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ça ira-Verlag

Jour Fixe Programm Frühjahr/Sommer 1989/90

Dienstag, 4. April 1989

Die Verstaatlichung der “Grünen”

Mit der Duisburger Bundesversammlung der 'Grünen' Anfang März ist die schleichende Transformation der ökologischen “Anti-Parteien-Partei” (Petra Kelly) in einen ideologischen Staatsapparat nun auch formell beendet. Der neue Vorstand steht für die Hegemonie der Parlamentsfraktion über die Partei und verfestigt derart die des Staates über die Fraktion. Noch der Protest der Fundamentalisten um Jutta Ditfurt beweist, daß die Verwandlung der 'Grünen' in eine kleine Sozialdemokratie mit Abstand das Beste ist, was die radikale Linke mit Blick auf die Ursprünge des ÖkoPax-Kartells erwarten konnte.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 18. April 1989

Die Marxisten und Marx

Zur Analyse der Wertform im “Kapital”

“Die Entwicklung der Wertform ist allerdings das An-sich der ganzen bürgerlichen Schmiere": Aber im Gegensatz zu Engels treffender Erkenntnis wurde die mansche Wertformanalyse entweder gar nicht oder nur in grob vereinfachter Form rezipiert. Nur so war es möglich, daß die Wertformanalyse von den allermeisten Marxisten mit der Werttheorie Ricardos verwechselt wurde. Im Resultat wurden die marxistischen Ökonomen linke Ricardianer, die meinten, die Arbeit müsse auch gesellschaftspraktisch zum Maß der Werte emanzipiert werden.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 2. Mai 1989

Verliebtes - Allzuverrücktes

Ilse Bindseil liest aus eigenen Texten: “Uhrwerk Orange - Polnische Liebe – Romeo und Julia aus dem Wasser – Im Schatten junger Männer” – usw., usf.

Es kann nicht der Auftrag der Literatur sein, Genrebildchen zu liefern, bei deren Verfertigung oder Rezeption der Gedanke von seiner theoretischen Anstrengung ausruhen darf. Die hier vorzustellenden Erzählungen und Szenen sind der Wirklichkeit dessen auf der Spur, was keine – und schon gar keine theoretische oder gar revolutionäre – Existenzberechtigung hat. Und daran wollen sie gemessen werden: ob es ihnen gelingt, der Logik des Unvernünftigen so zur Deutlichkeit zu verhelfen, daß der Leser in eine süchtige Beziehung dazu treten kann. – Ilse Bindseil hat, mit Ulrich Enderwitz, den Band “Der Wahnsinn der Wirklichkeit. Ideologiekritische Essays” (tende-Verlag 1986) veröffentlicht. Zuletzt erschien “Nach Venedig der Liebe wegen. Phantastische Erzählungen” (R. Matzker Verlag DiA, Berlin 1988).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 16. Mai 1989

Der Staat des Grundgesetzes

Artikel 20 des Grundgesetzes bestimmt: “Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus”. Diese Festlegung, auf die sich Sozial- und andere Demokraten gerne zur Förderung direkter und unmittelbarer Volksherrschaft berufen, drückt aus, wie sehr der Staat des Grundgesetzes nicht allein als legitimer Rechtsnachfolger, sondern überdies legaler Gesellschaftserbe des Dritten Deutschen Reiches aufzutreten befugt ist. Die 'wehrhafte Demokratie' der FdGO zieht die konstitutionelle Bilanz der Krise bürgerlicher Herrschaft; der sie konstituierende Staat vermag, als politischer Treuhänder der gewaltsam demokratisierten Volksgemeinschaft, die Stabilität kapitalistischer Vergesellschaftung zu organisieren. “Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus”: Die Frage, wo sie denn aber hingehe, ist, so soll gezeigt werden, genauso deutsch wie das Grundgesetz selber.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 30. Mai 1989

Ästhetik des Vermittlerstandes

Nachträgliches zum 10. Jahrestag der Medienwerkstatt

Zuerst sollten alle Sender sein. Weil aber die meisten nichts zu sagen hatten, wurde der Betroffenheitsbericht erfunden. Weil aber auch die Betroffenen nicht frei waren von der Blödigkeit der Partikularinteressen, mußte die politische Metaphorik identitätsstiftend eingreifen – der Polizeihubschrauber als Staatsgott. Heute wird das Pathos der wahren Metapher ironisch verfremdet und gibt sich als Beitrag zur politischen Kultur: 10 Jahre Medienwerkstatt, 10 Jahre guter Wille. – Es referiert Walter Brennan, Mannheim.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 6. Juni 1989

Deutschland von Hitler bis Adenauer

Aussichten auf eine Zeit ohne Führer

An Reiseberichten, Reportagen, Erzählungen und Essays der Jahre 1945 bis 1949 läßt sich die Entstehung des Wirtschaftswunderdeutschen ablesen, der sich eine “Stunde Null” verschrieb und dann besinnungslos angeführt “wiederaufbaute”. Ihn hatte Bertolt Brecht vor Augen, als er am 6. Januar 1948 in sein Arbeitsjournal notierte: “Weitermachen ist die parole. es wird verschoben und es wird verdrängt. alles fürchtet das einreißen, ohne das das aufbauen unmöglich ist”.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 13. Juni 1989

Genealogisches zur kritischen Intelligenz

Im vormärzlichen Deutschland hat eine Gruppe von Intellektuellen in wenigen Jahren intensiver Diskussion eine ganze Enzyklopädie möglicher Seinsweisen kritischer Intelligenz in der modernen Gesellschaft durchexperimentiert: die Junghegelianer. Wurde vor 1848 präpariert, was heute explodiert – wie Carl Schmitt vermutet? Sind wir noch Zeitgenossen der Junghegelianer – wie Jürgen Habermas behauptet? Müssen wir nach dem Scheitern so vieler sozialistischer Projekte auf das Jahr 1830 zurückgehen – wie Michel Foucault vorschlägt? (Es spricht Wolfgang Eßbach, Universität Freiburg)

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 27. Juni 1989

Der Feind der Zeit

Zur politischen Sprachkritik von Karl Kraus

Karl Kraus sucht die Regeln der individuellen Moral, aus denen für ihn die humane Gesellschaft folgt, im Rätsel der Sprache zu begründen. Sie verbürgt die Chance einer Welt im Jenseits des Zwanges zur Selbsterhaltung. Im nie beruhigten Sprachzweifel, im Ringen “um die Verbindung zwischen Wort und Wesen”, liegt kein bloß artistisches, sondern ein moralisches Problem. Sprachkritik ist gedoppelt: Kritik durch das geistige Subjekt Sprache und Kritik an der Sprache derer, die sie beherrschen, die sie zum Schmiermittel der 'Kommunikation' erniedrigen. Die Bestimmungen der Sprachkritik konvergieren in der Satire, die das Bestehende im Namen des Verlorenen attackiert. “Der satirische Künstler steht am Ende einer Entwicklung, die sich der Kunst versagt. Er ist ihr Produkt und hoffnungsloses Gegenteil. Er organisiert die Flucht des Geistes vor der Menschheit, er ist die Rückwärtskonzentrierung. Nach ihm die Sintflut.”

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 7. Juli 1989

Gebrauchswertfetischismus

Der Weg zur Warenseele heim ins Reich des Kapitals

Die undogmatische Marx-Rezeption der frühen 70er Jahre zog mit Vehemenz und zu Recht gegen den marxistisch-leninistischen Ökonomismus zu Felde. Selbst befangen in der Vorstellung von der Warentauschgesellschaft oder der Gesellschaft als Spektakel wollte sie die Gebrauchswertseite starkmachen gegen einen abstrakten Kapitalbegriff, den sie sich konkret als mechanisch zerlegte Arbeit und substantiell als unheimliches, quantifizierendes Wesen des Geldes handhabbar zu machen suchte. Unversehens gelangte sie auf ihrem Weg zu den konkreten Qualitäten zu genau jenen unverständigen Abstraktionen des Lebendigen und Natürlichen, die schon in der Romantik und um die Jahrhundertwende als Vehikel gesellschaftlicher Reaktionsbildung dienten. Der unbeschwert alternativen Firmengründung war der Boden bereitet. – Es spricht Kornelia Hafner (Frankfurt).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 11. Juli 1989

“Deutsch fühlen, aber nicht können”

Hermann L. Gremliza und die Sprachkritik

Erst die Verleihung des von ihm gestifteten Karl-Kraus-Preises an Günter Wallraff stellte H.L. Gremliza, Herausgeber des Magazins “Konkret”, ins Rampenlicht der bürgerlichen Öffentlichkeit. Der zuvor nur als Geheimtip einer eingeschworenen Lesergemeinde Bekannte, der das Leben ohne Gremlizas Attacken auf das staatstragende und also wortbeugende Deutsch der Deutschlehrer und Leitartikler nur halb so viel wert wäre, wurde als Neider und Denunziant verschrien. Was hat es auf sich mit einem, der sich – des “literarischen Höhenunterschieds” zum Vorbild bewußt – gleichwohl traut, in der Tradition von Karl Kraus Sprachkritik zu treiben?

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Programmtext:
Wehrhafte Demokratie, freiheitlicher Staat