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ça ira-Verlag

Jour Fixe Programm Herbst/Winter 1993/94

Dienstag, 12. Oktober 1993

Aufklärung oder Aktion?

Geschichte und Gegenwart der Revolutionstheorie

Das Verhältnis von Theorie und Praxis, an dessen Vermittlung die revolutionäre Linke (Rote Armee Fraktion inclusive) verzweifelt, ist ein Erbe des utopischen Sozialismus. Darin radikalisierten die Proletarier das bürgerliche Naturrecht der Privateigentümer zum Kollektivismus der Arbeit. Schon vor 1848 ergab sich daraus der Antagonismus von Aufklärung und Aktion und damit die Spaltung der revolutionären Bewegung in die Linie einerseits Weitling/Bakunin/Blanqui, andererseits die Linie Babeuf/Kautsky/Lenin. Noch die Debatten zwischen Spontaneisten und Parteigründern, die 1968 das Ende des SDS einläuteten, waren ein bloßes Remake derer, die 1845/1846 im »Bund der Gerechten«, der Vorläuferorganisation des »Bundes des Kommunisten«, geführt wurden. »Die Menschheit ist notwendig immer reif für den Kommunismus oder wird es nie«, behauptete Wilhelm Weitling, während sein Gegner Karl Schapper dagegen hielt: »Wenn die Menschheit zum Kommunismus reif wäre, so hätte sie ihn längst eingeführt«. So stand die Unmittelbarkeit der revolutionären Aktion gegen den langen Marsch der theoretischen Aufklärung. Um den Gegensatz von Theorie und Praxis kritisch zu liquidieren, bedarf es der Trennung des Kommunismus vom naturrechtlichen Erbe der französischen Revolution. – Es spricht Joachim Bruhn (Freiburg).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 26. Oktober 1993

Die Aufstandspartei als Ordnungsfaktor

Die Bolschewik! in der russischen Revolution

»Wir sind keine Anarchisten, wir sind Anhänger des Staates«: Kurz nach der Oktoberrevolution, im Dezember 1917, stellte Lenin klar, welches Programm die bolschewistische Aufstandspartei tastsächlich verfolgte. Ihre anti-feudalistische Revolution reichte aus, die zaristische Selbstherrschaft zu stürzen und selbst die Staatsmacht zu übernehmen – aber die »Aufhebung des Staates« (Marx) lag nicht in ihrem Interesse. Nur kurzfristig kam es zu einer Symbiose zwischen dem Klassenhaß der Arbeiter, Bauern und Soldaten und den Bolschewik. Schon 1918 erklärte die neue Staatsmacht die Revolution für beendet. Die Herrschaft des Terrors war dennoch keine bolschewistische Initiative. Der Verlauf der russischen Revolution erklärt sich aus ihrem Doppelcharakter, bürgerliche Revolution und sozialistische Bewegung in einem gewesen zu sein. – Es spricht Elfriede Müller (Archiv für soziale Bewegungen/Gruppe Ekrasit).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 9. November 1993

Rudi Dutschke, der letzte Agitator

Man kann der Bedeutung der »68er«-Bewegung nicht gerecht werden, wenn man versucht, sie als politisches Ereignis zu interpretieren. Es bedarf einer anderen Perspektive, um den historischen Stellenwert der Revolte zu begreifen. Weit davon entfernt, ein politisches Ereignis gewesen zu sein, stellt »68« den ersten Höhepunkt eines Prozesses dar, vor dessen Resultat wir heute stehen: Der Zerfall des Politischen. Der Vortrag versucht anhand der Theorien Rudi Dutschkes zu zeigen, welche Ursachen dieser Prozeß hatte und welche Konsequenzen sich daraus für die Gegenwart ergeben. – Es spricht Michael T. Koltan (Archiv für soziale Bewegungen).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 23. November 1993

Die falsche Leiche bestattet

Karl Marx, der Untergang des »realen Sozialismus« und die Neue Linke

Die eigentliche Frage, die die Epochenwende von 1989 aufgeworfen hat, ist nämlich gar nicht die, welche jetzt in aller Munde ist: warum »der« Sozialismus gescheitert ist. Die Frage müßte vielmehr lauten: warum mehrere Generationen von Kommunisten und linken Intellektuellen den »Staatssozialismus« der rückständigen Regionen als Fortschritt und höhere Zivilisationsstufe begreifen konnten. Wie war es möglich, daß ein System, dessen vorherrschende Charakteristika Zentralverwaltungswirtschaft, Einparteienherrschaft, Allmacht der Sicherheitsapparate und Zensur waren, überhaupt solange mit »Sozialismus« verwechselt werden konnte? – Es spricht Michael Schneider, der im letzten Jahr das Buch »Das Ende eines Jahrhundertmythos. Eine Bilanz des Sozialismus« (Kiepenheuer & Witsch) veröffentlicht hat. In Zusammenarbeit mit der Buchhandlung »Jos Fritz«.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 7. Dezember 1993

Was geht uns Jugoslawien an?

Ein halbes Jahrhundert lang gefiel sich der »freie Westen« in der Behauptung, Krieg und Völkermord seien Privatangelegenheiten der »Dritten Welt«. Das »Ende der Geschichte«, das der Untergang der UdSSR einzuleiten versprach, sollte eine Epoche des globalen Friedens eröffnen. Aber jetzt rücken die Massaker näher, und die Urlaubszentren von gestern sind die Schlachtfelder von heute geworden. Der »freie Westen« verliert langsam die Contenance, und die pazifistische Opposition ruft zunehmend nach der bewaffneten Intervention. Der Vortrag soll einige Hintergründe zum Krieg in und gegen Bosnien-Herzegowina vermitteln, nicht zuletzt in kritischer Auseinandersetzung mit den Positionen der Ex-Anti-Nato-Gruppe. – Es spricht Tobias Wernle-Matic (Basel), Pressereferent der Schweizer Vereinigung für humanitäre Hilfe an Bosnien und Herzegowina.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 21. Dezember 1993

Der Tod und die negative Dialektik der Triebe

Der unversöhnliche Antagonismus zwischen Lebens- und Todestrieb, den Sigmund Freud in seinem Alterswerk entwickelte, stieß besonders bei marxistischen Psychoanalytikern auf Kritik: die harmonische Utopie einer kommunistischen Gesellschaft war damit nicht zu machen. Tatsächlich formulierte der bürgerliche Kulturpessimismus mit dem »Unbehagen in der Kultur« die individualpsychischen Mechanismen dessen, was die adornitische Linke später die »totale Vergesellschaftung« nennen wird. Das Subjekt nämlich, durch kulturelle Sanktionen weitgehend der Möglichkeit beraubt, seine Aggressionen an anderen zu befriedigen, wird selbst zum Opfer des Todestriebes. Aus dieser Perspektive lassen sich die Abenteuer militanter Politik auch als durchaus sinnvolle Therapieversuche bewerten, der kulturimmanenten Autodestruktion zu entkommen: Der Stein im Schaufenster einer Bank ist allemal besser als ein Geschwür im Magen. – Es spricht Udo Bühler (Freiburg).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 11. Januar 1994

Globalisierung und lokaler Raum

Zur politischen Ökonomie der Aufstände in Los Angeles

Die Aufstände, die letztes Frühjahr durch South Central L.A., Pico Union und Korea Town tobten, wurden von den deutschen Medien als »Rassenunruhen« verschlagwortet und mit den Aufständen von Watts 1965 verglichen. Tatsächlich jedoch sind die 92er Riots Ausdruck sozioökonomischer Polarisierungsprozesse, die nur im Kontext globaler Vergesellschaftungsmechanismen begriffen werden können. Denn in L.A., der World Class City, die nicht nur postfordistische Glitzermetropole und – als Pacific Rim City – Frontstadt zugleich ist, sondern darüber hinaus als Drehscheibe eines Migrationsraums fungiert, der sich von El Salvador bis Seattle und von Fernost bis in den mittleren Westen dehnt, verdichten sich die Trends der neuen globalen Ökonomie zum konkreten Mikrokosmos. – Es spricht Frank Stifter (Freiburg).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 25. Januar

Gesellschaft als Erlebnis

Was macht Camille Paglia samt ihren Büchern so skandalträchtig, daß die einen sie als Vertreterin der nackten Tatsachen feiern, die anderen sie als Agentin des Patriarchats beschimpfen und alle gemeinsam in ihr die Tabubrecherin gegen akademische Langeweile erkennen können? Mitnichten etwa das Skandalöse, sondern das Alltägliche des von ihr Gesagten: Nur weil es Realerfahrung transportiert, gesellschaftliche Wirklichkeit spiegelt, kann es die Gemüter erhitzen. Wie dieser Reflex im einzelnen aussieht, wie noch die monströsesten »Thesengeschosse« und plattesten »Biologismen« die ebenso normale wie hochvermittelte Bewältigung der historischen Gegenwart nachbilden, soll der Vortrag zeigen. – Es spricht Monika Noll (Berlin), Mitherausgeberin des Jahrbuches »Frauen III: F wie weiblich, w wie Frau«

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 8. Februar 1994

Philosophie im Geschlechterkampf

Überlegungen zu Christoph Türcke

Geist, schreibt Christoph Türcke in seinem Buch »Sexus und Geist« (Frankfurt 1991), sei aus Natur entsprungen und dennoch nicht auf sie rückführbar, sei ein »Unbedingtes, das gleichwohl physische Bedingungen hat«. Zielt diese Bestimmung auf die dialektische Verfaßtheit des Verhältnisses von Geistigem und Natürlichem, so offenbart ihr deflatorischer Charakter, daß Türcke vielmehr die Differenz von Stoffwechsel und geistigem Bedürfnis festschreibt. Die anberaumte Versöhnung bleibt leeres Sehnen. Die Abstraktion von der gesellschaftlichen Vermittlung von Geist und Natur, deren historischen Ursprung Türcke dingfest zu machen sucht, begründet das keineswegs kursorische Interesse an anthropologischen Sachverhalten, das auch seinen Vortrag »Die Inflation des Rassismus« auf dem Hamburger Konkret-Kongreß auszeichnet. – Es spricht Iris Harnischmacher (Frankfurt), Autorin einer in »Frauen III« erschienenen Türcke-Kritik.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 22. Februar 1994

Konsumentenideologie

200 Jahre deutsche Intelligenz

Was haben Schiller, die Romantiker, die Vertreter der historischen Quellenwissenschaft, Schopenhauer, Feuerbach, Nietzsche, Husserl, Heidegger und Habermas gemein? – Ihre Zugehörigkeit zur bürgerlichen Intelligenz und das aus politischer Entmächtigung und ökonomischer Begünstigung gewirkte Schicksal, das der Kapitalismus dieser im weitesten Sinne bildungsbürgerlichen Schicht bereitet. Betrachtet man die bürgerliche Reflexion im Kriterium dieses Schicksals und vor dem Hintergrund der realhistorischen Entwicklungsetappen unserer Gesellschaft, die der Kapitalismus erzwingt, so eröffnen sich interessante Perspektiven für ein neues Verständnis der theoretischen Leistungen der oben aufgezählten deutschen Geistesriesen. – Es spricht Ulrich Enderwitz (Berlin), der u.a. die Bücher Totale Reklame. Von der Marktgesellschaft zur Kommunikationsgemeinschaft (Berlin 1986) und Reichtum und Religion veröffentlicht hat.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Programmtext:
Gefrierpunkt des Bewußtseins, Rückforderung der Zukunft