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ça ira-Verlag

Jour Fixe Programm Herbst 2009 / Winter 2010

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Apokalypse als Chance

Noch bevor das Wort “Krise” die Runde macht, stehen die Propheten und Heilsverkünder in den Startlöchern, um den Massen das Evangelium der Erlösung zu verkünden. Während die Regierung ihrem Staatsvolk behutsam einzubläuen versucht, daß nun eine Zeit des Verzichts anbricht, um die man nun einmal nicht herumkomme, sind andere schon einen Schritt weiter: Selbst ernannte Sozialrevolutionäre schwören ihre Schäfchen auf die unaufhaltsam nahende Apokalypse ein, in der die verhaßte bürgerliche Gesellschaft untergehen werde. Dem kollektiven Wahn, der sich aus der Panik des nachbürgerlichen Subjekts speist, ist nicht mit gutem Zureden und trostspendendem Handauflegen zu begegnen, sondern mit rücksichtsloser Ideologiekritik, welche die Bedingungen der Möglichkeit des Kommunismus gegen seine antikapitalistischen Propagandisten verteidigt. – Es spricht Philipp Lenhard (Köln, Redaktion “Prodomo”).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Mittwoch, 4. November 2009

Wie Marx zu lesen wäre

Probleme einer Kritik der Politischen Ökonomie nach Marx

Jede theoretische Kritik von bürgerlicher Gesellschaft und kapitalistischer Produktionsweise, die in der Absicht einer weltverändernden Praxis formuliert wird, muß ihren eigenen gesellschaftsgeschichtlichen Kontext reflektieren: sonst geht ihre Intention in einer überhistorischen Theorie unter. Das gilt insbesondere für die Theorie von Marx und deren Aneignung. Diese Theorie, entstanden in der Epoche des klassischen, noch revolutionären Liberalismus, konnte deren aufklärerisch-emanzipatorischen Gehalt aufnehmen und durch immanente Kritik radikalisieren, um die ”Aussicht auf eine neue Gesellschaft zu eröffnen”. Darum galten für Marx die Krisen, in denen sich Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise manifestierten, als Möglichkeiten eines Widerspruchs (Kritik) gegen die widerspruchsvolle gesellschaftliche Welt. Dieser Zusammenhang von Krise und Kritik zerfiel schon unter dem Imperialismus. Die Krise von 1929/33 hat in Deutschland eine "konformistische Revolte" (Horkheimer) produziert. Auch der Neoliberalismus, ursprünglich als Kritik der ‘Knechtschaft‘ unter dem autoritären Staat formuliert, negiert die utopischen Aussichten des klassischen Liberalismus. So scheint eine Aneignung der Theorie von Marx, die ihrer revolutionären Intention angemessen wäre, verstellt und eine bloß philologische Aneignung der Theorie noch offen, die sie in ein Dogma von überhistorischer Gültigkeit verwandelt. – Es spricht Gerhard Stapelfeldt, Prof. am Institut für Soziologie der Universität Hamburg und Autor u.a. von Der Liberalismus. Die Gesellschaftstheorie von Smith, Ricardo und Marx, “Das Problem des Anfangs in der Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx” sowie “Der Imperialismus. Krise und Krieg 1870/73 bis 1918/29” (Dr. Kovac-Verlag 2009). Weiteres ...

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Mittwoch, 18. November 2009

Neue Marx-Lektüre

Die Kritische Theorie als Programm einer neuen Aneignung der Kritik der politischen Ökonomie

Die kritische Theorie der Gesellschaft muß entwickeln, so Adorno, wie “verselbständigte Verhältnisse aus den Verhältnissen von Menschen abzuleiten sind”, mit anderen Worten: wie sich reale Verselbständigung konstituiert. Ohne Subjektivität keine Objektivität, was aber nicht bedeutet, daß diese von den handelnden Menschen hervorgebrachten Strukturen auch verstehbar sein müßten. Das Gegenteil ist der Fall, das Unverstehbare ist geradezu ein konstitutives Moment dieser Totalität. Der Kern einer dialektischen Gesellschaftsauffassung nach Marx ist in diesem Moment verselbständigter Objektivität zu sehen, ein Konstitutionsprozeß, zu dem es wesentlich gehört, daß die Genese im Resultat verschwindet. Gesellschaft wird geradezu bestimmt als das, was dem Verstehen sich entzieht, denn, so Adorno, “die Reflexion auf Gesellschaft hebt dort an, wo Verstehbarkeit endet”, es geht darum, “die Nichtverstehbarkeit zu verstehen.” Es wird zu zeigen sein, daß erst in dieser Perspektive die grundlegenden Begriffe der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie ihren wesentlich subversiven Gehalt gewinnen, weiter, daß die klassischen Marx-Lektüren so in Rationalisierungen gründen wie immer schon die Volkswirtschaftlehre und ihr Doppelgänger, die Soziologie, schließlich, daß ein angemessenes Verständnis gesellschaftlich in den ökonomischen Formen von Wert, Ware, Geld und Kapital als gültig gesetzter Irrationalität nicht mehr in der Form von Theorie zu haben ist. – Es spricht Helmut Reichelt (Bremen), em. Professor für Soziologische Theorie, der bei ça ira das Buch “Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs bei Karl Marx” (Freiburg 2001) veröffentlicht hat; im letzten Jahr erschien sein Buch “Neue Marx-Lektüre. Zur Kritik sozialwissenschaftlicher Logik” (Hamburg: VSA-Verlag).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Mittwoch, 2. Dezember 2009

Gott oder der Staat

Carl Schmitt und der Islamismus, nebst einem Kommentar zu den Ereignissen im Iran

“Alle prägnanten staatsrechtlichen Begriffe sind säkularisierte theologische Begriffe”, schrieb lakonisch Carl Schmitt, der Theologe des Souveräns, im selben historischen Moment, in dem Hassan al Banna die Ikhwan al Muslimin (die Muslim-Brüderschaft) gründete und unter die Losung stellte: “Der Islam ist die Lösung”. Der politische Islam beansprucht tatsächlich, eine Lösung für die Schwierigkeiten und Widersprüche der modernen, europäisch geprägten Gesellschaft zu sein. Die islamistische Bewegung ist eine ebenbürtige Parallelentwicklung zum europäischen Faschismus (und eben damit Wegbereiterin der sog. Postmoderne), und ihre großen Vordenker (zur Rechten: Said Qutb, zur Linken: Ali Shariati) geben, liest man sie herrschaftskritisch, Auskunft nicht nur über die islamistische Bewegung, sondern über die Gesellschaft und ihren Souverän im Moment der Krise. Der Referent versucht einen Überblick über die Denker des Islamismus anhand ihrer Schriften. Khomeini schließlich, ein Genie der Konterrevolution, brachte dann die einzige praktisch erfolgreiche Synthese dieser ganzen Richtung auf die Beine. Die Einrichtung Islamische Republik Iran, auf deren Zerstörung durch die Hände des iranischen Proletariats der Referent inständig hofft, bedeutete auch einen historischen Einschnitt: sie markierte das Ende des Zyklus von Revolten, der um 1968 anfing. – Es spricht Jörg Finkenberger, der als Anwalt in Würzburg lebt und zugleich bei der Zeitschrift Der letzte Hype (http://letzterhieb.blogsport.de/) mitarbeitet.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Mittwoch, 16. Dezember 2009

Was ist Wahrheit? Was ist materialistische Kritik?

Um die Frage “Was ist Wahrheit?” zu beantworten, ist es ganz nützlich, sich zunächst eine andere zu stellen. Denn erst die Frage, “Was ist Philosophie?” gibt dem Problem der Wahrheit die Grundlage. Mit dieser Umformulierung wird eine zentrale Differenz zu gängigen Vorstellungen von Wahrheit benannt: nicht die Wissenschaft, nicht der Wissenschaftler fragen nach Wahrheit – sie interessieren sich allein für die Bedingungen, die das Funktionieren eines gegebenen Zusammenhangs sicherstellen; für sie ist die praktische Verwertbarkeit entscheidend. Dahingegen sind die, die den gegebenen Funktionszusammenhang selbst thematisieren, die also nach einer Wahrheit fragen, die nicht empirisch zutage tritt, sondern die empirischen Tatsachen ihrer Möglichkeit nach erst bedingt, von vornherein als Philosophen definiert. Philosophie heutzutage ist gleichbedeutend mit Weltanschauung, Ideologie etc. Wer heute “philosophiert”, der setzt sich dem “Totalitarismusverdacht” aus, ihm wird unwillkürlich “Fundamentalismus” unterstellt. Positiv gebraucht wird der Begriff meist nur, wenn er Banalitäten idealistisch adeln soll; dann ist etwa von “Unternehmensphilosophie” die Rede. Fast alle Universitäten leisten sich zwar weiterhin philosophischen Fakultäten. Was sie dort anbieten, das hat mit Philosophie nur insofern zu tun, als hier über Philosophen und Philosophien schwadroniert wird. Philosophen dagegen wird man an den Universitäten nur selten finden, und wenn, dann nennen sie sich nicht so: aus berechtigter Angst, sonst ihre Reputation einzubüßen. – Es spricht Manfred Dahlmann (ISF, Freiburg).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Samstag, 19. Dezember 2009

Einführung in die materialistische Kritik

Tagesseminar

Ideologiekritik weist nach, daß die kapitalistische Gesellschaft so verfaßt ist, daß das Erscheinende, dasjenige also, was von den Wissenschaften als Problem erfaßt wird, das Resultat einer notwendigen Verkehrung der Wirklichkeit im allgemeinen Bewußtsein darstellt. Die materialistisch gestellte Frage nach der Wahrheit ist somit zu allererst die Frage nach der historischen Grundlage, aufgrund der diese Verkehrung möglich geworden ist. –

Von 14 bis 20 Uhr im Büro der ISF, Wilhelmstr. 15/5 (Spechtpassage). Anmeldung im Jour fixe oder unter info@isf-freiburg.de

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Entfällt wegen Krankheit

Mittwoch, 13. Januar 2010

Die Sehnsucht nach dem Weltsouverän

Wenn Marx sagt, der Weltmarkt sei das “Übergreifen der bürgerlichen Gesellschaft über den Staat”, so nennt er damit auch das Glücksversprechen der bürgerlichen Gesellschaft, das eine Weltgesellschaft ohne Souverän im Auge hat – und seine Erkenntnis, daß “keine Art Bankgesetzgebung (…) die Krise beseitigen” könne, ist nur der negative Ausdruck dieses Versprechens. Der Wahn hingegen, der das Glücksversprechen dementiert, verspricht das Übergreifen des Staats über den Weltmarkt. Man sehnt sich also nach dem Weltsouverän und freut sich auf den Ausnahmezustand, der ihn bringen soll: Auf der einen Seite wird dieser Überstaat weltweit die Banken und Börsen sorgsam beaufsichtigen, so daß sie nicht mehr der Gier der “internationalen Managerklasse” (Joachim Hirsch) ausgeliefert sind und verrückt spielen; auf der anderen Seite den Djihad regulieren – sei‘s durch Dialog oder Sanktionen –, damit die Mullahs nicht über die Stränge des Nahen Ostens hauen, statt Tariq Ramadan zu folgen. Das vielberufene Charisma, das Barack Obama im Kampf um die Präsidentschaft der USA erwarb, ist ohne diese Sehnsucht nicht zu erklären: Möge doch dieser Präsident von innen her die gewaltsame Politik des Hegemons, der die anderen Staaten so einseitig dominiert, auf wundersame Weise in die friedliche Kommunikation einer gerechten “Weltinnenpolitik” (Habermas) verwandeln. Die Reaktionen auf den Gaza-Krieg wurden dann schon durch die Hoffnungen belebt, die man auf Obama setzt. Wie auch immer sie enttäuscht werden: Israel verkörpert im globalen Wahnbild die Weltverschwörung des Judentums. Deshalb gezwungen, seine Souveränität ständig unter Beweis zu stellen, legt die Politik dieses Staates in Wahrheit stets aufs Neue dar, daß es keinen Weltsouverän gibt, ja, daß jeder Versuch, ihn zu realisieren, gegen die Juden gerichtet ist: Er nimmt ihrem Staat die Souveränität, die sie im Ernstfall allein schützt. – Es spricht Gerhard Scheit (Wien, Café Critique), Autor u.a. von Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus . Gerade erschien von ihm Der Wahn vom Weltsouverän. Zur Kritik des Völkerrechts.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

Entfällt wegen Krankheit

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Mittwoch, 27. Januar 2010

Totalität und Erfahrung

Die Shoa im Denken Georg Lukács

Georg Lukács gilt aufgrund seines 1923 erschienenen Werks Geschichte und Klassenbewußtsein als Wegbereiter eines undogmatischen, kritischen Marxismus und der Kritischen Theorie. Gerade seine Wiederbelebung des Hegelschen Erbes in der Marxschen Kritik und damit einhergehend die verstärkte Rezeption des “Fetischkapitels” im ersten Band des Kapital werden zu seinen Verdiensten gerechnet. Weniger beachtet wird gemeinhin Lukács‘ Faschismusanalyse Die Zerstörung der Vernunft, die sich vor allem dadurch “auszeichnet”, dass die Shoa nur am Rande Erwähnung findet – und auch dann nur, um kurzerhand relativiert zu werden; die Vernichtung der europäischen Juden werde “durch den von Washington inszenierten lsquo;Kalten Krieg‘” übertroffen, so Lukács. Wird Lukács‘ Hegelmarxismus unter diesem Aspekt betrachtet, stellt sich die Frage, ob es sich dabei nicht doch nur um eine weitere Metaphysik der Arbeit handelt. Der Titel seines letzten Werks Ontologie des gesellschaftlichen Seins deutet jedenfalls in diese Richtung. – Es spricht Denis Maier (Luzern).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Samstag, 30. Januar 2010

Freiburg in der NS-Zeit

Antifaschistischer Stadtrundgang

An exemplarischen Stationen wird gezeigt, was in Freiburg nach 1933 passierte, wie die Arisierung organisiert wurde, welche Menschen wo gelebt haben, die ihre Wohn- und Arbeitsstätten verlassen mußten. An der Universität wird vom Rektorat Martin Heideggers im Frühjahr 1933 die Rede sein. Der Rundgang endet gegen 17°° am Platz der Alten Synagoge. – E. Imbery führt und kommentiert.

Treffpunkt um 14 Uhr am “Basler Hof”, Kaiser-Josephstraße (gegenüber Buchhandlung Herder).

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Mittwoch, 10. Februar 2010

Hannah Arendt und die Räterevolution

Als Namensgeberin für ein “Institut für Totalitarismusforschung” dient Hannah Arendt heute als Gewährsfrau gegen “Extremismus” von links und rechts. Zur Verteidigung der herrschenden Ordnung kann sie aber nur zitiert werden, wenn ihre Polemik gegen die “Parteiendemokratie” ignoriert wird. Mit dieser habe “sich die uralte Unterscheidung von Herrschern und Beherrschten, welche durch die Revolution ja gerade auf immer abgeschafft werden sollte, in neuer Form wieder durchgesetzt”. Arendt tritt dagegen ein für “ein System, das sich selbst von den Graswurzeln aufbaut” und bezieht sich dabei auf die Räte, welche in revolutionären Situationen immer wieder spontan gebildet wurden. Die Räte sind dabei aufs engste mit ihren Hauptwerken Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft und Vita activa verbunden und stellen deren praktische Konsequenz dar. Eine kritische Betrachtung ihrer Skizzen eines Rätesystems zeigt jedoch, wie wenig besonders die ontologischen, der antiken Sklavenhaltergesellschaft der Polis abgewonnenen Begriffe der Vita activa für die Kritik und Überwindung des zur zweiten Natur gewordenen Kapitalverhältnisses taugen. – Es spricht Jonathan Weckerle (Berlin), der als freier Autor u.a. für Jungle World, Konkret und iz3w schreibt.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Programmtext:
Krise des Kapitals, Elend der Theorie