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Jour Fixe Programm Herbst/Winter 2003/2004

Dienstag, 21. Oktober

Einheit des Vielen ohne Zwang

Der Kommunismus Theodor W. Adornos

Die Aufhebung der Philosophie war gescheitert: erst hatte die Arbeiterklasse im November 1918 den Sozialismus verraten, dann hatten Proletarier und Bourgeois im Januar 1933 gemeinsam die Demokratie verraten, schließlich hatte die akademische Fraktion des Kleinbürgertums im Mai 1968 auch noch das Erbe der Aufklärung überhaupt verraten. Die Kritische Theorie in der Fassung der “Negativen Dialektik” ist in einem die Reflexion dieses epochalen Debakels wie zugleich die Insistenz auf Wahrheit, auf Wahrheit über die negative Totalität der kapitalisierten Gesellschaft, auf Wahrheit gegen jeden Relativismus der Erkenntnis wie gegen jeden Pragmatismus des Handelns. Philosophie, die fortlebt, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt wurde, ist dadurch als materialistische bestimmt, daß sie in die paradoxe Konstellation von Kritik als Philosophie sich stellt. Versteht sich, daß dies den konzentrierten Haß der Linken, der Soziologen, der bürgerlichen Öffentlichkeit auf sich zog. Adorno hat umsonst gelebt: darin faßt sich das Urteil der deutschen Ideologie und insbesondere der Agenten des “Jargons der Eigentlichkeit”, der Heideggerianer und Foucaultianer und Habermasianer zusammen. Zielte schon die durchaus antisemitisch motivierte Verdrängung der Kritischen Theorie aus dem Kollektiv darauf, zur Wohlfahrt des Deutschtum beizutragen, so diente das Lob des Universalgenies dazu, die akademische Zerstückelung der Kritischen Theorie einzuleiten. Adorno wurde der gleichen Behandlung unterzogen wie Marx; man paßte ihn ins System der bürgerlichen Einzelwissenschaften ein und gewann so die neue Unschuld verdinglichten Denkens: Theorie statt Kritik. Damit diese Operation an Adorno gelingen konnte, mußte man ihm dasselbe amputieren wie schon Marx – die Unbedingtheit des Kommunismus, den Marx nicht aus Adam Smith, nicht aus Hegel gewann, sondern aus dem utopischen Arbeiterkommunismus des Naturrechts, dem Dézamys und Weitlings, den “kategorischen Imperativ”, der keiner Vermittlung fähig ist, das heißt die unmittelbare Evidenz der Vernunft. Die “freie Assoziation” als Antagonist falscher und verkehrter Synthesis durchs Kapital, eben: die Einheit des Vielen ohne Zwang – darin besteht der Kommunismus als das Movens der Kritischen Theorie. – Es spricht Joachim Bruhn (Freiburg).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 4. November

Jörg Haider und die Transformation des Postnazismus

Die Transformation der postnazistischen Demokratie führt zur endgültigen Verinnerlichung und Subjektivierung von Zwang und Herrschaft, von Ausgrenzungswille und Ausgrenzungserduldung. Ist diese Verinnerlichung vollzogen, so ist die adäquate faschistische Herrschaftsform die direkte Demokratie. Die Subjekte agieren im demokratischen Faschismus als Ministaaten, die gemeinsam eine populistische, also antisemitische und rassistische Bewegung konstituieren, die weiß, was richtig ist und daher auch dem Gesamtstaat dreinreden kann, wenn dieser beginnt, gegen das gesunde Volksempfinden zu agieren. Der ideale, wenn auch nicht einzig mögliche Führer solch einer Bewegung ist Jörg Haider. Der FPÖ-Chef verkörpert die Verbindung der individuellen Ministaaten mit dem zu verschlankenden Gesamtstaat und agiert ähnlich wie die rot-grünen Karrieristen als Repräsentant einer demokratischen Volksgemeinschaft, die auf die Wiederherstellung der Unmittelbarkeit von Herrschaft abzielt. – Es spricht Stephan Grigat (Café Critique, Wien), Herausgeber des gerade bei ca ira erschienenen Buches “Transformation des Postnazismus. Der deutsch-österreichische Weg zum demokratischen Faschismus”.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 18. November

Warum die Kritische Theorie materialistisch ist

Alfred Sohn-Rethels Einfluß auf das Denken Theodor W. Adornos

Mit seiner von Walter Benjamin für verrückt erklärten Auffassung, die Münzform des Geldes sei der empirisch-konkrete Ausdruck der reinen Vernunft, traf Alfred Sohn-Rethel in der Kritischen Theorie wohl nur bei Adorno auf wohlwollendes Verständnis, ein Verständnis allerdings, das, ungeachtet aller prinzipiellen, bis zur Begeisterung reichenden Übereinstimmung, nicht frei von Skepsis blieb. "Es wäre großartig, wenn er recht hätte", meinte Adorno und gab damit seiner Sympathie Ausdruck, aber auch seinem Vorbehalt. Was aber, wenn Sohn-Rethel im Kern, von aller Unzulänglichkeit der Ausführung im einzelnen abgesehen, eine Erkenntniskritik vorgelegt hat, die Adornos Denken den entscheidenden materialistischen Drall geben könnte? Zu fragen ist, ob Sohn-Rethels Erkenntniskritik es erlaubt, das Denken Adornos derart zu vervollständigen, daß nicht nur bestimmt werden kann, was die negative Dialektik des Kapitals gesellschaftlich (und historisch) in ihrer Mannigfaltigkeit synthetisiert (das gelingt Adorno weitaus besser als Sohn-Rethel), daß weiterhin nicht nur diese Synthesis vom Hegelschen Geist gelöst werden kann, ohne bei noch weitaus dürftigeren Abstraktionen zu landen (Arbeit, Sprache, Macht, Wissen etc., was Adorno selbstredend nicht passiert), sondern daß vielmehr dieser Geist als solcher, über die von Adorno dargestellte Dialektik hinaus, (auch) profan, d.h. als gegenständlich materialisiert verstanden werden kann. Gesetzt den Fall, Sohn-Rethel sei der Nachweis gelungen, daß Geist (auch) in empirisch handgreiflicher Form (außerhalb der konkreten Leiblichkeit des Menschen) existiert – als Geld nämlich –, dann ergeben sich daraus Konsequenzen, die alles Denken in ein ganz neues, jedem Positivismus rundum unverträgliches Licht tauchen: Nicht Sohn-Rethel wäre für verrückt zu erklären, sondern die kapitalistisch synthetisierte Gesellschaft. Diesen Grundgedanken aufnehmend gilt es, sich der Negativen Dialektik erneut zuzuwenden. Man wird sehen, wie sich die Wahrheit eines Werkes, das gemeinhin als äußerst schwierig gilt, jedem umstandslos erschließt, dem es tatsächlich um die Abschaffung von Ausbeutung und Herrschaft (und der damit verbundenen Trennung von Hand und Kopf) zu tun ist, und wie die Lektüre zu einem Vergnügen wird, das jeden Unterhaltungsroman in den Schatten stellt. – Es spricht Manfred Dahlmann (Freiburg).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

Dieser Vortrag ist zugleich die Einführungsveranstaltung in die Lektüre der Negativen Dialektik (jeden Donnerstag, 20 Uhr, Büro der ISF, Spechtpassage).

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Donnerstag, 20. November

Negative Dialektik

Einführung in die Lektüre Adornos

“Alfred Sohn-Rethel hat zuerst darauf aufmerksam gemacht, daß in ... der allgemeinen und notwendigen Tätigkeit des Geistes unabdingbar gesellschaftliche Arbeit sich birgt. Der aporetische Begriff des transzendentalen Subjekts, eines Nichtseienden, das doch tun; eines Allgemeinen, das doch Besonderes erfahren soll, wäre eine Seifenblase, niemals aus dem Immanenzzusammenhang von notwendig individuellem Bewußtsein zu schöpfen. Diesem gegenüber stellt er jedoch nicht nur das Abstraktere, sondern vermöge seiner prägenden Kraft auch das Wirklichere vor. Jenseits des identitätsphilosophischen Zauberkreises läßt sich das transzendentale Subjekt als die ihrer selbst unbewußte Gesellschaft dechiffrieren. Ableitbar ist noch solche Unbewußtheit. ... Seitdem die geistige Arbeit von der körperlichen sich schied im Zeichen der Herrschaft des Geistes, der Rechtfertigung des Privilegs, mußte der abgespaltene Geist ... eben jenen Herrschaftsanspruch vindizieren, den er aus der These folgert, er sei das Erste und Ursprüngliche ... Zumindest ahnt der Geist, daß seine stabile Herrschaft gar keine des Geistes ist, sondern ihre ultima ratio an der physischen Gewalt besitzt, über welche sie verfügt. ... Die Abstraktion, die das Subjekt zum Konstituens überhaupt erst macht, reflektiert die Trennung von der körperlichen Arbeit ...” (Adorno, Negative Dialektik, S. 178 f.). Zur vorbereitenden Lektüre: Adorno, Vorlesungen über Negative Dialektik, Frankfurt 2003.

Jeden Donnerstag um 20 Uhr im Büro der ISF, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 2. Dezember

Derealisierung und Erinnerungsabwehr

Zur Spezifik deutscher Vergesellschaftung

In ihrem “Bericht aus Deutschland” von 1950 schrieb Hannah Arendt über die “Realitätsflucht” der Deutschen: “Aus der Wirklichkeit der Todesfabrik wird eine bloße Möglichkeit.” Heute soll Auschwitz in einer europäischen “Geschichte der Vertreibung” aufgehen. Das 20. Jahrhundert mit seinen angeblich je austauschbaren Herrschaftssystemen ist längst zum “Jahrhundert der Vertreibung” geworden, in dem die Shoah nur eine Episode sein soll. Bis heute wird die Erinnerung an die historisch präzedenzlose, doch nicht unwiederholbare, absolut vorrangige und auf den Todesmärschen bis zum letzten Kriegstag exekutierte Verfolgung und Ermordung der Juden abgewehrt. Schuld- und Erinnerungsabwehr liegt der Weigerung zugrunde, sämtliche Überlebende der deutschen Tat und ihre Erben, wie es mit dem technischen Terminus heißt, zu "entschädigen". Auch diese Abwehr aus Antisemitismus wirkt identitätsstiftend für die sekundäre Volksgemeinschaft im Post-Holocaust-Deutschland. Die Frage nach dem Verhältnis des kollektiven Narzißmus hierzulande als negativ Besonderes zum universalen Allgemeinen bedeutet die Reflektion der entfesselten Macht und tödlichen Praxis des deutschen Vernichtungsantisemitismus.

Nur durch den Antisemitismus, schrieb Max Horkheimer, kann die Gesellschaft heute noch richtig verstanden werden, insbesondere die Vergesellschaftung in Deutschland. Der kollektive Narzißmus aber besteht fort; seine aus erzwungener Kapitulation resultierende Schädigung lauert auf Reparatur, indem er nach allem greift, "was zunächst im Bewußtsein die Vergangenheit in Übereinstimmung mit den narzißtischen Wünschen bringt, dann aber womöglich auch noch die Realität so modelt, daß jene Schädigung ungeschehen gemacht wird" (Adorno). Die Vergangenheit west fort in den entsubjektivierten Menschen als bloßen Agenten des Werts wie in den die Subjekthülsen und ihr Denken zur Reflexionslosigkeit verdinglichenden Verhältnissen, die sie umklammern.

Die Deutschen entwirklichten die Verbrechen, indem sie die Realität ihrer Tat als “Propaganda” und die wenigen überlebenden Zeugen abwehrten. Im Mythos vom Wirtschaftswunder zeigt sich sie die enge Verbindung von Volkswohlstand und Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden. Als Teil dieser Verbindung ist auch der ungeschmälerte Profit aus Zwangs- und Sklavenarbeit zu begreifen. Durch die gesamte Geschichte der Entschädigungsabwehr in Deutschland nach 1945 bis hin zum beleidigenden Almosen, das die deutsche Gesellschaft, ihre politischen Vertreter und die deutsche Wirtschaft den Überlebenden als “humanitäre Geste” gewährten, zieht sich die Leugnung dieser Erkenntnis als Entwirklichung der Verbrechen. Folgerichtig imaginieren sich nicht erst heute die Deutschen als "Vertriebene" zu Opfern. Der Prozeß der Entwirklichung der deutschen Tat ist noch am Ende. In diesem Sinne ist die Aufforderung des ehemaligen Monowitz-Häftlings und Sklavenarbeiters der IG Farben Rudy Kennedy zu verstehen: “Daß Deutschland den Holocaust zu einer kleinen Episode in der Geschichte macht, dagegen müßt ihr kämpfen.” – Es spricht Jörg Rensmann (Berlin), Co-Autor des von der Gruppe Offene Rechnungen (Berlin) veröffentlichten Buches “The final insult. Das Diktat gegen die Überlebenden. Deutsche Erinnerungsabwehr und Nichtentschädigung der NS-Sklavenarbeit” (Unrast-Verlag).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage).

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Dienstag, 16. Dezember

Die USA und der Irak

Über die Zukunft des Nahen Ostens

Die baathistische Herrschaft im Irak war am ehesten als panarabischer Faschismus unter trikontinentalen, peripheren Bedingungen zu charakterisieren, der in seinen ideologischen Verlautbarungen offene Anleihen beim deutschen Nationalsozialismus und seinen Vorläufern machte. Nach Schätzungen von Menschenrechtsgruppen, die bei der UNO akkreditiert sind, beläuft sich die Zahl der Opfer des Hussein-Regimes auf etwa eine Million. Davon hörte man in der Friedensbewegung, die den gewaltsamen Sturz des Hussein-Regimes zwar kategorisch ablehnte, vom Krieg gegen die irakische Bevölkerung, die Nachbarländer und Israel aber nicht reden mochte, auffällig wenig. Gerade die Friedensbewegung mit ihren ’mal naiven, ’mal bösartigen Argumenten, mit ihrem ’mal impliziten, ’mal expliziten Geschichtsrevisionismus, mit ihrem Desinteresse für die Bedrohung Israels und für die Massaker an der irakischen Bevölkerung, mit ihrem abstrakten Pazifismus, der mit revolutionärem Antimilitarismus, der sich über die Rolle der Gewalt in der Geschichte keine Illusionen macht, nichts zu tun hat, mit ihren dumpfen Ressentiments gegen Amerika, die mit einer Kritik an der Rolle der USA im globalen Prozeß ökonomischer Ausbeutung und politischer Herrschaft nichts gemein haben, und mit ihren Demonstrationen, die vom Antisemiten, Antikommunisten und Massenmörder Saddam selbstverständlich und für alle wahrnehmbar als großer Sieg gefeiert wurden, verhindert es, daß überhaupt vernünftige Kriterien entwickelt und diskutiert werden können, nach denen die Intervention der USA im Irak vor dem Hintergrund des Interesses an allgemeiner Emanzipation zu beurteilen ist. – Es spricht Thomas von der Osten-Sacken (Frankfurt), Autor u.a. bei “Konkret” und “jungle World” sowie (Mit-) Herausgeber von “Saddam Husseins letztes Gefecht? Der lange Weg in den 3. Golfkrieg” (Konkret) und “Amerika – Dich haßt sich’s besser”.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 13. Januar

Von Adorno zu Mao

Die schlechte Aufhebung der antiautoritären Bewegung

Durch die antiautoritäre Studentenbewegung der sechziger Jahre kommt die Kritische Theorie in Deutschland zum ersten Mal praktisch zur Geltung. An Adorno, Horkheimer und Marcuse orientierte studentische Theoretiker wie Hans-Jürgen Krahl, Frank Böckelmann u.a. schaffen es, Mitte der sechziger Jahre im heterogenen Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) kurzzeitig die Oberhand zu gewinnen und die traditionslinke Strömung zurückzudrängen. Doch dieser erfreuliche Zustand ist nur von kurzer Dauer, denn schon auf dem Höhepunkt des studentischen Protestes entstehen aus der antiautoritären Bewegung heraus neoleninistische Strömungen, die die Kritische Theorie als “kleinbürgerlich” zurückweisen. Die daraus folgende “schlechte Aufhebung der antiautoritären Bewegung” und die Konstitution der maostalinistischen K-Gruppen bedeutet dann die endgültige Abkehr eines großen Teils der Protestbewegung von der Kritischen Theorie. Die Abwehr gegen die vermeintlichen “Zumutungen” der Kritischen Theorie gewinnt bei den K-Gruppen teilweise einen antisemitischen Unterton, wenn z.B. die konkrete Arbeit der deutschen Proleten, die man so gerne erreicht hätte, gegen die abstrakte, immer nur negative Kritik der Frankfurter Theoretiker gewendet wird. Beispielhaft für eine solche Sichtweise schreibt der Erste Sekretär des Zentralkomitees des Kommunistischen Bundes Westdeutschland, Joscha Schmierer, im Theorieorgan “Kommunismus und Klassenkampf”: “Die Kritische Theorie ist auf Entwaffnung der Arbeiter aus. Ihr Haß gilt der Arbeit, von der sie lebt und die sie scheut.” – Es spricht Jens Benicke (Freiburg), der sich bei der rätekommunistischen Gruppe “La banda vaga” engagiert.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 27. Januar

Jüdischer Widerstand und deutsche Gedenkkultur

Die Selbstverständlichkeit, daß es sich z.B. bei den Kämpfern des Warschauer Ghettoaufstands um Juden handelte, die von einem zur Vernichtung drängenden Antisemitismus verfolgt wurden, kann in der deutschen Rezeption des jüdischen Widerstands keineswegs vorausgesetzt werden. In einem Land, in dem selbst das historische Ereignis der Niederlage von 1945 nicht zu einer grundlegenden Bewußtseinsveränderung geführt hat, droht die Gefahr, daß der jüdische Widerstand gegen die Deutschen unter jedweden realen und halluzinierten Widerstand gegen den Nationalsozialismus subsumiert wird. In der Mißachtung der Besonderheit des jüdischen Widerstandes wiederholt sich zwar die Geschichte nicht, doch kommt ein antisemitischer Wiederholungszwang zum Vorschein, der nichts mehr herbeisehnt, als den jüdischen Widerstand für sich selbst zu reklamieren und ihn gegen die heute lebenden Juden zu wenden. Was die Deutschen bei ihrer Auseinandersetzung mit der Geschichte des jüdischen Widerstands, so sie denn überhaupt stattfindet, eint, ist die beständige Weigerung, ihn als bewaffneten Widerstand gegen den eliminatorischen Antisemitismus zu thematisieren. Intuitiv scheint man zu ahnen, was es bedeuten würde, diese Tatsache anzuerkennen, nämlich sich die Frage nach der Legitimität des bewaffneten Widerstands gegen den Antisemitismus zu stellen. Solange aber die Kritik des Antisemitismus und die Solidarität mit den lebenden Juden in der deutschen Gedenkkultur keinen Platz hat, solange bleibt der Traum von Mordechai Anielewicz, des Kommandanten des Aufstands im Warschauer Ghetto, vom bewaffneten jüdischen Widerstand gegen den Antisemitismus ein deutscher Albtraum: “The main thing is the dream of my life has come true. I’ve lived to see a Jewish defense in the ghetto in all its greatness and glory.” – Es spricht Paul Mentz (Dortmund), Mitglied im Arbeitskreis Rote-Ruhr-Universität.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Freitag, 30. Januar

Freiburg im Nationalsozialismus

Ein antifaschistischer Stadtrundgang

An exemplarischen Stationen wird gezeigt, wie die Arisierung organisiert wurde, und es wird gezeigt, welche Menschen wo gelebt haben, die ihre Wohn- und Lebensstätte verlassen mußten. An der Universität wird vom Rektorat Martin Heideggers im Frühjahr 1933 die Rede sein. Der Rundgang endet gegen 17 Uhr am “Deportationsstandpunkt Freiburg”. – Es führt und kommentiert E. Schlesiger.

Treffpunkt um 15 Uhr am Regierungspräsidium (gegenüber Buchhandlung Herder), Kaiser-Joseph-Straße

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Dienstag, 10. Februar

Ideologie und Literatur der deutschen Volksfront

Nach ihrer Niederlage gegenüber dem Nationalsozialismus entledigte sich die KPD mit der 1935 offiziell propagierten Volksfrontideologie jedes emanzipatorischen “Ballastes”. Stattdessen suchte sie sich der nationalistischen Ideologie der Massenbasis des Nationalsozialismus anzunähern und mit ihr zu konkurrieren. Die deutsche Volksfrontideologie rückte von klassenkämpferischen und sozialen Inhalten ab und appellierte vielmehr an die klassenübergreifende “Liebe zum deutschen Vaterland und seiner Kulturtradition”. Die KPD forderte nun von ihren Schriftstellern und Intellektuellen, sich dezidiert um die Basis der NS-Massenorganisationen zu bemühen. An der Volksfrontliteratur läßt sich aufzeigen, inwiefern sie dieser Direktive folgten: Volksfrontliteratur wird nun von einer Argumentation getragen, die nur als nationalistisch zu bezeichnen ist. Unter der Prämisse vom “besseren Deutschland”, von dem die exilierten KPD-Schriftstellerinnen allzu gerne selbst glaubten, daß es existiere und täglich gegen die Hitler-Schmach kämpfe, setzten sie zusehends auf Vaterlandsliebe und den sogenannten wahren Patriotismus, um dem NS-Regime den ideologischen Boden zu entziehen. Der Adressat dieser Romane blieb unbestimmt; im Roman selbst tritt er als “der im Grunde anständige Nazi” auf, der sich nur in die Reihen der Hitler-Gefolgschaft verlaufen habe. Von daher verwundern die zusehends rechtsbürgerlichen Implikationen der Volksfrontliteratur – Frauen- und Homosexuellenfeindlichkeit, völkischer Rassismus, offener Antisemitismus – wenig. Doch es hat auch Brüche gegeben: Die vorwiegend jüdischen Kommunisten, die seit 1944 in Mexiko vom Holocaust erfahren mußten, stellten sich gegen Ende ihres Exils offen gegen die deutsch-nationalistische Ideologie des in Moskau exilierten Ulbricht-Flügels der Partei. Nach ihrer Rückkehr in die SBZ/frühe DDR (und in andere Staaten des Stalinschen Einflußbereiches) mußte dies zu Kollisionen führen, für die die ehemaligen Westemigranten teuer bezahlten. – Es spricht Birgit Schmidt (Berlin), Autorin im Unrast-Verlag erschienenen Studie “Wenn die Partei das Volk entdeckt. Anna Seghers, Bodo Uhse, Ludwig Renn und andere. Ein kritischer Beitrag zur Volksfront- Ideologie und ihrer Literatur”.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 24. Februar

“Querfront”

Über die linken Leute von rechts

Es ist ein unter Linken beliebtes Spiel, historische Begriffe aus ihrem Kontext zu reißen, um aktuelle Entwicklungen zu beschreiben. Auch wenn bei schon oberflächlicher Betrachtung die Unstimmigkeiten ins Auge stechen, stört man sich nicht weiter daran; Hauptsache, man ist up to date. Gegenwärtig läßt sich dies am Gebrauch des Begriffs der “Querfront” beobachten. Dieser Begriff, der auf die Zwanziger Jahren verweist, meint die Bündnisse, zu denen es während der Weimarer Republik zwischen den linken Leuten von rechts und den rechten Leuten von links kam. Die Allianzen hatten vor allem taktischen Charakter, handelte es sich doch um ein temporäres Zusammengehen gegen den gemeinsamen Feind (das “System von Versailles” etc.pp.), ohne allerdings die je eigenen Positionen aufzugeben, die grundlegend verschieden waren. Momentan glauben einige, mit Blick sowohl auf die Anti-Globalisierungsbewegung wie die kurzlebige Friedensbewegung und die Teilnahme von Nazis daran, eine neue Querfront erblicken zu können. Tatsächlich jedoch handelt es sich dabei nicht um zwei verschiedene Bewegungen, die es noch eigens nötig hätten, sich zu verbünden, sondern sie sind Fleisch vom selben Fleisch. Ihre Positionen verschwimmen nicht nur ineinander, sondern werden identisch. Für diese Entwicklung steht der Name des neu-rechten Philosophen Alain de Benoist wie kein zweiter. Über de Benoist als den momentan orginellsten ”linken” Denker spricht Stefan Braun (Arbeitskreis Antifa der Universität Gießen).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 9. März

Unkritische Theorie des Antisemitismus

War es in den siebziger Jahren der Antiimperialismus, in den achtziger Jahren die Identitätspolitik der triple oppression, so kreist seit den neunziger Jahren das Denken der deutschen Linken um den Zentralpunkt des Antisemitismus. War einmal eine Kritische Theorie des Antisemitismus gegen die bürgerliche Gesellschaft, die diesen hervorbringt, gerichtet, so führt die Antisemitismusbeschäftigung mittlerweile zur Apologie dieser Verhältnisse. Nach dem 11. September und mit dem Irak-Krieg klebt sich die “radikalisierte letzte Bürgerlichkeit” einiger sogenannter “antideutscher” Linken an die USA als Hegemon des kapitalistischen Weltsystems. Was als Kampf gegen den Antisemitismus ausgegeben und gedeutet wird, ist zur aggressiven Bekundung des Mitmachens geworden. Wie es soweit kommen konnte, und was das mit Kritischer Theorie zu tun hat, erörtert Gerhard Hanloser (Freiburg), Autor des gerade im Unrast-Verlag erschienenen Buches “Krise und Antisemitismus. Eine Geschichte in drei Stationen von der Gründerzeit über die Weltwirtschaftskrise bis heute”.

Um 20 Uhr in der KTS

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Einleitungstext:

Deutsche Kulturindustrie im Jahre 2003