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Initiative Sozialistisches Forum

Was ist Ideologiekritik?

Ideologiekritik ist die Kritik notwendig falschen Bewußtseins. Kritik ist sie, weil sie den Schein von Freiheit oder wildwuchernder Willkür auflöst, der die Ideologie auszeichnet, die, je nachdem, von Gott, Gesellschaft, Schicksal oder Menschenrechten spricht. Kritik ist sie also nicht, weil sie etwa falsches Bewußtsein als falsch entlarvt. Das hat nur dann den Anschein, wenn dem, was sie kritisiert, just seine Notwendigkeit abhanden gekommen ist; siehe die aufklärerische Religionskritik und den Zustand der Religion in der Aufklärung. Da aber Ideologiekritik, die ja selbst der Ideologie zugerechnet werden muß, Ideologie im Grunde immer nur dann kritisieren kann, wenn dieser ihre Notwendigkeit abhanden gekommen ist, wenn also sie, die Ideologiekritik, sich bereits aus anderen ideologischen Quellen speist, das heißt von einer anderen Notwendigkeit zehrt, gibt es für die landläufige Ansicht, Ideologiekritik löse falsche Vorstellungen auf, geradezu chronischen Anlaß. Gleichwohl hat das eine, die kritische Erarbeitung der Notwendigkeit des falschen Bewußtseins, mit dem anderen, der Auflösung falscher Vorstellungen, nichts bzw. nur in umgekehrter Richtung zu tun: Dadurch daß die kritisierte Vorstellung, anstatt von der ihr nachgewiesenen Notwendigkeit in irgendeiner Weise zu profitieren, sich pflichtschuldigst auflöst, entlarvt sie die Kritik als Nachfolgeideologie, mit allen Konnotationen und Konsequenzen eines notwendig falschen Bewußtseins.

Indem die Ideologiekritik aber in jeder ihrer kritischen Aktionen ihren Gegenstand, falsches Bewußtsein, nur nach der Seite seiner Freiheit oder Willkür auflöst, nach der Seite seiner Notwendigkeit aber affirmiert, zerstört sie ihren ureigenen Geschäftsbereich, nämlich Ideologie. Sie sägt den Ast ab, auf dem sie als Ideologiekritik sitzt, und verwandelt sich in materialistische Theorie. Das ist sozusagen der Trost oder die Belohnung dafür, daß sie den Bereich, für den sie sich kompetent fühlt – kein Wunder, ist sie doch selbst Ideologie – und in dem sie erfolgreich zu wüten gewohnt ist, im Moment ihres Tätigwerdens bereits verlassen und sich auf ein Terrain begeben muß, wo der Schein, es trete in ideologiekritischen Debatten richtiges gegen falsches Bewußtsein an, verfliegt. Um einen Trost und eine schöne Kompensation handelt es sich aber nicht etwa deswegen, weil Theorie mehr wäre als Kritik oder weil Materie mehr wäre als Bewußtsein – das ist natürlich Unsinn -, deswegen vielmehr, weil der Nachweis nicht der Falschheit, sondern der Notwendigkeit des falschen Bewußtseins die Ideologiekritik selbst aus dem Zustand einer bloß anderen Ideologie erlöst und in die Vermittlung mit sich selbst treibt. Ideologiekritik, die im Furor des Kritisierens die ideologische Form ihres Gegenstands und damit ihre eigene Daseinsberechtigung zerstört, zerstört tendenziell das an ihr selbst, was “bloß” Ideologie ist und rückt es in die Perspektive der Notwendigkeit.

Wenn Ideologiekritik dieses konstitutive Moment von Selbstaufhebung in jeder einzelnen ihrer ideologiekritischen Anstrengungen nicht reflektiert oder sich nicht resignierend zu ihm bekennt, dann wird sie sich zwar über einen Mangel an Anlässen, ideologiekritisch in Erscheinung zu treten, nie beklagen können. Im Gegenteil. Aber ihre Tätigkeit steht unter dem Wiederholungszwang. Geschieht das bewußtlos – und das tut es meistens –, dann verwandelt sie sich in die ideologiekritische Begleitung der tagtäglichen Ideologieproduktion und ist in dieser Fixierung hochgradig ideologisch, das, was man so die “linke Ecke” der bürgerlichen Öffentlichkeit nennt. Geschieht es mehr oder weniger bewußt, so ist das der klassische neurotische Fall: Man erkennt die Last, aber man kann sie nicht lassen. Das Bewußtsein kommt natürlich nur dann in den Wiederholungszusammenhang, wenn die ideologiekritische Arbeit erfolgreich ist, das heißt ihren Gegenstand destruiert und ihren Gegenstandsbereich damit verliert.

Ideologiekritik, die, statt sich selbst zu destruieren, um die ideologische Vorherrschaft kämpft, hat etwas von Sisyphus. Auf die Zertrümmerung von Ideologie spezialisiert, muß sie sich über den entscheidenden Moment beim Zertrümmern systematisch im unklaren lassen: darüber, wann der Gegner tot ist. Wiederholungszwang ist die Konsequenz, und dieser ist ein anderer Ausdruck für den eigentümlich unhistorischen Charakter der Ideologiekritik. Im ideologiekritischen Wiederholungsakt zersetzt sich das Wiederholte einerseits in den Geist der Heuchelei, andererseits in eine seltsam entmischte gesellschaftliche Wirklichkeit. Die Heuchelei wird gar nicht als solche empfunden, sondern stellt sich als Geist dar. Dafür rutscht die lebendige Widersprüchlichkeit des gesellschaftlichen Lebens förmlich weg. Die Wirklichkeit wird zum Berg, über den eine vermeintlich wesentlichere Kugel rollt, ob hinauf oder hinunter, ist dann freilich weder zu entscheiden noch von Belang. Der ideologiekritische Geist tritt in eine zirkuläre Beziehung zu sich selbst – daher das frenetische Moment, in dem sich gleichsam eine wesentliche Option auf Praxis artikuliert. Andererseits tritt er in eine vampiristische Beziehung zu der zum Sammelsurium skandalöser Anlässe heruntergebrachten Wirklichkeit, der er zwar durch seine Denunziationslust allererst Leben einzuhauchen scheint, ohne die er freilich verstummen würde.

Was hat das alles nun mit der 1SF und ihrem Gründungstext zu tun? (“Die Kritik zur Krise radikalisieren”, in: ISF, Das Ende des Sozialismus, Die Zukunft der Revolution) Mit Marx und der ISF teile ich die Ansicht, daß Revolution ein Anpassungsunternehmen ist, ein “Vergleichzeitigungsunternehmen”; zurückgebliebene Verhältnisse werden auf den Stand der Produktivkraftentfaltung gebracht. Nur unter der Prämisse, daß Revolution ein Synonym für objektiven Fortschritt ist, hat es Sinn, “deutschen” oder irgendwelchen anderen “Zuständen” verbalradikal Feuer unterm Hintern zu machen. Zugegeben, diese Prämisse ist demotivierend durch und durch. Aber fällt sie weg, oder verkehrt sie sich gar in ihr Gegenteil, dann brütet die Verbalradikalität, das heißt die von Marx geforderte “Indignation” und “Denunziation”, wie eine Schlaftablette, die unter bestimmten Umständen wach macht, ihren Antagonisten aus: Der “Kopf der Leidenschaft” zu sein wird zur Halluzination, die “Leidenschaft des Kopfes” ist das Resultat. Sie rehabilitiert nicht nur Wortmagie und Allmacht der Gedanken, sondern hat als Existenzvoraussetzung nun mal den unbeeinträchtigt fortlebenden Körper, das heißt, es ist gar nicht abzusehen, wie es trotz aller ekelgesättigten Indignation des geistigen Kopfes über den gesellschaftlichen Körper zwischen den beiden auch nur gedanklich jemals zum Bruch kommen könnte. Im Gegenteil.

Als ein “Vergleichzeitigungsunternehmen” ruft die Revolution zur Teilnahme auf, und jeder, der auch nur in etwa ein Abbild jenes Standes der Produktivkraftentfaltung ist, der von den gegenwärtigen Produktionsverhältnissen für nichts erachtet wird, wird sich mit einer Aufopferung an ihr beteiligen, einem Furor, einer Hoffnung, als ginge es nicht nur um Anpassung, sondern um – Eschatologie. Kein Wunder; denn einen “eschatologischeren Gegenstand” für revolutionäre Begeisterung, eine “echtere Revolution” etwa, gibt es nicht. Und nur dem Philosophen, dem Kritiker oder Theoretiker – und ich werfe sie hier alle in einen Topf –, dem es chronisch mißlingt, die eigene philosophische, kritische oder theoretische Tätigkeit als radikal diesseitige Tätigkeit zu fassen, reicht das nicht. Er möchte, daß Revolution mehr sei als nur ein “Anpassungsruck”, daß sie in dem säkularisierten Jenseits beheimatet sei, wo er auch seine Philosophie, Theorie oder Kritik) ansiedelt.

Wenn Marx den deutschen Zuständen Krieg ankündigt, weil sie, wie er sagt, unter dem Niveau der Geschichte sind, nun, dann ist, sobald die deutschen Zustände auf dem Niveau der Geschichte sind, der Krieg eben vorbei. Marx hat diesen “Zustand” bekanntlich nicht mehr erlebt. An seiner Stelle haben Kritische Theorie und in seiner Nachfolge die ISF ihn konstatiert; Stichwort “totale Vergesellschaftung”. Das vertraute Problem bei dieser bis in die “späteste Neuzeit” verlängerten marxistischen Diagnose: Was Marx von einer Revolution erwartete, Modernisierung, Gleichzeitigkeit, wurde in Deutschland vom Nationalsozialismus realisiert.

Rückt man von dieser These erschrocken wieder ab, gibt man die Gleichzeitigkeit preis – es ist nun mal nicht möglich, zumindest in Deutschland nicht, die Totalität der gegenwärtigen Vergesellschaftung ins Auge zu fassen, ohne sich beim Vorgänger und Operator “Nationalsozialismus” schlau zu machen; und wo dies nicht nötig ist, in den USA, da gibt es keinen Marx. Steht man aber zu ihr, dann ist die revolutionäre Treuhänderschaft, der Bezug zu Marx, auch für Deutschland unweigerlich dahin. Angesichts dieser Alternative wird von der ISF und Kritischer Theorie nicht die Vermittlung angepeilt und als Aufgabe ins Auge gefaßt, sondern spontan ein Drittes gewählt. Dieses an sich ja gar nicht existente Dritte wird denn auch konsequent nur durch einen Halluzinationen Tür und Tor öffnenden Sprung in ein ganz anderes, nämlich ethisches Kategoriensystem ergattert: Totale Vergesellschaftung ist negative Vergesellschaftung – negative Vergesellschaftung, ausgerechnet, ein Adjektiv soll den qualitativen Unterschied verbürgen, die große Reservation! Da dämmert einem doch, wie eine materialistische Grammatik jedenfalls nicht aussieht!

Wer ist an der Kalamität schuld? Die Wirklichkeit wird‘s nicht sein; die ist zusammenhängend und sonst nichts. Unsere Begriffe, mit denen wir sie in ein widerspruchsvolles Verhältnis zu sich bringen, müssen es sein: der verdinglichende Gebrauch des Begriffs “Faschismus” etwa als ineins Ausdruck und Gegenteil von bürgerlicher Vergesellschaftung, oder der ebensolche, freilich verschärfte Gebrauch von “Auschwitz”; oder der verdinglichende Gebrauch des Vergesellschaftungsbegriffs selbst, so als könnte man Vergesellschaftung gleichzeitig zum Ganzen und zum Teilbegriff erklären, auf welch letzterer Ebene er dann in einer Begriffsschimäre wie “Bruch mit negativer Vergesellschaftung” oder, wie die Anarchisten sagen, “freie gesellschaftliche Assoziation” einen ernsthaften Konkurrenten bekäme. Auch der verdinglichende Gebrauch des Begriffs “Revolution” ist schuld, der im Gründungstext als Klassenkampfergebnis zu den Akten gelegt, als “Revolution” gleichwohl, wenn auch angemessen nebulös, konserviert wird.

Leider sind die Verhältnisse wohl noch verfahrener, als es den Anschein hat. Denn die “richtige” Einsicht, daß die “Klassenkampfrevolution” in der Kapitallogik bleibt, ist eine gegen die Wirklichkeit gepanzerte und deshalb falsche Einsicht, die die “Klassenkampfrevolution” nicht deshalb durchschaut, weil sie die Sphäre der Verhimmelungen verlassen hat und endlich nüchtern geworden ist, sondern weil sie über einen gleichsam außerirdischen Begriff von Revolution verfügt. Daß dieser Begriff erklärtermaßen begriffslos ist, daß er in Paradoxa gekleidet werden muß, daß er zugegebenermaßen das Unmögliche auszudrücken hätte, was eben unmöglich ist, ändert nichts an der Strategie; Freud sei diese Einsicht gedankt. Was wird durch einsichtsvolle Sprachlosigkeit denn geopfert? Die Reservation gerade nicht. Sie bleibt vielmehr erhalten, und darauf kommt es an. Ob ich die schnöde Wirklichkeit ablehne, weil ich über eine bessere verfüge, oder ob ich sie ablehne, ohne über eine bessere zu verfügen, ist ganz egal; Hauptsache, ich habe das Ablehnungsrecht, Hauptsache, die Dimension der Kritik, der Spielraum für den Kritiker, ist gewahrt.

Woher dieses Ablehnungsrecht kommt und worin dieser Spielraum besteht – und die Psychoanalyse weist uns an, die Sache nun nicht wiederum zu bestreiten, sondern lediglich auf den richtigen Punkt zu beziehen –, diese Frage führt auf den ersten Blick sehr weit weg von Gesellschaftstheorie und Politik, und ich will sie auch keineswegs beantworten. Ich vermute aber, daß ihre Antwort in einer Richtung liegt, die ich kurz und trocken mit der Überschrift “Die ISF als Befriedigungsmodell” bezeichnen will. Bereits die Kritische Theorie verkörpert ein solches mit Idiosynkrasien leider nicht nur bezahltes, von ihnen vielmehr am Leben gehaltenes oder förmlich lebendig gemachtes Befriedigungsmodell. (Ilse Bindseil, Vortrag am 3. Juni 1994 im Rahmen der Veranstaltungsreihe “ISF 12 1/2”)

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Jour Fixe Programm Herbst/Winter 1994/95