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Initiative Sozialistisches Forum

Vorwärts zum 8. Mai!

Seit der Invasionsfeier im Sommer 1984 in der Normandie, zu der sich der amerikanische Präsident, der französische Präsident und die britische Premierministerin eingefunden hatten, stand fest, daß der Jahrestag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht im westlichen Ausland wie in der ehemaligen Sowjetunion als Festtag gefeiert werden würde. Für die Deutschen ergab sich daraus die bedrückende Vorstellung, als von der Teilnahme ausgeschlossene Zaungäste einem Riesenspaß beiwohnen zu müssen, den sich andere auf ihre Kosten machten. Ringsum würden alle fröhlich sein, und man selber gewissermaßen am Katzentisch Trübsal blasen. Das Gefühl, zurückgesetzt und stiefmütterlich behandelt zu werden, führte dann zur üblichen Drängelei um den Platz an der Sonne.

Schon 1984 war es nicht leicht, dem Karnevalisten aus Mainz klarzumachen, daß nicht jeder überall mitschunkeln darf, und es erforderte viel diskrete Überredungskunst, ehe der westdeutsche Kanzler sich geschlagen gab und schweren Herzens darauf verzichtete, sich unter die Sieger zu mogeln. Kohls Haltung, die des notorischen Partyschnorrers, der bei jeder Fete aufkreuzt und nicht lange nach dem Anlaß fragt, hat dann die erste Phase der bundesrepublikanischen Vorbereitungen für den 8. Mai bestimmt. Es wurden Modalitäten, ein festlicher Rahmen und ein Motto gesucht, die es den Deutschen gestatten würden, nicht abseits zu stehen, sondern ohne Gesichtsverlust ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen, nämlich mitzumachen.

Die Suche nach der geeigneten Form erwies sich freilich als unerwartet schwierig, und bald darauf gerieten auch die Vorfreude und der Eifer des Festkomitees ins Wanken, als es sich nämlich nicht länger verheimlichen ließ, daß man gerade dabei war, auch sich einen Narren zu machen. Vor lauter blinder Gier, keine Party zu verpassen, hätte man beinahe die eigene Niederlage mitgefeiert. Denn wie man es auch dreht und wendet: Deutsche, die sich als solche verstehen, haben selbst dann keinen Grund, den 8. Mai festlich zu begehen, wenn sie den Sieg der Allierten als nützliche und notwendige Sache betrachten, wie auch ein geheilter Patient kaum mit Champagner auf den Tag anstoßen wird, als man ihm das Bein amputierte oder als man ihn in die Zwangsjacke steckte, selbst wenn dies nur in seinem eigenen wohlverstandenen Interesse geschah.

Folgerichtigerweise war die zweite Phase der bundesdeutschen Vorbereitungen für den 8. Mai eine Kette von Versuchen, die erste Phase wieder rückgängig zu machen. Man suchte nach Schlupflöchern, nach Reklamationsgründen, nach dem Haar in der Suppe, nach irgendeinem Vorwand, um aus dem Vertrag wieder auszusteigen. Man mäkelte, daß der 8. Mai eigentlich kein Tag zum Feiern, sondern einer zum Trauern sei, wegen Stalin, den Flüchtlingen, den Opfern, den Toten, außerdem habe der hundertjährige Kalender für den betreffenden Zeitraum acht Wochen sintflutartigen Dauerregen prophezeit, und nicht zuletzt sei es ein Gebot der Solidarität mit der Dritten Welt, angesichts des Hungers in Afrika Weißwürste und Eisbein in aller Stille, nur im engsten Familienkreis zu verzehren.

Schließlich besann man sich auf eine bessere Methode, auf die bewährte nämlich, die Sache einfach totzuquasseln. Damit war der Startschuß für einen nicht ausgeschriebenen bundesweiten Aufsatzwettbewerb gefallen, und von Zeit bis konkret, von Dregger bis Böll hat es keiner versäumt, die Lebensfrage der Nation, die Preisfrage des Jahres 1985 zu der seinen zu machen: “Zusammenbruch oder Befreiung?”. Das Thema verdankt seine auch in TV-Talk-Shows hinlänglich erwiesene unerschöpfliche Ergiebigkeit dem Umstand, daß man sich dabei sofort in spitzfindige juristische oder philosophische Grundsatzdiskussionen verwickelt. Wenn ich jemanden gegen seinen Willen aus dem Gefängnis hole, ist das Gefangenenbefreiung oder Freiheitsberaubung, aber wie kann man Gefangenenbefreiung in Tateinheit mit Freiheitsberaubung als gegen ein und dieselbe Person gerichtetes Delikt begehen, wo es doch nach dem Satz vom sich ausschließenden Widerspruch logisch unmöglich ist, einer Person die Freiheit zu rauben und sie ihr gleichzeitig zu geben? Wie kann ich jemandem die Freiheit geben, der sie nicht haben mag, wo sie doch auf dem Respekt vor der freien Willensentscheidung des anderen beruht? Und wenn eine Last zerbricht, unter deren Druck an Ende selbst die diesen Druck Ausübenden zu zerbröseln begannen, hat dann ein Zusammenbruch stattgefunden, oder ist dann ein Zusammenbruch verhindert worden? Kurzum: Deutschland wurde am 8. Mai 1945 weder befreit, noch ist es damals zusammengebrochen, sondern es hat mit der bedingungslosen Kapitulation einen Krieg verloren, den die Allierten gewonnen haben, und weite Teile der Welt wurden dadurch vom deutschen NS-Regime befreit.

Vor lauter Mühe, durch fleißiges Grübeln den 8. Mai in ein für Deutschland sinnträchtiges Ereignis umzumünzen, in etwas anderes als das, was er wirklich war, nämlich der Tag der bedingungslosen Kapitulation, einer kompletten Niederlage mit Sieg durch K.o. für die Alliierten, vor lauter Sinnieren über den 8. Mai also hat man schließlich, wie bezweckt, den 8. Mai 1985 ganz vergessen und damit freilich auch die dem Datum innewohnenden Chancen übersehen. Zwei Jahre zuvor nämlich, 1983, wurde der 30. Januar gefeiert, obgleich zwischen der Wahl Hitlers zum Reichskanzler und der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht zwölf Jahre liegen und nicht zwei. Falls es nun zur Gewohnheit werden sollte, den Anfang eines Übels an seinem 50. Jahrestag, sein Ende aber an seinem 40. Jahrestag zu feiern, müßte beispielsweise 1989 der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges angemessen begangen werden mit Gedenkveranstaltungen für den Anfang eines Krieges, dessen Ende gerade zwei Jahre vorher, nämlich 1985, spektakulär gewürdigt worden war.

Abgesehen vom Zeitraffereffekt des Festspieldramaturgie, durch welche die Naziherrschaft auf die Dauer von zwei Jahren zusammenschnurrt, scheint der Film auch noch rückwärts zu laufen, und sind einmal Anfang und Ende des Krieges in der Retrospektive zeitlich vertauscht, so bietet es sich an, dieselbe kleine Korrektur auch beim Verhältnis von Ursache und Wirkung vorzunehmen, womit dann der Überfall auf Polen am 20. September 1939 als Präventivschlag gegen einen Feind erscheint, der es von vorneherein auf die Teilung Deutschlands abgesehen hatte, d.h. im Rückspulverfahren wird der Zweite Weltkrieg zur ersten Runde im Kampf um die Wiedervereinigung.

Außerdem hatten die Passionsspiele der Friedensbewegung mit der unwiderstehlichen Suggestivkraft des Genres die letzten Kriegsjahre nochmal erlebte und erlittene Realität werden lassen. Es ergab sich daraus die Notwendigkeit, die in den Straßen sich türmenden symbolischen Toten irgendwie unter die Erde zu schaffen. Die Geschichte von Deutschlands Untergang, die nun schon drei Spielzeiten lief, den Höhepunkt hinter sich hatte und sich reichlich zäh hinzuschleppen begann, muß zu einem Ende kommen, und auch dafür bot der 8. Mai sich an. Diesen Tag pompös zu feiern, hatten die Deutschen also gleich zwei Motive, neben dem auf längere Sicht zu erwartenden Gewinn den kurzfristigen Nutzen, außerdem kam bald nach der Kapitulation die Währungsreform, danach begann das Wirtschaftswunder, und daran erinnert sich jeder gern.

Trotz hinreichender Motive aber waren die Deutschen in diesem Fall nicht die Anstifter, sondern die Alliierten von einst haben die Initiative ergriffen. Was treibt sie zur Hast, zur Eile, zur Ungeduld, das Jubiläum vorzeitig stattfinden zu lassen? Vielleicht die mehr dumpf empfundene als bewußte Befürchtung, daß dies die letzte Gelegenheit war und es in zehn Jahren keinen Sieg über den Faschismus mehr zu feiern geben wird. Horkheimer schriet 1939: “Heute gegen den Faschismus auf die liberalistische Denkart des 19. Jahrhunderts sich berufen, heißt an die Instanz zu appellieren, durch die er gesiegt hat”. Der Sieg über den Faschismus hat nur die Voraussetzungen wiederhergestellt, unter denen er entstanden ist. Es hat 1945 eine vergleichsweise angenehme, aber von vorneherein befristete Zeit begonnen. Die Wirtschaftskrise indizier! den Ablauf dieser Frist, die Schlesier sine eine Begleiterscheinung, die Intellektuellen verhalten sich, wie es schon Horkheimer beschrieben hat: “Jetzt preisen die literarischen Gegner der totalitärer Gesellschaft den Zustand, dem sie ihr Dasein verdankt, und verleugnen die Theorie, die sein Geheimnis aussprach, als es noch Zeit war”. (Wolfgang Pohrt: Playback, in: Der 8. Mai. Die Unfähigkeit zu feiern, Verlag Neue Kritik 1985

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Jour Fixe Programm Frühjahr/Sommer 1995