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Initiative Sozialistisches Forum

Philosophie der Friedhofsschändung

Heidegger, Sloterdijk, Derrida & Co.: Über die Moderne des Kapitals und den Präfaschismus der Postmoderne

Im offiziösen Begleitprogramm der offiziellen Feierlichkeiten zum 10. Jahrestag der Wiedervereinigung wurde, pünktlich zum 3. Oktober, der jüdische Friedhof in Berlin-Weißensee vom wie immer unbekannten Deutschen geschändet. Eine Woche später wurden, einer gut versteckten Meldung der “Zeitung für Deutschland” vom 12. November zufolge, auf eben diesem Friedhof zwei nicht explodierte Molotowcocktails aufgefunden. Deshalb wollte Ignatz Bubis nicht auf einem deutschen Friedhof begraben werden – eine Verweigerung deutscher Muttererde, die ihm vor wenigen Monaten noch als Vaterlandsverrat post mortem angekreidet wurde und als schlagender Beweis für die Grund- und Bodenlosigkeit des ewigen Ahasvers.

Die Ausfälligkeiten gegen die bürgerliche Schulphilosophie, insbesondere der Angriff auf die unter dem Namen Jürgen Habermas populär gewordene sozialdemokratische Schwund- und tatsächlich Nullstufe kritischer Theorie, die Peter Sloterdijk als intellektuelle Begleitaktion zur Friedhofsschändung vortrug, bereiten den nächsten Kriegseinsatz deutscher Wissenschaft – nach dem gegen Rest-Jugoslawien – vor. “Denken heißt Aufatmen”, stichelte Sloterdijk gegen den “jakobinischen Tugendterror” der kritischen Theorie, als deren Protagonisten er nicht, wie es sachlich zutreffend wäre, Wolfgang Pohrt, Eike Geisel oder Christoph Türcke angriff, sondern den Pappkameraden Habermas, der doch während des Angriffskrieges gegen Rest-Jugoslawien seine intellektuelle Wehrbereitschaft bewiesen hatte. Dies allerdings sehr gewunden, d. h. im Namen von Demokratie & Menschenrecht. Sie glaubt in kommunikations- wie demokratietheoretischer Einfalt doch tatsächlich, der Staat habe ein Organ und Instrument der Menschenrechte zu sein, wo es sich doch in Wahrheit genau andersherum verhält. Dem postmodern-neuvölkischen Denken erscheint dies als ein Hemmschuh der inneren Souveränität: der Vorbedingung der unbedingten Machtentfaltung nach außen. Darum muß Habermas weg.

Habermas hatte die Frage falsch gestellt, weil seine Theorie der Kommunikation in dubio pro reo funktioniert. Nun, seit der Karlsruher Philosoph in Richard Wagner-Pose in der “Zeit” sich hat belichten lassen, bleibt kein Zweifel mehr: Sloterdijk hat seine Kandidatur für die im neuesten Deutschland trotz vieler Bewerber immer noch vakante Funktion Heidegger erklärt. Und er hat im gleichen Atemzug die Wahrheit über den Rückimport Heideggers und Nietzsches via Frankreich einbekannt, als er, einer Meldung der FAZ (11. Oktober) zufolge, sein germanisches Aufzüchtungsprojekt eine Foucaultsche “Bio-Politik” nannte.

Der im folgenden dokumentierte Text von Victor Farias, dem Autor der von Jürgen Habermas eingeleiteten Studie “Heidegger und der Nationalsozialismus”, erschien zuerst in El Pais am 21. September 1989, vierzehn Tage vor der “deutschen Revolution”. Unsere Dokumentation folgt dem schweizer Periodikum “Widerspruch. Beiträge zur sozialistischen Politik” N° 18 vom Dezember 1989, das unter dem prophetischen Titel “Aufklärung und Verdrängung” stand. Der Publizist Manfred Züfle, der damals den Text kommentierte, wird am Dienstag, den 29. Februar, seine Überlegungen unter dem Titel “Heidegger, Hitler des Denkens. Der Verfall der Philosophie, die Postmoderne, der Präfaschismus” im Jour fixe der ISF vortragen.

Von Victor Farias

Heideggers Nationalsozialismus

Anmerkungen zur Rezeption

Als Martin Buber Heidegger “den Hitler des Denkens” nannte, spielte er auf eine prinzipielle Frage an. Die Bedeutung, die Heidegger selber der Frage nach seiner Beziehung zum Nationalsozialismus für das Verständnis seiner Philosophie beimaß, zeigte sich darin, daß sie in seinem letzten Text, einem Interview, das er 1966 dem “Spiegel” gab und das erst nach seinem Tod Ende Mai 1976 erscheinen durfte, im Zentrum stand. Gewiß kann man sich diesem Thema nicht annähern, ohne die zentralen Momente von Heideggers Philosophie mitzubedenken, und zwar sowohl bezüglich seines politischen Engagements während des Dritten Reiches (1933 – 1945) wie auch seines vorangehenden Lebens- und Denkweges (1898 – 1932) sowie seiner späteren Haltung bis zu seinem Tod.

Das Neue an meiner Studie ‚Heidegger und der Nationalsozialismus‘, 1989 besteht deshalb darin, daß ich nicht nur den philosophischen, ideologischen und historischen Kontext aufzeige, aus dem heraus Heidegger sich in die “Bewegung” integrierte, sondern auch die politisch biografischen Voraussetzungen für seine Auffassung des Nazismus, aus denen heraus sich die Art seiner Kritik am NS Regime ebenso erklären läßt wie seine Treue bis zuletzt gegenüber den allgemeinen Vorstellungen des Nazi-Faschismus und schließlich auch seine hartnäckige Weigerung, sich von der Grausamkeit des Regimes und dem Massenmord öffentlich zu distanzieren.

Aus den gleichen Motiven, aus denen heraus Heidegger führender Philosoph des Regimes werden wollte, brachte er auch seine Bedenken an der herrschenden Kathederphilosophie an, und eben diese Motive erklären seine Treue zum Nazismus noch über 1945 hinaus. Sein elitärer Irrationalismus, seine romantische Demokratiefeindlichkeit, seine destruktive Kritik an allem Modernen und der in seinem anfänglichen Katholizismus wurzelnde Antisemitismus lagen seiner chauvinistischen Überzeugung zugrunde, nach der das Deutsche die Grundbedingung für Geschichtsentwicklung überhaupt sei. Wenn es auch nicht darum gehen kann, Heideggers Philosophie als Ganzes mit Nazi-Faschismus gleichzusetzen, kann doch auch nicht geleugnet werden, daß der Pangermanismus das Fundament seines Denkens ist. Seine Philosophie ist ein historizistisches und ontologisierendes Denken, der Versuch, die Philosophie für eine historische Kristallisation und die Geschichte für einen transzendentalen Akt zu halten. Die historischen Akte sind Kristallisationen eines Geschehens, das in seinem Akt selbst transzendental ist. Vor diesem Hintergrund muß die empirische Konkretisierung des Deutschen gleichzeitig als paradigmatisches Ereignis verstanden werden.

Etwa um 1936, in einem Gespräch mit Karl Löwith (Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933, Stuttgart 1986), wird deutlich: Heideggers Anschluß an die “Bewegung” ist nichts weiter als die Konsequenz seiner Auffassung von Geschichtlichkeit, so wie er sie in seinem Hauptwerk Sein und Zeit (1927) entworfen hatte. Später, da das “Sein” zum “Ereignis” und zur “Seinsgeschichte” geworden ist, nennt er die Sprache “das Haus des Seins”, in dem dieses Sein sich selbst muß zeigen können. Sein Pangermanismus leidet nicht durch diese Umdefinierung, denn mit dem Wirkungsvermögen und der Kraft der Sprache, die lediglich dem “metaphysischen Volk” eigen ist, wird die Rettung der ursprünglichen Erkenntnis “der Griechen” möglich sein.

Die Entartung nämlich, die das griechische Denken in der lateinischen und jüdisch-christlichen Aneignung erfahren hat, kann nur durch eine dem Griechischen ebenbürtige Sprache gerettet werden. Diese Sichtweise – die erste griechische Aufdeckung, der lateinisch-jüdische “Abfall” und die germanische Rettung – stellt für Heidegger nicht eine Geschichte der Kultur dar, sondern die tiefere Struktur des Seins und der Seinsgeschichte: die wechselseitige Bewegung von Enthüllen und Verbergen, der allein die Genialität der Sprache und sein Denken als “Deutscher” gegenüberstehen. Jeder Leser von Heideggers Schriften wird feststellen, daß sich dessen philosophische Anstrengungen nicht in diesem Pangermanismus erschöpfen; aber zugleich kann auch niemand leugnen, daß die Heideggersche Philosophie ohne diese chauvinistische Botschaft ihre Charakteristik verlöre.

Deshalb richten sich Heideggers einzige Bedenken gegen den offiziellen Nazismus, insofern dieser das historisch-ontologische Wunderwerk, welches das deutsche Volk und seine Sprache darstellen, in biologistischen Kategorien mißverstand. In seinem Selbstverständnis hörte nicht er – Heidegger auf, ein Nazi zu sein, sondern die abweichlerischen Nazis, die unfähig waren, die neue Botschaft der “Seinsgeschichte” zu verstehen. Das ist die Stossrichtung seiner Kritik an den Nazis, wie sie in den Lektionen über die Philosophie von Nietzsche (ab 1936) und in seinen ‚Beiträgen zur Philosophie‘ (1936-38) zum Ausdruck kommt. Deswegen tadelt Heidegger in seinem nachgelassenen Interview die deutschen Nazis nicht wegen ihrer Unmenschlichkeit, sondern lediglich dafür, nicht mit Tiefe philosophiert zu haben. Mit dem Verrat am ursprünglichen Nazismus hätte der moderne Mensch die einzige Möglichkeit verloren, eine über die ganze Welt ausgedehnte Technik zu denken und zu beherrschen, da jede Demokratie ihrem Wesen nach unfähig sei, dies zu leisten. In diesem Interview behauptet Heidegger gar, es sei nur in Deutsch möglich zu “denken”, und wenn Franzosen zu “denken” versuchten, müßten sie deutsch reden. Kann dieses Urteil über den “tiefsten Sinn” der lateinischen Kultur und Sprache von einem Denker ernst genommen werden, der, auf den internationalen Ruf seines Werkes verweisend, schreibt, dieses sei in die verschiedensten Sprachen übersetzt worden, auch “ins Spanische und Argentinische”?

Es ist auf jeden Fall bezeichnend, daß besonders die Heideggerianer der “ontologischen Ausrichtung” die wesentliche Tatsache des “philosophischen Rassismus” (Rainer Marten) in der Philosophie von Heidegger verkennen. So grotesk die Situation auch sein mag, das Schlimme in dieser Angelegenheit ist nicht so sehr, daß es Philosophen gibt, die einen “großen Denker” bis zum letzten verteidigen wollen, obschon dieser nie bereit war, seine Vergangenheit zu hinterfragen; das Schlimme ist vielmehr, daß die Zahl der Intellektuellen zunimmt, die diese Tatsache bagatellisieren und damit das Argument in den Wind schlagen, das es unausweichlich machen würde, sich dieser Philosophie zu widersetzen, die sich anmaßt, ohne die elementarsten Grundlagen des Humanismus und der Menschenrechte bestehen zu können.

Die massive Verteidigung des Heideggerschen Antihumanismus fällt heute in einen empfindlichen historischen Moment, in dem das menschliche Leben und seine Grundlagen global in Frage gestellt sind. Da man eine Form der sogenannten “Überwindung der Subjektivität‘ erlangt zu haben glaubt, öffnet man sich einem “Denken”, das jenseits jeder solidarischen Verantwortung nichts weiter macht, als die intellektuelle Arbeit auf eine frivole Beschäftigung zu reduzieren, die mit der Konstruktion und Dekonstruktion der sogenannten “Texte” sich glänzend die Zeit vertreibt. Nur aus dieser Haltung heraus ist es möglich, sagen zu können, meine Studie habe den Weg geebnet zu einer “Faszination vor dem Abgrund” (J. Derrida) und auch so vehement einen Philosophen zu verteidigen, der fähig war, in der Öffentlichkeit zu sagen, daß “die Erzeugung von Leichen in den Gaskammern dem Wesen nach das gleiche ist wie die Umwandlung der Landwirtschaft in eine Nahrungsmittelindustrie”. Die Schwierigkeiten des humanistischen Denkens und seine individualistischen und kollektivistischen Kristallisationen sind nicht überwindbar mittels Negation seiner rationalen, libertären und solidarischen Grundlagen, denn keine dieser Kristallisationen ist mit ihm identisch. Die Entmenschlichung des Denkens und die Substitution der verantwortlichen und behaftbaren “Subjekte” durch schicksalhaft Agierende fördert und legitimiert die Anonymität einer Herrschaftsideologie, aus der “nur ein Gott uns retten kann”. Es ist an der Zeit zu merken, daß die Aufgabe des Denkens nicht die “Überwindung der Metaphysik” ist, sondern die Wiedererlangung der Menschlichkeit.

Weiterhin an dem vermeintlichen Dilemma festhalten zu wollen, daß es nötig sei, zwischen einem “miserablen politischen Kompromiß” und einer “grandiosen Philosophie” zu wählen, wäre nichts weiter als der klägliche Beweis für das Scheitern einer ganzen Epoche, die das Verbrechen und die Bedingungen, die es ermöglicht haben, immer noch nicht verstehen kann. Das ist die konsequenteste und präziseste Beschreibung der Tatsache, daß ein solches europäisches Denken, nachdem es zweimal die gesamte Menschheit an den Rand des Abgrundes gebracht hat, sich mit Händen und Füssen dagegen wehrt, seine kulturellen Grundlagen zu überprüfen.

Es gibt Kritiker, die in meiner Studie “über Heideggers Flirt (!) mit dem Nationalsozialismus” nur ‚das Ressentiment eines Chilenen gesehen haben, der sich nicht einverstanden erklärt mit der deutschen und griechischen Überlegenheit in der Philosophie” (Otto Pöggeler), oder für die das Buch nichts weiter ist als das Ergebnis des “erlittenen Traumas” (NZZ) eines Chilenen “aus dem romanischen Sprach  und Kulturraum” (Hugo Ott).

Der Skandal besteht also nicht darin, daß die “seriösen Wissenschaftler” aus der BRD und Europa sich bis heute nicht bemüht haben, alle zugänglichen Dokumente zur Kenntnis zu nehmen und angemessen zu analysieren. Der Skandal ist deshalb auch nicht, daß Institutionen Kongresse veranstalten, um im Gespräch über Themen, die überhaupt erst mit meinem Buch aktuell geworden sind, ihr Budget aufzubrauchen – und mich dabei vom Gespräch ausschließen. Und natürlich ist es auch kein Skandal, daß “liberale” Tageszeitungen wie die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” und die “Neue Zürcher Zeitung” mir das Recht verweigern, meinen Kritikern zu antworten, und auch nicht, daß – als es dafür Zeit gewesen wäre – Verlage (deutsche, aber auch spanische und mexikanische) sich geweigert haben, meine Arbeit zu publizieren, und heute Bücher und Zeitschriften zum Thema verkaufen.

Nein. Der Skandal ist, daß ein waghalsiger “Drittweltler” (G. Vattimo), begierig nach “sensationslüsternen Themen” (E. Nolte), sich getraut, “in die kulturelle Suppe Deutschlands und Frankreichs zu spucken” (E. Martineau), “ohne auch nur eine Stunde lang” Heidegger gelesen zu haben (J. Derrida).

Glücklicherweise gibt es viele andere Stimmen, die etwas Vernünftiges zum Thema zu sagen haben; aber wenn die unabweisbare Konkretisierung des inneren Zusammenhangs zwischen Massenmord und einer Philosophie, die in unserem Jahrhundert für einen “Höhepunkt” des Denkens gehalten wird, eine Krise hervorgerufen hat, dann ist diese nur zu begrüßen. Vielleicht kann damit die Suche nach neuen philosophischen Ansätzen gefördert werden, damit das Denken seine Hauptaufgabe, das Leben zu vermenschlichen, erfüllen kann. Keineswegs müßte diese “Krise” als eine Krise der Philosophie überhaupt gesehen werden, und auch nicht als eine Aporie der unerreichbaren “Utopie”. Eine näherliegende Wahrheit ist die, die sich uns an der Oberfläche unseres Lebens zeigt, in unserer Alltäglichkeit: Es sind deren viele, die uns immer und überall beweisen, daß Menschlichkeit möglich, Gutherzigkeit und Solidarität einfach sind. Das hat es schon immer gegeben. Sogar unter Philosophen.

Jenseits des Skandals Heidegger und seiner Rezeption bleibt eine andere Erinnerung lebendig: die an jenen Philosophen, der, vor die letzte Entscheidung gestellt, es vorzog, das Gift selbst zu trinken, statt es seinem Volk zu verabreichen.

* * *

Wie es sich, in Deutschland, für ganz persönliche Meinungen gehört, sind die über Heidegger durchaus geteilt. Das ist die hierzulande übliche, höhere Form des Einverstandenseins und der Bereitschaft zum Mitmachen um jeden Preis.

Warum das so ist, hat Adorno in seinem Essay “Meinung, Wahn, Gesellschaft” als die Sucht der Einverstandenen und der Mitmacher rekonstruiert, als unverwechselbare Iche und unabkömmliche Originalmenschen sich aufzuspielen. Der Narzißmus der kleinsten Unterschieds, d.h. das Gesellschaftsspiel der, wie Günther Anders definierte, “volksgemeinschaftlichen Icherei” war schon immer die probate Strategie der akademischen Kleinbürger, sich für den “Kriegseinsatz deutscher Wissenschaft”, wie das 14/18 hieß, an die Heimatfront abkommandieren zu lassen. Unter gewissen, mit Postmoderne und Poststrukturalismus kokettierenden Linken ist es modern geworden, so zwischen Martin H., dem Nazi, einerseits, und M. Heidegger, dem bedeutenden Philosophen andererseits zu unterscheiden, wie es der theoretisierende Diskjockey Günter Jakob vorgemacht hat (jungle World vom 8. April 1998) und wie es – nur zum Beispiel – die Berliner Jour fixe-Initiative in einem 1999 im Argument-Verlag erschienenen Büchlein nachmachte, als sie schrieb, “der Poststrukturalismus (sei) eine kritische Theorie der Gesellschaft auf der Höhe der Zeit”: wobei es notabene keineswegs um kritische Theorie oder gar um Kritik geht, sondern um die “Anschlußfähigkeit” (Habermas) an die je aktuellen Konditionen, zu denen man mitmachen darf.

“Aber es gibt keine Antisemiten mehr. Sie waren zuletzt Liberale, die ihre antiliberale Meinung sagen wollten”, schrieben Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in ihrer “Dialektik der Aufklärung”. Und insofern – und nur insofern – hat das Zentralorgan der staatstragenden Intelligenz ganz recht, wenn es feststellt, “daß der Faschismus, dessen Sloterdijk geziehen wird, eine historische Kategorie ist und kein Erklärungsmuster für die Zukunft” (Die Zeit, 7. 10. 99). Daß die Deutschen und ihre Nazis vor Stalingrad und El Alamein geschlagen wurden, ist zwar irgendwie bedauerlich, tut aber tatsächlich nichts zur Sache: beim nächsten Mal wird alles anders. Denn ihren eigentlichen Krieg, ihren Ausrottungskrieg gegen die europäischen Juden, den haben die Deutschen im großen und ganzen siegreich beendet, nur darum darf man den Nazifaschismus als “eine historische Kategorie” mißverstehen. Beim nächsten Mal läuft alles besser, vor allem das Lügen mit der Wahrheit. Der Freiburger Soziologe Wolfgang Eßbach hat unlängst angemerkt, “daß deutsche Produkte auf dem internationalen Ideenmarkt immer noch einen guten Stand haben”: Typisch deutsch: Man sagt, was man weiß, aber man weiß nicht, was man sagt. Die “Spiele der Wahrheit”, von denen Eßbach schwärmt und die sein Publikum amüsieren, haben den Begriff und die Sache der Wahrheit schon wieder auf den Heidegger gebracht.

In erweiterter Fassung auch in: Initiative Sozialistisches Forum, Das Konzept Materialismus

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Programm Herbst/Winter 1999/2000