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Initiative Sozialistisches Forum

St. Nimmerleinstag der Linken

“Was nach dem Tod kommt, weiß ich nicht, aber was vor dem Tode liegt, spielt sich in der kapitalistischen Klassengesellschaft ab.”
Max Horkheimer

Das Brot, das der eine ißt, macht den andern nicht satt: Darin eben besteht das kapitalistische Paradox, das heißt der zur subjektlosen Triebkraft von Gesellschaft so erfolgreich wie alternativlos sich aufspreizende Widersinn. Eine hilflose Formulierung, gewiß: Ist es doch nicht ein aberwitziges, geistiges Prinzip, das sich zum Inbegriff von Vergesellschaftung aufwirft, sondern die fatale, die kapitalisierte Gesellschaft selbst, die im vollendeten Widersinn das Gesetz ihres Seins, ihren Sinn ausdrückt. Die kapitalisierte Gesellschaft ist praktizierter Idealismus, tätige, produktive Abstraktion, aber sie ist dies nur in der Konsequenz der unabdingbaren Notwendigkeiten ihres im Kern antagonistischen Charakters. “Eigentum ist Diebstahl”, so polemisierten die frühen Sozialisten: Und aller materialistischen Kritik der losgelassenen Akkumulation zum Trotz, die längst auf die Einsicht führte, daß das Eigentum tatsächlich Kapital, daß Aneignung daher kein Diebstahl, sondern gerechter Tausch ist, konnte und sollte doch nicht die fundamentale Wahrheit widerlegt werden, daß das Kapital der Mundraub ist, vorsätzlich und planmäßig begangen an den verhungernden Menschheit. Das Brot, das der eine ißt, kann den anderen unmöglich sättigen, weil das Leben des einen sich vom Tod des andern nährt: Darin besteht das Gesetz der Subjektivität. Wo die Freiheit des einen an der Freiheit des anderen ihre Grenze findet und also endet, da kann der Hunger unmöglich ein Grund sein zur Produktion; die Produktion, die dann noch stattfindet, produziert nur die globale Ökonomie des Hungers.

Und auch der Gedanke, den der eine denkt, macht den anderen nicht klug – im Gegenteil: Darin besteht ein zweites Paradox der kapitalisierten Gesellschaft. Das Wissen des einen ist die zur Theorie erhobene und zu Kopf gestiegene, die bewußt gewordene Dummheit des anderen; so ist der Verstand des einen die Verblödung und Verblendung des andern. Wissenschaft, die universitäre Inkarnation gesellschaftlich möglicher Reflexion, ist so tatsächlich nur eine Agentur zur Distribution und Zirkulation von nichts als Ideologie, d. h. von im Nachhinein rationalisiertem, sekundär verständig gemachtem, in die bloßen Formen der Vernunft gekleidetem Widersinn: Denn wo das Brot nicht satt macht, da macht auch die Wahrheit nicht frei; wenn sie denn eine wäre. Glaubt man allerdings den Ökonomen und Politologen, den Soziologen, Marxologen und anderen Feuilletonisten, dann befindet sich heute der je nach Gusto moderne oder schon wieder postmoderne Kapitalismus glücklich und schlußendlich in genau jenem Stadium, das Karl Marx ihm schon vor über 100 Jahren bescheinigt hatte. Marx hatte erkannt, daß die Tendenz zur Herstellung des Weltmarkts im Begriff, das heißt in der Logik des Kapitals selbst angelegt ist – das Kapital entfaltet sich durch das Material der Geschichte hindurch zur gesellschaftspraktischen Darstellung seines eigenen Begriffs: Verwertung um der Verwertung willen. Und weil sich mittlerweile, sagt die Wissenschaft, nicht nur der Markt zum Weltmarkt, sondern auch die Produktion zur Weltproduktion entwickelt habe, müsse man jetzt davon ausgehen, daß der moderne, der postmoderne Kapitalismus “global” geworden sei. Einmal ganz davon abgesehen, daß diese Meinung nur die dem bürgerlich-volkswirtschaftlichen Denken eigene Trennung von Produktion und Zirkulation nachäfft – eine Trennung, die bereits die Kategorien der Klassiker, das Denken von Adam Smith und David Ricardo prägte und sie am angemessenen Begriff kapitalistischer Vergesellschaftung hinderte – davon ganz abgesehen also verfährt die wissenschaftliche Argumentation ebenso hochtrabend wie banal: Das Verschwinden der realsozialistischen Systemalternative – die nie eine war, sondern nur eine, jetzt hinfällige Ergänzung des Systems –, dazu noch der Mythos von der Welt als globalem Dorf, den die Medientheorie unter die Fernseher streut, werden an erster Stelle genannt, wenn es darum geht, die aktuelle, die “neoliberale” Phase des Kapitalismus mit dem Zauberwort der “Globalisierung” zu beschönigen. Globalisierung: Das erheitert den fernwehtrunkenen Pauschaltouristen, das klingt gut und ist eine schöne Antiparole zum Internationalismus, gar zum internationalen Antinationalismus, das paßt so richtig ins Bild der “One world”, in der Klassenwiderspruch und kapitale Verwertung nurmehr Gegenstände geschichtswissenschaftlichen Interesses sein sollen. Wo das Denken der einen die andern verdummt, da tritt die Zivilgesellschaft an die Stelle der Weltrevolution.

Wenn der Bürger angesichts der Konsequenzen seiner Gesellschaftsordnung das Grausen kriegt, wenn er Sinn stiften gehen muß, um sich selbst als das Subjekt seiner subjektlosen, eben: kapitalen Gesellschaftsverfassung darstellen zu können, wenn er daher nach ganz neuen Worten sucht, um das alte Elend zu kaschieren, dann kann sich auch sein linker Schatten und Doppelgänger kaum mäßigen: Einholen und Überholen ist die Devise. So fängt die “Globalisierung” auch in dem Reim das Wuchern an, den sich Linke auf den Kapitalismus machen, d. h. in den linken Kapitalismustheorien. Der Kapitalismus, so wird gesagt, soll sich in einer fundamentalen Krise befinden, die irgendwann 1973 eingesetzt habe. Was aber ist das Maß der Krise? Was ist überhaupt Krise? Wenn weltweit 500 Millionen ohne Arbeit sind, oder erst dann, wenn es 820 Millionen sind? Wann schlägt die Quantität in die Qualität der Krise um? Sind die Arbeitslosenstatistiken der OECD-Staaten aussagekräftiger? Fängt die Krise des Kapitals dann schon bei 20 oder erst bei 36 Millionen Erwerbslosen an? Ist es ein Indiz für Krise, wenn Banken von der Größenordnung der Barings-Bank Pleite machen? Oder muß der Börsenkrach erst auf einen Freitag, den 13., fallen, damit das Publikum an den “Schwarzen Freitag” von 1929 erinnert wird? Auf einen dreizehnten Freitag wie den im Oktober 1989, als der Dow-Jones-Index schlagartig um 6,7% abrutschte? Befindet sich der “globale” Kapitalismus dann in der “globalen” Krise, wenn in den Metropolen der Sozialstaat abgebaut wird? Dann, wenn die “Dritte Welt” abgekoppelt wird? Oder kann erst dann tatsächlich von Krise gesprochen werden, wenn die ökonomische Krise von einer Reihe weiterer Krisen begleitet, wenn sie endemisch wird? Wenn die ökologische, soziale, politische, ethische, ethnische, psychologische oder sonstige Krise hinzutritt? So entlarvt sich die grassierende Rede von der Krise als bloß anderes Wort für ein ebenso allgemeines wie ungefähres Unbehagen, das den kritischen Begriff aus guten Gründen so scheut wie der Herrgott den Materialismus. Das ausschlaggebende Indiz dieses Tatbestandes liegt darin, daß “die Krise” nirgends in Begriffen der Macht, des Staates, der Souveränität gefaßt wird, daß “die Krise” niemals im Horizont einer revolutionären Situation gedacht wird, in der endlich die Herrschenden nicht mehr herrschen können und endlich die Beherrschten nicht mehr beherrscht werden wollen: schon gar nicht von einer Partei der Arbeiterklasse. Die “Krise” wird statt dessen zum anderen Ausdruck dafür, daß dem Bürger flau wird.

Während das ideologische Bedürfnis der Bürger klar ist wie Kloßbrühe; bleibt das der Linken Geheimnis. Was die Bürger denken müssen, das denken die Linken freiwillig, wenn auch mit einem Hauch von Ethik, einem Schuß Moral: Im Kopf regieren sie mit, ängstigen sich um die soziale Integration, sorgen sich um Bürgernöte. Aber warum nur? Der Gedanke, den der Bürger denkt, verblendet auch die linken Kritiker – gerade so, als hätte kein Marx jemals die “objektiven Gedankenformen” der bürgerlichen Gesellschaft analysiert, d. h. den Zwangszusammenhang von Wertform, Warenform, Denkform, Ideologie und Lüge. Charakter und Verlauf der Krise werden denn auch ganz links von der Mitte ganz verschieden bestimmt. Je nach Vorliebe löst sich gerade ein bestimmtes Akkumulationsmodell – das fordistische – in neoliberales Wohlgefallen auf (sagt Joachim Hirsch), befindet sich der Kapitalismus in seiner finalen Krise und wird demnächst zusammenbrechen (sagt Robert Kurz), geht es dem zur Zeit seine Profitrate sanierenden Kapitalismus eigentlich ganz gut (sagen Thomas Ebermann und Rainer Trampert) oder findet eine Entstofflichung der Ökonomie statt, die einen weltweiten Dualismus von immaterieller Dienstleistungsökonomie der Metropolen einerseits, materieller Produktionsökonomie der Billiglohnländern andererseits nach sich zieht – und der Rest wird abgekoppelt (sagt Ulrich Menzel). Im Ergebnis zeigt sich abermals, daß “die Krise” ein Gassenhauer und eine Allerweltsvorstellung ist, das heißt ein begriffsloses Sammelsurium von Fakten & Faktoren, die jeder nach Gusto “bewerten” und “gewichten” mag, daß die Analyse, schon was ihre Methode angeht, der Meteorologie verwandt ist. Und wer wäre dreist genug, das Wetter zu kritisieren? Getreu der Devise, daß es kein schlechtes Wetter gibt, nur falsche Kleidung, begibt sich die linke Analyse auf die Fahndung nach dem “subjektiven Faktor”. Die Macht bleibt außen vor; und die Herrschaft, die der eine ausübt, läßt sich von der Ausbeutung, die der andere erleidet, nicht beeindrucken. Die linke Krisenanalyse verdoppelt die Bürgerweisheit, wonach das Börsengeschehen nur ein Nostradamus zu begreifen vermag: Es sind dies nur Fakten, Fakten, Fakten, die erst das Faktotum des ominösen “subjektiven Faktors” – sprich: die Meinung, das Werturteil, die Willkür – zu deuten vermag. Der systematische Zusammenhang der materialistischen Gesellschaftstheorie ist allseitig gesprengt. Aber die Krise ist nicht die gerade fehlschlagende Vermittlung des Kapitals mit sich selbst, das heißt keine momentane Unpäßlichkeit der Verwertung – was Linke über das Schicksal von Menschen jammern läßt, die “noch nicht einmal” ausgebeutet werden –, sondern sie ist diese Vermittlung selbst, d. h. sie ist der Hungertod der einen, der das Leben der anderen satt und prall macht. Mit anderen Worten: Das System macht keine Fehler, es ist der Fehler. Das ist so wahr wie trocken Brot.

Aber wer wäre schon fähig und willens, einem akademisch geschulten, notorisch differenziert argumentierenden Linken nachhaltig zu erklären und ein für allemal nach Art des ABC beizubiegen, daß, was hochgradig vermittelt und äußerst komplex erscheint, dies keinesfalls notwendig auch sein muß, d.h. daß es keineswegs auch vieler Faktoren, Bedingungen und Ursachen bedarf, sondern schlicht eines einzigen Grundes? Der allerdings ein veritabler Abgrund ist? Und so ist es nicht allein der Gedanke, den der Bürger denkt und der die Linken nicht klug werden läßt, sondern und mehr noch die Form des bürgerlichen Denkens selbst, die, links nachgedacht, mittenhinein führt in den Positivismus, d. h. in die Ideologie und ihre wissenschaftlichen Artikulationsformen: Soziologie, Politologie usw. usf. Darin besteht das Wesen der bürgerlichen Hegemonie und der linken Subalternität zugleich: Den Gegner so lange zum logischen Denken zu zwingen, bis der die Dialektik freiwillig für undenkbar erklärt und verwirft. Wer allerdings – das ist Pointe – die Dialektik verwirft, der hat das Kapital verworfen, hat es für unerkennbar und für gar nicht vorhanden erklärt, denn die Dialektik ist das lebendige Unwesen des Kapitals selbst.

Gegen die Tücken der Ökonomie weiß daher ein Linker, dem man Vorstellung und Begriff gesellschaftlichen Totalität derart gründlich ausgetrieben hat, nur noch ein Mittel: Das Organ gesellschaftlicher Selbsterfahrung, Selbstreflexion und Selbstverwaltung, der Staat selbst muß in Aktion treten und seiner Aufgabe endlich nachkommen. So gerät man vom Kaufhaus in die Kirche. Dem Linken ist die kapitale Ökonomie wenig mehr als der fatale Ausdruck des geballten Egoismus – und dagegen appelliert er an Politik und Staat als den wie immer verzerrten und verschrobenen Darsteller des kollektiven Altruismus, des Gemeinwohls, der sozialen Integration. Für Marx war die politische Herrschaft nur die in der Form der Ideologie auch selbstbewußte Gewalt und programmatische Potenz der ökonomischen Ausbeutung – den Linken dagegen wird der Staat als wie auch immer durch egoistische Interessen verunstalteter Agent des allgemeinen Interesses zum berufenen Notretter aus der Krise. Der Staat ist das Himmelreich, und die Politik sein Meßdiener. Utopia hat viele Namen: So wird – abermals je nach Gusto – der Kapitalismus als durch die “Zivilgesellschaft” reformierbar dargestellt (sagt Hirsch), so schlüpft er in die Gestalt der systemsprengenden Wirkung, die angeblich von den jenseits von Markt und Staat im “dritten Sektor” gemeinschaftlicher Selbsthilfe agierenden sogenannten Non-Profit-Organisationen ausgeht (sagt Kurz) oder er firmiert gar unter der Perspektive revolutionärer Aufhebung als die “neue Proletarität” (sagt Roth), das heißt als diesmal definitiv gerechte Diktatur über die Bedürfnisse.

Subsistenz also, Ökonomie des Überlebens gegen den Luxus, das heißt gegen die Ökonomie des Genusses wird gepredigt: Wenn überhaupt nur ein Kriterium, nur irgendein, egal welcher Maßstab zur Scheidung der sogenannten “wahren” von den sogenannten “falschen” Bedürfnissen besteht, dann vermag in genau diesem Kriterium und vermittels dieses Maßstabes Herrschaft sich zu etablieren. Dem Hunger allerdings ist nicht geholfen, wenn man ihn mit Soja, Tofu und Hamburgern abspeist und im übrigen den Bescheid erteilt, Hummer, Roastbeef und Kaviar seien nichts für ihn, weil “falsch”. Wer vermöchte zwischen wahr und falsch zu unterscheiden, wenn nicht eine autoritäre Instanz, die sich aus Eigenem legitimiert? So führt die Heilung der Ökonomie aus dem Geist der Politik in just die Sackgasse, aus der zu retten sie verspricht. Dem Kommunismus dagegen als der revolutionären Verallgemeinerung des Luxus geht es nicht um ein anderes, sondern um die Zerstörung des Kriteriums selbst. Und das wiederum heißt: Der Kommunismus interessiert sich nicht für die nur politisch erzwingbare Garantie der Subsistenz, sondern einzig für die gesellschaftliche Fraglosigkeit der Existenz in einer Gesellschaft der Freien und Gleichen, d. h. in der “freien Assoziation” (Marx).

Der Gedanke, den der Bürger denkt, verblendet die Linken noch in wie immer kritischer Wendung. Und so verwundert es nicht, daß die linke Kapitalismustheorie in puncto “Globalisierung” zu wenig mehr in der Lage ist, als zur großspurigen Nacherzählung dessen, was der Marxsche Kapitalbegriff längst voraussetzt: kapitalistische, industrielle Produktion in allen Zweigen der Ökonomie, voll entwickelte Kommunikations- und Transportindustrie, entwickeltes Handels- und Kreditsystem, Mobilität der Lohnarbeiter über alle Branchen- und Landesgrenzen hinweg. So wird einerseits die Wahrheit der materialistischen Ökonomiekritik bestätigt, aber andererseits geht es nicht um Agitation mit dieser Wahrheit, sondern um die Mitgestaltung des falschen Zustandes. So schreibt Joachim Hirsch in seinem Buch “Der nationale Wettbewerbsstaat”: “All diese staats- und kapitalismustheoretischen Überlegungen münden in die Frage, wer angesichts der beschriebenen Entwicklungen was tun könnte, damit die Chance zur Realisierung einigermaßen vernünftiger, gerechter und freier Verhältnisse erhalten bleibt.” Und er begründet seine “abschließende Wende ins Positive” damit, daß angesichts der “Globalisierung des Kapitalismus ... die ’demokratische Frage‘ historisch in einer ganz neuen Weise” gestellt werde und nach Antworten verlangt, die nicht zu haben sind innerhalb “linksradikaler Strömungen, die auf fatale Weise zwischen dem objektivistischen Ausmalen von Zusammenbruchsszenarien, abgestandenen Orthodoxien und kritisch verbrämtem Fatalismus oszillieren.” Was kann es Abgeschmackteres geben als die “demokratische Frage”, das heißt als die legitime Beantwortung politischer Fragen durch legale Verfahren nach dem Kriterium von Mehrheit und Minderheit. Wird die Frage so gestellt, verwandelt sich der Kommunismus in eine Prüfungsfrage für Politologen: Wer herrscht legitim, wo doch niemand herrschen soll? Die Suche nach der theoretischen Innovation mündet in Affirmation.

Was hat der linke Professor der Politikwissenschaft nun, wenn er sich schon in “Think positive!” übt, anzubieten? Nur eine neue Interpretation der Politik, nur eine andere Deutung der Form Staat, nicht deren Kritik, nicht ihre materialistische Denunziation. Abgewehrt und verdrängt wird, was noch die bürgerliche Aufklärung, wenn auch affirmativ, so doch wußte – daß der politische Souverän, indem er überhaupt nur ist, immer auch alles ist, was er sein sollte (sagt Rousseau 1762). In ihm nämlich fallen die nackte Tatsache und der höhere Sinn seiner Existenz in eins, und zwar weil er die Bedingung der Möglichkeit dafür ist, zwischen Sein und Sollen, zwischen Faktum und Werturteil überhaupt zu unterscheiden. “Es geht darum”, sagt dagegen Joachim Hirsch, “einen neuen Begriff demokratischer Politik zu formulieren und praktisch wirksam werden zu lassen.” Der Begriff, die Wertung mithin, soll zum Inhalt des Staatsgefäßes werden, zum Plan staatlicher Aktion. Hirsch appelliert an die Ideale der bürgerlichen Gesellschaft, fordert Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit (aber hieß es damals nicht: Sicherheit – nämlich des Privateigentums?) gegen die schlechte Wirklichkeit ein. Wer jedoch das bürgerliche Sollen mit dem kapitalen Sein vermitteln will, der verrät nur, materialistisch gesprochen, die Wahrheit an die Wirklichkeit. Der linke Kritiker fällt mit fröhlicher Wissenschaft hinter die durch die materialistische Ökonomie- und Ideologiekritik seit Marx erreichte Perspektive zurück; das Ideal der Zukunft ist schon immer die Ideologie von gestern gewesen. Und obwohl Hirsch nach neuen Antworten suchen will, “die im theoretischen Fundus des 18. und 19. Jahrhunderts kaum zu finden sein werden”, begeht er genau den Fehler, den Marx an den frühsozialistischen Strategen monierte: “Was die Herren von den bürgerlichen Apologeten unterscheidet, ist auf der einen Seite das Gefühl der Widersprüche, die das System einschließt; auf der anderen der Utopismus, den notwendigen Unterschied zwischen der realen und idealen Gestalt der bürgerlichen Gesellschaft nicht zu begreifen, und daher das überflüssige Geschäft vornehmen zu wollen, den ideellen Ausdruck selbst wieder realisieren zu wollen, da er in der Tat nur das Lichtbild dieser Realität ist.” Es ist das alte Lied, intoniert von denen, die nur neu sein wollen und nichts als modern. Mehr hat diese Praxis noch nie erreicht als Pragmatismus.

Hirsch ist bei weitem nicht der einzige, der sich auf die Fahndung nach politischen Akteuren begeben hat, die die Not des Kapitals zur demokratischen oder zivilgesellschaftlichen Tugend wenden sollen. Auch wer, wie Robert Kurz, einmal vernünftig und d. h. orthodox genug war, sich den Marx nicht gleich mit Bagatellen abmarkten zu lassen, kommt am Ende und im genauen Maße, in dem man endlich politisch und praktisch werden will, ins Halluzinieren und Schwärmen, diesmal von der alternativen, in Selbstverwaltung gemanagten Ökonomie. Ausgerechnet sie – Mittelstand, der die Ausbeutung in eigene Regie nimmt – befinde sich schon im Jenseits von Markt und Staat und habe sich von der Logik des Geldes abgekoppelt. Ausgerechnet sie – Kleinbürger, die vom Kapital gerade so viel wissen wollen, daß sie aufs “Manager-Magazin” sich abonnieren –, sollen der Träger sozialer Emanzipation sein. Denn, so Kurz, wenn “das hybride System von Markt und Staat auf der ganzen Welt hunderttausende von Menschen nicht mehr gesellschaftlich integrieren kann, dann muß es auch aufhören, die totale Form der Gesellschaft zu sein.” Der Kapitalismus soll nicht mehr die Totalität des Sozialen sein können, nur weil die Überflüssigen abserviert werden? Liegt es neuerdings im Begriff des Kapitals, an dem es kritisch zu messen wäre, den Hunger abzuschaffen? Ist die soziale Integration mittlerweile sein moralischer Auftrag? Als ob es jemals anders war als heute, als ob der Kapitalismus nicht schon immer seine industrielle Reservearmee hatte, als ob die Vernichtung der Überflüssigen, sei es durch Arbeit, sei es durch Hunger nicht gerade seine komplette Geschichte, Gegenwart und Zukunft ausmacht. Aus derlei Platitüden spricht nur die Haltlosigkeit der theoretischen Logik des “immer mehr” und “immer schlimmer”, der immer unverschämteren Ausbeutung und der sich immer mehr “zuspitzenden” Klassenkämpfe. Die Theorie setzt auf das einzige, was von Dialektik sie zu verstehen glaubt, was von Dialektik ihr geblieben ist, auf den famosen “Umschlag von Quantität in Qualität”. Aber diese Erwartung stiftet nicht die radikale Kritik, sondern Affirmation, weil zwar Wasser, genügend erhitzt, seinen Aggregatzustand ändert und Wasserdampf wird, nicht aber eine Gesellschaft, deren Qualität die Quantifizierung ihrer selbst ist.

Die schweizer “Wochenzeitung” bemerkte sehr richtig, daß der Satz Adornos, “daß es kein richtiges Leben im falschen gibt, nie als Ausrede gemeint war; aber wenn das Falsche sich als so falsch herausstellt wie der heutige ’Killing Capitalism’, wäre es doch an der Zeit, direkt auf dieser Ebene anzusetzen”. Das Kapitalverhältnis selbst ist die gesellschaftlich vollendete Negativität, die Ineinssetzung von individueller Selbsterhaltung und Kapitalakkumulation. Auf Kurpfuscherei, Sinnstiftung und Reformismus zu verzichten und sich direkt zu konfrontieren, das kann nur bedeuten, die ideologischen Legitimationen des Kapitals in Verruf zu bringen. Darin bestünde die Arbeit der sogenannten linken Intellektuellen. Statt den “Abbau des Sozialstaates” zu bejammern und den Staat so abermals, gar, wie die PDS, als Vorstufe zum Sozialismus, zu rechtfertigen, statt, wie alljährlich die alternative Bremer Memorandum-Gruppe, der Liberalisierung und Deregulierung von rechts oben unermüdlich eine Beschäftigungspolitik von links unten entgegenzusetzen, statt dessen müssen Staat und Markt als die zwei Seiten der einen Medaille begriffen und ergo denunziert werden, d. h. als jene gesellschaftlichen Formen, in denen allein das Kapital sich zu bewegen und zu reproduzieren vermag. Die Politik ist nicht die Alternative, sondern die Fortsetzung des Kapitals mit anderen Mitteln. Nur die theoretische Durchdringung, nur die Ideologiekritik des “Killing Capitalism” und seines staatlichen Gewaltmonopolisten vermögen den praktischen Durchbruch der Parole “Kill Capitalism!” vorzubereiten.

Andernfalls werden die Gedanken, die die Linken sich machen, die Hungernden erst am St. Nimmerleinstag satt machen; und andernfalls wird das Brot, das der eine nicht ißt, den anderen niemals klug werden lassen.

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Jour Fixe Programm Herbst/Winter 1996/97