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ça ira-Verlag

Jour Fixe Programm Frühjahr/Sommer 1991

Dienstag, 16. April 1991

Mythen des Panarabismus

Der irakische Überfall auf Kuwait hat die Brüchigkeit aller innerarabischer Institutionen aufgezeigt, da sie aus eigener Kraft nicht fähig waren, den Aggressor zu schlagen. Neue Machtkonstellationen sind in der Nahostregion entstanden. Wie könnte eine Neuordnung in diesem Lichte aussehen und wie gehen arabische Intellektuelle mit den Mythen um, die diese Katastrophe mitverursacht haben – Panarabismus, arabische Einheit, Islam. Die Sicht der arabischen Welt als Opfer einer Verschwörung von “Imperialismus und Zionismus” muß in Frage gestellt werden, damit die Subjekte ihre Geschichte gestalten können. – Es spricht die Islamwissenschaftlerin Dr. Cherifa Magdi aus Frankfurt.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 30. April 1991

Israel und die deutsche Linke

Über die linksdeutsche Ideologie und ihr liebstes Objekt

Die Popularität des “Antizionismus” beweist: Die Haltung linker Deutscher zu Israel, ob sie ihre politische Heimat nun bei den “Grünen”, im Infoladen Subito, bei den Antiimperialisten und Marxisten-Leninisten, oder gar, Marx behüte, beim “Bund gegen Anpassung” gefunden haben, dokumentiert ihre Unfähigkeit, vielleicht gar ihren Unwillen, den gesellschaftlichen Charakter des Antisemitismus zu begreifen. Israel ist Objekt von Projektion, die ideale Leinwand deutscher Alpträume. Zugleich aber auch der Lackmustest auf das Versagen der Linken, einen kritischen Begriff des Nationalstaates zu entwickeln. Die Linke war pro-israelisch, solange Adenauer-Deutschland, der Rechts- und Gesellschaftsnachfolger des NS, die Anerkennung des Staates Israels verweigerte. Solange waren Antifaschismus und israelfreundliche Haltung eins. 1965 erkannte die CDU-Regierung Israel diplomatisch an; seitdem wurde es für Antifaschisten zunehmend Mode, Israels “Nazi-Faschismus” (RAF) aufs Korn zu nehmen. Der Vortrag stellt die Höhepunkte dieser Entwicklung bis heute dar Es zeigt sich, daß die linke Haltung zu Israel wenig bis gar nichts mit der konkreten Lage im Nahen Osten zu tun hat und vielmehr mit der “deutschen Ideologie”.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 14. Mai 1991

Zeitgeist und Kritik

Erkenntniskritische Überlegungen zum Verhältnis von Logik und Geschichte

Den öffentlichen Diskurs kümmert es immer weniger, wie sich die Vielzahl besonderer Interessen in die Allgemeinheit des politischen Geschehens übersetzt. Das unmittelbarkeits­fetischistische und interessierte Denken reflektiert nur auf den Bruch zwischen subjektiven Bedürfnissen und den objektiven Möglichkeiten ihrer Befriedigung. Dem fetischistischen Denken geht es nicht um das Verständnis der realen Vermittlung, geschweige denn um deren Kritik, sondern um die Befriedigung im Hier und Jetzt. Wo öffentliche Kritik geübt wird, da geht die Debatte einzig um eine Synthesis, die Ruhe und Ordnung besser garantiert Die Grundlage dieser allgemeinen Sucht nach einem sicheren Platz in der gesellschaftlichen Ordnung ist der Konkurrenzkampf jedes gegen jeden, der die bürgerliche Gesellschaft ausmacht und den sie nicht, ohne sich selbst zu zerstören, abschaffen kann. Aber zugleich muß der Konkurrenz doch ein allgemeiner und übergreifender Sinn verliehen werden, der sie als vernünftige Organisationsweise von Gesellschaft legitimiert.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 28. Mai 1991

Ernst Bloch und die Menschenrechte

Der Vertrag behandelt die zentralen Thesen und Begriffe von Blochs politischem Denken und seiner Rechtsphilosophie. Im Mittelpunkt stehen zunächst die Kampfschriften aus der Zeit des ersten Weltkrieges und der folgenden Jahre, sodann das Buch “Naturrecht und menschliche Würde” (1961), das zwar alte Motive aufgreift, aber doch im wesentlichen auf die Lage in der DDR zugeschnitten ist. Zentrale Gegenstände sind: das Verhältnis von bürgerlichem Recht und Sozialismus im Zeichen einer genuinen Rechtsutopie, die Rolle von Brüderlichkeitsethik und politischer Demokratie im Prozeß sozialer Emanzipation. Im Zusammenhang dieser Thematik verdienen zwei Probleme besondere Beachtung: die Polemik gegen Max Horkheimers Einschätzung der französischen Revolution in “Egoismus und Freiheitsbewegung”, die Ernst Bloch als Verteidiger des Erbes bürgerlicher Demokratie zeigen, und zweitens die ungebrochene Loyalität Blochs zum Sowjetkommunismus der Stalinzeit, dessen Betrachtung auf die Grundfragen des Verhältnisses von Politik und Moral zurückweist. – Es spricht Hans Ernst Schiller (Frankfurt), dessen Buch “Bloch-Konstellationen. Zum philosophischen Kontext” im Herbst im Dietrich zu Klampen-Verlag, Lüneburg, erscheinen wird.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 11. Juni 1991

Vatermutterkind

Zum Verhältnis von Geschlecht und Familie

Frauen werden noch immer über ihre Familienrolle definiert. Das Modell der bürgerlichen Kernfamilie wird auf die Gesellschaft ausgedehnt Es bestimmt die Reproduktion und die Sozialisation der Kinder, es setzt Weiblichkeit mit Mutterschaft gleich. Zwar hat sich die Kleinfamilie seit Adornos und Horkheimers “Studien über Autorität und Familie” erheblich gewandelt, aber trotz aller Ausbruchsversuche besteht sie fort und erfährt gar eine neue Konjunktur. Liegt dies daran, daß der geschlechtsneutrale Kapitalismus einer Struktur bedarf, die der Geschlechterdifferenz Rechnung trägt? Kehren die Radikalfeministinnen nun in den sicheren Hafen familiärer Geborgenheit zurück und in eine Struktur, die sie früher als zentrale Agentur weiblicher Unterdrückung angeprangert hatten? Steht man/frau nach der Aussöhnung mit Staat und Kapital jetzt vor der Versöhnung mit der Familie? Oder hat sich nicht nur der Ruf, sondern auch die Realität der ehemaligen “Keimzelle der bürgerlichen Gesellschaft” gebessert? – Es referiert die Frauengruppe ZOFF.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 25. Juni 1991

Visualisierte Geschichte

Ausstellungen an Orten nationalsozialistischer Konzentrationslager

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus wollen die Erinnerung an die Verfolgten und Ermordeten des NS-Terrors wachhalten. Ob diese Einrichtungen die Verdoppelung des Todes durch Vergessen aufhalten können, bleibt ungewiß: Obwohl fast immer gegen erhebliche Widerstände durchgesetzt, sind sie als isolierte Ort der Erinnerung zugleich Zeichen allgemeiner Gedächtnislosigkeit. Ausstellungen in Gedenkstätten vergegenwärtigen, was in den Konzentrationslagern geschah. Wo jedoch die Dokumentation zum Katalysator von Emotionen, gar zum Erlebnisraum pädagogisch aufbereitet wird, bestätigt vermeintliche Aufklärung das herrschende historische Unbewußtsein.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 2. Juli 1991

Angelische Kritik

Hans Erich Nossack: Eine Vorstellung und Lesung

Die Gefahr ist groß, wenn alles glatt geht und die Worte erfrieren. Dann stehen der Stand und der Ort der Kritik in Frage, haltlos; vielleicht hilft noch ein Engel oder ein randständiger Clown. Denn sonst ist es soweit, die Kunst spiegelblanker Blicke zu üben. Der Prosa Hans Erich Nossacks (1901 – 1978) und seinen Werken, dem “Interview mit dem Tode” zum Beispiel, den Büchern “Der Untergang” oder “Der Fall d'Arthez”, eignet die Ästhetik des öffnenden Blicks. – Es spricht der Literaturwissenschaftler Jan Gäthje aus Hamburg.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 16. Juli 1991

Antisemitismus und Volksstaat

Zur Pathologie kapitalistischer Krisenbewältigung

Was hat Antisemitismus mit den Juden zu tun? Läßt sich am Ende der Antisemitismus Europas auf eine Reihe von sozialen Konfliktvermeidungsstrategien reduzieren, in die die Juden hineingekommen sind wie, nach Brecht, der Pontius ins Credo? Und um anzudeuten, welche entsetzlichen Implikationen diese Möglichkeit für das Verständnis der modernen Geschichte des Antisemitismus hat: Ist die Ermordung vieler Millionen Juden nur eine Ersatzhandlung? Sind Belzec und Sobibor nur Veranstaltungen zur verdrängungsförmig-bürokratischen Abfuhr von Spannungen, die aus der widersprüchlichen Konstitution des modernen faschistischen Staatswesens resultieren? Ist insofern die Rede vom Holocaust ein Euphemismus, weil sie die Vorstellung von einem spezifischen Opferzusammenhang, einem qualifiziert stellvertretenden Leiden und Tod in einem Kontext geltend macht, in dem der Tod als Massenmord nurmehr die naturkatastrophale Konsequenz eines im Bemühen um sein inneres Gleichgewicht ebenso projektiv wie ziellos um sich schlagenden Leviathan ist? Läßt sich aus dieser Funktion eines Lösungsmittels für gesellschaftsinterne, strukturimmanente Widersprüche zugleich die West und Ost umfassende Ubiquität und Unverwüstlickeit des Antisemitismus verstehen? – Es spricht Ulrich Enderwitz (Berlin). Er hat zuletzt im den ersten Band seiner Studie über Reichtum und Religion unter dem Titel Der Mythos vom Heros veröffentlicht, deren zweiter Band im Herbst folgen wird.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Programmtext:
Friede den Linken