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Initiative Sozialistisches Forum

Revolution und Vaterland

Ein Nachruf auf die “68er”

Ein Karrierist ist jemand, der im Prinzip auf alle Erkenntnis pfeift, der das, was er an Thesen und Hypothesen absondert, in eine Form gießt, die ihm sein Fortkommen sichert und seine Anschlußfähigkeit ans gesellschaftlich Allgemeine,. Doch manchmal kann auch der Karrierist nicht umhin, einen hellen Moment zu haben. Zwar bleibt die Wahrheit in Form und Inhalt verfremdet und wird prompt unter den Teppich gekehrt – denn sonst träte der Karriereeinbruch unmittelbar ein.. Doch immerhin: manchmal blitzt auch im Hirn des Karrieristen einen kurzen Moment lang Erkenntnis auf. So erging es Jürgen Trittin, als er seinem Widersacher Laurenz Meyer von der CDU mit dem Bonmot ärgern wollte, er habe nicht nur das Aussehen eines Skinheads, sondern auch dessen Mentalität. Zwar merkte er gleich, daß er sich zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte und entschuldigte sich auf der Stelle. Doch damit deckte der grüne Minister auf, warum und wofür er das wurde, was er heute ist.

Was Trittin kritisierte – eben den Satz Meyers: “Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein!” –, drückt genau und allgemeinverständlich den Wahnsinn aus, den es macht, Deutscher nicht nur qua Personalausweis sein zu müssen, sondern diesen Zwang noch subjektiv gutzuheißen. Ganz bewußt wird mit diesem Satz dem durch Deutschland seit den sogenannten “Befreiungskriegen” gegen Napoleon praktizierten Wahnsinn nicht nur Sinn verliehen, sondern es wird auch öffentlich der Eid geleistet, diese Vergangenheit als eine Aufgabe zu betrachten, das heißt sich für ihre im Tausendjährigen Reich gescheiterte Vollendung zu engagieren. Was Trittin dazu brachte sich zu entschuldigen, war die Einsicht, daß er objektiv längst in genau der deutschen Tradition steht, die er unachtsam verunglimpft hatte. Meyer hat das Verhalten Trittins damit gewertet, daß dieser längst schon stolz auf dieses Land ist, denn: Könnte man sonst ein Minister in Deutschland werden? Wer einsieht, daß der, der einem die Karriere verbauen kann, auch noch in der Sache recht hat, dem empfiehlt sich der geordnete Rückzug.

So geht es nun schon seit Monaten: Wie dem Hasen in der Geschichte mit dem Igel geht es den Galionsfiguren der Grünen mit den Damen und Herren von der CDU: Was immer die Grünen machen, sie kommen in immer denselben Rechtfertigungsdruck. Amüsiert schaut die Nation zu, mit welch schlechtem Gewissen die Grünen agieren, sobald sie mit ihrer Geschichte konfrontiert werden. Dachte doch jeder, das Kapitel “68” hätte sich längst erledigt. Was ist es bloß, das dieses Datum in Deutschland noch heute so wirkungsmächtig sein läßt?

Die “Jugend der Welt” einte damals ein einziges Wörtchen, das hieß: Revolution. Selbstredend verstand jeder etwas anderes darunter – doch “die Revolution” versetzte das Establishment in Angst und Schrecken; eine Situation, die jeden postmodernen Nominalisten vor Neid erblassen lassen müßte.

Die Amerikaner verstanden unter diesem Wort, was Revolution ihnen immer schon bedeutete: die Veränderung individueller Einstellungen und Haltungen zu Gender, Rassismus, Vietnamkrieg etc. pp., die Umwertung aller Werte – damit das Alte, der Kapitalismus, auch weiterhin funktioniere. Die Briten hatten gar kein ’68: bei ihnen fand der Aufruhr schon Anfang der ’60er statt, als einige Vorstadt-Rowdies laute, unbritische Musik machten, sich wild und unbritisch kleideten und frisierten: der Adel war empört – aber arrangierte sich schließlich, weil man selbst trotzdem noch Gentleman bleiben konnte. Die Franzosen verstanden unter der Revolution vom Prinzip her ebenfalls das, was bei ihnen immer bedeutet hatte: der Ausbruch längst angelegter Entwicklungen auf der Straße – auf daß man danach in Ruhe das Neue in allen ausgefeilten gemeinsam Schattierungen genießen konnte. Deshalb spricht man in Frankreich auch nicht allgemein von ’68, sondern immer vom “Mai 68”.

Und in Deutschland? Dort trat man den “langen Marsch durch die Institutionen” an, den Rudi Dutschke ausgerufen hatte. Zu welch anderem Zwecke als dem, die 1945 wieder gescheiterte deutsche Revolution zu vollenden? Was mit dem 8. Mai 1945 besiegelt schien – das endgültige Scheitern der unvollendet gebliebenen Revolutionen der ewig zu spät gekommenen deutschen Nation – stand ’68 wieder auf der Tagesordnung: Die Einfühlung in ihre Geschichte, was nichts anderes heißen kann als die Erneuerung der Vergemeinschaftung zum Volk. “Völker aller Länder, vereinigt euch!”

Daraus erklärt sich, warum im Deutschland von ’68 ein “Revolutionär” sein mußte, wer sich auf die Karriere vorbereiten wollte. Im Unterschied zu den feinen Unterschieden von heute, da man sich in Uni-Seminaren in die Phraseologie der Postmoderne einzufühlen hat, liegt in der Logik des revolutionären Jargons ein diffiziles praktisches Problem. Es heißt: Wie hältst Du es mit dem Gewaltmonopol? Damit hatten die deutschen Revolutionäre immer ihre Schwierigkeiten, und der Revolutionär, der einen Bahnhof besetzen möchte, kauft sich natürlich vorher eine Bahnsteigkarte. Daran, wie die Fraktionen von damals die Frage nach der revolutionären Gewalt zu beantworten versuchten, lassen sie sich unterscheiden – und diese Fraktionierungen waren natürlich vor allem eins: typisch deutsch.

Von rechts nach links: Es gab ein ganz kleines, sich etwa im RCDS organisierendes Häuflein von Revolutionären (zum Beispiel Matthias Wissmann), und ein größeres, bei den Jusos organisiertes (zum Beispiel Gerhard Schröder), und ein mittleres, sich im übrigen reichlich linksradikal gebärdendes bei den Jungliberalen (zum Beispiel Walter Döring), für die die Revolution nur möglich war, wenn man das Gewaltmonopol des Staates gar nicht erst antastete. Die rhetorischen Purzelbäume, die das mit sich brachte, waren phänomenal – aber niemand hat gelacht. Sie hielten sich selbst für “undogmatisch” und wurden von links als Revisionisten beschimpft, also ernst genommen. Und auch unterm Gesichtspunkt der Karriere betrachtet, wurden sie seitens der “Außerparlamentarischen Linken” (ApO) ernst genommen: Zum einen wegen der direkten, wenn auch zeitweise spannungsreichen Anbindung dieser Studentenvereinigungen an die Mutterparteien. Zum anderen: Weil bei ihnen die Anzahl der Mitglieder im Vergleich zu den anderen Fraktionen verschwindend gering war, gab es weniger Konkurrenten um die heiß begehrten Posten in den parlamentarischen Parteien.

Dann gab es die große, alle anderen Fraktionen in ihren Bann ziehende Fraktion derjenigen, die sich unter einer “deutschen Revolution” die Ablösung des alten durch einen neuen Staat vorstellten – wie Lenin und Trotzki das im Rußland von 1917 vorgemacht hatten. Die Lösung der Frage nach der revolutionären Gewalt war entsprechend: Bis dieser revolutionäre Umschlag stattfindet, überbietet man die amtierenden Staatsdiener in Verfassungstreue: “Kampf dem Berufsverbot!” Diese Leute haben es bis heute nicht verwunden, geschweige denn: verstanden, daß ihnen der Staat ihre Ergebenheit nicht recht abnehmen wollte. Und nur wenige, eher die, die damals als Trotzkisten fast schon zur radikallinken Fraktion zählten wie Winfried Wolf (MdB der Partei des demokratischen Stalinismus), haben im Ansatz Karriere gemacht. Wie man nach dem Fall der Mauer sehen konnte, war dieser peinliche Eiertanz, den sozialistischen Staat à la Sowjetunion zum Programm zu erheben, um dann in Deutschland die Ideale des bürgerlichen Staates zu verwirklichen, augenfällig einfach zu undeutsch, als daß das der Karriere hätte dienlich sein können. Sie konnten nur im Schatten jener Fraktion, die mittlerweile in den Grünen aufgegangen ist, ein bescheidenes Obdach finden.

Ganz links, bei der stärksten Fraktion der Revolutionäre angelangt, tummelte sich von den Anarchisten über die Spaßguerilla bis hin zum “Revolutionären Kampf” der Fischer und Cohn-Bendits alles mögliche, das sich doch in einem unbedingt einig war: die Revolution ließe nur im Hier und Jetzt zu verwirklichen. Wenn die Abschaffung des Eigentums gesamtgesellschaftlich nicht sofort zu verwirklichen war, löste man das Problem mit den Mitteln, die unmittelbar zur Verfügung standen: man besetzte leerstehende Häuser. Der Konflikt mit dem Gewaltmonopolisten wurde ebenso pragmatisch geregelt: man vertraute auf das Recht des Stärkeren. Und wenn, wie man trotz einiger Anfangserfolge bald erfahren mußte, der Staat der Stärkere war, dann wurde verhandelt. Und wie es so kam, erinnerte sich dieser deutsche Staat seiner eigenen Geschichte seit der ursprünglichen Akkumulation und brachte einiges Verständnis für die Revolutionäre auf – woraus sich zwanglos erklärt, warum diese Verhandlungen oft erfolgreich waren und die Besetzer zu Besitzern wurden. Selbstverständlich haben nicht alle Spontis solche Karrieren gemacht; es sind viele dabei auf der Strecke geblieben. Aber hier war das ideale Tummelfeld für hoffnungsvolle junge Leute wie Fischer, um sich die Sporen zu verdienen, Kampferfahrungen zu sammeln, eine gewisse Gewandtheit des Auftretens zu erwerben und dazu die Gleichgültigkeit gegen jeden vernünftigen Gedanken, die man braucht, um wirklich Karriere zu machen.

Nur ein ganz kleiner Haufen nahm die Sache mit der revolutionären Gewalt ernst und allzu ernst, was, da sie ja die Kinder aller anderen Fraktionen waren und da ja sie deren theoretische Konstrukte zu einem fast grandiosen Eklektizismus vereinheitlichten, schiefgehen mußte. Und doch haben sie, etwa in Gestalt der RAF, in all ihrer theoretischen Konfusion und damit selbstredend auch praktischen Konvulsion, doch eine Art. Vorschein auf die einzig mögliche Lösung des Dilemmas aus Revolution und Gewalt geliefert.

Es ist mehr als eine Ironie der Geschichte, sondern entspricht der Logik der deutschen Politik (im Westen wäre diese Diskussion undenkbar), daß vor kurzem gerade der Nachruf auf Buback und damit das Ereignis der späten 70er, das noch dem bewaffneten Vorschein wirklich revolutionärer Gewalt den letzten Rest Vernunft austrieb, Furore machte und der CDU Vorwand genug war, die Grünen für “68” an der Pranger zu stellen. Dieser sogenannte “Buback-Nachruf”, die larmoyante Schreibe des Göttinger “Mescalero”, war nichts anderes als der Versuch, die Frage nach der revolutionären Gewalt auf die Gleise der deutschen Ideologie einzuspuren. Die “klammheimliche Freude” des Mescalero – nichts anderes als die von jedem Laienpsychologen verlangte Konfrontation mit sich selbst und seinen Gefühlen, um von dort zur Realität zurückzufinden. Die Frage danach, ob der Zweck die Mittel heilige – jeder Pauker nervt seine Schüler damit. Auf die sich geradezu anbietende und einmalige Chance, die rebellisch sich gerierenden Bürger nicht nur zur Rechenschaft zu ziehen, sondern sie Staatstreue auch in aller Öffentlichkeit beteuern zu lassen, verzichtete man natürlich nicht. Die staatstragenden Denunziation der “klammheimlichen Freude” über das vorzeitige Ableben einer Charaktermaske der Ausbeutung machte aus dem “Nachruf” das Gegenteil dessen, was er war, und machte aus einer Absage an die revolutionäre Gewalt einen Aufruf zu ihr. Keine Veranstaltung der Linken fand danach noch statt, in der die Redner nicht Sätze sagten wie: “Vom Prinzip her muß man natürlich sagen: so wie bei dem Mescalero geht das natürlich nicht. ... Aber da steht doch. ...” Natürlich wehrten diese Bürger sich gegen die Demütigung, die der Staat mit seiner penetranten Forderung nach Distanzierung bezweckte. Aber sie verwahrten sich eben nur gegen die Kränkung. So bekam der Staat die Bürger, die er braucht: selbstbewußte, ihr subjektives Interesse vertretende, dem Gemeinwohl dienende Individuen.

Doch es bleibt immer etwas hängen – etwas, was jeder Deutsche zutiefst verachtet. Denn eine Tatsache ist es doch: Einmal, wenn auch vor langer Zeit, haben die “68er” im Namen anderer Ideale gesprochen als im Auftrag des einzigen Ideals, das der Deutsche kennt: Deutschland. Bis heute wird die SPD ihren Ruf nicht los, eigentlich eine Vereinigung von Vaterlandsverrätern zu sein: Einmal hat sie etwas so Undeutsches wie Internationalismus verfochten, und war es auch nur verbal. Ein guter Deutscher verzeiht jeden Verrat und jede Heuchelei, sogar revolutionäres Gehabe (kommt er nur so daher wie bei Ernst Jünger und Adolf Hitler) – aber nur, wenn sie im Namen des deutschen Volkes begangen werden. Die Grünen ihrerseits haben alles verraten, was man an “68” nur verraten konnte, sie haben jede Heuchelei begangen, die möglich war, sie haben keine Gemeinheit verabscheut, die ihrer Karriere im neuen Deutschland von Vorteil war – und trotzdem eint sie mit der SPD, daß sie dem nicht vergehenden Verdacht nicht entrinnen können, das alles nicht von Anfang an im Namen des einzigen Zweckes getan zu haben, der den Deutschen der Selbstzweck ist: Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun.

Da können sie noch so tatkräftig beweisen, von jetzt an nichts als Deutsche sein zu wollen – die Glaubwürdigkeit ist dahin, selbst wenn man das tut, was die alte Bundesregierung sich nicht traute: Bundeswehr ins Kosovo. Man scheint doch, wie jetzt in Mazedonien, so nahe an der Urszene zu sein: Oberst Joseph Fischer, unter Beschuß, im Feldlager inmitten seiner Soldaten – spielt es da wirklich eine Rolle, daß der Beschuß von eben der UCK ausgeht, die er großgezogen hat? Trotzdem bleibt der Vorwurf, den Grünen mangelte es an Rückgrat, an bedingslosem Fanatismus. Die alte Leier vom Vaterlandsverrat wird immer wieder aufs Neue in Betrieb gesetzt, bis man die Grünen als nützliche Idioten abstrafen kann – so, wie nach dem 30. Januar 1933 die SPD und KPD. Auch die konnten noch so sehr beteuern, immer nur das Wohl der Nation verfolgt zu haben, und sie hatten es in der Tat. Aber als die “Vaterlandsverräter”, die sie von Staats wegen zu sein hatten, boten sie nicht die jederzeitige Gewähr dafür, in Treue fest zur Praxis der deutschen Selbstverwirklichung zu stehen, die eben nur darin bestehen kann, ihren Antagonisten: die Juden zu vernichten. Deutschlands Auftrag ist der Untergang. Alle gegenwärtigen Beteuerungen, auf Deutschlands Kultur etc. stolz zu sein, reichen nicht hin. Nur der eine Satz: “Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein” deckt den Wechsel auf die Zukunft.

Bereitwillig bekunden diese “Verräter” an “68” ihre Bereitschaft, dem Verlangen nachzugeben, ihr Verhältnis zur Gewalt im allgemeinen zu klären und ihre eigene frühere Gewaltbereitschaft im besonderen schonungslos zu denunzieren. Ersteres läuft auf das bedingungslose Bekenntnis zum Gewaltmonopol des Staates hinaus, letzteres auf ein “mea culpa, mea maxima culpa” derart, daß im Rahmen der Totalitarismustheorie zugestanden wird, daß, wer im Namen der Weltrevolution spricht, nichts als Leichen im Keller hat. Im “Jahrhundert der Lager”, das die linksalternativen “Blätter des Informationszentrums Dritte Welt” jüngst ausgerufen haben, sind alle Katzen grau. Der Gulag und die Shoah, beides wird so als Ausdruck eines an sich undeutschen Geistes, der sich zeitweise des Namens Deutschlands bemächtigt habe, begriffen. Und so ist man als Deutscher im Prinzip fein raus: Schuld sind immer die anderen – selbst und gerade da, wo nichts als die Vernichtung das Ziel Deutschlands war und ist.

Auch in: Initiative Sozialistisches Forum, Flugschriften S. 146-153

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