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ça ira-Verlag

Jour Fixe Programm Herbst/Winter 1988/89

Dienstag, 25. Oktober 1988

Nationalismus minus Hitler

Über die Wiedergutwerdung der Deutschen

“Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt”: Worüber sich bereits Bismarck interessiert irrte, weil einem eher die Volksgenossen als die Amerikaner Angst machen sollten, das ist heute, nicht zuletzt im Gefolge der Friedensbewegung, populär geworden – die Rede vom deutschen “Wir”. Die Rechte betreibt die Endlagerung der Vergangenheit und setzt einen Historikerstreit in Szene, um sich Auschwitz von der Seele zu reden, die sozialliberale Mitte macht Reklame für “Verfassungspatriotismus” (Habermas), und selbst in der alternativen ‘taz’ wird “revolutionärer Patriotismus” ans Herz gelegt: Über die Fraktionen hinweg und als Gemeinschaftswerk vollzieht sich Wiedergutwerdung der Nation.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 8. November 1988

Homers ”Odyssee“ nach Adorno

Zur Urgeschichte der Subjektivität und zur Dialektik der Selbstbehauptung

Theodor W. Adornos “Dialektik der Aufklärung” entwickelt die Urgeschichte der Subjektivität, die mit den Urgeschichten von Herrschaft und Verdinglichung zusammenfällt. Darauf eröffnet Homers “Odyssee” als Grundtext der europäischen Aufklärung und als Manifestation verfehlter Geschichte zugleich den Blick. Fünf Stationen der “Odyssee” sollen nachgefahren werden, um aus ihrer Interpretation die fatale Dialektik der Selbstbehauptung zu rekonstruieren, in der Verdinglichung und Vergessen als Ausdruck der Geschichtslosigkeit zu einem universalen Prinzip zusammenschießen

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 15. November 1988

Hans-Jürgen Krahl

Antiautoritarismus als theoretischer Entwurf

Es geht um den politischen Gehalt von Krahls Gesellschaftstheorie. Zu begreifen ist er vor dem Hintergrund der Nachkriegsentwicklung der linken Organisationen und Diskussionen in der BRD und der spezifisch neuen Formierung, die sie in der Protest- und Studentenbewegung erfahren haben. Neben traditionalistischen Neugründungen spielten hier sozialistisch-linksoppositionelle, anarchistische und linkskommunistische Strömungen eine Rolle. Krahls Position bezeichnet einen einzigartigen Schnittpunkt zwischen linkskommunistischer Tradition mit den Potentialen der Protestbewegung und dem gesellschaftstheoretischen Programm der Kritischen Theorie: Kritischer Kommunismus! (Es spricht Diethard Behrens, Frankfurt)

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 29. November 1988

Wer Ja zu Lenin sagt, der kann zu Stalin nicht Nein sagen

Über den Rätekommunismus Paul Matticks

Paul Mattick (1904-1981) zählt zu den profiliertesten Vertretern des Rätekommunismus. Als Schüler von Anton Pannekoek und Hermann Gorter verfaßte er seit Mitte der zwanziger Jahre zahlreiche Artikel, Aufsätze und Bücher, in denen er den Kapitalismus und die Probleme revolutionärer Gegenmacht analysiert. Wurden seine Arbeiten in der Studentenbewegung noch ausführlich diskutiert, so ist er heute weitgehend vergessen. Ganz zu Unrecht – denn seine Kritik an der traditionellen Arbeiterbewegung und ihren leninistischen Ausläufern ist immer noch aktuell, wenn auch nicht in den Metropolen, so doch in den Ländern des Trikont.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 13. Dezember 1988

Die Antinomien des Linksradikalismus

“Die Arbeiterklasse ist revolutionär, oder sie ist nicht”: Dieses marxsche Diktum spricht das Problem aus, dem sich die revolutionäre Intention in nichtrevolutionären Zeiten gegenübersieht. Anhand von Mario Trontis Thesen über “Marx, Arbeitskraft, Arbeiterklasse” und ihrer Kritik als “Lebensphilosophie” durch die ISF rollt der Vortrag die theoretischen Probleme auf, die sich immer dann stellen, wenn die Totengräber des Kapitalismus den Spaten mit dem Fernsehsessel vertauschen.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 17. Januar 1989

Von der Ehre der Vaterlandslosigkeit zum proletarischen Patriotismus

Antimilitarismus in der Arbeiterbewegung vor 1914

Nichts hat gestandene Sozialdemokraten mehr gefuchst als die Rede von den “vaterlandslosen Gesellen” – fühlten sie sich doch als die besseren Patrioten, die Deutschland mit allgemeinem Wahlrecht und allgemeiner Wehrpflicht zum Sozialismus führen wollten. Der August 1914 brachte sie ein gutes Stück voran: Der Kaiser kannte keine Parteien mehr, nur noch Deutsche, und nahm sie in die Volksgemeinschaft auf. So diszipliniert, wie man zuvor für den Frieden auf die Straße gegangen war, zog man nun ins Feld.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Samstag/Sonntag 28./29. Januar 1989

“Shoah”

Ein Film von Claude Lanzmann

“Shoah” ist ein hebräisches Wort. Es bedeutet: großes Unheil, Katastrophe. “Shoah” heißt der neunstündige dokumentarische Film von Claude Lanzmann, der zwölf Jahre lang Augenzeugen aufgespürt und befragt hat, letzte Überlebende, die als Opfer und Täter oder als Zuschauer erlebt und gesehen haben, was in Ghettos und Lagern geschah.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 31. Januar 1989

Nationalsozialismus im Film

“Vergegenwärtigt man sich die Debatten, die seit Jahrzehnten um die Frage einer Ästhetik nach Auschwitz kreisen, so zerfallen sie in eine moralische und eine materiale Frage; die moralische ist die, ob, nachdem in Auschwitz jede Hoffnung auf die Tragfähigkeit des humanen Fundaments der Zivilisation zuschanden ging, die Utopie des schönen Scheins der Kunst nicht endgültig zur falschen Metaphysik sich verflüchtigt hat; die zweite, materiale, macht sich an der Frage fest, wie und ob Auschwitz der ästhetischen Repräsentation und Imagination eingeschrieben werden kann und ist.” Gertrud Koch (Frankfurt), deren Buch “Was ich erbeute, sind Bilder. Zum Diskurs der Geschlechter im Film” gerade im Verlag Roter Stern erschienen ist, ist Herausgeberin der Zeitschrift “Frauen und Film”. Ihr Vortrag wird unter anderem Claude Lanzmanns Film “Shoah” behandeln.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 14. Februar 1989

Der Feind der Zeit

Zur politischen Sprachkritik von Karl Kraus

Karl Kraus sucht die Regeln der individuellen Moral, aus denen für ihn die humane Gesellschaft folgt, im Rätsel der Sprache zu begründen. Sie verbürgt die Chance einer Welt im Jenseits des Zwanges zur Selbsterhaltung. Im nie beruhigten Sprachzweifel, im Ringen “um die Verbindung zwischen Wort und Wesen”, liegt kein bloß artistisches, sondern ein moralisches Problem. Sprachkritik ist gedoppelt: Kritik durch das geistige Subjekt Sprache und Kritik an der Sprache derer, die sie beherrschen, die sie zum Schmiermittel der 'Kommunikation' erniedrigen. Die Bestimmungen der Sprachkritik konvergieren in der Satire, die das Bestehende im Namen des Verlorenen attackiert. “Der satirische Künstler steht am Ende einer Entwicklung, die sich der Kunst versagt. Er ist ihr Produkt und hoffnungsloses Gegenteil. Er organisiert die Flucht des Geistes vor der Menschheit, er ist die Rückwärtskonzentrierung. Nach ihm die Sintflut

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 28. Februar 1989

Leo Tolstois “Christlicher Anarchismus”

Eine Lehre und ihr Markt

Tolstoj trat an, dem “Verlust der Mitte” in der Moderne mit dem urchristlichen Liebes- und Gewaltlosigkeitsgebot eine neue Mitte, ein “höchstes, absolutes Wahrheitsideal” entgegenzusetzen. Als Hindernisse galten ihm v.a. Staat, Recht, Militär, Kirche und Privateigentum, zu deren Zerstörung durch gewaltloses Nichtunterwerfen er immer wieder aufrief. Solches Denken trug ihm besonders in bürgerlichen Kreisen, aber nicht nur dort, den 'Ehrentitel' “christlicher Anarchist”, bzw. dessen hämische Variante “anarchistischer Narr in Christo” ein, was freilich die umfassende Vermarktung des “genialen” Dichters Tolstoj kaum beeinträchtigte, ihr gegenwärtig in West wie Ost sogar neue Perspektiven zu eröffnen scheint.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 14. März 1989

Positivismus als Philosophie

Mitten im Elend des Wissenschaftsbetriebes hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, daß Schopenhauer der Größte der toten und Popper der Größte der noch lebenden Philosophen ist. Als ob nicht der eine immer nur da vernünftig argumentiert hätte, wo er sich über die bezahlten Kopflanger amüsierte – und als ob nicht das bleibende Verdienst des anderen allein darin bestünde, Theorien aufgestellt zu haben, die mit einer Gründlichkeit, die ihresgleichen sucht, falsifiziert wurden. Bei soviel Masochismus verwundert es nicht, daß die moderne Philosophie ihr einstiges Lieblingsspielzeug, die analytische Wissenschaftstheorie, nur noch mit Unbehagen zur Kenntnis nimmt. Zum Ausgleich befriedigt sich die Wissenschaft des Geistes nun am “Konkreten” und müht sich darin ab, die Banalitäten des 'Common Sense' in bombastischen Worthülsen zu verpacken: das “Prinzip Verantwortung”, der “Respekt vor dem Leben” und/oder der “Natur” etc. pp. sind gerade bei denen in Mode gekommen, die einmal darauf bestanden, materialistische Philosophie zu betreiben.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Programmtext:
Nationale Identität, soziale Amnesie