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ça ira-Verlag

Jour Fixe Programm Herbst/Winter 1987/88

Dienstag, 13. Oktober 1987

Revolution des Willens

Das Attentat als Bombe ins Bewußtsein der Massen will den objektiven Schein von Freiheit und Gleichheit als subjektives Machwerk der Herrschenden enthüllen. Die Macht erscheint, heroisch entlarvt, als reiner “Ausdruck ihrer politischen Schwäche”. Den Herrschenden soll nichts bleiben, “sie haben nichts mehr, nur noch Gewalt, Terror, nackt, sichtbar, als Erfahrung, als Bedingung” (RAF). Aber das Ergebnis spricht der Absicht Hohn: Nicht die Charaktermaske liegt auf der Straße, sondern ein Funktionärskörper, der im Tod humanisiert wird. So produziert der Terrorist nur eines: einen moralischen Eindruck. An dieser Moral erwärmt sich das antiimperialistische Publikum; die Sympathie mit dem bewaffneten Kampf enthüllt sich als Schaulust am Terroristen.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 27. Oktober 1987

Hildegard von Bingen – Nina Hagen – Musik und Minnemystik

“Wer hat je ähnliches von einer Frau gehört?”, fragt um 1175 Hildegards Geheimschreiber. Er meint nicht nur die klanggewaltigen Musikspektakel, die man in ihrem Namen hörte; sondern die lange auch von der Musikforschung übergangene Tatsache, daß die in Neumen-Noten notierten Gesänge, die die “prophetissa teutonica” in audiovisuellen Übertragungen von Gott selber empfangen haben will, im exclusiven Gottesdienst zelebriert wurden, dem sich die Schwestern in Hildegards Klöstern widmeten. Kein Zweifel: In Hildegard, die übrigens nie heilig gesprochen worden ist, begegnet die Praefigura des marianischen Stars, wie ihn noch die technischen Medien der Postmoderne im marianischen Jahr feiern: Nina Hagen: “Ich bin der Kanal Gottes”. – Es referiert Wolfgang Scherer.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 10. November 1987

Zur Sozialgeschichte des Computers

Computer spielen Schach und spielen Krieg.; die bundesdeutsche Linke schwankt in ihrer Haltung zum Computer zwischen naiver Bewunderung und apokalyptischer Projektion. Die Funktion des Computers als eines wichtigen politischen und sozialen Herrschaftsinstrumentes ist heute Alltagswissen geworden; BKA-Rasterfahndung, Volkszählung, moderne Kriegsführung und Arbeitsorganisation in Fabrik und Büro bedienen sich des gleichen Hilfsmittels – des Computers. Wie es jedoch zur Entwicklung des Computers seit dem Mittelalter zu einem universell verwendbaren Werkzeug kam, wie seine Sozialgeschichte mit der kapitalistischer Trennung von Hand- und Kopfarbeit zusammenhängt und warum die Computer-Hacker nur eine radikalisierte Version sozialdemokratischer Politik sind, wird in diesem Jour fixe dargelegt.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 1. Dezember 1987

“Gegen den Strom”

Zur Geschichte der Kommunistischen Partei Deutschlands (Opposition)

Die KPD(O) entstand Ende 1928, als die KPD endgültig auf den ultralinken Kurs einschwenkte und alle kritischen Funktionäre ausschloß. Ihre ideologischen und personellen Wurzeln lassen sich bis auf die Linke der Vorkriegs-Sozialdemokratie und den Spartakus-Bund zurückverfolgen – sie kämpfte in der Tradition von Rosa Luxemburg für die Gleichberechtigung aller kommunistischen Parteien und gegen die Bevormundung durch die Führung der KPdSU. Die KPD(O) hat in der Arbeiterbewegung der Endzeit der Weimarer Republik und in der Illegalität im Kampf gegen den Faschismus eine wichtige Rolle gespielt. Sie wandte sich gegen die Sozialfaschismustheorie wie auch gegen die Bagatellisierung der faschistischen Gefahr durch die Führungen von SPD, KPD und ADGB. In den KPD(O)-Organen wurde frühzeitig der Niedergang der Weimarer Republik analysiert. Durch ihre Funktionäre in Betrieben, Gewerkschaften und anderen Massenorganisationen versuchte sie bis 1933 durch Druck von unten ein Zusammengehen der verschiedenen politischen Strömungen der Arbeiterbewegung gegen den Faschismus zu erzwingen. Es referiert Prof. Theodor Bergmann (Stuttgart), Autor der Geschichte der KPD(O) “Gegen den Strom” und Herausgeber des Reprints der KPD(O)-Zeitschrift (beide erschienen im VSA-Verlag 1987).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 17. November bis Sonntag, 22. November 1987

Roter Oktober

Veranstaltungsreihe zum 70. Jahrestag der russischen Revolution

Themen: Lenin und die Oktoberrevolution, Anarchismus und Marxismus in der Revolution, Rätedemokratie, Klassenkämpfe in Rußland, Das System des Stalinismus: die Arbeiterklasse als Maschine, Lenins Staatsphilosophie, Realer Sozialismus als Herrschaftssystem, Trotzkis Stalinismus-Kritik, Gorbatschow und die Zukunft des Realen Sozialismus, Arbeiteropposition in der SU heute. Referenten: Karl-Heinz Roth, Richard Lorenz, Arthur Müller-Lehning, Sybille Plogstedt, Walter Süß, Michael Jäger, Renate Damus, Ulrike Schmiederer, Jakob Moneta, Victor Fainberg, u.v.a.. Die Veranstaltungsreihe wird am Samstag, den 14.11., mit einem “Bolschewistenball” in der Gießereihalle eröffnet. Anfang November erscheint eine Programmzeitung mit Dokumenten und Texten zu allen Themen.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 15. Dezember 1987

Annäherungen an Michel Foucault

Kaum etwas scheint der Beschäftigung mit Michel Foucault unangemessener, als ihn, der sich – vielleicht ohne alle Pose - in die mühselige Arbeit des Verschwindens verwickelt sah, für sicheres Wissen zwischen zwei Buchdeckeln halten zu wollen - neben anderen Namen, denen bereits der Autortitel Hermetik und Folgenlosigkeit aufgezwungen hat. Nichts aber auch problematischer, als bestimmte Positionen seiner Untersuchungen mit tragenden Begriffen der von ihm in Frage gestellten Wissensformationen zu kritisieren. Zwischen beiden Polen bewegt sich der Versuch einer Annäherung an Michel Foucault auf unsicherem Terrain – in den Labyrinthen eines Wissens, denen wir schwerlich entfliehen, deren Architektur wir jedoch einer subversiven Betrachtung unterziehen könnten.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 12. Januar 1988

Droge, Krieg, Wirtschaft

Beim derzeitigen Stand der Drogendiskussion überwiegen sozialhistorische und psychologisch-therapeutische, oft an Einzelbeispielen orientierte Theorien. Einschlägige Forschungen über die Vernetzung von Kriegswirtschaft und Drogenproduzenten sind bislang Desiderat – nicht zuletzt des Umstands halber, daß ein Großteil der Drogenpsychologie nach 1945 in militärische Hände übergegangen ist. Anhand einzelner Quellen ist es jedoch möglich, die strategische Bedeutung diverser Drogen bis weit ins 19. Jahrhundert zurückzuverfolgen. Insbesondere soll mit Rücksicht auf die oft unterschlagene schmerzbetäubende, also medizinische Wirkung v.a. der Opiate vom äußerst kruden Begriff des 'Rausches' abstrahiert werden.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 26. Januar 1988

“Negative Revolution”

Über den Anarchismus Michail Bakunins

Radikale Staatskritik und entschieden anti-utopisches Bild der Revolution einerseits, naive Ökonomiekritik und tendentieller Antisemitismus andererseits bilden einen merkwürdigen Kontrast im Anarchismus Bakunins. “Es ist offenbar”, schreibt Bakunin 1871 in seinem Aufsatz lsquo;Die Kommune von Paris und der Staatsbegriff‘, “daß alle sogenannten allgemeinen Interessen, die der Staat angeblich vertritt, eine Fiktion bilden und daß der Staat gleichsam eine, große Schlächterei und ein ungeheurer Friedhof ist”. Die Kritik der Souveränität – Hauptpunkt der Auseinandersetzung mit Marx – wird durch Rückfall in den linken Liberalismus bezahlt. Im Zentrum der Revolution reproduziert sich derart die bürgerliche Hegemonie über ihren antagonistischen Widerspruch.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 9. Februar 1988

Die Anarchosyndikalisten in der spanischen Revolution

Nach einem kurzen Abriß der Entstehungsgeschichte des Anarchosyndikalismus in Spanien, soll seine Entwicklung seit Beginn der 30er Jahre dargestellt werden. Von besonderem Interesse wird dabei das Verhältnis der Anarchosyndikalisten zu Volksfront und zur Volksfrontregierung sein. Untersucht werden sollen ferner interne Konflikte in den Reihen der Anarchosyndikalisten bezüglich deren Regierungsbeteiligung. Anhand einiger anarchosyndikalistischer 'Theoretiker' – wie Abad de Santill├ín, Juan Peir├│ u.a. – sollen schließlich Theorie und Praxis des spanischen Anarchosyndikalismus beurteilt werden.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 23. Februar 1988

Maschinenmenschen und Menschmaschine

Eine kleine Kulturgeschichte des Verhältnisses der Anthropomorphisierung der Maschinen und der Automatisierung des beschreibenden Bewußtseins. Anhand einiger literarischer Klassiker von E.T.A. Hoffmann bis Franz Kafka und – zugegebenermaßen wacklig – auf T.W. Adornos Ästhetische Theorie gestützt, soll versucht werden, einmal nicht psychoanalytisch, sondern sozialhistorisch an dies Modethema der frühen 80er Jahre heranzutreten.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Programmtext:
Vernunft als Pleite