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ça ira-Verlag

Jour Fixe Programm Herbst/Winter 1996/97

Dienstag, 15. Oktober 1996

Das Kapital und seine Geschichte

Gibt es eine materialistische Antwort auf die Frage, was zuerst da war, die Henne oder das Ei?

Wenn es zutrifft, daß das Kapital das “automatische Subjekt” (Marx) der bürgerlichen Gesellschaft ist, dann bedeutet dies zugleich, daß keine Erkenntnis zu haben ist, die auf anderes sich stützte denn auf den ideologischen “Schein der Tatsachen” (Marx), den eben dies Subjekt autonom aus sich heraus setzt. Daraus folgt erstens, daß das Kapital die Menschheitsgeschichte in sich aufgehoben hat, und zweitens, daß die Suche nach einem 'revolutionären Subjekt' einen Widerspruch in sich darstellt. Wer “Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie” von Marx unter diesem Gesichtspunkt liest, wird feststellen, daß die historischen Exkurse die systematische Darstellung nicht begründen, sondern nur veranschaulichen. Geschichte ist kein Argument. Gleichwohl wird gemeinhin angenommen, daß nur die Berufung auf die 'Geschichtlichkeit des Kapitals' eine kritisch argumentative Kraft zu entfalten vermöge: Was geworden ist, das müsse auch vergehen. Tatsächlich kann das Kapitalverhältnis nur als historisches Resultat verstanden werden. Die Lösung dieser Antinomie – das Kapital als historisches Produkt darstellen zu müssen, ohne auf Kategorien (oder Utopien) zurückgreifen zu können, die es systematisch überschreiten – muß geleistet werden, wenn Kritik als materialistische möglich sein soll. Anders ausgedrückt: die Kritik des herrschenden Positivismus kann sich in ihrem Geschichtsbegriff nicht in illustrativer Beliebigkeit bescheiden; sie hat das Kunststück fertigzubringen, in einem die Darstellung des Kapitals sowohl zu historisieren als auch auf Wahrheit zu gründen. – Es spricht Manfred Dahlmann (Freiburg).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Donnerstag, 17. Oktober 1996

Karl Marx: “Das Kapital”

Einführung in die Kritik der politischen Ökonomie

Es waren die Intellektuellen, insbesondere die Soziologen und die Philosophen, die Marx definitiv zum Marxisten gemacht haben und damit zu etwas, was er, der in seinen besten Momenten Kritiker der politischen Ökonomie war, nur insoweit war, als er sich nicht aus der Tradition zu lösen vermochte: zum Theoretiker. Und es sind eben diese Intellektuellen, die, unfähig zur Kritik der geistigen Arbeit und ihrer spontanen Neigung zur Ideologieproduktion, in jedem Epochenumbruch, gleich, ob 1918, 1968 oder 1989, die “Krise des Marxismus” ausrufen, weil die empirische Entwicklung den Theoretiker Marx widerlegt zu haben scheint. Zwei Phänomene wuchern ineinander, erstens die Ambivalenz des marxschen Werkes selbst, zweitens die Rezeptionsgewohnheiten der akademischen Intelligenz. Eine kritische Lektüre des “Kapital” wird daher weder einen “authentischen” Marx herausdestillieren und zum Prüfstein der Interpretationen machen können, noch wird sie der Neigung nachgeben können, sein Werk als Theorie der kapitalistischen Entwicklung zu lesen und soziologisch zu verifizieren. Denn der revolutionäre Materialismus oder auch: “kritische Kommunismus” (Marx) ist weder eine wissenschaftliche Methode noch eine proletarische Weltanschauung. – Jede Woche Donnerstags um 20 Uhr im Seminarraum des “Archivs für soziale Bewegungen” in der Spechtpassage (Wilhelmstr. 15, 1. Stock). Der Kurs dauert bis Ende Juni 1997.

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Dienstag, 22. Oktober 1996

“No Germans, no Holocaust”

Abwehr, Verdrängung, Ideologie in der Debatte um Daniel J. Goldhagens “Hitlers willige Vollstrecker”

Die Stationen des spurlosen Verschwindens der kritischen Beschäftigung mit dem Nazismus sind schnell benannt: Klaus Theweleits “Männerphantasien” von 1977, der telegene “Holocaust” 1980, der Historikerstreit, die Wiedervereinigung, schließlich Spielbergs “Schindlers Liste” 1994. Im genauen Maße der Nationalisierung der BRD, im exakten Gleichschritt überdies der umsichgreifenden Souveränität deutscher Staatlichkeit wurden Nazismus und Massenvernichtung zum anbetungswürdigen Geheimnis einer bürgerlichen Gesellschaft, die ihren genuinen Ausbeutungs- und Herrschaftscharakter rückhaltlos aufrichtig verdrängt, um ihn desto entschlossener auszuleben, d. h. auch vor Rückfällen und Wiederholungstaten nicht zurückzuschrecken. Gelingende Aufklärung über Nazismus wäre radikale Selbstaufklärung der bürgerlichen Gesellschaft -und das hieße nichts anderes als ihre Selbstabschaffung. Von solch einem Wahrheitsbegriff wie von dieser sozialen Perspektive ist die bürgerliche Geschichtswissenschaft als solche, ist auch Goldhagen so meilenweit entfernt wie nur seine nationalistischen Kritiker. Im Unterschied allerdings zu diesen Kritikern weiß Goldhagen, daß Herrschaft ohne den aktivistischen Konsens der Massen unmöglich ist. Weil es der gesellschaftliche Auftrag der deutschen Geschichtswissenschaft ist, das Nationale zu hegen und zu pflegen, unterläuft ihr ein Schnitzer nach dem andern, angefangen bereits bei ihrer heiligen Leidenschaft, die Massenvernichtung als “Brandopfer”, das Sinn macht, eben als: “Holocaust” zu bezeichnen. – Es spricht Joachim Bruhn (Freiburg), Autor von “Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation”

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 5. November 1996

Der Reichtum der Gesellschaften

Freiheit und Notwendigkeit in der marxschen Kritik der politischen Ökonomie

Das Mehrprodukt ist die allgemeine Form der vergegenständlichten Mehrarbeit, die in kapitalistischen Gesellschaften als Mehrwert auftritt. Die Voraussetzungen des Mehrprodukts werden am Arbeitsprozeß untersucht, d. h. unabhängig von seiner gesellschaftlich bestimmten Form. Da aber Mehrarbeit und ihre Vergegenständlichung nur gesellschaftlich, d. h. bislang nur immer herrschaftlich, erscheinen können, wird sodann der gesellschaftliche Reproduktionsprozeß Thema. Es zeigt sich, daß auf eine bestimmte Form des Mehrprodukts geschlossen werden muß – d. h. unterm Kapitalverhältnis auf die Form des akkumulierbaren Mehrwerts. Die Konfrontation dieses Begriffs mit bestimmten Momenten der marxistischen Tradition ermöglicht sowohl die Kritik überkommener Auffassungen von Geschichte wie die Fortführung der materialistischen Gesellschaftstheorie. Es spricht Hans-Georg Bensch (Hannover), Mitarbeiter des Gesellschaftswissenschaftlichen Instituts Hannover und Autor von “Vom Reichtum der Gesellschaften” (zu Klampen-Verlag, Lüneburg 1995).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 19. November 1996

“Automatisches Subjekt”, lebendige Subjekte

Die Grundlegung der Gesellschaftskritik bei Marx

Im Unterschied zu den Frühschriften entwickelt Marx im “Kapital” keine materialistische 'Geschichtsauffassung'. Ihrem Anspruch nach erklärt die “Kritik der politischen Ökonomie” die Funktion des Kapitals aus seinen tragenden Begriffen. Gleichwohl ergeben sich aus der Analyse des Kapitalverhältnisses auch geschichtsphilosophische Konsequenzen. Marx zufolge koinzidiert in der “Produktion um der Produktion willen” die historisch erstmals realisierte Freiheit des Menschen vom unmittelbaren Naturzwang mit der vollständigen Heteronomie ihres gesellschaftlichen Verhältnisses. – Es spricht Frank Kuhne (Hannover), Mitarbeiter des Gesellschaftswissenschaftlichen Instituts Hannover und Autor des Buches “Begriff und Zitat bei Marx. Die idealistische Struktur des Kapitals und ihre nicht-idealistische Darstellung in der Kritik der politischen Ökonomie” (zu Klampen-Verlag, Lüneburg 1995).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 3. Dezember 1996

Genossen und Kumpane

Über die Erneuerung der Herrschaft im Spätkapitalismus

Wolfgang Pohrt hatte in seinem 1992 erschienenen Bändchen “Das Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit” unter Berufung auf den Satz Max Horkheimers, wonach die gesellschaftliche Herrschaft “aus ihrem eigenen ökonomischen Prinzip heraus in die Gangsterherrschaft” übergehe, versucht, die aktuelle Entwicklung zu beschreiben: “Statt wie im Märchenbuch auf die Aneignung unbezahlter Mehrarbeit durch den gerechten Tausch und die eigene Tüchtigkeit allein zu vertrauen, helfen die Neuen mit direkteren Mitteln nach. Sie sichern ihre Herrschaft, indem sie sich als Clique organisieren, die von ihren Mitgliedern statt Gesetzestreue Gruppenloyalität und Abgaben verlangt, die in keiner Abgabenverordnung aufgeführt werden. Der Rechtsbruch wird zur Voraussetzung der Mitgliedschaft. Wer an der Spitze steht, steht auch mit einem Bein im Knast, ganz gleich, ob er die Finanzen einer Bundestagspartei, ein Ministerium oder die Exportabteilung eines Chemiekonzerns leitet.” Was damals Polemik war, klingt heute so aufreizend wie die Behauptung, daß Wasser naß ist. Statt über die mittlerweile hinlänglich bekannten Machenschaften der herrschenden Klasse sich zu verbreiten, wird der Vortrag untersuchen, welche Rolle die Linke beim Übergang von der bürgerlichen Gesellschaft in die Bandengesellschaft spielt. – Es spricht Wolfgang Pohrt (Stuttgart), der zuletzt das Buch “Theorie des Gebrauchswerts. Über die Vergänglichkeit der historischen Voraussetzungen, unter denen allein das Kapital Gebrauchswert setzt” veröffentlicht hat (Edition tiamat, Berlin 1995).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Samstag, 7. Dezember 1996

Revolutionäre Wege zu Wissen und Wohlstand, Freiheit und Glück

Eine Diskussion mit Karl-Heinz Roth über die Krise des Kapitals und die Perspektiven der sozialen Revolution

Die “Globalisierung des kapitalistischen Weltsystems”, sagt K.-H. Roth, setzt nicht nur ein neues, ein postfordistisches Akkumulationsmodell auf die Tagesordnung – den Toyotismus -, sondern auch die globale Reproletarisierung. Die “Wiederkehr der Proletarität” sei die notwendige Folge der weltweit sich vollziehenden Umstrukturierung der Arbeitsverhältnisse, die die Entlassung der Arbeitsmärkte aus ihren bisherigen Regulationsformen nach sich zieht. Mittels einer klassenanalytischen Klärung der gegenwärtigen Entwicklung lassen sich erste Anhaltspunkte zu einer Alternative in der Perspektive sozialer Befreiung gewinnen. Die Chancen eines sozialistischen Neuanfangs, so Roth weiter, liege insbesondere in der “weltweiten Nivellierung der Klassenlagen, die die bisherigen Unterschiede zwischen Erster, Zweiter und Dritter Welt genauso aufhebt wie alle bisherigen Strategien zur 'nationalen' Fixierung von sozialen Emanzipationsbewegungen”. – Darüber wird zu diskutieren sein. Karl-Heinz Roth (Hamburg) ist Mitherausgeber und Autor von “1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 17. Dezember 1996

Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen

Mit der Entstehung und universalen Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft scheint die häufig auf den Feudalismus bezogene Dialektik von Herr und Knecht aus Hegels “Phänomenologie des Geistes” als Bezugspunkt einer Kritik der bürgerlichen Gesellschaft obsolet. Die universale Geltung formaler Gleichheit der Menschen als bürgerlicher Rechtssubjekte erscheint als adäquater Ausdruck der Verwirklichung von Freiheit und die bürgerliche Gesellschaft somit als Endpunkt der geschichtlichen Entwicklung. Mit Hegel gegen Hegel soll gezeigt werden, daß der bisherige Verlauf der Geschichte nicht als “Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit” (Hegel) zu begreifen ist, sondern als Fortschritt stetig zunehmender Unfreiheit. Der abstrakten Herrschaft kapitalistischer Gesetzmäßigkeiten korrespondiert die Einwanderung der Herrschaft in die Menschen. Dies vollzieht sich durch eine Transformation ehemals ihnen äußerlich gegenübertretender Gewalt- und Herrschaftsverhältnisse in das gesellschaftliche konstitutive Wissen der Erziehung der Menschen zu Staatsbürgern. “Indem die Herrschenden planvoll das Leben der Gesellschaft reproduzieren, reproduzieren sie eben dadurch die Ohnmacht der Geplanten” (Adorno). Die Verankerung der Gewalt in den Subjekten ist die Voraussetzung dafür, daß sie die Tendenz zur totalem Herrschaft als Ausdruck von nichts als Freiheit sich verständlich machen. – Es spricht Michael Löbig (Hamburg).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 14. Januar 1997

Michel Foucault und die Dialektik

Was wäre die Dialektik ohne ihre Gegner? Schon um ihres eigenen Prinzips willen muß sie sich in Gegnerschaft zu den undialektischen Denkströmungen setzen, will sie sich die Kraft, die sie aus der Negation schöpft, erhalten. Sah sich Adorno noch gezwungen, an unwürdigen Gegnern wie Heidegger und Popper herumzunörgeln, so hat sich die Lage in den letzten zwanzig Jahren deutlich verbessert. In Foucaults Neo-Nietzscheanismus ist der Dialektik ein philosophischer Gegner erwachsen, der nicht zu verachten ist. Es geht darum, die kühne Konzeption wie die treffenden Einsichten von Foucaults Schrift “Die Ordnung der Dinge” zu würdigen. Und wie es mit dialektischen Ehrerbietungen zu geht: Letztendlich läuft sie doch auf eine Kritik hinaus, d. h. auf die einzige Form der Anerkennung, die der Dialektiker kennt... – Es spricht Michael T. Koltan (Archiv für soziale Bewegungen, Freiburg).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Samstag, 18. Januar 1997

Antifaschistischer Stadtrundgang

Die Route führt vom Regierungspräsidium (ehemals NS-Polizeipräsidium) über die Universität (Vorreiterrolle der freiburger Universität für die nationalsozialistische Gleichschaltung der deutschen Universitäten) weiter zum Hauptbahnhof (Deportation) und dann in den Stühlinger zum ehemaligen Kreispflegeheim (Euthanasieprogramm). – Es führt und kommentiert G. Schlesiger. Treffpunkt um 14°° vor dem Regierungspräsidium, Kaiser-Joseph-Straße.

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Dienstag, 28. Januar 1997

Was ist die deutsche Nation?

Wenn die Deutschen zu sich kommen, geraten sie außer sich. Die Suche nach nationaler Identität, ohne die niemand leben darf, bedeutet nichts anderes als das sich selbstangemaßte Recht, andere quälen, verfolgen oder schlichtweg ausgrenzen zu dürfen. Die erfolgreiche Karriere der nationalen Vergemeinschaftungskonzeption ist mit Leichen gepflastert. Die Konstruktion nationaler Identität in Deutschland stützt sich bis heute auf mythische, irrationale und völkische Inhalte. Ihr wird zuweilen ein aufgeklärtes, ein republikanisches Verständnis von Nation entgegengesetzt: die Idee der Nation als Vertrag. Allerdings greift diese linke oder linksliberale Konzeption die Nation-Form nicht in ihren Grundlagen an, affirmiert sie vielmehr. Der Vortrag soll zeigen, wie die vorgebliche Alternative selbst zur Affirmation wird, wie sie selbst völkischen Charakter annimmt. – Es spricht Jörg Später (Redaktion “iz3w. Blätter des Informationszentrums 3. Welt”, Freiburg).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 4. Februar 1997

Der Cyborg

Konjunktur, Kontext und Konstruktion

Das elektronische Netz, das sich gerade konstituiert, scheint, betrachtet man die geringe Repräsentation weiblicher “User”, zum neuesten Schauplatz des Geschlechterkampfes zu werden. Die Informationstechnologie reproduziere die Geschlechterdifferenz – Anlaß einer vehementen feministischen Kritik, die v. a. Donna Harroway im Anschluß an Judith Butler vorträgt. Aber das Geschlecht des Users, so das Postulat, werde gerade in der Virtualität des Cyborg selbst aufgehoben. Damit wird der elektronisch gesteuerte soziale Organismus als neue Perspektive der Emanzipation propagiert, die weltweite Organisation und Kommunikation verspricht: Erweiterung der Sinne und Autonomisierung in einem. Dieser Technikfetischismus droht, das Leben in ein virtuelles Experiment, das auf den Resultaten der Gen- und Gehirnforschung beruht, zu verwandeln, während die Software des Körpers durch die Hardware neu geschrieben wird. Die Technik verspricht, das Leben neu zu entdecken, indem sie die überkommenen Maßstäbe von Raum und Zeit aufbricht. Entwickelt sich hinter der Benutzeroberfläche wirklich eine Revolution? – Es spricht Gerburg Treusch-Dieter (Berlin), Professorin am Fachbereich Philosophie und Sozialwissenschaften der FU Berlin, Mitherausgeberin der Zeitschrift “Ästhetik & Kommunikation” und Autorin: “Von der sexuellen Rebellion zur Gen- und Reproduktionstechnologie” (Tübingen, Gehrke-Verlag 1990); “Studien zur Totenbraut” (Pfaffenweiler, Centaurus 1996).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 18. Februar 1997

Unheimliche Begegnung

Über die Beihilfe der Psychoanalyse zur nationalen Wiedergutwerdung

Wenn gegenwärtig von Traumatisierung und Nationalsozialismus die Rede ist, kann niemand sich mehr sicher sein, wer nun tatsächlich gemeint ist. Wer, live oder nicht, “dabei” war, der hat sein Teil gelitten. Während der Psychiater William G. Niederland mit dem Begriff “Seelenmord” noch unmißverständlich die psychischen Folgen der Verfolgung bezeichnete, die die Überlebenden und ihre Nachfahren davontrugen, so wetteifern heute die “Kinder der Täter” mit den “Kindern der Opfer” um das Ausmaß ihrer psychischen Beschädigung. Das nationale Kollektiv übt sich in einer Sippenhaft, vor der alle gleich sein sollen, als wessen Kinder und Kindeskinder auch immer – das stiftet Gemeinschaft durch psychologisierende Identifikation und angemaßte Einfühlung. Beihilfe erhält diese fatale Praxis durch eine Psychoanalyse, die unerbittlich alles und jedes, was Gesellschaft, gar: was faschismusträchtige kapitalistische Gesellschaft ist, in nichts als Psychologie auflöst. – Es spricht Gabi Walterspiel (Freiburg).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Programmtext:
St. Nimmerleinstag der Linken