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Initiative Sozialistisches Forum

Freizeitpark oder Knast?

Amüsement oder Grauen? Spielfilm oder Wirklichkeit? Freizeitpark oder Knast? Die Frage, was denn diese Gesellschaft eigentlich darstelle, ist zum Rätsel geworden. Ist das Zuchthaus die Wahrheit des umtriebigen bürgerlichen Alltagslebens? Ist Stammheim das brutale lsquo;Wesen‘, die Fußgängerzone im samstäglichen Kaufrausch nur eine ,Erscheinung‘ der bürgerlichen Gesellschaft? Oder ist der Kampf im Untergrund nicht gar ein ergiebigeres Vergnügen als die entnervenden Rituale des oberflächlichen Zeitvertreibs? Wie kam denn Peter Paul Zahl zu der Ansicht, “die beste Selbsterfahrungsgruppe ist die bewaffnete Einheit” der Stadtguerilleros? Was bedeutet es, wenn, wie der Spiegel berichtet, die beste Überlebenschance eines Siemens-Managers darin besteht, alle Disziplin und Ordnung, die ihn nach oben gebracht hat, zu vergessen und wie ein Stadtstreicher sich zu kleiden und zu benehmen? Gibt es noch einen wirklichen Unterschied zwischen dem Glauben an Gott und der Hoffnung auf Befreiung?

Es scheint, der Unterschied ums Ganze, der “Grundwiderspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital”, habe sich in den einfachen Gegensatz feindlicher Temperamente verflüchtigt. Wo die Melancholiker und Sanguiniker ihrer Natur gemäß ,links‘ stehen und die eher phlegmatischen und cholerischen Charaktere eben ,rechts‘, da wird das Kampfgeschrei früherer Klassenkämpfe zur weinerlichen Impertinenz notorischer Rechthaber. Ob Baader/Meinhof einst oder heute Helmut Kohl: Was läßt sich gegen Meinungen und Taten eines Menschen noch einwenden, wenn man ihn verstanden, sich mit polizeilichen oder therapeutischen Mitteln in seinen Charakter ,eingefühlt‘ hat?

Der Wunsch, das Rätsel zu lösen und die Frage nach dem “Wesen” der Gesellschaft doch, so oder so, auf Biegen und Brechen zu entscheiden, ist so naheliegend, wie er außer der Sache liegt. Das bürgerliche Grauen besteht gerade in seiner Ununterscheidbarkeit vom Amüsement, im objektiven Nihilismus des Sozialen und Politischen: Anything goes, but it doesn‘t matter. Der öffentliche Nihilismus, der Grundwert sagt und Grundbuch meint, läßt sich nicht von einer Opposition sprengen, die meint, Grundwerte durch kritischen Hinweis auf Sachwerte durchschauen und aushebeln zu können. Kritik verkommt so zur Verdoppelung des Kritisierten; ihr Gehalt ist nicht Opposition, sondern unverlangter Beweis von Loyalität.

Dagegen gilt es, die Wahrheit des staatsbürgerlichen Zynismus zur Kenntnis zu nehmen. Obwohl er, etwa, in der Fassung des Volksgemeinschaftsphilosophen Carl Schmitt, nicht weiß, warum er die Wahrheit spricht – und daher mit der Wahrheit lügt –, hat er doch recht: Die Chancen des Sozialismus sind etwa so groß wie die eines Igels, gesund und munter über die Autobahn zu kommen. Carl Schmitt jedenfalls meint: “Wenn die innere Rationalisierung und Regularität der technisch durchorganisierten Welt restlos durchgesetzt ist, dann ist der Partisan nicht einmal mehr ein Störer. Dann verschwindet er einfach von selbst im reibungslosen Vollzug technisch-funktionalistischer Abläufe, nicht anders, wie ein Hund von der Autobahn verschwindet. Für eine technisch eingestellte Phantasie ist er dann kaum noch ein verkehrspolizeiliches und im übrigen weder ein philosophisches, noch ein moralisches oder juristisches Problem.”

Herrschaft braust in der Daimler-Karosse über das Widerständige hinweg. Niemand, der wirklich noch schuldig wäre, sitzt am Steuer. In der Bürokratie hat sich Herrschaft verniemandet, ist unbekannt verzogen. Über Ausbeutung läßt sich, wie über Herrschaft, nur sagen, daß sie geschieht. Aber dies bedeutet nichts und niemandem etwas.

Kritik hat sich auf das Niveau dieser Gegenwart zu begeben. Will sie nicht, durch die wie aus der Pistole geschossene Utopie, den reibungslosen Vollzug des Sozialen noch himmelblau anstreichen, dann hat sie zuallererst mit dem Wunsch zu brechen, das gesellschaftliche Rätsel im Hauruck-Verfahren zu lösen: Brechen muß Aufklärung mit dem Röntgenblick, der ihr den ,Schein‘ aufs ,Wesen‘ durchschauen hilft, brechen auch mit der politischen Spielform des radioaktiven Blicks, der ,Vermittlung von Theorie und Praxis‘. Sie hat die Geistlosigkeit einer auf den Hund gekommenen Linken, die sich wie in Trance an den Paradiesen auf der anderen Seite der Autobahn berauscht, und der es darum geht, endlich den ersten Schritt zu tun, Paroli zu bieten. Dies zu tun, wird Aufklärung zur Kritik, deren erstes Resultat wie deren Prämisse in nichts weiter besteht als der These, die Kritische Theorie eines Horkheimer oder Adorno habe nur den einen und wesentlichen Nachteil: Daß ihre Dialektik nicht weit genug ins Negative getrieben ist, um dem objektiven Nihilismus der Gegenwart gerecht werden zu können. So erweist sich die Geistlosigkeit der Linken als automatisierte Form herkömmlicher Geisterseherei: ihr Blick aufs Wesen bestärkt das Unwesen, ihre Antwort aufs soziale Rätsel wird, ob theoretisch oder praktisch, zur revolutionär gemeinten Subjektmagie. Es hilft nichts, außer den Verhältnissen weiterhin ihre Melodie vorzuspielen – auch wenn keiner die Katzenmusik mehr hören mag.

Nachgedruckt in: Das Ende des Sozialismus, die Zukunft der Revolution

Die Vorträge und Diskussion des jour fixe sollen helfen, der auf bloße Technik dressierten Phantasie des reibungslosen Vollzugs ein Schnippchen zu schlagen. Die ISF als Veranstalter beansprucht nicht, mehr zu wissen als das Publikum. Schon deshalb nicht, weil Aufklärung als Kritik nicht Lernprozeß ist, für den linke Intellektuelle aus beruflichen Gründen ihn ausgegeben haben. Kritik organisiert nicht Wissen, sondern Begreifen. Sie trägt daher nicht bei zum wissenschaftlichen Recycling des gesunden Menschenverstandes, sondern zur Auflösung dessen, was das Alltagsleben ohne weiteren Beweis immer schon für evident hält. Die ISF reklamiert nur die Notwendigkeit, das, was alle längst bis zum Überdruß wissen, anders zu sagen, so zu sagen, daß auch der Überdruß praktisch aufhören mag.

Über die Berechtigung wie die Ausführung dieser Notwendigkeit soll im jour fixe gestritten werden. Daher steht der jour fixe auch allen offen, die sich nur “irgendwie” auf Emanzipation berufen: gleich, ob als Publikum oder Vortragender, als Einzelner oder als politische Gruppe. Er/Sie soll sich mit uns in Verbindung setzen – für das nächste Programm bitte bis Mitte Dezember, ansonsten jederzeit.

Die Kritik ist keine Leidenschaft des Kopfes, sie ist der Kopf der Leidenschaft.”
KarlMarx

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Programm:
Jour Fixe Programm Herbst/Winter 1986/87