ca ira-Logo

ça ira-Verlag

Jour Fixe Programm Herbst/Winter 1986/87

Dienstag, 21. Oktober 1986

Die Verlumpung der linken Intelligenz: Plädoyer für kritische Theorie

Bevor der linke Intellektuelle überhaupt irgend etwas weiß, weiß er immer schon das eine: Daß ‘die Leute‘ sich beherrschen und ausbeuten ließen, weil sie von den näheren Details der Herrschaft und Ausbeutung nichts wüßten. Konsequent haben sie Aufklärung auf Information heruntergebracht. Ihr Interesse ist, am vorfindlichen Bewußtsein 'anzuknüpfen', 'Lernprozesse' zu organisieren und das Wissen mit der Wirklichkeit zu 'vermitteln. Die Politik des linken Intellektuellen ist die 'Vermittlung von Theorie und Praxis‘. Als Theoretiker stellt er die Variante des hysterischen Akademikers dar – die ins Ultra getriebene Begattung aller wissenschaftlichen 'Ansätze‘ miteinander. Das Spiel der 'Ansätze' – reflektiert in der Trennung von Methode und Gegenstand – ist jene Form akademischer Reputation, die den vollkommenen Anschein der Mühe erweckt, aber nur, um sich die wirkliche Mühe, Kritik, ganz zu ersparen. Als Praktiker stellt er die idealistische Variante des Bürokraten, den sogenannten politischen 'Experten‘ dar. Diese politische Spielform des linken Intellektuellen, vorzugsweise bei den Grünen angesiedelt, findet ihre Verdoppelung im ästhetischen Intellektuellen, dem Lieferanten der Kulturindustrie. Gegen beides steht Kritische Theorie. (Dieser jour fixe führt in den am 27.10. beginnenden Gesprächskreis “Grundbegriffe der Philosophie” ein.)

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

Trennmarker

Montag, 27. Oktober 1986

Gesprächskreis “Grundbegriffe der Philosophie”

Soweit es irgend geht, soll im Gesprächskreis über alles geredet werden, was unter “philosophischem Denken” verstanden werden kann. Damit sich diese Reden jedoch nicht in nebulöse Unverbindlichkeiten verflüchtigen, dienen Adornos Vorlesungen zur “Philosophischen Terminologie” als Grundlage. Wenn sich aufgrund dieser Konfrontation je individuellen Vorverständnisses vom philosophischen Denken mit der Philosophie Adornos herausstellen sollte, daß Philosophie dann, wenn sie sich auf ihren Gegenstand verbindlich einläßt, mehr sein kann als bloße Spiegelfechterei, wäre das Ziel dieser Veranstaltung schon erreicht. Wenn sich darüberhinaus gar noch zeigen sollte, daß dank einer spezifisch philosophischen Reflexion auf die gegebene Wirklichkeit sich Erkenntnisse gewinnen lassen, die jedem wissenschaftsanalytischen Denken von dessen Voraussetzungen her verschlossen bleiben müssen, ließe sich vielleicht sogar das Fundament für eine Wiederaufnahme der Diskussion um das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie einerseits und zum Wissenschaftspositivismus andererseits legen.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

Trennmarker

Dienstag, 4. November 1986

Das “Konzept Stadtguerilla”

Über die historische Bedeutung der Rote Armee Fraktion

Die RAF hat den Weg vom gerechten Attentat zur technizistischen Liquidation bis zum Ende ausgeschöpft. Wird am Ende, im bloßen Wettbewerb der Fahndungstechniken mit den Revolutionsingenieuren, deutlich, was die RAF immer schon war? Oder sind am traurigen Ende auch jene Schuld, die die Kritik des “Konzept Stadtguerilla” von 1971 an der legalen Linken abtaten, es sei ihnen “wichtiger, mit Luk√°cs langfristig zu promovieren, als sich kurzfristig von Blanqui agitieren zu lassen”? Und welches Recht hat die bürgerliche Gesellschaft, Baader, Meinhof und die anderen im Namen des Abscheus vor Gewalt zu verurteilen – eine Gesellschaft, die den Terroristen Stauffenberg jeden 20.Juli feiert? Oder wird er nur gefeiert, weil seine Bombe, im Gegensatz zu der Karl-Heinz Beckurts gewidmeten, ihr Ziel verfehlte? Unmittelbarer Anlaßt des Jour fixe ist die Wiederveröffentlichung jener Texte, mit denen die RAF 1971 ihren Kampf begründete (In: Baader/Ensslin/Meinhof u.a., Die 'alte‘ Straßenverkehrsordnung, Edition Tiamat, 1986). Der Herausgeber des Buches, K. Bittermann, ist eingeladen und wird das Ziel der Wiederveröffentlichung (Forderung nach Amnestie für politische Gefangene der: RAF) erläutern.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

Trennmarker

Freitag, 14. November 1986

Sadomasochisten, Keusche und Romantiker

Vom Mythos neuer Sinnlichkeit

Ulrike Heider und Christine Wittrock lesen aus ihrem gleichlautenden Buch und unternehmen dabei einen Streifzug durch Peep-Shows und Petersiliengärten, räsonnieren über Kultfilme wie “Carmen” und die “Flambierte Frau”, über Sexualmythologien wie Georges Bataille und den Comte de Sade. (Unkostenbeitrag: 3 DM)

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

Trennmarker

Dienstag, 18. November 1986

Wer gab den Rosen ihren Namen?

U. Eco hat seine wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Rolle des Mittelalters bei der Entstehung des modernen Rationalitätsdenkens in den Kriminalroman “Der Name der Rose” übersetzt. Gefragt werden muß, ob der hinter dieser Verpackung erkennbar gebliebene Inhalt das Urteil erlaubt, daß hier ausnahmsweise einmal ein Bestseller geschrieben worden ist, dem der Markterfolg gegönnt werden kann.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

Trennmarker

Dienstag, 2. Dezember 1986

Ernst Weiß: Der Kampf eines Schriftstellers mit den .Dämonen der Vernichtung

“Der Mensch ist eine Spur mehr als das Nichts.” Weiß schreibt die Fährten getriebener Tiere, deren Ursprung beängstigend und deren Ziel zweifelhaft ist. Seine Romane konstruieren das Dasein aus Absurdität und Grenz-Gefühlen. Die übermächtige Gewalt, der seine Helden in Selbstzeugung und Wiedergeburt ihr Leben abtrotzen, ist eine große, verschlingende Mutter. In seinem letzten Werk, “Der Augenzeuge”, führt Weiß‘ Sensibilität für sadomasochistische Emotionen zu einer Interpretation des Hitler-Faschismus, die an Gültigkeit nichts verloren hat. Ernst Weiß, Arzt und Romancier der Weimarer Republik, in Deutschland als Exilant lange vergessen, wurde 1882 in Brünn geboren. Er beging Selbstmord, als im Juni 1940 die Nazis Paris besetzten.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

Trennmarker

Dienstag, 16. Dezember 1986

“Autonomie” – der unaufhaltsame Niedergang einer revolutionären Theorie

Die Theorie der ‘Autonomie’ war der avancierteste Versuch des radikalen Linkskommunismus, auf das Niveau der Gegenwart zu kommen – um sie zu revolutionieren. Am Ende steht der politische wie theoretische Bankrott: Karl-Heinz Roth sucht das revolutionäre Subjekt dort, wo es west – in Archiven und Gräbern, Detlev Hartmann findet es in der plebejischen Bohéme der Häuser und legitimiert es lebensphilosophisch.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

Trennmarker

Als  bild  downloaden
Programmtext:
Freizeitpark oder Knast?