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ça ira-Verlag

Jour Fixe Programm Frühjahr/Sommer 2000

Sonntag, 14.Mai

Vom Täter zum Wohltäter

Die Zwangsarbeiterentschädigung und die neue Souveränität der “Berliner Republik”

Ende März feierte man in Deutschland mal wieder einen “historischen Moment”, der hie und da unverhohlen als “Schlußstrich” unter die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus begrüßt wurde: Die Entschädigung für NS-Zwangsarbeiter scheint unter Dach und Fach. Nachdem die Aufteilung der läppischen 10 Milliarden Mark im Groben ausgehandelt wurde, könnte bereits diesen Sommer die US-amerikanische Regierung deutschen Unternehmen “Rechtssicherheit” gegen Klagen ehemaliger Zwangsarbeiter garantieren. Allein der Druck der Überlebenden Zwangsarbeiter durch Sammelklagen und Anzeigenkampagnen bewegte Deutschland dazu, Verhandlungen zu beginnen, die hierzulande zur “moralischen Eigeninitiative” umgedeutet wurden. Die mit antisemitischen Projektionen gespickte “Debatte” um die Entschädigung demonstrierte das neue Selbstbewußtsein der “Berliner Republik”, das federführend von ehemaligen Linken designt wird. In der Veranstaltung geht es auch um diese neue Souveränität im Umgang mit dem Nationalsozialismus. Die unermüdliche Aufarbeiterei, die längst das Verschweigen und Vergessen abgelöst hat, die Inkorporation von Auschwitz ins staatsoffizielle Selbstverständnis der Nation offenbarte im letzten Jahr ihre aggressiv-projektive Dynamik im Angriffskrieg gegen Jugoslawien. Umgekehrt hat der Menschenrechts-Krieg dem Wandel vom Täter zum Wohltäter erst die notwendige Glaubwürdigkeit verschafft. – Es spricht Tjark Kunstreich, Autor von Bahamas, Jungle World, Konkret sowie des Buchs “Ein deutscher Krieg. Über die Befreiung der Deutschen von Auschwitz” (ça ira-Verlag, Freiburg 1999) um

20 Uhr in der KTS (Basler Str. 103. Veranstalterin: Antinationale Gruppe

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Dienstag, 16.Mai

Der “Sloterdijk-Skandal” und die Aufrüstung der Philosophie

Im Sommer 1999 gelang es dem Darmstädter Philosophen Sloterdijk, aus dem Lufthauch eines Vertrags über “Regeln für den Menschpark” auf Schloß Elmau einen Sturm nationaler Erregung zu entfesseln. In der Reaktion auf seine Offensive gegen den humanistischen Glauben an die Vernunft und seine Propaganda für einen neuen Willen zu Macht im Sinne Nietzsches blies sich die Kulturnation zu einer gewaltigen Blase spekulativen Fiebers auf. Sloterdijks Forderung nach Machtkompetenzen und Regulierungsformen für Biotechnologie und Menschenzüchtung wurde von Eingeweihten schnell als begleitendes Säbelgerassel eingeordnet. Sie nahmen den Impuls als Angriff im “Kulturkampf auf dem Weg zur “metaphysischen Gründung der Berliner Republik” auf. Zu Weihnachten war wieder alles ruhig. Sturm im Wasserglas? Ein Furz als Auslöser eines Fackelzugs, um mit Karl Kraus zu sprechen? Mitnichten. Wir wissen, mit welch ausgeprägter historischer Bewußtheit RotGrün den Kosovokrieg als Gründungsakt der Berliner Republik im Aufbruch neuer hegemonialer Energien begriffen hat. Nicht nur der militärischen und ökonomischen, sondern auch der Aufrüstung “mentaler” Energien. Hier hat die Aufrüstung auch des philosophischen Begriffs seine Funktion. Dies ist mein Thema. Auf diesem Hintergrund werde ich auch versuchen, mit einigen Überlegungen zum Verhältnis von politischer Ökonomie und politischer Philosophie über die auch im linken Denken gepflegten starren Schemata hinaus und zu Vorüberlegungen einer Philosophie der sozialen Revolution zu gelangen. – Es spricht Detlef Hartmann (Köln), auf dessen Materialsammlung Wo sind die Barbaren des 21. Jahrhunderts? Die Philosophie rüstet auf. (www.humanrights.de/social/index.html) zur Vorbereitung verwiesen sei.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 23.Mai

Die Sehnsucht nach dem alten Glück

Haider, ein deutscher Faschist

Die Karriere Jörg Haiders in der linken Rezeption vom brandgefährlichen Nazi und Wiedergänger Hitlers zu einem Bestandteil des demokratischen Alltags, dem durch zivilgesellschaftliches Verhalten zu begegnen sei, dauerte gerade einmal zwei Monate. Heute wird Haider von den Verwaltern des linken Mitmachens (allen voran die unvermeidliche jungle world), als Erscheinung des europäischen Rassismus abgetan wie Fini oder Le Pen, die zwar unangenehm sei, aber doch zugleich beruhigendes Zeichen für deutsche Normalität. Dagegen soll es in der Diskussionsveranstaltung gehen: Haider ist der Vertreter des “alten Glücks”, dem die Deutschen und Österreicher ganz anders anhängen als westeuropäische Rassisten. In Haider verkörpert sich der Wunsch nach Volksgemeinschaft im Zeitalter der staatlichen Deregulierung. Man erwartet sich von ihm kein österreichisches oder deutsches “Faszinosum” (Philipp Jenninger) mehr, das im Zeichen von Vollbeschäftigung durch staatliche Arbeitsbeschaffungspläne Kraft durch Freude stiftet. Man steht zusammen, weil man verloren hat, man will den NS pur. Vernichtung der Anderen im Wissen um den beschlossenen eigenen Untergang. – Es spricht Justus Wertmüller (Berlin, Redaktion Bahamas, deren aktuelle Ausgabe 31 (Frühjahr 2000) sich schwerpunktmäßig dem “demokratischen Faschismus” widmet)

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 6.Juni

Die Geburt der Philosophie aus dem Geiste des Geldes

Einkaufen ist theoretische Arbeit. Analyse und Synthese. Alle feilgebotenen Güter werden einzeln genommen und dann aufeinander bezogen. Das tun Warentauschende seit je, mit ihren Händen und in ihren Köpfen. Insofern diese theoretische Arbeit reflexionslos zu geschehen vermag, vermag sie sich in die Reflexionen über Gott und die Welt einzuschleichen. Sobald die Einheit der Mannigfaltigkeit der Waren mittels Geld gestiftet wird, sind auch die wissenschaftlichen Diskurse heimliche Gelddiskurse. Als die Vorsokratiker darüber stritten, aus welchem Stoff der Urgrund aller Dinge sei, fragten sie der Form nach, was der beste Geldstoff sei. Die jeweilige Wahl macht deutlich, daß sie das nicht wußten: Wasser, Feuer oder Luft eignen nicht als Tauschmittel. Die Kritik von Platon und Aristoteles, daß das Prinzip der Welt nicht selbst von dieser sein könne, entspricht dem Lächeln der mit der Münze kaufenden Polisbürger, wenn ein Bauer vom Land nur Gold für seine Oliven annehmen möchte. Gleichwohl ist diese transzendente Tausch- und Denkpraxis der Stadt noch mit den Stoffen der Welt verbunden. Die Münzen der Polis und des Mittelalters symbolisieren Gewicht von Geldstoff, meist Silber oder Gold. Und heute? Was symbolisiert DM oder Büro? Welche theoretische Arbeit haben wir zu leisten? Und wie wirkt sich das auf unser Nachdenken über das Wahre, Gute und Schöne aus? Davon handelt der Vortrag. Verraten sei, daß in der Philosophie das Heute mit Descartes beginnt. – Es spricht Daniel Butscher (Berlin).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 20.Juni

Staatsbürgernation und Blutsvolk: Zwei Seiten einer Medaille

Bei der Ablehnung des NATO-Krieges gegen Jugoslawien gab es 1999 eine Kontroverse, ob antideutsche Positionen – gegen die völkische Außenpolitik der BRD – im Widerspruch stehen zu antinationalen Positionen – die neben dem Hauptfeind, dem “eigenen Land” BRD auch die nationale Formierung in Jugoslawien kritisieren (siehe iz3w. blätter des informationszentrums 3. Welt Nr. 239: Beiträge von Justus Wertmüller & Gaston Kirsche). Daraus entwickelte sich eine Debatte, in der von einigen eine antideutsche Realpolitik propagiert wurde: Es sei möglich, sich positiv auf republikanische Staatsbürgernationen zu beziehen, wenn diese sich vermeintlich gegen die völkische Außenpolitik der BRD und deren Bündnispartner, die ebenso völkische UCK im Kosovo richten, deren neue “kosovarische Nation” von Seiten antideutscher Realpolitiker mit Ressentiment als “Stammesnation” und “Blutsvolk” bezeichnet werden. Auf den Punkt gebracht hat diese Position Jürgen Elsässer in konkret 12/99. In konkret 1/00 und in der jungle world 3/00 erschienen zwei Kritiken der gruppe demontage, die dies als antideutsche Realpolitik bezeichneten und einen positiven Bezug auf bürgerliche Staatsnationen ablehnten: Eine Kritik Deutschlands ist ohne eine generelle Kritik von Herrschaft nicht linksradikal. Es steht außer Frage, daß es einen Unterschied gibt zwischen ”Staatsbürgernationen” und “Blutsvölkern” hinsichtlich ihrer Vergesellschaftungsbedingungen. Durch seine idealisierende und naturalisierende Unterscheidung übersieht Elsässer aber, daß sich das Herrschaftsverhältnis der nationalen Formierung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen auch verschieden ausdrückt. Die Übergänge von Blutsvolk zu Staatsvolk sind fließend, beides sind gewaltförmig konstruierte, vorgestellte Gemeinschaften, die auf dem kapitalistischen Weltmarkt miteinander in Konkurrenz stehen. Jede Behauptung von Nation und Volk dient – neben der sozialen Unterordnung – der Legitimation, warum trotz der theoretisch behaupteten Gleichheit aller Menschen es in der Praxis soziale Ungleichheit gibt. Gaston Kirsche von der gruppe demontage wird diese Positionen in einem Vortrag darlegen.

Um 20 Uhr in der KTS, Baslerstr. 103. In Zusammenarbeit mit dem iz3w

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Dienstag, 4.Juli

Die Kritik am Zins

Eine Sackgasse der Kapitalismuskritik

Wenn inzwischen nahezu jeder meint, er könne sich bereichern durch den Kauf und Verkauf von Aktien, und wenn an einer “natürlichen” Wirtschaftsordnung orientierte Kritiker des Kapitalismus im Zins dessen zentrales Problem sehen, dann haben beide eines gemeinsam: die Fixierung auf das Phänomen G-G‘. Einer der prominentesten Vertreter der Kritik an der “Zinsknechtschaft” ist nach wie vor Silvio Gesell. In seiner Theorie der “Natürlichen Wirtschaftsordnung” stellt er die Utopie eines natürlichen Kreislaufs und einer einfachen Warenproduktion der kapitalistischen Akkumulation von Geld als Utopie gegenüber. Diese “Marktwirtschaft ohne Kapital” funktioniere dann, wenn das Geld lediglich als Zirkulationsmittel gebraucht werde und in ausreichender Menge vorhanden sei. Da der Zins als unnatürliche Form des Geldes verstanden wird, ist in dieser Art Vorstellung auch immer das Geld der Hebel zur gesellschaftlichen Veränderung. Ob nun Silvio Gesell das “Schwundgeld” einführen will oder Pierre Joseph Proudhon, wie viele Frühsozialisten, den Arbeitsstundenzettel, es wird immer durch die Vordertür hinausgeworfen, was durch die Hintertür sofort wieder hereinkommt: das Kapitalverhältnis. Karl Marx hat exemplarisch an der Stundenzettelutopie von Proudhon gezeigt, daß solche, auf der Sphäre der Zirkulation fixierten Ökonomievorstellungen bloß wohlfeile Abstraktionen sind. Sie geben nicht falsche Antworten aufrichtige Fragen, sondern sie stellen die Frage nach gesellschaftlicher Veränderung falsch. Es ist, wie Marx in den Grundrissen schreibt, eben der Irrtum jener Sozialisten, die den Sozialismus als Realisation der von der französischen Revolution historisch in Umlauf geworfenen bürgerlichen Ideen der Freiheit und Gleichheit nachweisen wollen. Mit der Kritik der politischen Ökonomie kann man meines Erachtens zeigen, daß das Tauschwert- und das Geldsystem in der Tat das System der Freiheit und Gleichheit sind. Ihre notwendige Voraussetzung ist aber Kapitalverhältnis. Dieses Aufzuheben muß etwas anderes bedeuten als die Verwirklichung von Freiheit und Gleichheit. – Es spricht Nadja Rakowitz (Frankfurt), Autorin des im Mai im ça ira-Verlag erschienenen Buches Einfache Warenproduktion – Ideal und Ideologie.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Samstag, 8.Juli

Antifaschistischer Stadtrundgang

Die im Vergleich zum Vorjahr neue Route führt und kommentiert G. Schlesiger.

Treffpunkt um 16 Uhr vor dem Regierungspräsidium, Kaiser-Joseph-Straße.

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Dienstag, 18.Juli

Genetik und Rassismus in der Dialektik der Aufklärung

Naturwissenschaftler machen sich über jene ,Geisteswissenschaftler' lustig, die glauben, ihnen erzählen zu können, was sie ,eigentlich' treiben, wenn sie in den Laboratorien ihre Theorien experimentell überprüfen. Völlig zu recht, denn diese Kritiker der Naturwissenschaft wollen meist selber welche sein, und gehen methodisch genau so vor wie die Naturwissenschaften. Sie berufen sich – der Form nach – auf den gleichen Geltungsanspruch, übersehen dabei jedoch, daß die Naturwissenschaftler es bei ihren Gegenständen tatsächlich mit Dinglichkeit zu tun haben – und, so scheint es auf den ersten Blick, nichts mit gesellschaftlichen Beziehungen. Diese Beziehungen müssen erst verdinglicht, d.h. nach Marx: fetischisiert werden, bevor sie wissenschaftlich handhabbar sind - und diese Kritik insbesondere an den Sozialwissenschaften (einschließlich der politischen Ökonomie) sollte spätestens seit Lukács allgemein akzeptiert sein. Im Zentrum dieses Vortrages stehen jedoch die sogenannten ‚harten' Naturwissenschaften. Was kommt politisch heraus, wenn Naturwissenschaftler, als Biologen zum Beispiel, die Ergebnisse ihrer Erforschung etwa der Gene, die Krebs erzeugen können, veröffentlichen? Was verstehen sie – als Wissenschaftler – unter ,genetisch bedingt', was dagegen die politische Öffentlichkeit (einschließlich dieser Wissenschaftler)? Gehen sie wirklich anders vor als der common sense, der von der unterschiedlichen Hautfarbe oder Nationalität auf unterschiedliche Charakterstrukturen glaubt schließen zu können? Ist die ,Dinglichkeit', resp. ,Körperlichkeit‘, von der oben die Rede war, tatsächlich ein von Gesellschaftlichkeit freier Begriff? Zu zeigen wird sein, daß, so lange man den in der wissenschaftlichen Denkform eingebetteten Geltungsanspruch, in welcher Weise auch immer, goutiert, einem die Argumente ausgehen müssen dafür, inwieweit es einen Unterschied macht, ob man Schwarze zu Menschen erklärt oder nicht, inwieweit man Verbrecher, Homosexuelle oder Juden an der (äußerlichen) Physiognomie oder den (innerlichen) Genen glaubt erkennen zu können, oder nicht: denn die Konstitution der Begriffe, mit denen hier von Kritikern wie von Protagonisten der jeweiligen Verfahren argumentiert wird, erfolgt nach dem selben Prinzip. Dieses ist, dies zeigt die Biologie im allgemeinen, und die Genetik im besonderen, dies zeigt aber auch die common-sense-Kritik an der Biogenetik, d.h. der ,linke Antirassismus', dem strukturellen Rassismus der bürgerlichen Gesellschaft zutiefst verbunden. Wer wissenschaftlich argumentiert fördert diesen: wenn auch unwissentlich und im besten Gewissen. Was die Sache aber nur noch schlimmer macht. Es spricht Manfred Dahlmann (ISF Freiburg).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Programmtext:
Die Postmoderne wird kritisch