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Initiative Sozialistisches Forum

Nationale Identität, soziale Amnesie

Der Mensch ist des Menschen Wolf: Es liegt in der Logik dieser Alltagsweisheit des gesunden Menschenverstandes, daß nichts dringender geboten ist als ein gesundes Mißtrauen in die moralischen und sonstigen Qualitäten der Mitmenschen; nicht zuletzt dann, wenn sie zutraulich werden. Aus dem Blickwinkel der Konkurrenz betrachtet, erscheint der von Staats wegen schmeichelhaft 'soziales Miteinander' genannte Zustand als das bloße Stechen und Würgen, als Fressen und Gefressenwerden. Hier provoziert das Gesetz der losgelassenen Selbsterhaltung den antagonistischen Gegensatz der Individuen, ihren wechselseitigen Ausschluß von der Aneignung der Überlebensmittel. Es ist dies also einerseits eine verkehrte Welt, in der das Brot, das der eine ißt, den anderen unmöglich satt machen kann. Aber andererseits berechtigt doch der Umstand zu den schönsten Hoffnungen, daß die mit den Rechts- und Gewaltmitteln der Konkurrenz gegenseitig sich Ausschließenden über den Kampf hinaus doch immerhin ein Gemeinsames haben – daß sie nämlich ein und derselben Gattung angehören und Fleisch vom Fleische einer Rasse sind. Wenn der Wolf im Wolfe den Bruder zu erkennen vermag, kann er sich von der Konkurrenz emanzipieren, kann er sich zum Teil einer Nation erklären und im Rudel auf Jagd gehen.

Richard von Weizsäcker erklärt diesen Sachverhalt so: “Die Deutschen und ihre Identität: Zwei Fragen sind damit zusammengefaßt. Die eine heißt: Ich gehöre zu einem Volk, dem deutschen Volk. Welche Merkmale haben wir Deutsche als Volk? Was macht es aus, dazuzugehören? (...) Sodann aber, und das ist die zweite Frage, bin ich ein Mensch. (...) Zunächst ist es ein naturgegebener Sachverhalt, deutsch zu sein. Es ist die Folge der Tatsache, hier geboren und aufgewachsen zu sein, die deutsche Sprache zu sprechen, sich hier zu Hause zu fühlen und damit Teil des eigenen Volkes zu sein”. Nationalismus, die Begeisterung über die Gnadenwahl der Zugehörigkeit zum Kollektiv qua Geburt, empfiehlt sich als Heilmittel und Schutz vor gegenseitiger Zerfleischung. Während in der verkehrten Welt der Konkurrenz der Mensch als gesellschaftliches Wesen gerade so viel gilt wie ein Raubtier, so genießt er in der abermals verdrehten Welt des Nationalismus den guten Ruf, gerade als bloßes Naturwesen zum Garanten zwischenmenschlicher Solidarität zu taugen. Während in der gesellschaftlichen Konkurrenz die Lebensmittel unter die quasi-natürliche Bestimmung der Knappheit gesetzt sind, erscheinen sie dem Nationalismus als Resultate gemeinschaftlicher Produktion unter der pseudo-gesellschaftlichen Bestimmung des exclusiven und fürs Kollektiv reservierten Reichtums, Die Agitation gegen die “Wirtschaftsflüchtlinge” verrät die Launen des bürgerlichen Doppelcharakters, die er im nationalen “Wir” auslebt: Wo einerseits keine Ausnahme gemacht werden darf und die Flucht vor der Wirtschaft Feigheit vor dem Feind wäre, da soll sie doch andererseits dort erlaubt sein, wo die Stammesangehörigen vor einer polnischen Wirtschaft Reißaus nehmen.

Dem Nationalismus erscheint die Gesellschaft als Biotop und der darin ansässige Mensch als Deutscher. Die grassierende Rede von der daraus abzuleitenden “nationalen Identität” lebt vom Rauschgefühl, das beim Verdampfen der etwa noch bestehenden Restpersönlichkeit entsteht. Der Gewinn zahlt sich aus im Attest, qua Natureigenschaft schon etwas ganz Besonderes zu sein, eine Sendung und Mission zu haben. Richard v. Weizsäcker führt dies vor: Unter der Hand verwandelt sich die Naturtatsache in eine moralische Pflicht und es wird “unsere Sache, dem Begriff 'deutsch' einen Inhalt zu geben. (...) Mein Deutschsein ist kein unentrinnbares Schicksal, es ist eine Aufgabe”. Vermag sich krude Natur zum 'Begriff zu mausern, so muß schon etwas Besonderes, etwas Intelligibles an ihr dran sein: Herkunft wird Zukunft, Geschichte Aufforderung zum Weitermachen. Aus der geographischen oder, folgt man Weizsäcker, “geopolitischen” Verortung des Biotops läßt sich die Identität seiner Mitglieder ableiten. Was seit Wagner zur seelischen Grundausrüstung gehört, die Maxime nämlich, Deutschsein hieße, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun, nimmt sich auch der neudeutsche Nationalismus zu Herzen und findet seine Sendung in purer Selbstlosigkeit. “Wir Deutschen” leben in einer “doppelten Randlage”, sind “der Westen des Ostens und der Osten des Westens”, woraus geopolitisch folgt, daß Deutschland, qua Mitte, die Aufgabe des Vermittlers und uneigennützigen Maklers zu übernehmen hat. An dieser Stelle verdichtet sich die unerträgliche Seichtigkeit des nationalen Jargons und wird zum Schleim: Die mit der geopolitischen Lage erwiesene Uneigennützigkeit erfordert konsequent die Bereinigung der Geschichte, die Entsorgung der Vergangenheit. Weil auf die Frage 'Was ist deutsch' außer durch den Ausschluß der Nichtdazugehörigen keine Antwort gegeben werden kann, muß die Homogenisierung des deutschen Volkskörpers durch die Vernichtung der Juden noch im nachhinein zum Persilschein der nationalen Ambitionen herhalten. Gerade weil “wir Deutsche” “die Erfahrung von Diktatur, Krieg und Unrechtsstaat haben wie kaum ein anderes Volk”, eine Erfahrung also, die “uns” erst einmal einer nachmachen soll, gerade weil “wir” zum Schrecklichsten fähig waren, sind “wir” auch zum Höchsten berufen. Wer, wie Weizsäcker bescheinigt, den “Abgrund von Gewalt und Schuld” ganz ausgemessen hat, soll deshalb schon fähig sein zum Brückenschlag.

Es bedarf nicht der Lektüre der “Mitteleuropa”-Phantasien der jungdeutschen Autoren aus 'taz' und 'lettre international', um festzustellen, wie nachhaltig die Sehnsucht nach nationaler Identität auch im einst subversiven Teil der Nation Einzug gehalten hat. Schon den maostalinistischen Zerfallsprodukten der Studentenbewegung war die Idee geläufig, mit der Rechten um die Beantwortung der 'nationalen Frage' zu wetteifern. Weizsäckers Diktum: “Die deutsche Frage ist solange offen, wie das Brandenburger Tor zu ist”, könnte auch von Rudi Dutschke stammen. Aber erst mit der Friedensbewegung hat die linksnationalistische Attitüde die letzten Schamhaftigkeiten abgestreift und darf so recht gegen den “neokolonialistischen Status” (taz) der BRD vom Leder ziehen. Das “Recht auf Selbstbestimmung des deutschen Volkes” feiert in einer Sorte Antiimperialismus seine Auferstehung, die unter Imperialismus nur noch Fremdherrschaft verstehen möchte. Auch unter Feministinnen wird das Vaterland populär, seitdem wieder Muttersprache geredet werden darf. Der Verfasserin des 'Müttermanifestes' ist die Erkenntnis zu verdanken, “wir Deutsche” hätten Hitler zu intensiv bewältigt und uns, typisch Faust, in eine “deutsche Dauer-Lebenskrise und Selbsthinterfragung zwischen Depression und zögernden Formen vitaler Lebensäußerung” gestürzt. Die Bewältigung des Faschismus habe die Deutschen die Zukunftsgewißheit, d.h. den Willen zum Überleben als Volk, zur Fortpflanzung und Vermehrung, gekostet: “Die Vergangenheit wird erst dann richtig verarbeitet sein, wenn der merkwürdige Auto-Genozid der Deutschen thematisierbar wird”.

Die wiedergutgemachten Deutschen avancieren so zu den wahren Opfern ihrer Geschichte: Was den Juden noch gewaltsam zugefügt werden mußte, das tun sie sich freiwillig an; es kann also damals nicht so schlimm gewesen sein, daß eine Steigerung ausgeschlossen wäre. So erschwindelt man sich den schönen Posten, das wirklich auserwählte Volk zu sein. Die deutsche Vergangenheit ändert sich ständig, aber die Zukunft bleibt stets gewiß.

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Wenn Hoimar von Dithfurt im Rombach-Center aus seinem Elaborat “So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen” liest, dann kostet der Eintritt mindestens fünf Mark. Dafür ist aber der Inhalt geschenkt. Die Veranstaltungen des jour fixe sind alle gratis und umsonst – was aber nicht heißt, daß sie außer Nerven nichts kosten. Wer unsere Arbeit unterstützen möchte, der kann auf unser Postscheckkonto einzahlen: Joachim Brunn, Postgiroamt Karlsruhe Nr. 2260 45 -756. Wer mehr übrig hat als einen Beitrag – alles außer Hosenknöpfe – zu den laufenden Kosten, dem empfehlen wir außer den Büchern des befreundeten Verlages, die hier angezeigt werden, die Möglichkeit, Genossenschafts-Anteile dieses Verlages zu zeichnen. Näheres dazu über die Kontaktadresse. Die ISF ist materialistisch genug, etwaige Spenden als ideelle Unterstützung dankbar anzunehmen und idealistisch genug, auf engagierte Mitarbeit zu hoffen.

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Jour Fixe Programm Herbst/Winter 1988/89