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ça ira-Verlag

Jour Fixe Programm Frühjahr/Sommer 1995

Dienstag, 25. April 1995

Maschine des Terrors

Das Lager (KZ) in der Moderne

Die katastrophische Konfiguration der Konzentrationslager spricht erst dann ihre volle Wahrheit aus, wenn die Verbindung zur “normalen” Realität hergestellt wird. Wenn wir der Nabelschnur gewahr werden, die jene anscheinend getrennten Wetten verknüpft, vermögen wir die eigenen geschichtlichen, sozialen und psychischen Potenzen im Spiegel der Lager zu erblicken. Zählen denn nicht die im Abendland entwickelte Aufspaltung der Person in Subjekt und Objekt und die daraus entsprungene positivistische Rationalität, die ihren Zusammenhang unkenntlich machende gesellschaftliche Teilung der Arbeit und nicht zuletzt die zentralen Werte der Leistung, Ordnung und Disziplin zu den Ziehvätern eines aus ihren Händen stammenden und entglittenen deformierten Produkts? Die verborgene ökonomische Definition des Werts schlug in die offene politisch-terroristische Definition des Unwerts um, abstrahierend von den konkreten Menschen beide. – Es spricht Gerhard Armanski (Frankfurt), Autor des Buches “Maschinen des Terrors. Das Lager (KZ und GULAG) in der Moderne” (Verlag Westfälisches Dampfboot).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 9. Mai 1995

Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus

Über Alfred Sohn-Rethels Faschismustheorie

Blenden diejenigen Theorien, die den Faschismus als stringenten Ausdruck bürgerlicher Herrschaft interpretieren, das Faktum einer wie immer phänomenalen Entfremdung der Bourgeoisie von ihrem degoutant radikalen Staat aus, so arbeitet Alfred Sohn-Rethel in seinen Untersuchungen zur “Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus” – der sich ihm als Herrschaft des bankrotten Kapitals darstellt – ökonomische Widersprüche heraus, deren Explikation das ambivalente Verhältnis von faschistischem Staat und Bourgeoisie zu erhellen verspricht. Sie manifestieren sich im produktionsökonomisch bedingten Ausfall der Funktion der Konkurrenz. Herrschte sie den Einzelkapitalien, die sie ins System integriert, systemkonforme Reaktionsweisen auf, so etabliert sich angesichts fortschreitender Desintegration der Staat als terroristischer Garant des Allgemeinen, der die Einzelkapitalien zur kapitalistischen Räson zu bringen sucht. Seine Ambivalenz findet ihren ideologischen Ausdruck darin, daß er, Exponent der Volksgemeinschaft, nicht ansteht, deren Interessen ostentativ gegen die partikularen Interessen des “raffenden” Kapitals zu verteidigen. – Es spricht Iris Harnischmacher (Frankfurt).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 23. Mai 1995

Dialektik und Ideologie

Nach dem ersten Weltkrieg, in der schwersten Krise der Arbeiterbewegung, brachte Georg Luk√°cs das Gerücht auf, bei der marxschen Dialektik handle es sich um eine proletarische Geheimwissenschaft, die der bürgerlichen Ideologie den Garaus machen könne. Während der zerstückelnde bürgerliche Verstand die Welt in leblose Einzelteile zerlege, könne die proletarische Dialektik, von einem Standpunkt der Totalität aus, das gesellschaftliche Ganze in den Blick bekommen. Auch nach dem Abschied vom Proletariat blieb für die Kritische Theorie die Dialektik Dreh- und Angelpunkt ihres Versuches, den ideologischen Charakter der abstrakten Verstandesbestimmungen zu durchschlagen. Der Vortrag versucht im Gegenzug dazu zu zeigen, daß die adäquate Form ideologischen Denkens selbst dialektisch ist. – Es spricht Michael Koltan (Archiv für soziale Bewegungen).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Samstag, 27. Mai 1995

“So watcha gonna do now?”

Günther & Jacob bringen die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen: Funk, Soul, HipHop.

Ab 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 13. Juni 1995

“Gesäuberter” Antifaschismus?

Die SED und die kommunistischen Kapos von Buchenwald

Im Herbst 1994 erschien eine heftig diskutierte Dokumentenedition, die Akten aus dem Parteiarchiv der SED über die Funktionshäftlinge von Buchenwald, die sog. “Kapos” der illegalen KPD, zusammentrug. Sie vermittelte unbequeme Einsichten in die “Wolfsgesellschaft” des Konzentrationslagers, insbesondere in die Überlebensstrategien der KPD: Die extremen Bedingungen ließen weniger parteiübergreifende Solidarstrukturen entstehen denn Praktiken der Ausgrenzung und der Auslieferung Andersdenkender an die SS. Daneben geben weitere, bislang geheimgehaltene Dokumente Aufschluß darüber, wie die SED nach dem Krieg mit diesen unbequemen Erinnerungen umging, wie sie die Kapos bewertete, sie schließlich in den “Säuberungen” 1950 bis 1954 ausschaltete und dann 1956 rehabilitierte. Ihre nun von der tragischen Wirklichkeit gereinigten Biographien konnten wieder Teil der heroischen Tradition werden. Der Lageralltag von Buchenwald blieb trotz parteiinterner Kenntnis ein öffentlich beschwiegenes Thema; kein Schatten fiel auf die Widerstandskämpfer. Die ehemaligen Häftlinge erfüllten eine politisch-pädagogische Funktion im Sinne des “antifaschistischen Vermächtnisses”, nicht nur in der DDR. – Es spricht Leonie Wannenmacher (Essen), die an der Dokumentation “Der ’gesäuberte‘ Antifaschismus” (hrsg. von Lutz Niethammer, Berlin 1994) mitgearbeitet hat.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 20. Juni 1995

Jenseits des Subjekts?

Zur Philosophie Michel Foucaults

Wer Foucault sagt, sagt natürlich Differenztheorie. Aber was wir mittlerweile als affirmative feministische Differenztheorie kennen, präsentiert sich bei Foucault noch mit dem Elan der Negation: Verbindlichkeit und Universalität, auf die die erstere einfach pfeift, muß er im fundamentalistischen Kraftakt auseinandersprengen; Gleichheit und Gesellschaft, die für die erstere kein Thema mehr sind, muß er in ontologischer Schwerstarbeit zersetzen und zerkleinern. Damit gerät Foucault – und zwar aus zwingenderen Gründen als denen der phänomenologischen Herkunft – in die Nähe der Kritischen Theorie. – Es spricht Monika Noll (Berlin), Mitherausgeberin der Reihe “Frauen”

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 4. Juli 1995

Klarheit und Evidenz

Descartes und die Konstitution des bürgerlichen Denkens

Descartes, das ist der Inbegriff französischer Klarheit und französischen Schwachsinns, Cartesianismus ineins überzeitliches Schulbeispiel und rationalistische Sackgasse der neuzeitlichen Philosophie. In seinem Radikalismus gilt Descartes als Muster eines Philosophen und zugleich als dessen erste Erscheinung als Trickbetrüger, läßt der cartesische Zweifel doch bereits im 17. Jahrhundert zum ersten Mal emphatisch “alles, wie es ist” (Wittgenstein). Karl-Heinz Haag (“Der Fortschritt in der Philosophie”, 1983), auf der gewissenhaften und spannenden Suche nach dem in der Natur, was der menschlichen Vernunft Widerpart geben könnte, zögert nicht, ihn einfach für bescheuert zu halten, gibt Descartes als das Ansich der Natur doch “Ausdehnung” an und macht sich damit krasser als jeder andere der Todsünde abendzeitlicher Philosophie schuldig, lediglich einen “wahrnehmbaren Aspekt” der Natur als ihr “konstituierendes Fundament” zu setzen. Angestachelt von den Problemen der Philosophie mit Descartes soll über die cartesische Klarheit nachgedacht werden – immer auf der Suche natürlich nach einem angemessenen Begriff des Denkens. - Es spricht Ilse Bindseil (Berlin), deren Buch “Es denkt. Für eine gesellschaftliche Definition des Geistes und den Verzicht auf die Definition des Körpers” im Frühjahr erschienen ist.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Programmtext:
Vorwärts zum 8. Mai!