielleicht damals erworben haben, als sie es duldeten, daß Frau Hermine Braunsteiner in Majdanek kleine Kinder auf Lastwagen schmiß und in Gaskammern verlud und dafür mit dem Kriegsverdienstkreuz Zweiter Klasse ausgezeichnet wurde. Vielleicht, weil sie in ihren Kindern die Racheengel jener nicht im Blutrausch von einer Soldateska, sondern wider alle Gesetze einer elementaren, fast kreatürlichen Menschlichkeit von besonnenen deutschen Frauen umgebrachten Kinder fürchten, vielleicht deshalb können die Alten hier nicht mit sehnsüchtiger Liebe und wehmütigem Verzicht auf die Jüngeren schauen und mit Trauer und Schmerz wie dem Wunsch zu verzeihen auf das, was sie für die Entgleisungen und Verirrungen der Jüngeren, für ihr Unglück halten müssen. Sondern vergriffen und verhärtet, wie sie sind, wollen sie das, was die Jüngeren ihnen voraus haben, auch besitzen, und wenn sie es trotz Seniorenkost, Reformhausnahrung und Knoblauchpillen nicht besitzen können, dann wollen sie es vernichten. Die Mordabsichten gegen jeden Funken nicht verhärteten Lebens, denen damals die Juden und Zigeuner zum Opfer fielen, erklären heute die ungewöhnlich hohe Kindersterblichkeit im hiesigen Straßenverkehr, und sie erklären die gerade unter Rentnern besonders verbreitete deutsche Version des Bürgersinns: das Denunziantentum und das Spitzelwesen.

In Kriegsschilderungen aus fremden Ländern ragt oft aus der allgemeinen Barbarei die Geschichte einer Frau hervor, die vor den eigenen Leuten den feindlichen Soldaten verbirgt und ihm das Leben rettet, weil er sie an den Sohn, den Bruder, den Gatten erinnert, der sich, auf der anderen Seite der Front, in einer ähnlichen Situation befinden mag. Und als im November 1973 griechische Militärpolizei die Athener Studenten durch die Straßen hetzte, da standen viele Türen offen. Für die Bevölkerung waren die verfolgten Studenten nicht mehr politische Partei, deren Anhänger oder Gegner man sein kann, sondern sie waren die eigenen, in große Not, in Lebensgefahr geratenen Kinder. Die Berliner Studenten hingegen, an denen die Polizei gerade die neue Leberwursttaktik ausprobiert hatte, waren, wie Adorno es formulierte, “die Juden der Stadt”. Und keine Scheu vor dem Gedanken, es könne der eigene Sohn oder die eigene Tochter sein; kein Mitleid mit dem Schmerz der Mütter und Väter hindert die Alten daran, durch systematische Denunziation die Jüngeren dem finalen Rettungsschuß, der Putativnotwehr oder dem lebenslänglichen Hochsicherheitstrakt zuzuspielen.

Die rüstige Rentnerin, ohne deren Anruf bei der Polizei Günter Sonnenberg keinen Kopfschuß davongetragen hätte, prahlte nach vollbrachter Tat gut gelaunt vor dem Interviewer mit ihrer Beobachtungsgabe und ihrer Erfolgsbilanz. Denunziation ist ihr Hobby, ihr Seniorensport ist die verdeckte Menschenjagd. Sie, die jene stillschweigende Konvention gebrochen hat, auf welcher alles erklärte Recht basiert – sie würde anderswo geächtet und angespien. Die Verwandtschaftsgrade, die mit ihrem Namen ein Verhältnis intimer, schützender Nähe verallgemeinern, bis hin zur Vorstellung, daß alle Menschen Gottes Kinder und einander deshalb Brüder und Schwestern sind, bleiben zwar hilfloser Appell; ohne sie aber existierte weder die partikulare Humanität, die erst erlaubt, die davon verschiedene Barbarei des Ganzen zu erkennen, noch existierten der Begriff der Menschheit und damit die Idee ihrer Befreiung. Die Volksgemeinschaft aber, die damals, auf die verbindende Kraft des Blutes schwörend, Ahnenforschung trieb und heute schon wieder vor der Asylantenwelle und der Überfremdung warnt – diese Volksgemeinschaft kennt zwar Muttertage und Mutterkreuze, Müttergenesungswerke und Kindergeld und als Pendant unter dem Titel 'Vernichtung lebensunwerten Lebens' den konzessionierten Mord an den eigenen Kindern; in Wahrheit aber kennt sie wie der Hitlerjunge, der seine Eltern bei der Partei verpfiff, weder Brüder noch Schwestern, weder Eltern noch Kinder, sondern sie unterscheidet nur zwischen sich selbst als dem verstaatlichten Zwangs-kollektiv, der Verfolgergemeinschaft, und; ihren auszumerzenden Feinden. Als Brückner die triviale Wahrheit aussprach, daß die Mitglieder der RAF nicht vom Himmel gefallen, sondern Landeskinder waren; als er, nur das Kausalgesetz, den Grundsatz von Ursache und Wirkung bemühend, daran erinnerte, daß die Aktionen der RAF durch ihre Entstehungsbedingungen, nämlich die bundesrepublikanischen Verhältnisse, begründet sind – da wurde er von der Regierung ausgebürgert aus der Universität.

Kein Grund zur Hoffnung also, ein Appell an die Humanität könne hier etwas bewirken. Der Generalbundesanwalt, der durch Selbstmord seinen Sohn verloren hat, verfolgt Personen, die im Alter seines verstorbenen Sohnes sind, mit ungebrochener Härte weiter. Die Verbreitung der Erklärung jener politischen Gefangenen, die am 2. Februar in den Hungerstreik getreten sind, wird von der Bundesanwaltschaft als »Unterstützung einer kriminellen Vereinigung” gewertet. Menschlichkeit bleibt strafbar.

Für die Freilassung der politischen Gefangenen gibt es einen anderen Grund. Im “Spiegel” berichtete Peter Jürgen Boock, die RAF plane die Sprengung des Heidelberger Schlosses als “finale Aktion”. Ganz gleich, was von den Angaben Boocks zu halten ist: Genau diese Aktion haben alle – die Reaktion der Öffentlichkeit beweist es – insgeheim von der RAF erwartet. Den geheimen Wünschen der schweigenden Mehrheit aber kann niemand, der ihr durch Haft und permanente Verfolgung vollkommen schutzlos ausgeliefert ist, auf Dauer widerstehn. Die schweigende Mehrheit vor der Verwirklichung ihrer geheimen Wünsche durch ihre Opfer bewahren kann in diesem Falle nur ein Mittel, nämlich die Amnestie. Der 8. Mai, der Tag der Befreiung, wäre ein passendes Datum. Gegen die Kanzlerphrase des ehemaligen Hitlerjungen, der Rechtsstaat müsse Flagge zeigen, erinnert der 8. Mai daran, daß die historische Vernunft in diesem Land sich niemals zusammen mit der Flagge zeigte, sondern nur dort, wo es kapitulierte. Dies erstmals in der Geschichte freiwillig zu tun wäre ein bescheidener Beitrag zur “Bewältigung der Vergangenheit” und die einzige Rettung vor dem nächsten Endsieg.

Konkret 4 / 1981

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