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ça ira-Verlag

Jour Fixe Programm Herbst/Winter 1990/91

Dienstag, 6. November 1990

Was ist deutsch?

Zur kritischen Theorie der Nation

“Am deutschen Wesen soll die Welt genesen”: Zwar ist diese Parole des deutschen Nationalismus längst antiquiert, aber gleichwohl vermag keine ihrer Neuauflagen ohne eine Definition dieses “deutschen Wesens”, das mittlerweile zur “nationalen Identität” umgetauft wurde, auszukommen. Die in diesem Bemühen um Haftbarmachung des Wesens aufgebotene Vielfalt der Bestimmungen dessen, was wesentlich “deutsch” sein soll – Geschichte, Sprache, gar: Kultur – verschleiert, daß es auf konkrete Inhalte nicht im mindesten ankommt. Vielmehr erweist sich: “Deutsch” ist das Ensemble all der Zumutungen, die der politische Souverän dem Individuum mit Aussicht auf Gehorsam stellen kann; “deutsch” ist letztlich die Bereitschaft, das Wesen der Nation, den Tod, im freiwilligen Untergang zu bezeugen.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 20. November 1990

“Marielle und die Revolution”

Ilse Bindseil liest aus ihrem neuen Roman

In einer grauen Zukunft, in einem diktatorischen Gemeinwesen, wo die Menschen so wie heute, wenn auch womöglich unter Bedingungen eines noch totaleren Geschichtsverlustes leben, jagt Marielle ihrem Lebensglück nach. Sie ist die Verkörperung aller schlechten Eigenschaften, die den Frauen jemals zugeschrieben worden sind, und damit eine ideale Bürgerin des totalitären Zukunftsstaates. Unregierbare Glücksansprüche verhelfen ihr zu beständiger Irritation und, damit verknüpft, zu einer Art eigener Reflexion: als unglückliches Bewußtsein. Ex negativo fällt so ein Licht auf die modernen weiblichen Modelle von Emanzipation. Ilse Bindseil, Berlin, hat zuletzt die Bände Frauen I: Von Theorie bis Anarchie und Marielle und die Revolution. Ein utopischer Schelmenroman veröffentlicht.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 4. Dezember 1990

Die Theorie der Geschlechterdifferenz

Eine Kritik

Das männliche, patriarchale, kapitalistische Herrschaftsprinzip hat abgewirtschaftet: Es hat die Frauen aus den symbolischen und den gesellschaftlich-öffentlichen Kommunikationsformen ausgeschlossen und ist für die Misere, in der wir zu leben gezwungen sind, haftbar zu machen. Das weibliche Geschlecht schickt sich an, das männliche Vergesellschaftungsprinzip zu durchbrechen und “in sich das eigene Maß und den Wert” zu entwickeln: Die Theorie von L. Irigaray und ihrer Adeptinnen um die “Libreria delle donne” mit L. Muraro in Mailand und die Philosophinnen-Gruppe “Diotima” aus Verona produziert den in der Frauenbewegung immer wiederkehrenden Denkfehler, es könne eine positive Aneignung von Weiblichkeit geben.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 11. Dezember 1990

Die Krise der Kritik

Was soll “kritische Theorie” heute?

Ist der Kapitalismus schlicht “das Falsche”, das sich strukturell als das Immergleich reproduziert, und an welchem “Richtigen” wird er überhaupt gemessen? Ist die Geschichte zu Ende, weil die Menschheit das Evangelium nach Marx und Adorno nicht angenommen hat? Der Versuch einer Antikritik des zur revolutionären Trostlosigkeit und theoretischen Paralyse geronnenen Erbes der Kritischen Theorie (nicht nur) bei der ISF: Was die Aufhebung eines gegen den Strich gelesenen Marxismus vielleicht doch noch bringen kann, wenn die Geschichte sich weder als “Viertes Reich” wiederholt noch im totalen Weltmarkt zum Stillstand kommt. Es sprechen Robert Kurz und Ernst Lohoff, Redaktion der Zeitschrift “Marxistische Kritik”, Nürnberg

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 15. Januar 1991

Alfred Sohn-Rethels Erkenntniskritik und der Moralismus der Autonomen

Zumindest eines haben Alfred Sohn-Rethel und Karl Marx mit Sicherheit gemeinsam, nämlich ihre Inthronisation zu “großen Philosophen” durch Intellektuelle, die auf Philosophie grundsätzlich, oder, wie vor kurzem vom Oberautonomen Detlev Hartmann in “konkret” vorgeführt, aus purem Unverstand nicht gut zu sprechen sind. Sohn-Rethel ist ein weiteres Beispiel für die Gültigkeit des Satzes, daß, je mehr die Sekundärliteratur einen Philosophen als “groß” beweihräuchert, umso weniger von seinen wirklichen Erkenntnissen gesprochen wird. Der Vortrag konfrontiert die Argumente Hartmanns mit der Erkenntniskritik Sohn-Rethels – und die Verhaltens- und Denkweisen einiger Fraktionen der militanten Linken erscheinen dann keineswegs als so radikal antikapitalistisch, wie diese das für sich selbst in Anspruch nehmen.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 29. Januar 1991

Das gute Gewissen der Anti-Antisemiten

Aus Anlaß von Carpentras

Das öffentliche Getöse um die Schändung des jüdischen Friedhofs von Carpentras und also von Toten fiel mit der ebenso öffentlichen Friedhofsruhe um die Ermordung eines Eingewanderten zusammen. Das macht: Antisemitismus und Rassismus sind zwei Paar Stiefel, auch wenn das antirassistische Ticket-Denken beides zur Unterschiedslosigkeit plattpalavert. Der ostentative Anti-Antisemitismus verschafft dem “geschichtsbewußten” Staatsbürger das nötige gute Gewissen, um mit der ihm eigenen Kälte das “Ausländerproblem” lösen zu können. So gewöhnt er sich allmählich an die Aufspaltung des Menschengeschlechts in Viehherden. In der kommenden Gesellschaftskrise, die Le Pens Vormarsch anzeigt, wird es ihm dann nicht mehr schwerfallen, “den Juden” als Drahtzieher auszumachen. Französische Staatsbürger jüdischer Religion beobachten daher zurecht mit Mißtrauen, wie oft sie in den vergangenen drei Jahren zum Gegenstand der Titelseiten der einschlägigen Wochenzeitungen gemacht wurden.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 19. Februar 1991

Otto Kirchheimer: Sozialismus und Rechtsstaat

Emanzipatorische Theorie scheidet sich an der Frage von Sozialreform oder Revolution. Das gesamte Denken Otto Kirchheimers kreist um die Haltbarkeit dieser Entgegensetzung. Glaubte er auch nicht, daß die Gesellschaft der Freien und Gleichen durch Parlamentsgesetze eingerichtet werden könne, so wollte er doch die Diskussion über Staat und Verfassung nicht den Staatsenthusiasten verschiedenster Couleur überlassen. Obgleich skeptisch gestimmt, gab er das Ziel einer Gesellschaft jenseits des Kapitalismus nie auf.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 5. März 1991

Geschwindigkeit und Krieg – Paul Virilios “Dromologie”

Virilio beschreibt die Gegenwart als “Dromokratie”, als Herrschaft der Geschwindigkeit. Diese “Diktatur der Bewegung” hat ihren Ursprung im Krieg: Militärische Technologie ist die Technik der Beschleunigung; entscheidend für den Sieg sind nicht Destruktionspotentiale, sondern Vorwarnzeiten. Die ständige Steigerung der Beschleunigung, so seine These, läuft auf die Verwirklichung der einzigen originellen Idee hinaus, die das Abendland je hervorgebracht hat: die Idee des Nichts. Dromokratie ist praktizierter Nihilismus.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 19. März 1991

Das sogenannte “Ausländerproblem”

Angesichts der tumultuösen Kontroversen um das neue Ausländergesetz und ums Asylrecht gerät der Tatbestand in Vergessenheit, daß die die Öffentlichkeit beherrschenden Meinungen in einem Punkt allemal übereinstimmen: darin, daß es überhaupt ein “Ausländerproblem” gibt. Dagegen ist nicht erst seit Beginn der neuesten Phase der Ausgrenzung und Verfolgung von Einwanderern – also seit dem 9. November 89, festzuhalten, daß das sog. “Ausländerproblem” ganz unabhängig von der realen Anwesenheit von Ausländern entsteht, daß der gesellschaftliche und staatspolitische Ausschluß der “Undeutschen” vielmehr das Produkt der Suche nach einer “nationalen Identität” darstellt. – Es spricht Werner Kopp, Hamburg.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Programmtext:
Schon wieder Deutschland