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Rote Armee Fiktion

Initiative Sozialistisches Forum

Aus Kindern werden Leute, und Silke Maier-Witt hat es auch geschafft. Sie hat sich, wie das Springer-Blatt “Die Welt” lobte, “von der Terroristin zur Friedensaktivistin” gemausert, und sie ist sich treu dabei geblieben. Erst hat sie geholfen, Hanns-Martin Schleyer aus dem Leben zu schaffen, dann hat sie “während ihrer Haftzeit Psychologie studiert”, jetzt ist sie, wie ein “Lebenshaus e.V.” mitteilt, “seit vielen Jahren im Kosovo als Friedensarbeiterin tätig”: Frieden schaffen ohne Waffen. Denn jedenfalls: “Frieden braucht Facharbeiter”. Früher hat sie Beihilfe geleistet, den Antisemitismus von links zu bewaffnen, heute macht sie gerne in “Training for Peace” im Auftrag einer “Akademie für Konflikttransformation”. Auch in TV-Quasselbuden zum Thema “Vom Terror zur Friedensarbeit” talkt sie gerne mit. Auf Christian Klar wartet schon ein Posten als Kulissenschieber bei Claus Peymann, Knut Folkerts, so der “Spiegel”, führt längst sein “Organisationstalent” einer “friedlichen Nutzung” zu, und auch Brigitte Mohnhaupt ist versorgt: alles in allem gilt für die Veteranen der RAF, so “Die Welt”, eine “gute Sozialprognose”.

Was einmal herrschende Klasse war, was jetzt als “politische Elite” auftritt, das frißt ihre Kinder nicht, zumal nicht die Intellektuellen darunter. Sie resozialisiert sie vielmehr, führt sie, ökologisch gestimmt, einer alternativen Nutzung zu. Noch im äußersten, bewaffneten Gegensatz erkennen die Funktionäre der Herrschaft ihresgleichen, sehen sie bei aller Todfeindschaft doch, daß es sich keineswegs um den proklamierten Antagonismus handelt, nur um ein Mißverständnis. So wird aus der Revoltbewegung von ‘68 am Ende das, was sie immer schon war: ein Familienroman, die tragische Vorgeschichte einer Wiedervereinigung. Und die RAF gibt schließlich zu Protokoll, daß sie nichts war als deutscher Pazifismus in Waffen, eine Fraktion, die, nur über die vollkörnerne Sprödigkeit der Grünen hinaus, noch bißchen “Lust auf Freiheit und Revolution” zu verkaufen hatte, wie Ilse Schwipper, ehemals “Bewegung 2. Juni”, verlautbart: Lilalatzhosen und Lebensreformer im Untergrund, bewaffnete Sozialarbeiter vom Schlage der Claudia Roth und anderer “Ton, Steine, Scherben”-Spontis. Das ist der Sound von “Keine Macht für Niemand” heute.

Das macht: die Revoluzzer von der RAF mögen alles Mögliche kritisiert, destruiert und liquidiert haben, nur nicht sich selbst als (linke) Intellektuelle. Der Zusammenhang von Warenform und Denkform fand zwar statt, nicht aber kritisch. Die ursprüngliche, den Intellektuellen gleichsam in die soziale Wiege gelegte Fähigkeit zur Vermittlung war eben das Anathema, das die RAF mit den Funktionären der politischen Souveränität zutiefst eint. Arbeitete sie doch, wie alle Fraktionen der Bewegung von ‘68, an der berühmten “Vermittlung von Theorie und Praxis”, wobei der kleine Unterschied – daß es nämlich der Staatsgewalt um die Einheit von Theorie (als der Ewigkeit von Herrschaft) mit ihrer Praxis (d.h. deren tätiger Verewigung) ging, der RAF dagegen um die Vermittlung der ominösen “Klasse an sich” mit der “Klasse für sich” – als bloße Empirie nicht weiter ins Gewicht fiel. Systematisch, d.h. philosophisch betrachtet, ist es ganz egal, was vermittelt werden soll, gleichgültig, ob die als Ontologie gesetzte Herrschaft an sich mit der Phänomenologie der Herrschaft von Menschen über Menschen oder die revolutionäre Objektivität des Proletariats mit der kapitalhörigen Subjektivität der Arbeiterklasse. Vermittlung selbst ist Ideologie, ganz im Sinne des “gesellschaftlich notwendigen falschen Bewußtseins” (Marx), das zur Praxis der verkehrten Gesellschaft stimmt.

Vermittlung ist Selbstermächtigung zur Souveränität, zur in sich identischen Position des Spagats zwischen den Extremen; und es ist dies die am häufigsten gebrauchte Vokabel der RAF. Wer aber den Gegensatz tätig vermittelt, der ist Souverän, verfügt im Politischen über die Fähigkeit, die das Kapital in der Synthese der nützlichen Dinge zum Geld vorgibt und stellt, im Ausnahmezustand, die letzte Instanz dar, in der sich, wie Helmut Schmidt im “Deutschen Herbst” dem Bundestag sagte, “die politische Vielfalt in Situationen der Not als Einheit bewährt.” Eben dies war der Nerv des Theorie-Praxis-Schematismus, vermittels dessen die RAF die Neue Linke erpreßte – die nervtötende Frage danach, wie sich “die Klasse” zu sich selbst als revolutionäres Subjekt vermitteln ließe und eben das typische Dispositiv der linken Intelligenz seit den klassischen Zeiten des “wissenschaftlichen Sozialismus” der Sorte Kautsky und Lenin, als die Intellektuellen erst “Klassenverrat” einübten und sodann den Arbeitern das frohe Bewußtsein vom Klassenbewußtsein überbrachten. Synthese und Vereinheitlichung, nicht aber Emanzipation und Einheit der Vielen ohne Zwang: Die Position dieser Vermittlung war immer die Position der proletarischen Partei, die sich mit und durch den Nazifaschismus allerdings erledigt hat, und zugleich die Strategie von Leuten, die alles andere im Sinn hatten als die Kritik der gesellschaftlichen Spaltung von geistiger und körperlicher Arbeit. Die RAF merkte das so wenig wie die eher maostalinistisch oder gleich schon reformistisch gestimmten Parteiaufbauer und linken Intellektuellen, denn zum einen sollte der Shoah keineswegs tätig gedacht werden, zum anderen lag gerade in der Vermittlungsposition die Würze und der Kick. Das hinderte die RAF nicht daran, einen tiefen Blick in die gesellschaftliche Konstitution eben der Intelligenz zu werfen, die sie mit dem erpresserischen Schematismus zu agitieren trachtete, der ihr eigener war.

Denn es stimmt ja bis heute, daß die linken Akademiker, wie es 1971 im Gründungsmanifest der RAF, im “Konzept Stadtguerilla” hieß, “sich vor dem Vorwurf der revolutionären Ungeduld mehr fürchten als vor ihrer Korrumpierung in bürgerlichen Berufen”, daß es ihnen “wichtig ist, mit Lukács langfristig zu promovieren”, aber “suspekt, sich von Blanqui kurzfristig agitieren zu lassen.” Denken, das sich am Theorie-Praxis-Schema mästet, domestiziert die Vernunft zur bloßen Verstandestätigkeit und zur Wissenschaft als Beruf, daher zur Ideologie als Berufung. Der gesellschaftliche Typus des Intellektuellen von links, den die RAF hier beschrieb, war jedoch ihr ureigener, und trotz des Reemtsma-Instituts für Sozialfälschung war Gudrun Ensslin ganz bestimmt “der Typus der begabten Sekretärin, sehr aufmerksam, mit einem guten Gedächtnis, sie schrieb alles mit, war loyal bis zur Selbstaufgabe und träumte von der Erfüllung durch eine große Aufgabe” der Typ genau der tatsachenseligen Protokollantin, die dem metaphysischen Werturteil entgegenhungert, eine soziale Gestalt, wie sie in der Linken überall dort zu finden ist, wo Aufklärung in Politische Bildung umschlug und etwa der ehemals autonome Brüllaffe nun bei einer Evangelischen Akademie in Lohn und Brot steht.

Aber schon damals stimmte es nicht, wenn das “Konzept Stadtguerilla” seinem Publikum erklärte: “Praxislos ist die Lektüre des ‘Kapital‘ nichts als bürgerliches Studium. Praxislos sind programmatische Erklärungen nur Geschwätz. ... Theoretisch den Standpunkt des Proletariats einnehmen, heißt ihn praktisch einnehmen.” Denn das “Kapital” von Karl Marx war niemals die Theorie zu einer Praxis, gar zu der eines “Standpunkts” gewesen, sondern, wie schon der Untertitel des Werks diskret durchblicken läßt, “Kritik”, und zwar die “Kritik der politischen Ökonomie”. Die Einwechselung von Kritik gegen Theorie war mehr und ganz anderes als ein Ausdruck der Leseschwäche studentischer Ad hoc-Gruppen: während die Kritik den fugenlosen Einbau der lebendigen Arbeitskraft ins Kapital diagnostiziert, dabei die unabweisbare Krise des Kapitals demonstriert und in der Prognose des kommenden Ausnahmezustands tätig auf das vernünftige Kollektiv der Kritiker hofft, muß Theorie zum Zwecke der Vermittlung eben die objektive Vernunft in der Geschichte voraussetzen, die mit der Shoah aus ihr hinausgemordet wurde. Darüber finden die Intellektuellen ihr gewolltes Schicksal als Ideologen, und die Theorie erstens apologetisch, zweitens deutsch.

Apologetisch, d.h. zur geistigen Verdoppelung der Vermittlung der Gesellschaft durchs Kapitalverhältnis, wird Theorie, indem sie den Begriff der Wahrheit als einer vollendet negativen der totalitären Gesellschaft des Konsenses zum Opfer darbringt. Daher einerseits die in Soziologenkreisen wohlgelittene Rede vom vorgeblichen “Existentialismus” der RAF, hinter der sich jedoch andrerseits nur die Angst des Intellektuellen vor der Einsamkeit verbirgt. Die Materialität des Denkens wird in dieser Angst, die sich im Promotionsverfahren zur Panik steigert, gegen die Verlockungen des Konsenses verrechnet, und es versteht sich, wo Soll, wo Haben ist. Daraus erklärt sich, warum das Existentialismusthema und die “Moral” der RAF der Zungenlöser der Saison sind, oder, wie “Die Welt” es sagt: “Auch die hirnverbranntesten Durchhalteparolen der Nazis kurz vor Kriegende ... hatten objektiv mehr Realitätsgehalt als der ‚Kampf der Sechs gegen 60 Millionen‘. (...). Was soll immer dieser Irrsinn? Mit einer Handvoll Leute gegen Millionen von Staatsdienern anrennen – nein danke.” Wahrheit jedoch ist objektiv, nicht plausibel.

Das ist dann allerdings, zweitens, sehr deutsch in Deutschland: Wie mag es dann mit dem “Realitäts-”, gar: mit dem Wahrheitsgehalt des Hitler-Attentäters Johann Georg Elser bestellt gewesen sein, der sich 1938 ganz alleine gegen die komplette Volksgemeinschaft stellte? Die Materialität des Denkens, das auf Kritik geht, mit der Anerkennung durch den Konsens zu verrechnen, der sich in Theorie stets noch ausdrückt, ist die Einübung der Intellektuellen in eine Nation, die dann nicht zufällig die Sozialkritik der Adorno, Horkheimer und Genossen noch einmal ins Exil, besser noch: aus dem Leben schaffen möchte. Dies dringende Bedürfnis motiviert die Rede vom Existentialismus der RAF, denn man ahnt schon, was aus ihr vielleicht hätte werden können, hätte sie je das Diktum vom Sozialismus, den man um so entschlossener vertreten muß, je unmöglicher er ist, tatsächlich ernstgenommen, d.h. nicht als Satz der “politischen Identität” oder als Einladung in Tierschutz, ÖkoPax und sonstiges Moralin. Und so schreibt die “Frankfurter Rundschau”, “Adornos melancholische Beschreibungen ... entsprachen – was heute seltsam, unverständlich wirkt – so haargenau dem Lebensgefühl: Das Ganze ist das Unwahre”, sie schreibt auch von “Hypermoral”, und die “Süddeutsche” fügt noch hinzu, bei Max Horkheimers Essay über “Die Juden und Europa” von 1939 handle es sich um einen “hochdepressiven Aufsatz”.

Versteht sich, daß der bürgerlichen Öffentlichkeit Horkheimers Essay, geschrieben drei Jahre vor der Wannsee-Konferenz, ein klinisches Symptom sein soll. Steht hier doch der verpönte Satz, wonach, “wer vom Kapitalismus nicht reden will, auch vom Faschismus schweigen sollte”, eine Einsicht, die der deutschen Gegenwart, so abermals die “Süddeutsche”, “wie ein Märchen aus uralten Zeiten klingt, an die der ehemalige RAF-Terrorist Christian Klar durch seine Existenz erinnert.” Steht hier doch der fast noch bösere Satz, wonach “der Faschismus die Wahrheit der modernen Gesellschaft ist. (...) Der gleiche und gerechte Tausch hat sich selber ad absurdum geführt hat, und die totalitäre Ordnung ist dies Absurdum.” Es ist aber der Souverän, der auf der Achse von Gleichheit und Recht einerseits, Gewalt und Vernichtung andrerseits sitzt, der genaue Umschlagspunkt des Gesetzes in Terror und Schlimmeres.

Im Schematismus von Theorie und Praxis befangen, durch die Tradition der linken Intelligenz geblendet, hatte die RAF am Souverän jedoch nur das erkannt, was sie selber zu sein strebte, die Vermittlung zwischen dem Recht und der Gewalt. So schlug sie sich, je nachdem, was von Vorteil schien, auf die eine oder andere Seite, versuchte gar, sie gegeneinander auszuspielen. In einen Widerspruch geriet sie dabei nicht, denn die “politische Identität”, die sie für sich reklamierte, ist über derlei logischen Schnickschnack erhaben. Einmal appellierte sie an den Rechtsstaat: sie huldigte der Selbstideologisierung deutscher Staatlichkeit, wonach “Aus der Geschichte lernen” bedeute, daß alle Staatsakte unmittelbar zugleich Rechtsakte zu sein hätten, daß der Staat ganz im Recht sei und durch das Recht erst konstituiert. Nach dieser Seite forderte die RAF die Anerkennung als kriegführende Partei und die strikte Anwendung der Genfer Konvention gegen die Isolationsfolter. Das andere Mal wird, nun in der Gestalt Christian Klars, um Gnade gebettelt, d.h. auf genau die Instanz gehofft, aus der die ungebändigte Souveränität des Kapitals so deutlich wie kaum in der Notstandsgesetzgebung aus dem rechtlich verfaßten Staatsapparat hervorschaut. Einerseits offenbarte 1977gerade der legalisierte Verfassungsbruch des “Deutschen Herbstes”, wie es um das Gesetz bestellt ist: der Souverän sucht sich aus dem Gesetzesbestand heraus, was paßt. Damals war es der § 34 StGB, der tatsächlich, als übergesetzlich rechtfertigender Notstand, nur dem Einzelnen, nicht dem Staat zusteht, morgen wird es vielleicht die StVO sein, wenn es Rechts vor Links gilt. Andrerseits zeigt gerade das Begnadigungsrecht des Bundespräsidenten nach Art. 60 GG, daß der Souverän die Voraussetzung von Recht und Gesetz darstellt, worin er nur erscheint, nicht aufgeht. Das Gnadenrecht ist, wie ein liberaler Kommentator feststellt, “in jedem Fall ein Eingriff der Exekutive in die rechtsprechende Gewalt, wie er sonst dem Grundsatz der Gewaltenteilung fremd ist”. Das eine Mal wird der Souverän verteufelt, das andere Mal fleht man ihn als Wohltat auf sich herab. So machte sich die RAF erst selbst kirre, dann ihr Publikum. Man muß schon Intellektueller sein, um all das zu verstehen.

Am Ende dieser deutschen Geschichte steht eine doppelte Einsicht: zuerst die in den wirklichen Grund, warum die Freunde des bewaffneten Kampfes in den späten achtziger Jahren den von Wolfgang Pohrt ins Spiel gebrachten Gedanken einer Amnestie für die Gefangenen der RAF als “Counterinsurgency” ablehnten. Amnestie wäre ja, als generelle Strafbefreiung in Gesetzesform, nur gegen das Eingeständnis der vollendeten Niederlage zu haben gewesen: nach dem Theorie-Praxis-Schema der RAF hätte dies zugleich ihre Unwahrheit in Theorie wie Praxis und von Anfang an bedeutet. Lieber bewahrte man sich, wenn auch unter Schmerzen, das in den Phantasmen der “politischen Identität” enthaltene Versprechen, jeder als Einzelner zu den Intellektuellen zu gehören, d.h. irgendwann einmal wieder mitmachen zu dürfen wie heute die Friedensfacharbeiterin Silke Maier-Witt, die insgeheim wohl immer darunter litt, zu den nur “selbsternannten Revolutionären” zu gehören, wie der “Stern” unnachahmlich ironisch bemerkt. Denn Revolution darf in Deutschland nur von Amts wegen gemacht werden, ob im Kosovo oder, noch besser, in Palästina; und erst im Auftrag des Souveräns darf man sich jenem Kampf widmen, der, nach Angaben eines Ex-Aktivisten der “Bewegung 2. Juni”, immer schon der Kampf war: dem “um eine bessere, eine humane, eine gerechtere Welt” sowie den weiteren Klassenkämpfen von Attac!, DGB und Caritas.

Zum anderen steht am Ende die Einsicht, die in Wahrheit diese Frage ist: Wie kann es nur sein, daß ausgerechnet der ausgemachte Nazifaschist und heimliche Urheber des Grundgesetzes, Carl Schmitt, besser wußte als die bewaffneten Intellektuellen, was ein Revolutionär ist: “Der moderne Partisan erwartet vom Feind weder Recht noch Gnade.” Woher weiß die präventive Konterrevolution, daß, wenn die Linke von der Vermittlung von Theorie und Praxis schwadroniert, tatsächlich Bündnisangebote unterbreitet werden, daher von Antagonismus keinesfalls die Rede ist? Hatte Rosa Luxemburg etwa recht, als sie meinte, die Perversion der Revolution sei fürchterlicher als ihre Niederlage?

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