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Jour Fixe Programm Frühjahr/Sommer 2010

Frei Haus

Einladung zum Jour Fixe

1968 ist definitiv vorbei, der emanzipatorisch Impuls der Studentenbewegung hat sich totgelaufen. Seine Zerfallsprodukte – Spontaneismus uns Maoismus – haben sich, gerechterweise, blamiert, aber nur zugunsten eines neudeutsch fröhlichen Pragmatismus, der die Blamage selber ist. Überall protestiert es, kämpft es für den Frieden, kämpft nicht gegen Krieg, macht in grüner Realpolitik, zeugt Kinder, findet Alltagsökologie ganz prima, engagiert sich für die wattierte Apokalypse und fühlt sich überhaupt überaus lebendig – zu Protest wird verarbeitet, was gerade auf den Tisch kommt. Hauptsache, der Gefühlshaushalt stimmt. Das Menetekel dieser vergnügten Eiszeit sind die Gefangenen von Stammheim.

Außer dem Kampf gegen die Fünf-Prozent-Klausel gingen alle Kämpfe, bei denen wesentliches auf dem Spiel stand, verloren, schließlich gar das Gefühl des Verlusts: Die Protestkonjunktur der 80er Jahre knüpft bruchlos an die Idiotien der Friedensbewegung der 50er Jahre an, die Sozialdemokratie benimmt sich wie eine Als-ob-Regierung, und die ganze alte Scheiße, die aufzuhören hat, verspricht, sich zu wiederholen. Die Veranstaltungen des jour fixe wollen eine Wunde aufhalten, eine Wunde, die humaner ist als das ganze Gerede vom 'ganzheitlichen' Menschen, mit dem Realpolitik dessen Bedürfnisse zwar zum Ausdruck, aber um ihr Recht bringt.

Der jour fixe knüpft an die Praxis der 'Republikanischen Clubs' der frühen 60er Jahre an, die versuchten, marxistische Theorie unter den Bedingungen ideologischer und politischer Restauration nicht nur zu retten, sondern zur Praxis tauglich zu machen. In einer Zeit geistloser Zustände gilt es, den Rätekommunismus zumindest im Reich des Gedankens zu behaupten.

Das Programm des jour fixe ist wesentlich kritisch. Die Kritik ist nicht die Praxis, sondern hat die Aufgabe, den Pragmatikern das Handwerk zu legen, damit emanzipatorische Praxis erneut möglich wird. Die Kritik ist nicht der Bundestag. Sie kennt kein konstruktives Mißtrauensvotum, weil ihr Ziel nicht ein besserer, sondern gar kein Kanzler ist. Der jour fixe versucht zugleich, die Wissenschaft als politische vor der Universität zu retten. Er dient daher auch der Veröffentlichung materialistisch orientierter Wissenschaftspraxis.

Dienstag, 23. Oktober 1984

Wilhelm Reich – Marxismus, Psychoanalyse und Vitalismus

Wilhelm Reichs vitalistisch gegründeter Materialismus verbindet seine verschiedenen Schaffensperioden (als Psychoanalytiker, Kommunist und Orgon-Forscher), und das scheinbar widersprüchliche seines Lebens und Werkes erweist sich als Einheit. Insofern ist die Diskussion “früher” contra “später” Reich überflüssig, und seine Rezeption als marxistischer Psychoanalytiker ließe sich dann nur als Mißverständnis erklären.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 6. November 1984

Weder Krieg noch Frieden

Der europäische Waffenstillstand und der deutsche Pazifismus

Sollte die deutsche Friedensbewegung außer der Angst vor der nuklearen Apokalypse auch noch eine Theorie der gegenwärtigen Militärpolitik besitzen, dann ist es sicher die des “Exterminismus” E.P.Thompsons. Sie ist, mehr und v.a. explizit, zum Gemeingut des deutschen Pazifismus geworden, zumal sie den schönen Vorteil hat, amerikanische und sowjetische Außen- und Militärpolitik als strukturell gleich zu begreifen, damit den Antikommunismus der Deutschen scheinbar auszutricksen. Ein Spielchen, vor dem es Clausewitz grausen würde.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 20. November 1984

Sinnlichkeit und Arbeit

Zur Produktionsweise des pornographischen Films

In der Reihe: Hinweise für den anspruchsvollen Kinogänger.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 4. Dezember 1984

Diktatur der Freundlichkeit

Am Geschäftserfolg der Bhagwanis ist ablesbar, wie unaufhaltsam die bürgerliche Gesellschaft zur therapeutischen Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit sich wandelt. Die Gesellschaft schießt zur überdimensionierten Gummizelle zusammen. Das “Fest des Lebens” (Bhagwan), das drinnen gefeiert wird, besteht im endlosen Staunen darüber, daß die Welt genauso groß ist wie das durchschnittliche Fassungsvermögen einer neudeutschen Mittelstandsseele. Aber Bhagwan ist nur das sichtbare Siebzigstel des Eisberges: ein neuer Zustand von Herrschaft kündigt sich an, die Psychokratie, die Politik ohne Politik, der Faschismus ohne Faschismus. Mittel und Wege dieser Erneuerung von Herrschaft im “Silicon Valley”-Zeitalter sind der Gegenstand des Abends wie auch des gerade erschienen Buches der Initiative sozialistisches Forum “Diktatur der Freundlichkeit. Über Bhagwans Ashram-Bewegung, den Psychoboom und die Lieferanteneingänge zum wohltätigen Wahnsinn”

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 4. Dezember 1984

Amnestie für die politischen Gefangenen der RAF und des 2. Juni!

Seit dem Deutschen Herbst von 1977, den Stammheimer Selbstgemordeten und der darauf folgenden juristischen wie politischen Repression, die endlich realisierte, was jahrzehntelang zu den Wunschträumen des Sicherheitsstaates nur zählte, ist die Frage des Verhältnisses der Linken zum politischen Terrorismus “geklärt”, d.h. aus Angst vergessen. Nur die unbelehrbaren Vulgärleninisten der Knastgruppen und die unermüdlichen sozialliberalen Strafrechtsreformer nehmen sich der Gefangenen noch an, wozu es einer merkwürdigen Mischung aus Mut und Starrsinn bedarf. Zeigt die von Wolfgang Pohrt erhobene Forderung nach Amnestie einen Ausweg aus der Sackgasse der Forderung nach “Zusammenlegung aller politischen Gefangenen” einerseits, nach “Humanisierung des Strafvollzugs” andererseits?

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 15. Januar 1985

Kabarett am Ende – oder ist am Ende alles Kabarett?

Satire hat es schwer, seit die Wirklichkeit ihr vorauseilt. Die Realität von heute ist der Witz von morgen. Wie kann sich Kabarett aus diesem Dilemma befreien? Matthias Deutschmann referiert zur Geschichte und Theorie des Kabaretts seit den 20er Jahren, über das Kabarett des Faschismus und der Adenauer-Eiszeit, zur Kritik des Wortwitzes und des sozialdemokratischen Kabaretts – das alles mit zahlreichen Beispielen, über die man erst lacht und dann Magenkrebs bekommt, bekommen sollte.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 29. Januar 1985

Vom Elend des Okkultismus

Eine Kritik des Freiburger Okkult-Fachblattes “Esotera”

“esotera” knüpft an veraltete, traditionelle Lebensformen an, die ein regressives Bewußtsein fördern, den gesellschaftlichen Fortschritt hemmen und die Bildung eines starken Über-Ichs zur Folge haben. Nur zu wahr ist in diesem Zusammenhang Adornos Satz: “Bei vielen ist es bereits eine “Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen.” Das bezieht sich vor allem auf die kleinbürgerliche Anhängerschar “esoteras” in ihrem Abhängigkeitsverhältnis zu dem ihnen dargebotenen Humbug und Hokuspokus aus dem Bereich der sogenannten “avantgardistischen Naturwissenschaft”, des “New Age” und nicht zuletzt des modernen “Spiritualismus”. Vom Elend des Okkultismus soll hier die Rede sein, vom Rückzug in die Innerlichkeit und von den Strategien des in Freiburg erscheinenden Okkult-Fachblattes “esotera”.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 12. Februar 1985

Zur Politik der Gewerkschaften seit dem Bruch der sozialliberalen Koalition

Bei Themen wie Frieden, Umweltschutz oder 35-Stunden-Woche zeigte sich in den letzten Jahren eine Blockbildung innerhalb der Gewerkschaften um die beiden Pole IG Metall und IG Chemie, die jeweils andere, gegensätzliche Konzeptionen vertraten. Lassen sich die Positionen der Gewerkschaften zwischen Konflikt und Kooperation mit dem CDU-Staat als zwei Varianten sozialdemokratischer Politik begreifen?

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 26. Februar 1985

Zur Geschichte der “Politischen Ökologie”

Was das ist, was das will und warum das wahrscheinlich nichts ist.

Gesprächskreis “Marxismus und Revolution”

Man darf Marx nicht, und sein Hauptwerk, “Das Kapital” schon gar nicht, in der Hoffnung studieren, danach 'Bescheid' zu wissen oder gar zum “Diplom-Marxisten”, der seine fünf dialektischen Merksätzchen prüfungstauglich aufsagen kann, zu werden. Marx ist ja auch kein “Marxist” geworden, obwohl er das ganze “Kapital” eigenhändig geschrieben hat. Mit dem Gesprächskreis, der keine “Schulung” ist, möchte das ISF eine Form anbieten, den “Marxismus” selber materialistisch zu begreifen, und damit zum eigenen Lesen der “Klassiker” anregen. Dabei wird es ohne Experimente nicht abgehen, und das ISF gedenkt, sein Lehrgeld in Sachen Marx-Didaktik auf Kosten der Teilnehmer zu bezahlen. (Ort, Zeit und Anmeldung nach dem ersten Jour fixe).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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