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ça ira-Verlag

Jour Fixe Programm Herbst/Winter 1995/96

Dienstag, 17. Oktober 1995

Karl Marx und der Materialismus

Über den Gebrauchswert des “Marxismus”

Der sogenannte “Marxismus” genießt ganz zu recht, wenn auch aus den ganz falschen Gründen, einen sehr schlechten Ruf. Denn der Versuch sowohl der traditionellen Arbeiterbewegung wie der sozialwissenschaftlichen Intelligenz, sich vermittels der marxschen “Kritik der politischen Ökonomie” politisch wie akademisch zu legitimieren, hat das subversive Denken entfremdet, den Materialismus depotenziert und ihn in Gestalt des “Marxismus” zum strategischen Mittel herrschaftsgeiler Eliten werden lassen. Allerdings hatte Marx diesem epochalen Mißbrauch insofern noch selbst zugearbeitet, als er bemüht war, die revolutionäre Kritik des Kapitals auf eine positive Philosophie der Arbeit zu gründen. Im genauen Maße, in dem er die kapitalistische Ausbeutung als notwendiges Stadium der Selbstentfremdung der Arbeit darstellte, wurde er zu eben dem Marxisten, der er nicht sein wollte. Indem Marx die positivistische Systemphilosophie des “Marxismus” möglich machte, verfehlte er den Materialismus. – Es spricht Joachim Bruhn (Freiburg), der im letzten Jahr den Band Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation veröfffentlicht hat.
Der Vortrag ist zugleich die Einführung in den am Dienstag, den 24.10., beginnenden Kapital-Lektürekurs.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Samstag, 21. Oktober 1995

Antifaschistischer Stadtrundgang

Die Route führt vom Regierungspräsidium (ehemals NS-Polizeipräsidium) über die Universität (Vorreiterrolle der freiburger Universität für die nationalsozialistische Gleichschaltung der deutschen Universitäten) weiter zum Hauptbahnhof (Deportation) und dann in den Stühlinger zum ehemaligen Kreispflegeheim (Euthanasieprogramm). – Es führt und kommentiert Gabriela Schlesiger. Treffpunkt um 14°° vor dem Regierungspräsidium, Kaiser-Joseph-Straße.

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Dienstag, 24. Oktober 1995

“Das Kapital”

Einführung in die materalistische Kritik der politischen Ökonomie

Es waren die Intellektuellen, insbesondere die Soziologen und die Philosophen, die Marx definitiv zum Marxisten gemacht haben und damit zu etwas, was er, der in seinen besten Momenten Kritiker der politischen Ökonomie war, nur insoweit war, als er sich nicht aus der Tradition zu lösen vermochte: zum Theoretiker. Und es sind eben diese Intellektuellen, die, unfähig zur Kritik der geistigen Arbeit und ihrer spontanen Neigung zur Ideologieproduktion, in jedem Epochenumbruch, gleich, ob 1918, 1968 oder 1989, die “Krise des Marxismus” ausrufen, weil die empirische Entwicklung den Theoretiker Marx widerlegt zu haben scheint. Zwei Phänomene wuchern ineinander, erstens die Ambivalenz des marxschen Werkes selbst, zweitens die Rezeptionsgewohnheiten der akademischen Intelligenz. Eine kritische Lektüre des “Kapital” wird daher weder einen “authentischen” Marx herausdestillieren und zum Prüfstein der Interpretationen machen können, noch wird sie der Neigung nachgeben können, sein Werk als Theorie der kapitalistischen Entwicklung zu lesen und soziologisch zu verifizieren. Denn revolutionäre Materialismus oder auch “kritische Kommunismus” (Marx) ist weder eine wissenschaftliche Methode noch eine proletarische Weltanschauung. – Alle 14 Tage bis Ende Juni 1996. Beginn um 20°° im Raum der Linken Liste/Friedensliste, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage, Zugang im Torbogen gegenüber der Druckerei, 1. Stock).

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Dienstag, 31. Oktober 1995

Die Morgenthau-Boys

Politik für ein “neues Deutschland” oder warum 1945 dennoch vieles beim alten blieb

Bei den Morgenthau-Boys handelte es sich um eine Gruppe amerikanischer Intellektueller und Politiker, die unter dem Eindruck von Weltwirtschaftskrise und Hitlerdeutschlands den Weg in die Politik fanden. Manche nennen sie die “Progressiven”, andere die “Roosevelt-Linke” oder die “Morgenthau-Boys”, weil sie in Henry Morgenthaus Schatzamt besonders zahlreich vertreten waren. Ihr Denken drehte sich um die Katastrophen des 20. Jahrhunderts: Genozid, Krieg und Gewalt. Sie begriffen Politik nicht als das Versprechen, das Böse definitiv aus der Welt zu schaffen, sondern als fortgesetztes Bemühen um möglichst hohe Hemmschwellen gegen destruktives Handeln. Dieses Denken, das am Beispiel der Deutschlandpolitik vorgestellt werden soll, wurde zum Prüfstein für eine “neue Weltordnung” nach 1945. Die Geschichte der Morgenthau-Boys läßt manches Kapitel des Zweiten Weltkriegs in neuem Licht erscheinen, z.B. die Frage, was zur Rettung der europäischen Juden hätte getan werden können, oder auch, was Morgenthau dazu veranlaßte, 1944 seinen viel geschmähten, aber kaum je verstandenen Plan für Deutschland vorzulegen. – Es spricht Bernd Greiner (Institut für Sozialforschung, Hamburg), Autor des in der Hamburger Edition erschienenen Buches Die Morgenthau-Legende. Zur Geschichte eines umstrittenen Plans.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 14. November 1995

Dialektik im 20. Jahrhundert (II):

Max Horkheimers Projekt einer “Dialektischen Logik”

Für das radikale marxistische Denken des 20. Jahrhunderts war die hegelsche Dialektik eine essentielle Voraussetzung. Vom frühen Georg Lukács bis hin zu Jean-Paul Sartre – um nur die wichtigsten Theoretiker zu nennen – bildete bei allen Unterschieden die Dialektik den Bezugsrahmen, innerhalb dessen gegen die herrschende Realität angedacht wurde. Erst postmoderne Denker wie Foucault oder Deleuze begriffen sich explizit als Anti-Dialektiker und erklärten Dialektik und Marxismus zu Übeln, die es zu bekämpfen gelte. Nach dem intellektuellen Bankrott der “Postmodernen” ist jedoch eine Kehrtwende zu verzeichnen: Hegel und die Dialektik werden von Autoren wie Slavoj Zizek erneut ins Spiel gebracht. In einer Reihe von Vorträgen soll das wechselhafte Schicksal der hegelschen Dialektik im marxistischen Denken nachvollzogen werden. Am 14. November geht es um das Frankfurter Institut für Sozialforschung von der Gründung bis zur “Dialektik der Aufklärung”. Im Zentrum steht die Frage, wie sich die Theoretiker des Instituts und insbesondere Max Horkheimer in Abgrenzung zum Sowjetmarxismus definierten. Außerdem soll untersucht werden, was es mit dem in den dreißiger Jahren ausgeheckten Projekt einer “Dialektischen Logik” auf sich hat, das schließlich in die “Dialektik der Aufklärung” mündete.- Es spricht Michael T. Koltan (Archiv für soziale Bewegungen, Freiburg); Teil III wird am 30. Januar '96 “die französische Hegelrezeption” behandeln.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 28. November 1995

Auschwitz und die Geschichtswissenschaft

Die Kontroversen der letzten Jahre

Auschwitz ruft sehr konträre Vorstellungen, Emotionen und Reaktionen hervor: Als Ereignis wie als Symbol steht es einmal für das Wesen einer “modernen”, d.h. bürokratisch-arbeitsteiligen Gesellschaft, ein andermal für die Wiederkehr der “Barbarei”. Das Nachdenken über die Massenvernichtung folgt oft mehr oder weniger unbewußt derartigen Deutungsmustern, in der Wissenschaft nicht anders als in Kunst und Literatur. Von Auschwitz zu sprechen, das bedeutet für den Historiker nicht selten, auf Widerspruchsfreiheit oder innere Stimmigkeit wie selbstverständlich zu verzichten. Zugleich offenbart sich am Thema der Massenvernichtung die allgemeine Problematik der Geschichtswissenschaft so eklatant wie nirgends sonst. – Es spricht Nicolaus Berg (Freiburg).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 12. Dezember 1995

Per Rundfunk nach Stalingrad

Zur Verflechtung von Kommunikationstechnik und Kriegsführung

Postmoderne Kulturtheorien, die von der “Implosion des Sozialen”, dem “Verschwinden des Politischen” oder dem “Ende des Subjekts” reden, beziehen ihre argumentative Stärke nicht zuletzt aus der genuinen Verflechtung von Kommunikation und Krieg. Zivil wie militärisch gerät ihnen Mediales zum destruktiven Agens; die Gesellschaft löst sich in mediales Prozedie-ren, der Krieg in medientechnischen Kampf auf. Bezüglich der Kriegsführung läßt sich in der Tat aufzeigen, inwiefern Kommunikationstechnik das Apriori bestimmter Strategien und Taktiken sind. Der Rundfunk korreliert strukturell mit dem totalen Krieg, der UKW-Sprechfunk mit dem Blitzkrieg, Computer und Radar mit dem logistischen Krieg. Zugleich bildet die mediatisierte Kommandostruktur, die Führerbunker und Front verbindet, die Voraussetzung einer Kriegsführung auf derBasis ideologischer Fiktion. Stalingrad ist der Ort, der die Verflechtung von mediatisierter und ideologisierter Welt offenbart. Von hier läßt sich die Frage nach dem gesellschaftlichen Ort der Medientechnik aufnehmen, die die Medientheorie ausblendet. – Es spricht Stefan Kaufmann (Freiburg).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 16. Januar 1996

Ästhetik? Widerstand!

Zur Aktualität eines Romans von Peter Weiss nach 1989

“Die Ästhetik des Widerstands”, das opus magnum von Peter Weiss, war in den 70ern und 80ern eines der meistdiskutierten Bücher innerhalb der Linken der BRD und der DDR. Anhand des Lebensweges des Protagonisten, der als cnromst ein episcnes fortrat des antifaschistischen Widerstands entwirft, diskutierten Hunderte von Zirkeln ihr Selbstverständnis als Linke und die Probleme, die sich ihnen in ihrer Zeit stellten. Aber was taugt der Roman noch nach dem Verschwinden der bipolaren Welt, die die Epoche von 1917 bis 1989 prägte? Was bleibt von Weiss' Utopien brauchbar, was hat nur noch musealen Wert? – Es spricht Stefan Höppner (Freiburg), der gelegentlich für die Hochschulzeitung “Faust” schreibt und einige Stücke veröffentlicht hat, u.a.: Death Invades Siena (Santa Barbara, 1993), Usher (Berlin 1995) sowie, mit anderen, The Private Life ofthe Master Race (Seattle 1994).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 30. Januar 1996

Dialektik im 20. Jahrhundert (III):

Die französische Hegelrezeption

Für das radikale marxistische Denken des 20. Jahrhunderts war die hegelsche Dialektik eine essentielle Voraussetzung. Vom frühen Georg Lukács bis hin zu Jean-Paul Sartre – um nur die wichtigsten Theoretiker zu nennen – bildete bei allen Unterschieden die Dialektik den Bezugsrahmen, innerhalb dessen gegen die herrschende Realität angedacht wurde. Erst postmoderne Denker wie Foucault oder Deleuze begriffen sich explizit als Anti-Dialektiker und erklärten Dialektik und Marxismus zu Übeln, die es zu bekämpfen gelte. Nach dem intellektuellen Bankrott der “Postmodernen” ist jedoch eine Kehrtwendezu verzeichnen: Hegel und die Dialektik werden von Autoren wie Slavoj Zizek erneut ins Spiel gebracht. Der dritte Teil der Vortragsreihe beschäftigt sich mit der Hegelrezeption in Frankreich bis zu Sartres “Kritik der dialektischen Vernunft”. Grund für dieses auf den ersten Blick merkwürdige Unterfangen ist eine Hypothese, die im vierten Teil im Frühjahrsprogramm des Jour Fixe genauer untersucht werden soll: Denn dann soll die Frage aufgeworfen werden, inwieweit sich die antidialektische Wende der sog. “postmodernen” Philosophen, insbesondere ihre Hinwendung zu Nietzsche, als Abgrenzung zur vorhergehenden französischen Intellektuellengeneration verstehen läßt. Es spricht Michael T. Koltan (Archiv für soziale Bewegungen, Freiburg).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 13. Februar 1996

“Das Imaginäre”, die Warenform, das Subjekt

Die politische Philosophie des Cornelius Castoriadis

In Frankreich, wo die Kritische Theorie bis in die siebziger Jahre hinein so gut wie unbekannt war, führte die Untersuchung der Gründe, die den Marxismus in eine Legitimationsideologie umschlagen ließen, wenn auch auf ganz anderen Wegen, so doch zu der Kritischen Theorie sehr “hnlichen Resultaten, nämlich zur radikalen Abkehr vom Hegeischen Erbe einer “Verwirklichung der Philosophie” und zur Fundamentalkritik der “Identitäts- und Mengenlogik”. Zu klären ist die Frage, warum ausgerechnet die fortgeschrittenste Kritik des kapitalen Unwesens sich nicht allein als hilflos im Angesicht der gegenwärtigen Barbarisie-rungstendenzen erwiesen hat, sondern zudem als anschlußfähig an die Legitimationen der jüngsten Amokläufe der “neuen Weltordnung”. – Es spricht Hubert Zick (München).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 27. Februar 1996

Der Traum von der Erziehung eines Volkes

Pädagogik als rassistische Utopie im Vorfeld des Faschismus

Warum und wie entspringt in der bürgerlichen Gesellschaft faschistisches Denken aus dem Engagement für “Unterprivilegierte”, aus der Opposition gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse? Dieser erneut aktuellen Frage geht der Vortrag am Beispiel der “völkisch” orientierten Pädagogen des wilheminischen Kaiserreiches nach. Die Untersuchung ihres Entwicklungsweges von einem romantisch-idealisierenden Nationalstaatsdenken hin zum chauvinistischen Nationalismus, schließlich zum sozialdarwinistisch fundierten Rassismus, will einige unbekannte Aspekte der Entstehung des Nationalismus schlaglichtartig beleuchten. – Es spricht Detlev Kilian (Waldshut).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 11. März 1996

Hitlers Enkel auf der Couch

Der Revisionismus in der Psychoanalyse am Beispiel Tilmann Moser

Genau am rechten Ort, nämlich in der FAZ, veröffentlichte der Freiburger Psychoanalytiker Tilmann Moser 1992 die Resultate seiner neuerlichen Lektüre des Klassikers Die Unfähigkeit zu. trauern von Alexander und Margarete Mitscherlich. Die Mitscherlichs hätten, so Moser, Psychoanalyse und Moral unzulässigerweise vermischt; außerdem verweigerten sie dem deutschen Volk jede Anteilnahme und Einfühlung in seine Leiden. Weiterhin ruft er die Kinder, Kindeskinder und Urenkel des Führers dazu auf, mit der “öffentlichen Bewältigung” Schluß zu machen und endlich den Folgen von “NS und Krieg” im “familiären und individuellen Bereich” therapeutisch nachzuspüren. Warum Anamnese wie Therapie mit dem Gestus des Tabubruchs vorgetragen werden, wie viel das mit der Wiedergutwerdung der Deutschen und wie wenig mit kritischer Sozialpsychologie zu tun hat, was schließlich von der revisionistischen Psychoanalyse ganz unfreiwillig über den Zusammenhang von bürgerlicher und faschistischer Gesellschaft, deren generationenübergreifende Gemeinsamkeit darin bestehen soll, die deutschen Menschen um ihr “wahres Selbst” zu bringen, gelernt werden kann, ist Gegenstand des Vortrags. Es spricht Gabi Walterspiel (Freiburg).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Programmtext:
Um Sarajewo: Der Krieg der Pazifisten