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ça ira-Verlag

Jour Fixe Programm Herbst/Winter 1985/86

Das Unwesen der bürgerlichen Politik infiziert vorzugsweise jene, die sich weigern, es überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Die Grüne Partei hat den ’point of no return‘ längst überschritten: Nach der Wahl-Pleite in Nordrhein-Westfalen wird deutlich, wie sich der öffentlich-rechtliche Psycho-jargon der Politik alternativökologisch fortschreiben läßt. Wie jede bürgerliche Partei, so spricht nun auch die Grüne davon, sie müsse ihr Programm verdeutlichen, müsse unter den ’Zielgruppen‘ mehr ’Vertrauensarbeit‘ leisten und wieder ’vor Ort‘ – mittenmang unter den Müslis, Hausfrauen, Intellektuellen und Waldbesitzern – ’Präsenz‘ zeigen. Es gelte, die ’Kampagnefähigkeit‘ zurückzugewinnen – als war es jemals sinnvoll, die Öffentlichkeit mit Menschenketten, Petra-Kelly-Reden und Moralin-Süßem zu beglücken.

Die grüne Misere zeigt: Das Bedürfnis nach ’konkreter Utopie‘ ist kein Beweis ihrer Möglichkeit. Dieses Bedürfnis wird vielmehr zum Argument gegen alle Bedürfnisse, deren es sich bedient. Im Interesse eines allumfassenden Sinns wird an den Haaren herbeigezogen, was noch keine Glatze hat. Blinde Zuversicht schlingt in sich hinein, was immer serviert wird – Hauptsache Hoffnung! Blochs Philosophie – nach ihren eigenen Maßstäben längst als ’ungleichzeitig‘ außer Kurs gesetzt – avanciert so zur Droge jener Grünen, die es aus politischer wie beruflicher Reputation noch immer nicht lassen mögen, ihre diffusen ’Ansätze‘ ’ansatzweise‘ zu begründen.

Das Ergebnis ist danach: Vom Marxismus ist nicht mehr die Rede, dafür umso mehr von ’Radikalität‘. Die politisierende Bohème, die sich schon immer schämte, für marxistisch gehalten zu werden und sich daher zur ’Linken‘ umtaufte, hat nun, der modischen Wendung zu neuem Anti-Kommunismus folgend, als ’radikal‘ sich verpuppt. “Der Radikalismus ist das Extrem des Liberalismus” (Meyers Konversationslexikon 1877). In bewußtlos vollzogener Kontinuität kommen die Grünen zu sich selbst und finden ihre ’politische Identität‘: Lobby des alternativen Kleingewerbes. Was die Freie Wähler Vereinigung für den Bäcker Kalchthaler, das sind die Grünen für Ökobankiers, Steuerberater, Müslis und neuen Mittelstand.

Es ist nicht Absicht des Jour fixe, dem sogenannten ’Theoriedefizit‘ der grün-alternativen Bewegung abzuhelfen, noch gar, ’Theorie‘ und ’Praxis‘ zu vermitteln. Es geht nicht darum, ’Begriffe zu füllen‘ nach dem Vorbild von Geldbeuteln. Derlei modische wie verdinglichte Rede drückt aus, daß die Ergebnisse des Denkens einzig als Werkzeug benutzt werden sollen: ’Theorie‘ soll dem Praktiker griffig wie ein Hammer in der Hand liegen. Aber die Alternativen haben gar kein ’Theoriedefizit‘. Ihre fix & fertige Theorie ist wirklich die ihrer Praxis: Totschlag an kritischer Vernunft durch die penetrante Frage nach dem ’Positiven‘.

Eine besondere Spielart dessen gibt die Scene-Aristokratie, der politisierende Flügel der Boheme. In der Wissenschaft ekklektisch damit beschäftigt, ’Ansätze‘ miteinander zu begatten, betonen sie doch den Primat der Praxis. Gegenüber den Praktikern theoretisch, gegenüber den Theoretikern praktisch – ihre Phrase, man habe zu vermitteln, übertüncht ihre Mittelmäßigkeit in Theorie und Praxis.

Kritik oder Utopie? Diese Frage ist eine ums Ganze. Kritik ist Utopie im Stande ihrer Unmöglichkeit, und damit ist sie die Praxis der Utopie in gesellschaftlichen Zuständen, die die ausgesprochene, wie immer konkretisierte Utopie zur Reklame verwandeln. Mit der Utopie zu agitieren, das verhökert die Chance zum Besseren grammweise. Den blinden Utopien in die Grube zu helfen, den Pragmatikern den Hammer auf die Füße zu werfen, die Grünen so grün aussehen zu lassen, wie sie es hinter den Ohren längst sind, dies ist das Ziel der Veranstaltungen des Jour fixe.

In der Praxis der Kritik erscheint die Aktualität des Kommunismus. Seit das Gespenst des Kommunismus nicht mehr umgeht in Europa, wird zumal Deutschland erst recht zum Tollhaus. Dem Jour fixe geht es darum, der ’Alternative‘ ihren guten Namen zurückzugeben; die erste Bedingung dessen ist der Kampf gegen die Phrase. (Veranstaltungsreihe “Aktualität des Kommunismus” vom 6. bis 13. Dezember).

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Dienstag, 22. Oktober 1985

Michel Foucault: Das Rätsel der Macht

Foucault‘s traditionalistisches Wissenschaftsverständnis, Wirklichkeit erklären zu wollen, ohne diesem Diskurs einen universalistischen Wahrheitsanspruch zugrundelegen zu müssen, nutzte die sich als marxistisch mißverstehende Bohème, um von den Anstrengungen des Denkens Abschied nehmen zu können. Wie zu erwarten, hat der Bohème die Ersetzung der Identifikation mit Marx durch die mit Foucault nicht zu mehr “politischer Praxis”, sondern bestenfalls zu mehr Poesie verholfen. Im Rätsel der Macht: überall zu sein und doch nur lokal zu erscheinen, reproduzieren sich die alten Mysterien bürgerlichen Selbstverständnisses. Den Real-Okkultismus der bürgerlichen Wirklichkeit hat Foucault genauer als all seine poetisierenden Kopierer beschrieben. Der Skandal ist, daß Foucault sich in der ideellen Rekonstruktion der Wirklichkeit eines glücklichen Positivismus nicht nur bedient, sondern sich darin auch noch unmittelbar als politischer Gegner der bürgerlichen Gesellschaft begriffen hat.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Veranstaltungsreihe “Gegenöffentlichkeit”’

Veranstalter: Archiv für soziale Bewegungen in Baden, Verein zur Förderung autonomer Lebensformen, ISF

Dienstag, 29. Oktober 1985

Gegenöffentlichkeit: gegen wen und für wen?

Als die Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt verschwand, verflüchtigten sich auch Begriff und Praxis von Gegenöffentlichkeit. Fragen, die früher leicht zu beantworten waren, werden zum Problem: Wer ist Adressat von Gegenöffentlichkeit, wie funktioniert sie, worauf zielt sie? In Auseinandersetzung mit Kluges und Negts “Öffentlichkeit und Erfahrung” sollen neue Wege aufgezeigt werden, auch wenn sie kaum zu sehen sind.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 12. November 1985

Gegenöffentlichkeit in Freiburg

Radio Dreyeckland, Medienwerkstatt, Stadtzeitung, Aktion Dritte Welt, Buchladen Jos Fritz: sie alle sind gestartet als Projekte von Gegenöffentlichkeit. Sie sind in die Jahre gekommen und feiern Jubiläen – Anlaß für Kritik: Sind die Konzepte von damals lediglich fortgeschrieben worden? Haben sie sich eingerichtet und sind zum Stillstand gekommen? Wenn es uns gelingt, sie hinter Kamera, Mikro, Ladentheke und Schreibtisch hervorzuholen, kann darüber diskutiert werden.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 19. November 1985

Ein linkes Archiv - paradox?

Wer archiviert, läuft Gefahr, Herrschaftswissen zu reproduzieren. Dieses Problem stellt sich unabhängig vom Material, das gesammelt werden soll. Um dem zu entgehen, ist es notwendig, sich über Selbstverständnis, Funktion und Aufbau eines ’anderen‘ Archivs zu verständigen. Darüber wollen wir mit linken und alternativen Archivaren und Benutzern diskutieren.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 26. November 1985

Ernst Blochs Revolutionäre Subjektmagie

Ernst Bloch definierte seine Philosophie von Anfang an als “revolutionäre Subjektmagie”. Ihre Aufgabe sei es, den abwesenden subjektiven Faktor wie eine Schlange zu beschwören und so philosophisch wie praktisch zur Existenz zu bringen. Bloch begründet die Möglichkeit revolutionärer Magie aus gesellschaftlicher “Ungleichzeitigkeit”. Aus ihr gelte es, den utopischen Funken zu schlagen. In letzter Zeit mehren sich die Bemühungen, Bloch zum Philosophen der grünalternativen Bewegungen zu erklären. Übersehen wird dabei, daß Blochs Philosophie nach Maßgabe ihrer eigenen Begründung von der Geschichte überholt wurde. “Ungleichzeitigkeit” ist selber eine historische, also vergängliche Kategorie. Die trotzige Hoffnung des “Geschlagen ziehen wir nach Haus, die Enkel fechten‘s besser aus” ist darüber zum Heimatmärchen für linke Akademiker geworden und rangiert unter Rotkäppchen und den sieben Zwergen. Revolutionäre Subjektmagie ist, ihrer eigenen Logik gemäß, umgeschlagen in grünalternativen Polit-Okkultismus

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Freitag, 6.12., bis Samstag, 14.12 * Aktualität des Kommunismus

Veranstaltungsreihe der ISF in Kooperation mit der Gewaltfreien Aktion Freiburg und der Anti-Nato-Gruppe

Teach Ins

Grüne Partei und bürgerlicher Staat”, “Die Notwendigkeit, mit 1968 ein kritisches Ende zu machen”, “Das Recht auf Faulheit als Alternative zu Massenarbeitslosigkeit und Rationalisierung”. Eingeladen sind u.a. Leo Kofler und Karl-Heinz Roth

Vorträge

“Die kommunistische Wirtschaft: Ökonomie der Zeit”, “Alternative Bewegung und völkische Philosophie”, “Kapitalismus in den 80er Jahren: Vom Fordismus zum Post-Fordismus”, “Weiblichkeitsmythen und der Verfall der Frauenbewegung”, “Konventioneller Krieg und Pazifismus”, “Die Wiederkehr des Antisemitismus in den neuen sozialen Bewegungen”, “Jürgen Habermas, die Sozialdemokratisierung der Kritischen Theorie”, “Grüne und realer Sozialismus”, “Der narzißtische Charakter als Grundlage der alternativen Bewegung” etc. Eingeladen sind u.a Joachim Hirsch, Winfried Thaa, Thomas Kluge, Eberhard Seifert, Christine Wittrock, Ilse Bindseil, Micha Brumlik, Burkhard Tuschling.

Podiumsdiskussionen

“Patriarchat, Staat und Kapital. Zum Verhältnis von Feminismus und Staatskritik”, “Die Politik der Autonomen”, “Abschaffung des Staates – marxistisch und/oder anarchistisch? “Krise des Marxismus”. Eingeladen sind Detlev Hartmann, Claudia v. Werlhof, Redaktion “Weg des Ungehorsams”, Redaktion “Links”, Rainer Hoffmann, Michael Berger, Ursula Beer.

Filme zur Studentenbewegung 68/69

Fest nach dem Motto: Jedem nach seinem Bedürfnis

Über das genaue Programm sowie Ort und Zeit informiert eine Zeitung, die ab Ende November erhältlich ist. Sie enthält Thesen, Texte und Infos zu allen Veranstaltungen.

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