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ça ira-Verlag

Jour Fixe Programm Herbst/Winter 1992/93

Dienstag, 13. Oktober 1992

Die Fallen des Anti-Rassismus

Der Rassismus, die haßgeladene Aversion wie gewalttätige Aggression gegen die “Minderwertigen”, täuscht seine Gegner wie seine Anhänger über seinen gesellschaftlichen Charakter. Ausländerfreunde und Ausländerfeinde unterliegen dem gleichen, wenn auch mit je anderem Vorzeichen versehenen Irrtum, “Rasse” sei nichts anderes als die Biologisierung der kulturellen Differenz “des Anderen”. Vielmehr meldet sich im Rassismus das Bedürfnis des kapitalen Staates und seiner Nutznießer an, den Kapitalismus zur Natur zu erklären und sein Funktionspersonal zur Herrenrasse aufzunorden. Die Verächtlichmachung, Verfolgung und Vernichtung “des Anderen” ist zentrales Moment dieser Transformation des Bürgers in den “Arier”. Daraus folgt, daß sowohl die christlich-humanistische Bewegung gegen den Fremdenhaß wie die militant-autonome Gegenwehr gegen den Rassismus im genauen Maße, indem sie den politischen wie ökonomischen Verhältnissen selbst innewohnenden Rassismus verkennen, ihren Zweck verfehlen müssen und – theoretisch betrachtet – schon verloren haben. – Es spricht Joachim Bruhn (Freiburg).

20 Uhr im Vorderhaus der “Fabrik”, Habsburgerstr.9. In Zusammenarbeit mit der Bürgerinitiative gegen Ausländerfeindlichkeit.

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Dienstag, 27. Oktober 1992

Nach Rostock

Über die Perspektiven der Deutschen

Die jugendlichen Pogromhelden von Rostock und anderswo haben allen Grund, sich als Avantgarde zu fühlen. Ihre Eltern stehen am Straßenrand und spenden Applaus; parteiübergreifend überschlägt sich die politische Klasse mit Vorschlägen, wie die Vertreibung der Flüchtlinge statt mit Steinen und Brandsätzen effektiver mit Gesetzen, Verordnungen und Maßnahmen zu bewerkstelligen ist. Rostock markiert das Ende einer “Normalität”, in der sich auch die bundesrepublikanische Linke behaglich eingerichtet hatte. Diskutiert werden soll – unter anderem in Auseinandersetzung mit den Thesen Wolfgang Pohrts –, warum die antirassistische Opposition sich vergeblich nach der verschwundenen Bonner Republik zurücksehnt und warum trotzdem keine “Machtergreifung” bevorsteht. – Kollektivvortrag der ISF

im Vorderhaus der “Fabrik”, Habsburgerstr. 9 um 20 Uhr. In Zusammenarbeit mit der Bürgerinitiative gegen Ausländerfeindlichkeit.

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Dienstag, 3. November 1992

“Rasse” und “Geschlecht” im Feminismus

Die in verschiedenen Varianten vorgetragene Rede vom “Sexual- und Sozialrassismus” des Dritten Reiches (Gisela Bock) impliziert eine falsche Gleichwertigkeit sexistischer und rassistischer Ausgrenzungsstrategien im Nationalsozialismus. Diese Parallelisierung von Sexismus und Rassismus wird in den aktuellen feministischen Analysen fortgeführt. Der Vortrag soll zeigen, inwieweit der Gebrauch der Kategorien “Geschlecht” und “Rasse” vor dem unhinterfragten Hintergrund patriarchaler Herrschaftsstrukturen dem Feminismus nicht nur das Begreifen der Rolle der Frauen im NS unmöglich macht, sondern auch das Verständnis der Vergesellschaftung von Frauen heute verstellt. – Es spricht Gabi Walterspiel (Freiburg).

Um 20 Uhr im Vorderhaus der “Fabrik”, Habsburgerstr.9. In Zusammenarbeit mit der Bürgerinitiative gegen Ausländerfeindlichkeit.

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Dienstag, 17. November 1992

Antisemitismus

Das alte Gesicht des neuen Deutschland

Wie antisemitisch sind die Deutschen heute? Droht eine Wiederholung der Vergangenheit? Das neue Deutschland ist aus der Zeitrechnung des Westens ausgeschert. Während man in London und Washington vom “Ende der Geschichte” spricht, werden in Bonn und Berlin die Uhren auf die “Stunde Null” gestellt. Nach der Wiedervereinigung werden die alliierten Bewährungshelfer nach Hause geschickt. Im Windschatten des Nationalismus bricht der Antisemitismus an den Stammtischen aus: Kanzler Kohl attackiert den Jüdischen Weltkongreß, der “Spiegel” zeichnet Gregor Gysi als hakennasigen “Drahtzieher”, die FAZ lobt antisemitische Bücher und die Hamburger Polizei fahndet nach orthodoxen Juden – das schützende Tabu ist zerbrochen. – Es spricht Jürgen Elsässer (Stuttgart), der u.a. für “konkret” schreibt und dessen Buch “Antisemitismus – das alte Gesicht des neuen Deutschland” gerade im Dietz-Verlag, Berlin herausgekommen ist. In Zusammenarbeit mit der Buchhandlung “Jos Fritz” und der Bürgerinitiative gegen Ausländerfeindlichkeit.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 1. Dezmeber 1992

Doitsch – Stunde

Über die Krise des militanten Antifaschismus

Die substantielle Basis für alle Angriffe auf Flüchtlinge und Migrantinnen war der breite völkische Konsens dieser Gesellschaft. Die militante Linke steht dem mit ihrem Faschismusbegriff, oder, böse gesagt, mit ihren Faschismusreflexen, relativ hilf- und konzeptionslos gegenüber. Der völkische Konsens ist in diesem Lande eine klassetheoretisch nicht zu greifende gesellschaftliche Stereotype. Rassistische und antisemitische Einstellungen korrespondieren mit ihm. Völkisches ist Allgemeingut und wird daher selten wahrgenommen. Dieser Konsens ist politisch keinesfalls auf rechte Schlägerbanden oder Neonazis festgelegt. Ihn innerhalb des politischen Spektrums nicht eindeutig verorten zu können, trägt dazu bei, daß die Autonomen der Sache nicht beikommen. – Es spricht die Autonome LU.P.U.S.-Gruppe (Frankfurt), deren Buch “Geschichte, Rassismus und das Boot. Wessen Kampf gegen welche Verhältnisse?” gerade bei edition ID-Archiv erschienen ist. In Zusammenarbeit mit der Gruppe Zoff & Co., der Bürgerinitiative gegen Ausländerfeindlichkeit und der Buchhandlung “Jos Fritz” –

um 20 Uhr im Vorderhaus der “Fabrik”, Habsburgerstr. 9

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Dienstag, 15. Dezember 1992

Immer noch Feuer und Flamme?

Die autonome Linke und die untergegangene BRD

Wer im Sommer 1989 prophezeit hätte, daß nur zwei Jahre später sowohl die DDR als auch die Sowjetunion von der Landkarte verschwunden sein würden, wäre allseits als Spinner verlacht worden. Aus der offenkundigen Blamage der “Realisten” folgt daher, daß den Spinnern in Zukunft mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Geronimo möchte anhand seines Buches “Feuer und Flamme 2” über die aktuelle “objektive Situation”, über die Ex-BRDDR, den Golfkrieg und den Rassismus spekulieren. Denn es muß endlich Schluß damit sein, der “guten alten Zeit” nachzutrauern, um stattdessen an die schlechte neue Gegenwart anzuknüpfen – und das erfordert auch den Bruch mit liebgewordenen Gegenidentifikationen. Überdies geht es darum, öffentlich über unsere bisweilen dilettantischen Versuche zu sprechen, uns in diesen turbulenten Zeiten mit Feuer und Flamme zurechtzufinden. – Es spricht Geronimo (Berlin), der 1990 das Buch “Feuer und Flamme. Zur Geschichte und Gegenwart der Autonomen” veröffentlicht und zu dem Diskussionsband “Feuer und Flamme 2. Reflexionen zur Lage der Autonomen” (edition ID-Archiv 1990 und 1992) beigetragen hat. In Zusammenarbeit mit der Buchhandlung “Jos Fritz”.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 12. Januar 1993

“Die letzte Sensation der Moderne”

Über die Gegenwart Walter Benjamins

“‘Die Vorstellung vom Menschen ist von nun ab untrennbar von einer Gaskammer’. Dieser Satz bezeichnet die ‘letzte Sensation der Moderne’” (Klaus Briegleb). Der Vortrag behandelt die Präsenz der NS-Vergangenheit in der Gegenwartsliteratur, die postmoderne Kulturindustrie und die Aktualität von Walter Benjamins Geschichtsreflexionen. Gegen die derzeitige Benjamin-Verkitschung beim Abfeiern der Jubiläen (100. Geburtstag, 50. Todestag) sollen die Widerständigkeit seiner Erinnerungsästhetik und vor allem sein geistesgegenwärtiges Denken in dialektischen Bildern herausgearbeitet werden. Die Provokation dieses Denkens im und für den kulturindustriellen Raum nach Auschwitz wird anhand von Verarbeitungen Benjaminscher Theoreme in der Gegenwartsliteratur gezeigt. Beispiele sind Rainald Goetz (“Kontrolliert”), Klaus Modick (“Das Grau der Karolinen”) und evtl. Peter Weiss. – Es spricht Gerhard Spaney (Freiburg).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 26. Januar

Herrn Friedrich Engels‘ Umwälzung der Wissenschaft

Oder: Warum die Kritik der politischen Ökonomie keine Wissenschaft ist

In seiner Schrift “Der Anti-Dühring” schwärmt Friedrich Engels vom erlösenden Umschlagen der “negativen Kritik” in die positive “kommunistische Weltanschauung”, in “eine exakte Darstellung des Weltganzen”. Indes, ob sich auch das Amöbendasein dialektischer Gesetze erfreut, ist für die Kritik der politischen Ökonomie durchaus uninteressant. Engels’ Enzyklopädiewahn ist jedoch die Urform einer langen Reihe grausamer Mißverständnisse der Marxschen Kritik als wissenschaftliche Theorie. Dabei stellt doch das kategorialkritische Verfahren im “Kapital” die Formen des Werts gerade in ihrer existierenden Widersprüchlichkeit dar, als – “verrückt”. Immerhin: An Engels läßt sich zeigen, was der historische Materialismus alles nicht ist. – Es spricht Stefan Krauss (Freiburg).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 9. Februar 1993

Markt und gesellschaftliche Herrschaft

Zur Entstehung und Logik des Kapitals

Es soll versucht werden zu zeigen, in welchem spezifischen historischen Szenarium die Kapitalfunktion entsteht, welche wesentlichen Entwicklungsstadien sie durchläuft und welche “logischen Dispositionen” sie zu dem Wahnsinnssystem entfalten, als das sie sich uns heute präsentiert. – Es spricht Ulrich Enderwitz (Berlin). Er hat zuletzt das Buch “Der religiöse Kult” (den zweiten Band von Reichtum und Religion, sowie die Studie Antisemitismus und Volksstaat. Zur Pathologie kapitalistischer Krisenbewältigung veröffentlicht.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 19. Februar 1993

Marx als Ökonomiekritiker

Mit dem praktischen Zusammenbruch des “Realsozialismus” scheint auch Marx als Theoretiker erledigt zu sein. Plausibel ist dieser Schluß aber nur dann, wenn man die (realsozialistische) Verwandlung der Kritik der politischen Ökonomie in eine Rezeptur zum Aufbau des Sozialismus akzeptiert. Hält man stattdessen am Marxschen Konzept von Kritik fest, das nicht auf die Resultate, sondern auf die Voraussetzungen bürgerlicher Ökonomie zielt, so erweist sich Marx auch heute noch als ein veritabler Gegner der herrschenden Theorie. Allerdings kann auch Marx nicht von dieser Kritik ausgenommen werden – da nämlich, wo er selbst noch in den Voraussetzungen bürgerlicher Ökonomie befangen bleibt. – Es spricht Michael Heinrich (Berlin), Autor des im VSA-Verlag erschienen Buches “Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition”. In Zusammenarbeit mit der Buchhandlung “Jos Fritz”.

Um 20 Uhr im Hörsaal 3043 der Universität.

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Samstag, 20. Februar 1993

Marx heute

Seminar mit Michael Heinrich

Anmeldung durch Überweisung von DM 15 auf das Konto J. Bruhn, PSA Karlsruhe Nr. 226045-756. Die Lektüre von “Die Wissenschaft vom Wert” wird vorausgesetzt.

15-18 Uhr im Archiv für soziale Bewegungen (Spechtpassage, Wilhelmstr. 15)

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Dienstag, 23. Februar 1993

Politik und Demokratie

Mit der Auflösung des Sowjetimperiums, die allenthalben als Endsieg der Demokratie gefeiert wird, scheint die Überlegenheit der westlichen Staatsverfassungen als demokratische unanfechtbar geworden zu sein und ihre gesellschaftliche Basis – die sog. “Zivilgesellschaft” – ist zum Garanten von Demokratie überhaupt avanciert. Der grassierende Unmut über die Politikerkaste tut dem demokratischen Selbstverständnis keinen Abbruch, die Frage nach dem Verhältnis von Parlamentarismus, Parteiwesen und Demokratie wird nicht mehr gestellt. Es geht darum, den Zusammenhang von Demokratie und Politik erneut zu thematisieren. – Es spricht Diethard Behrens (Frankfurt), der gerade den Band Gesellschaft und Erkenntnis. Zur materialistischen Erkenntnis- und Ökonomiekritik herausgegeben hat.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 9. März 1993

Häuserkampf in Freiburg

Eine linke Geschichte zwischen Pathos und Peinlichkeit

Fünfzehn Jahre dauerte der Freiburger Häuserkampf: Von der Besetzung der Schwarzwaldstraße 32 im Jahr 1972 bis zur legendären Pfingstrandale 1987, die den Vorwand zur Räumung der letzten besetzten Häuser in Freiburg lieferte. Diese Phase der Freiburger Linken verkam in der Erinnerung längst zum Mythos, an dem keiner kratzen darf, der “nicht selbst dabei” war. Der Vortrag versucht dagegen zu zeigen, daß es die von den Veteranen beschworene “gute alte Zeit” nie gab, daß es sich dabei vielmehr um eine recht wechselvolle, widersprüchliche und in ihrem Gestus oft zwischen Pathos und Peinlichkeit schwankende Geschichte handelte. Nostalgiker werden dabei kaum auf ihre Kosten kommen. – Es sprechen Elfriede Müller und Michael T. Koltan vom “Archiv für soziale Bewegungen in Baden”, das gerade die Broschüre “Häuserkampf in Freiburg” veröffentlicht hat.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Programmtext:
Totreden und Totschlagen