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ça ira-Verlag

Jour Fixe Progamm Frühjahr/Sommer 2001

Dienstag, 10. April

Vernichtungsdrohung

Der arabische Antizionismus und die deutsche Volksgemeinschaft im Bündnis gegen Israel

Wer unbedingt an den Zufall glauben mag, der mag es für einen solchen halten, daß zeitgleich mit der ideologischen Aufrüstung der deutschen Nation durch die Walser, Finkelstein und Sloterdijk ein Boom des “Holocaust-Revisionismus” die arabischen Gesellschaften erfaßt. Daß Ende März in Beirut ein großes Meeting der Antizionisten stattfindet, daß die Anti-Defamation League am laufenden Meter Grund genug findet, das offizielle Verlautbarungsorgan von Arafats palästinensischer Autonomiebehörde des unverhohlenen Antisemitismus zu bezichtigen, daß der ehemalige Stalinist Roger Garaudy, Autor eines revisionistischen Pamphlets, das nicht ansteht, die Behauptung auszustreuen, eigentlich hätten die Juden Hitler erfunden, sich in der arabischen Welt allerhöchsten Ansehens erfreut, daß schließlich arabische Nationalisten jedweder Facon darin übereinstimmen, sie hätten – als Araber! – mit der Massenvernichtung überhaupt gar nichts zu tun – diese schleichende Faschisierung der arabischen Welt, die sich politisch u.a. in der neuesten Intifada Luft schafft, findet im genauen Einklang mit den weltpolitischen Ambitionen einer deutschen Nation statt, die nach Mitteln und Wegen sucht, ihren nächsten “Griff nach der Weltmacht” (Fritz Fischer) vorzubereiten. Es versteht sich, daß es dabei nur zur Aktualisierung und Bekräftigung der historischen Bündnisse kommen kann, zur Aktualisierung eben jener strategischen Koalitionen, die die Nazis schlössen. Schon der Anführer der ersten Intifada von 1936, der Großmufti von Jerusalem Haj Amin al-Husseini, hatte im Kosovo eine muslimische SS-Division aufgestellt und es im übrigen sein Leben lang nicht verwunden, daß Rommel vor el-Alamein von den Alliierten geschlagen wurde, schon al-Ghalani, der Anführer eines pronazistischen Aufstands im Irak von 1940, wird es bedauert haben, nicht zum Saddam Hussein der Gegenwart werden zu dürfen – es versteht sich, daß ihren Erben jede Politik recht ist, die ihren Judenhaß bedient. Während das offizielle Deutschland den palästinensischen Proto-Staat alimentiert, gefällt sich eine seltsame Mixtur aus den Überlebseln der Friedensbewegung und der radikalautonomen Linken darin, alle Seiten salomonisch zum Gewaltverzicht aufzufordern. Während die Vernichtung Israels angedroht wird, geben die Linken wie immer das Gewissen der Nation. – Es spricht Joachim Bruhn (Freiburg), Co-Autor des im letzten Jahr von der Initiative Sozialistisches Forum im ça ira-Verlag veröffentlichten Buches Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten. Über Israel und die linksdeutsche Ideologie.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 24. Januar

Kriegsverbrechen

Die tödlichen Lügen der Bundesregierung und ihre Opfer im Kosovo-Konflikt

“Noch nie haben so wenige so viele so gründlich belegen wie im Zusammenhang mit dem Kosovo-Krieg”, sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete Willy Wimmer. “Dafür sind Menschen gestorben.” Keine Lüge war zu grotesk, das Schlachten in Gang zu bringen und am Laufen zu halten: Milosevic als Hitler, ein KZ in Pristina, Auschwitz auf dem Amselfeld. Während Nato und CNN sich wenigstens die Mühe machten, Video-Aufnahmen zu fälschen, beeindruckte der deutsche Verteidigungsminister durch nackte Wortgewalt: Scharpings Serben, die mit abgeschnittenen Albanerköpfen Fußballspielen und Föten grillen, werden in die Geschichte der Psychopathologie eingehen. Schließlich Wunder von biblischer Dimension: Massakrierte albanische Intellektuelle, die post mortem Pressekonferenzen in westlichen Hauptstädten geben; Geisterzüge, die plötzlich auf wenig befahrenen Brücken erscheinen und sich in Nato-Raketen bohren; Massengräber, die so leer sind wie jenes von Jesus nach der Himmelfahrt. – Das Ergebnis des Krieges: Pristina ist judenfrei, die Volksfremden sind vertrieben, auf den Straßen wütet der Mob, die UCK-Geheimpolizei ist überall, die wenigen Überlebenden zittern in Ghettos um ihr Leben. Allerdings: Jetzt spricht niemand von “humanitärer Katastrophe”, “ethnischer Säuberung” und “Völkermord”. Kein Wunder: Die Blamage des letzten würde die Vorbereitung des nächsten Krieges erschweren. – Es spricht Jürgen Elsässer (Hamburg), Redakteur bei “Konkret” und Autor u.a. von Kriegsverbrechen. Die tödlichen Lügen der Bundesregierung und ihre Opfer im Kosovo-Konflikt (Hamburg, konkret-Verlag 2000).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 8.Mai

Entnazifizierung des Faschismus

Mit der Staats-AntiFa des letzten Sommers ist ein Punkt erreicht, an dem, im Gegensatz zu früher, alle Fraktionen des Staatspersonals anerkannt haben, daß direkt-demokratisches Engagement seiner Bürger, weit davon entfernt, eine Gefährdung seines Bestandes darzustellen, vielmehr ein Ferment seines Funktionierens sein kann. Initiativen, Selbsthilfegruppen und andere Vereinigungen bis hin zur Antifa, die ohne jemals die Machtfrage zu stellen, unterhalb der unmittelbar staatlichen Ebene einen gesellschaftlichen Konsens organisieren, sind “bürgernahe, betroffenenorientierte Unterabteilungen” (Johannes Agnoli) der Staatsbürokratie. Dadurch vergrößert sich gerade der “schlanke Staat”, der sich seiner Garantieversprechen und seines etatistischen Regulierungsmodus begibt, die Reichweite seines Handelns enorm: der Staat, das System des formierten Pluralismus, erweitert sich gerade durch seine Schrumpfung. Und die Linke? Wo sie nicht vor lauter Entzücken darüber, als Teil des nationalen Diskurses anerkannt zu werden, ihr politisches Kapital gewinnbringend anlegt, da verfällt sie entweder auf ihren notorischen Demokratie-Idealismus oder stimmt ihr sattsam bekanntes Faschisierungsgeschwätz an. Dagegen soll gezeigt werden, daß die direkte Demokratie, von der die Linke immer geträumt hat, tatsächlich ein einziger Alptraum ist. – Es spricht Clemens Nachtmann (Berlin), Redakteur der Zeitschrift Bahamas und Mitherausgeber des Buches Kritik der Politik. Johannes Agnoli zum 75. Geburtstag (ça ira-Verlag).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 22.Mai

Linke Deutsche – die besseren Juden

Über die linke Antisemitismusbeschäftigung als Teil nationaler Wiedergutwerdung

Soll keiner sagen, daß die Linke sich nicht mit dem Antisemitismus beschäftigen würde; es fragt sich nur, wie. Als im November 1989 Ingrid Strobls Buch Sag nie, du gehst den letzten Weg erschien, wurde das eigene Ideal autonomen und kämpferischen Verhaltens noch ungehemmt auf die Aufständischen des Warschauer Ghettos projiziert – galt es doch, sich rechtzeitig zum Mauerfall noch einmal eines diffus widerständigen Gefühls zu versichern. Gut zehn Jahre später sind auch die Linken klüger geworden: Im Szene-Bestseller Wir sind die Guten wird der Abschied von solcherlei projektiver Diffusion auf das Gefühligste inszeniert, um beim umstandslosen Bekenntnis zur deutschen Schicksalsgemeinschaft zu landen. Projektionsfläche bleiben die Juden gleichwohl. Daß das Sich-Ein-richten im neuen Deutschland auch außenpolitisch Sensibilität erfordert und daß die Menschenrechte unteilbar sind, hat man gelernt. So gestehen immer häufiger sogar Linke den Juden ein nationales Existenzrecht zu, aber nie erfolgt dies Zugeständnis ohne Vorbehalt. Nur wer sich nicht “einseitig” mit Israel solidarisch erklärt und sich auch um Verständnis für arabische Antisemiten bemüht, wird schließlich beim Einmarsch der UN street credibility besitzen und als wirklich Guter für die Nation von Nutzen sein. – Es spricht Tina Heinz, Redaktion Bahamas (Berlin).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 5.Juni

“Niemand hat je so verdreht gedacht wie wir”

Samuel Beckett und die Absurdität totaler Vergesellschaftung

Becketts groteske Charaktere, die im Grunde gar keine mehr sind, sind wegen ihrer schwer verdaulichen Schockwirkung berüchtigt. Sei es durch parodistische Bilderstürmerei oder penetrante Monotonie – immer treffen sie einen Nerv. Besonders heftige Reaktionen folgten aufsein 1957 vollendetes Endspiel; die Hetze führte oft zur sofortigen Absetzung des Stücks oder zur Zensur brisanter Stellen. Der Mainstream der Beckett-Interpretation erklärte sich dies damit, daß Beckett das Publikum mit seiner “Geworfenheit” in ein “sinnverlassenes Dasein” konfrontiere. Adorno polemisierte gegen diese Auslegung, aber entlarvte sie als notwendig falsches Bewußtsein: “Beckett stellt die Existenzphilosophie vom Kopf auf die Füße.” Es soll gezeigt werden, wie er das tut, warum seine absurde und verzerrte Welt die des Spätkapitalismus ist und wie sich eine Linke in deren Logik verstricken wird, die sich in der Situation Hamms befindet: “Und doch zögere ich noch zu ... enden.” – Es spricht Michael Holmes, Antideutsche Kommunistinnen Berlin.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 19.Juni

Zur Kritik der politischen Ökonomie des Euro

Höchste Zeit, die europäische Währung durch die Brille der Kritik der politischen Ökonomie zu betrachten

“Es ist, als ob man die Gesellschaft mit sich in der Jackentasche herumtragen könnte”, schrieb Marx in den Grundrissen über das Geld in der Funktion des Zirkulationsmittels. Welche Gesellschaft wird man mit dem Euro mit sich herumtragen? Wie wird der Euro von der aktuellen ökonomischen Wissenschaft erklärt? Was macht ihn überhaupt zur weltweit anerkannten Währung? Die Stärke der Kritik der politischen Ökonomie gegenüber der bürgerlichen Ökonomie liegt insbesondere in ihrem kritischen Verständnis des Geldes. Das Geld als soziales Verhältnis zu begreifen, ist Voraussetzung eines kritischen Begriffs aktueller Geldverhältnisse, also auch des Euro. – Es spricht Nadja Rakowitz (Frankfurt), Autorin u.a. des im letzten Jahr bei ça ira erschienenen Buches Einfache Warenproduktion. Ideologie und Utopie.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Samstag, 30.Juni

Antifaschistischer Stadtrundgang

Die Route führt vom Regierungspräsidium (ehemals NS-Polizeipräsidium) über das ehemalige jüdische Viertel (Wasserstraße) zur Universität (Vorreiterrolle der Freiburger Universität für die nationalsozialistische Gleichschaltung der deutschen Universitäten), dann weiter zum Hauptbahnhof (Deportation) und endet um 17 Uhr am Platz der alten Synagoge. – Es führt und kommentiert G. Schlesiger.

Treffpunkt um 15.30 Uhr vor dem Regierungspräsidium, Kaiser-Joseph-Straße.

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Dienstag, 3.Juli

“Daß der Bann sich löse”

Annäherungen an Adornos Marx-Rezeption

Unlängst schien es attraktiv, Marx über Derrida zu rezipieren und sich damit auf der Höhe der Zeit zu wähnen. Inwiefern dessen Programm einer Kritik mittels Affirmation sich entschlüsseln läßt als Affirmation unter dem Deckmantel der Kritik, darüber wird gestritten. “Kritik” ist inzwischen zu einem fast nicht mehr brauchbaren Allerweltswort heruntergekommen. Daß sie einmal eine kopernikanische Wende in der Welterkenntnis einzuleiten, daß sie weiterentwickelt, mehr als die Erkenntnis zu revolutionieren beanspruchte, sogar das epigonale Gerede darüber schwindet zusehends. Indiz hierfür sind Versuche, Denker, die den Begriff Kritik noch ernsthaft auf ihre Fahnen geschrieben hatten, poststrukturalistisch zu vereinnahmen.

Der Name “Kritische Theorie” war als Deckbegriff gewählt. Der Rekurs auf Hegel und Marx, den man damit meinte, sollte für die “scientific community” nicht zu deutlich ans Licht treten. Dieses wirkliche oder vermeintliche Verbergenmüssen ließ auch die Problematik der Rezeption im Dunkeln. Daß Kritik philosophisch geblieben, wird beklagt – unter Rekurs auf Marx als “Verächter der Erkenntnistheorie”.

Vor diesem Hintergrund scheint es geboten, sich dem Verhältnis Adornos zu Marx zuzuwenden. Es gilt den Zusammenhang zwischen Adornos zeitdiagnostischen Bemühungen und der Perspektive seines Ruckgriffs auf Marx näher in den Blick zu nehmen. Aufzuklären ist, wie sich seine berechtigte Skepsis gegenüber zeitgenössischen Marxismen mit seiner Apologie eines “historischen Materialismus” verträgt. Zu diskutieren ist, inwiefern Kritik hier scheitert und woran. Warum also nochmals eine “Kritik der Kritischen Kritik” unternehmen? “Auf ein Neues!”, lautet die Antwort und “Die Mühe lohnt!” – Es spricht Kornelia Hafner (Frankfurt).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Freitag, 6.Juli

68 und die Folgen

Wir sind die, die unsere Eltern sich immer gewünscht haben

Die Achtundsechziger leben noch heute, wo sie mit aller Gewalt dafür sind, davon, einmal und mit ein bißchen Gewalt dagegen gewesen zu sein. Ihre Besserung ist einer der Beweise, daß die Welt und insbesondere die deutsche zum Besseren sich gewendet haben. “Es ist doch eine Freude, heute mit Daniel Cohn-Bendit zu sprechen, mit Christian Semmler oder Antje Vollmer”, sagt der frühere Regierungs- und heutige Fernsehbeauftragte für die Moral der deutschen Geschichte, der Pfarrer Gauck. Im vaterländischen Himmel ist mehr Freude über einen reuigen Rebellen als über tausend christliche Pfadfinder. Die Achtundsechziger, die einmal sein wollten, vor denen ihre Eltern sie immer gewarnt hatten, sind die geworden, auf die ihre Eltern stolz sein können. Sie machen sich doppelt verdient, wenn sie alle Mittel, die sie zu dem guten Zweck, Deutschland zu modernisieren, angewandt haben, täglich dreimal bereuen, ja kriminalisieren, auf daß die Castor-Transporte, die der emeritierte Genösse vom KB genehmigt, nicht so langwierig und teuer werden. Und wenn sie das Renommieren mit der Zeit, als sie noch Kerle waren, der Außenminister, der “kräftig hingelangt” hat, wenn ihm ein Bulle in den Weg kam, oder der Kanzler, der vordem “die Revolution gewollt” hat, “die ich heute verhindern muß”, auf Herrenabende im Kreis von Redakteuren des “Spiegel” oder sozialdemokratische Bürgermeister zu beschränken. Sind sie nicht zu und zu drollig, diese früh vergreisten Lausbuben, die sich selber die Ohren langziehen? Ein bißchen eklig auch. Laßt es uns – wie seit dreißig Jahren so auch in Zukunft – lieber mit Leuten halten, die beim Anstehen nach einem Dienstwagen etwas weniger Lärm machen und im heißesten Häuserkampf nicht vergessen, daß das Endziel aller Autonomie die Eigentumswohnung ist. – Es spricht Hermann L. Gremliza (Hamburg), Herausgeber der Zeitschrift konkret und Autor u.a. von Gegen Deutschland. 48 Nestbeschmutzungen (Konkret Literatur Verlag).

Um 20 Uhr in der KTS, Baslerstr. 103. In Zusammenarbeit mit dem Antifa-Referat der Uni Freiburg. Anschließend: ça ira! Die ultimative Party.

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Programmtext:
Revolution und Vaterland Ein Nachruf auf die “68”