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ça ira-Verlag

Jour Fixe Programm Herbst/Winter 2000/2001

Dienstag, 31. Oktober

Kritik des Fetischismus

Der Irrsinn bürgerlicher Vergesellschaftung verweist auf eine Begrifflichkeit, die nicht umsonst sowohl in der Kritik der politischen Ökonomie als auch in der klassischen Psychoanalyse eine zentrale Rolle gespielt hat: den Fetischismus. Das fetischistische Bewußtsein ist richtig und falsch zugleich. Durch die allgemeine Anerkennung des Waren-, Geld- und Kapitalfetischs wird dieser gesellschaftlich wirksam. Dadurch erscheinen die objektiven Gedankenformen als praktisch richtig, weil sie den täglichen Anforderungen an die Individuen entsprechen. Dennoch lassen sich diese alltäglichen Vorstellungen als falsch erkennen, sobald die Wertform auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zurückgeführt wird. Dabei kommt aber ebenso die Notwendigkeit dieser falschen Vorstellungen zum Vorschein, die zugleich den Kern ihrer Richtigkeit ausdrückt. Das fetischistische Bewußtsein ist ein falscher Ausdruck der inneren Bewegungsgesetze kapitalistischer Warenproduktion und eine richtige Wiedergabe eines falschen Zustands. So sehr die Kritik des Fetischismus die Warenwelt als Schein erkennen kann, so falsch wäre es, sie nur als Schein zu betrachten. Die Warenwelt ist zwar Schein, aber sie ist als dieser Schein Wirklichkeit. Das Vertrackte der Fetische besteht gerade darin, daß sie zugleich irreal und real sind. Schein und Notwendigkeiten produzierende Realität in einem. Der Vortrag versucht der Frage nachzugehen, was der Fetisch-Begriff bei Marx bedeutet und welchen Stellenwert er hat. Was haben Lenin, Lukäcs und Adorno aus dem Begriff gemacht? Und wo bleibt bei all dem Waren-, Geld- und Kapitalfetischismus der Staat? Es spricht Stephan Grigat vom Kritischen Kreis in Wien, Redakteur der vom Kritischen Kreis herausgegebenen Zeitschrift “Streifzüge”. Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Donnerstag, 2. November

Karl Marx: Das Kapital

Einführung in die materialistische Kritik der politischen Ökonomie

Es waren die Intellektuellen, insbesondere die Soziologen und die Philosophen, die Marx definitiv zum Marxisten gemacht haben und damit zu etwas, das er, der in seinen besten Momenten ein Kritiker der politischen Ökonomie war, nur insoweit war, als er sich nicht aus der Tradition zu lösen vermochte: zum Theoretiker. Und es sind eben diese Intellektuellen, die, unfähig zur Kritik der geistigen Arbeit und ihrer spontanen Neigung zur Ideologieproduktion, in jedem Epochenumbruch, gleich, ob 1918, 1968 oder 1989, die “Krise des Marxismus” ausrufen, weil die empirische Entwicklung den Theoretiker Marx widerlegt zu haben scheint. Zwei Phänomene wuchern ineinander, erstens die Ambivalenz des Marxschen Werkes selbst, zweitens die Rezeptionsgewohnheiten der akademischen Intelligenz. Eine kritische Lektüre des Kapital wird daher weder einen “authentischen” Marx herausdestillieren und zum Prüfstein der Interpretation machen können, noch wird sie der Neigung nachgeben können, sein Werk als Theorie der kapitalistischen Entwicklung zu lesen und soziologisch zu verifizieren. Denn der revolutionäre Materialismus oder auch “kritische Kommunismus” (Marx) ist weder eine wissenschaftliche Methode noch eine proletarische Weltanschauung.

Donnerstags alle 14 Tage um 20 Uhr im Institut für Sozialkritik, Belfortstr. 46 (Hinterhaus). Der Kurs dauert bis Ende Juni 2000.

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Donnerstag, 9. November

Antifaschistischer Stadtrundgang

Die Route führt vom Regierungspräsidium (ehemals NS-Polizeipräsidium) vorbei an der NSDAP-Parteizentrale zur Wirkungsstätte von Gertrud Luckner. Über die Rheinstraße, Hauptbahnhof und Verladerampe nach Gurs geht es zum Platz der Alten Synagoge.

Es führt und kommentiert G. Schlesiger. Treffpunkt um 15.30 Uhr vor dem Regierungspräsidium, Kaiser-Joseph-Straße, gegenüber Buchhandlung Herder.

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Dienstag, 14. November

Warenform und Rechtsform

Von der “marxistischen Rechtstheorie” zur Erkenntniskritik

Eugen Paschukanis (1892 – 193 7?) gilt als einer der bedeutendsten Rechtstheoretiker des Marxismus, des orthodoxen Marxismus, wie sogleich hinzuzufügen ist. Diese Einschätzung spiegelt zugleich sein persönliches Dilemma wider, d.h. seine Position eines revolutionären, linkskommunistischen Kritikers der bürgerlichen Gesellschaft und eines Staatstheoretikers und Funktionärs unter Stalin, von dessen Geheimdienst er vermutlich ermordet wurde. Sein schmales Hauptwerk “Allgemeine Rechtstheorie und Marxismus. Versuch einer Kritik der juristischen Grundbegriffe”’ (deutsch 1929) ist nicht nur ein Kaleidoskop philosophischer Debatten zu Anfang des 20. Jahrhunderts, sondern versucht das Recht als “ratio scripta der warenproduzierenden Gesellschaft” auf die entwickelte Warenform und die mit dieser einhergehenden Rechtssubjektivität zurückzuführen. Die frühere marxistische Linke, aber auch die Linke des ausgehenden Jahrhunderts hat zumeist die Vorstellung einer emanzipatorischen Rechtssubjektivität nicht überwinden können, obwohl das Rechtssystem und seine (ideologischen) Selbstbeschreibungen als immanente Entwicklungen des Kapitalverhältnisses verstanden werden können. Dies läßt sich nicht nur an der unkritischen Verwendung der Begriffe des Rechts ablesen. Umgekehrt ist der Staatsbegriff entweder affirmativ geblieben – wie in der Sozialdemokratie oder im Staatssozialismus – oder es hat sich ein platt nihilistisches Verhältnis zum “Staat” herausgebildet. Der Vortrag wird einerseits Paschukanis‘ Rechtskritik wertkritisch beleuchten und andererseits auf das Verhältnis der Linken zum Rechtsbegriff eingehen. Es spricht Andreas Harms (Berlin), der für die Hamburger Zeitschrift “Karoshi” schreibt und gerade das Buch “Warenform und Rechtsform. Zur Rechtstheorie von Eugen Paschukanis” (Nomos-Verlag) veröffentlicht hat.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 28. November

Das Arbeitsmannequin

Über die Verwandlung von Arbeit in Dienst

In der Automation, los von Arbeit, trifft die Individuen das Los der Nicht-Arbeit: der Dienst, dem die Arbeit fehlt. So wie sie arbeitslos oder in diesem Dienst los von Arbeit sind, ist in ihm keine Arbeit los. Obwohl sie “arbeiten”. Obwohl sie als Dienstleistende mit ihrer Dienstleistung identisch sind. Wartend, warten sie etwas, oder umgekehrt. Sie warten etwas, indem sie warten, mobil, flexibel und “lebenslänglich” bereit für ein Arbeits-Redesign auf Abruf. Anruf genügt. In dieser Identität von leistendem Warten, als wartender Leistung, ist die Bedingung der Inhaftnahme erfüllt, die der modernen Arbeitskraft in den Zucht-, Armen- und Irrenhäusern des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts vorausgesetzt war. Das geschlechtsindifferente Arbeitsmannequin steht als geschichtlicher Effekt eines schuldigen. “weiblichen” Körpers für diesen Dienst bereit, ohne daß die ihm vorausgesetzte, biblische Todesdrohung aufgehoben ist. Sie wies das aus diesem Körper geborene, sterbliche Leben auf Unsterbliches, auf das Unvergängliche im Vergänglichen hin. Dieses Unvergängliche hat sich, bis hin zum ’fixen Kapital‘, durchgesetzt. Damit herrscht dessen Meta-Physik heute nicht mehr über, sondern in der Physis. Die symbolische Ordnung der Meta-Physik ist durch ihre Verkehrung ins Physische, durch ihre Reformulierung als Code der Lebensinformation, aufgelöst. Doch für die kapitalistische Wertschöpfung gilt weiterhin, was schon für die biblische Schöpfungsordnung galt, nämlich, daß ein Körper, der sich nährt, indem er verzehrt, nicht genügt. Er hat mehr als das, was er verzehrt, hervorzubringen, was bisher durch Arbeit geschah. Es spricht Gerburg Treusch-Dieter (Berlin), Mitherausgeberin der Wochenzeitung “Freitag” und Autorin u.a. von “Schuld” ( Konkursbuch Nr. 37, 1999); Die Heilige Hochzeit: Studien zur Totenbraut, 1997.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 12. Dezember

“Der ganze Südosten ist unser Hinterland”

Deutsche Südosteuropapläne seit 1840

Von den 1840er Jahren bis heute zieht sich eine durchgängige Linie deutscher Südosteuropapläne: Südosteuropa sollte als ein auf niedriger Stufe festgehaltenes Wirtschaftsgebiet zum deutschen Rohstoff- und Agrarproduktelieferanten und zum Absatzmarkt deutscher Industriegüter werden. Darüber hinaus waren die Verkehrsverbindungen über Jugoslawien, Rumänien und Bulgarien als wichtige, gegenüber den Seemächten “blockadesichere” deutsche Handelswege in den Nahen Osten vorgesehen. Ob im Kaiserreich oder der Weimarer Republik, ob im Nationalsozialismus oder der Bonner bzw. Berliner Republik: Immer sollte Südosteuropa zur Herstellung, Stärkung oder Wiedergewinnung der Großmachtstellung Deutschlands und als Sprungbrett weitergehender Europa- und Weltpläne dienen. Nach der Wiedervereinigung nimmt Deutschland im Handel der Staaten Südosteuropas unangefochten die führende Position ein; es bestreitet ca. 50% des gesamten Osthandels der EU. Gleichzeitig ist die Deutsche Mark dort zur offiziellen oder inoffiziellen Leitwährung geworden. Und wie vor 1918 sehen sich die dortigen Regierungen einer großen Verschuldung gegenüber, die zu großen Teilen gegenüber staatlichen und privaten Kapitalgebern aus Deutschland besteht. Mit der eigenmächtigen Anerkennung Sloweniens und Kroatiens demonstrierte die deutsche Regierung 1991 auch ihren Anspruch als Hegemonialmacht in Südosteuropa, den sie im Laufe der 90er Jahre mit der Beteiligung an Kriegseinsätzen und der Stationierung von Truppen in Bosnien-Herzegowina auch auf das militärische Feld ausweitete. – Es spricht Klaus Thörner (Oldenburg), Co-Autor des Bandes “Goldhagen und die deutsche Linke”, dessen Buch “’Der ganze Südosten ist unser Hinterland‘. Deutsche Südosteuropapolitik 1840 bis 1945” 2001 im Dietz-Verlag erscheint.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 19. Dezember

Kriegsverbrechen

Die tödlichen Lügen der Bundesregierung und ihre Opfer im Kosovo-Konflikt

“Noch nie haben so wenige so viele so gründlich belogen wie im Zusammenhang mit dem Kosovo-Krieg”, sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete Willy Wimmer. “Dafür sind Menschen gestorben.” Keine Lüge war zu grotesk, das Schlachten in Gang zu bringen und am Laufen zu halten: Milosevic als Hitler, ein KZ in Pristina, Auschwitz auf dem Amselfeld. Während Nato und CNN sich wenigstens die Mühe machten, Video-Aufnahmen zu falschen, beeindruckte der deutsche Verteidigungsminister durch nackte Wortgewalt: Scharpings Serben, die mit abgeschnittenen Albanerköpfen Fußballspielen und Föten grillen, werden in die Geschichte der Psychopathologie eingehen. Schließlich Wunder von biblischer Dimension: Massakrierte albanische Intellektuelle, die post mortem Pressekonferenzen in westlichen Hauptstädten geben; Geisterzüge, die plötzlich auf wenig befahrenen Brücken erscheinen und sich in Nato-Raketen bohren; Massengräber, die so leer sind wie jenes von Jesus nach der Himmelfahrt. Das Ergebnis des Krieges: Pristina ist judenfrei, die Volksfremden sind vertrieben, auf den Straßen wütet der Mob, die UCK-Geheimpolizei ist überall, die wenigen Überlebenden zittern in Ghettos um ihr Leben. Allerdings: Jetzt spricht niemand von “humanitärer Katastrophe”, “ethnischer Säuberung” und “Völkermord”. Kein Wunder: Die Blamage des letzten würde die Vorbereitung des nächsten Krieges erschweren. Es spricht Jürgen Elsässer (Hamburg), Redakteur bei “Konkret” und Autor u.a. von “Kriegsverbrechen. Die tödlichen Lügen der Bundesregierung und ihre Opfer im Kosovo-Konflikt” (Hamburg, konkret-Verlag 2000).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 9. Januar

Die Fremden in der Musik

Es ist paradox: Zum einen zieht sich der Rassismus als Ideologie der Ausgrenzung und als Legitimation eigentlich unvorstellbarer Grausamkeiten durch die ganze blutige Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Zum anderen aber finden sich gleichermaßen überall in der Kultur des selben Jahrhunderts ständig Verweise auf das Fremde, Exotische. Lind hier wird das Fremde keineswegs als bedrohlich, sondern vielmehr als durchaus verlockend und begehrenswert imaginiert. Der Vortrag wird am Beispiel der Musik die Frage aufwerten, ob und wie Rassismus einerseits und kulturelle Begeisterung für das Fremde andererseits zusammengehen können. Die Hilfsmittel, die dabei eingesetzt werden, sind Musikbeispiele und die Lacansche Psychoanalyse. – Es spricht Michael T. Koltan (Archiv für soziale Bewegungen. Freiburg).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 23. Januar

Freiheit und Wahn “deutscher Arbeit”

Zur historischen Aktualität einer folgenreichen antisemitischen Projektion

Noch immer zeichnet der vorherrschende Blick auf den Prozeß der Staats- und Nationsbildung Deutschlands das Bild einer von Grund auf zerstrittenen Gesellschaft unterschiedlichster Interessen. Wenn dennoch hier und da vom untergründig wirkenden Zusammenhang – dem Antisemitismus – gesprochen wird, so ist dies eher moralischen Affekten als begrifflicher Einsicht geschuldet. Dem Versuch, anhand des Theorems “deutsche Arbeit” dieses übergreifende Moment näher zu erfassen, offenbart sich das Szenario eines Wettstreits der ,Ideen‘ um die ‚wahrere‘, die ‚bessere Arbeit‘. Zugespitzt bedeutet dies, daß beispielsweise das Ressentiment vieler Arbeiter gegen den Nationalsozialismus in Gestalt der NSDAP, der Haß auf “eine verkommene, korrupte und herrschsüchtige, braune Bonzokratie‘, und der Antisemitismus nicht als widersprüchliche, sondern als potentiell komplementäre Seiten ein und desselben Weltbildes entschlüsselt werden müssen. Ausgehend von einer historischen Reflexion des antisemitisch strukturierten deutschen Arbeitsbegriffs soll versucht werden, die gesellschaftlichen Abgründe der pathologischen Projektion einer ,raffenden jüdischen Nicht-Arbeit‘ zu ergründen. Der ideologiekritische Blick ermöglicht so nicht nur eine Analyse der volksgemeinschaftlichen Binnenstrukturierung und ihrer Ausschlußmechanismen, sondern stellt folglich auch die Frage nach den Kontinuitäten “deutscher Arbeit” nach 1945 angesichts des Fortwirken von Rassismus und Antisemitismus. Nur der Blick auf den ‚utopischen‘ Gehalt des ,deutschen, nationalen Sozialismus‘ kann die Dynamik des antisemitischen Vernichtungswahns in Ansätzen erschließen. Gerichtet wird deshalb der Fokus auf die Synthese der spezifischen Vorstellung von Arbeit und einer Idee von Freiheit, die in Deutschland immer die Freiheit vom ‚Fremden‘ meinte. Am Ort der Vernichtung haben Deutsche ihren Wahn paraphrasiert: “Arbeit macht frei”. – Es sprechen Andrea Woeldike (Hamburg) und Holger Schatz (Freiburg), Autoren des gerade erschienenen Buches “Freiheit und Wahn deutscher Arbeit. Zur historischen Aktualität einer folgenreichen antisemitischen Projektion” (Unrast-Verlag 2000) sowie Mitautoren des vom AK Kritik des deutschen Antisemitismus herausgegeben Bandes “Antisemitismus – die deutsche Normalität” (Freiburg: ça ira-Verlag 2000).

Um 20 Uhr in der KTS, Baslerstr. 103. In Zusammenarbeit mit der Buchhandlung Jos Fritz.

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Dienstag, 6. Februar

In welchem Detail steckt der lebendige Gott?

Über Sinn und Bedeutung einer “Real-Metaphysik”

Bürgerliche Aufklärung und Marxismus unterzogen ihre jeweiligen Objekte der Ideologiekritik dem gleichen Verfahren, einer Durchschauung auf ihren ‚eigentlichen‘ Sachverhalt. Was bürgerliche Aufklärung über Kirche & Religion, das wußte der Marxismus zusätzlich noch über Metaphysik & Philosophie zu sagen: sie seien verselbständigter oder maskeradenhaft getragener, sei‘s von interessierter Seite geworfener, sei‘s aus selbstverschuldeter oder unschuldiger Unwissenheit resultierender Schein. Die Kritische Theorie sieht sich in einem Spagat; sie erkennt und verwirft den Positivismus endbürgerlich-naturwissenschaftlicher wie marxistischer Provenienz, übernimmt aber von beiden den Auftrag der Kritik und der Aufklärung der falschen Gesellschaft über sich selbst und erneuert ihn. Sie aber setzt nicht auf die Objektivität, der in Erkenntnis und Praxis sich zu unterwerfen sei, um der Vernunft in der Geschichte zu willfahren, sondern gewahrt, daß gerade die Objektivität es ist, die den Schein wirft. Der ideologische Gehalt von Religion und Philosophie ist keine Phantasterei; sie entdeckt die “Wahrheit des Idealismus”, ein Gedanke, der spätestens seit Hans-Jürgen Krahls Entdeckung, daß der Hegelsche Geist die metaphysische Verkleidung des Kapitals sei, Karriere machte. Unter dem Namen der “Real-Metaphysik” werden seitdem allerlei Parallelen und Analogien ausfindig gemacht, um Philosophie & Religion zu ‘erden’; wird dem Kapital eine Gotthaftigkeit zugesprochen, von der es weit entfernt ist und andersherum das Transzendente (und sein Versprechen) auf ein Transzendental heruntergebracht. Zu fragen ist, ob das ideologiekritische Programm der “Real-Metaphysik” nicht die alten Fehler wiederholt, sprich nicht in Positivismus verfällt; ob die Wiedererkennung von Geld, Wert & Kapital in Formulierungen der Metaphysik dieselbe nicht verfehlt (und dadurch zum scheintoten Fortleben verurteilt); ob eine solche Kritik das Stürzende auch noch tritt oder ob sie “solidarisch ist mit Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes” (Adorno). Es spricht Fabian Kettner (Bochum).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Architektur und Geschichtsbewußtsein

Versuch über den neuen Potsdamer Platz in Berlin

Bei der Neubebauung am Potsdamer Platz haben sowohl Architekten als auch der Berliner Senat Geschichtsverleugnung im großen Stil betrieben. Die Verantwortlichen haben die letzten baulichen Geschichtsspuren getilgt und die Leere so schnell und lückenlos wie möglich mit Beton gefüllt. Jetzt erinnert dort nichts mehr an die zentralen Momente Berliner, deutscher und europäischer Geschichte, die der Potsdamer Platz wie kein anderer Ort repräsentiert. Die zentralen Fragen des Vertrags werden sein: Warum ist die Neugestaltung des Potsdamer Platzes so unerträglich? Welche Bedeutung hat Architektur für individuelles wie kollektives Geschichtsbewußtsein? Wie bildet sich Geschichtsbewußtsein? Und was ist das überhaupt? Es spricht Frank Winter (Freiburg/Dresden).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Programmtext:
Die Gemeinschaft der Guten