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Initiative Sozialistisches Forum

Krise des Kapitals, Elend der Theorie

Einladung zum Jour fixe im Herbst/Winter 2009/2010

Das letzte Gefecht, so scheint es, hat begonnen. Die Mar­xisten und die anderen linken Sozialdemokraten überschlagen sich, die Superlative auch: “Noch nie war die Parole lsquo;Sozialismus oder Barbarei‘ so aktuell wie heute”, erklärt etwa Robert Kurz dem Zentralorgan der Linkspartei. Denn das Platzen der “Mutter aller Finanzblasen” läute die finale Krise der dritten industriellen Revolution ein, die “innere Schranke des Kapitalis­mus” sei erreicht, das “letzte Stadium des Staatskapitalismus” eingetreten. Aus der Alternative, die Rosa Luxemburg aufstellte, hat man eine Phrase gedrechselt, und vor der “Barbarei”, die die Volksgemeinschaft war und die in Deutschland ihr Werk längst schon verrichtet hat, darf man sich heute als Knabber­mi­schung aus Hypo Real Estate, Horst Köhlers “Mon­­­stern”, Dalai Lama und Schweinegrippe gruseln. Materia­li­stisch jedoch kann nicht von einer “finalen” Krise die Rede sein, sondern von einer zyklischen als einem notwendigen Moment der Reproduktion des Kapitals. Der “fieberhaften Produktion” und “Überfüllung der Märkte” folgt, so Marx, “Kontraktion” und “Lähmung”. Der Zyklus setzt sich aus “Perioden mittlerer Le­bendigkeit, Prosperität, Überproduktion, Krise und Stagnati­on” zusammen. Der “zügellosen Karriere” einer vollständigen industriellen, kommerziellen, kreditlichen und spekulativen Hausse folgt der halsbrecherische Sprung in den “Graben des Krachs. Und so immer von neuem.” Denn das Kapital, d.h.: das “automatische Subjekt” der verkehrten Gesellschaft, vollzieht eine gespenstische Bewegung, die nichts anderes darstellt als leere Kontinuität. Die blinde Reproduktion des Bestehen­den, seine bloße Vegetation als Geld und noch mehr Geld ist schon der ganze Zweck der Veranstaltung.

Die immanenten Widersprüche des Kapitals erscheinen zum einen in den Momenten der formellen Krise, zum anderen in den krisenhaften Formen der gesellschaftlichen Vermittlung. In der formellen Krise werden der Verfall, die Absurdi­tät, die blinde Macht des Kapitals gewissermaßen amtlich. Die basalen Formen kapitalistischer Vergesellschaftung erweisen sich als gegeneinander gleichgültige Leerformen. Diese als manifeste Krise wahrgenommene Inflation der Substanz von Ich, Wert und Staat wird allerdings als Ausnahmezustand abge­tan, d.h. äußeren lsquo;Faktoren‘ zugeschrieben. Als Normalzustand gilt das auf Heller und Pfennig berechenbare Zusammenspiel der Formen, von deren gesellschaftlicher Vermittlung jeder Begriff fehlt. Die diesen Formen inhärente Krisenhaftigkeit schwebt im sog. Normalzustand der kapitalen Reproduktion über den Individuen als die mit aller Verve abgespaltene Ahnung des tatsächlichen Zusammenhangs, hält sie zu Ge­horsam und Bescheidenheit an. Diese so als Kränkung wie als Erinnerung an die eigene Ohnmacht wirksame stille Krise wird mit eiserner Konsequenz ausgeblendet. Während das Nervenge­flecht der Gesellschaft wie eine gigantische Weihnachtsbe­leuch­tung zwischen offener Krise und trügerischer Ruhe flimmert, erscheint der Crash jedes Mal aufs Neue als singulärer Bruch der Ordnung. Doch es ist die Bestimmung des Kapitals, in der Krise zu sein.

Die sog. Zivilgesellschaft, die linken Zirkel, die Linksparteien sowieso erfahren die Krise als theoretische Frage wie als sozialtechnisches Problem, deren verborgene Mecha­nismen aufgedeckt und erklärt werden sollen. Aufklärung soll sein das Wissen um die richtige Technik der Naturbeherrschung am gesellschaftlichen Objekt: soziale Physik im höheren Inter­esse des Souveräns. Das Wissen um die Gesetzmäßigkeiten des lsquo;sozialen Organismus‘ soll zur Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse angewandt werden. So dekretiert etwa Karl Heinz Roth, der Papst der Autonomen, es bedürfe einer “analy­tisch ausgewiesenen Vision der Gesellschaftstransformation, die mit unmittelbar greifenden Aktionsprogrammen verknüpft” werden müsse, um die Krise in ein Projekt “revolutionärer Trans­for­mation” zu überführen. Der Inhalt erscheint als sachliche Information, die den Massen als Aufmarschplan präsentiert wird; der Theoretiker paradiert als der General, der die Ankunft seiner T­ruppen erwartet. Derlei “Visionen” verhalten sich zum Inhalt wie das TV-Spektakel zum Publikum, der verwalteten, amorphen und kon­templativen Masse. Beide Seiten bleiben sowohl dem Gegenstand der Auseinandersetzung als auch dem Gegenüber ganz äußerlich. Die konformen Methoden der “Interaktion” befördern den Zustand der Trennung und des Spektakels. Als Theorie ist die linke Ideologie nur das Mittel zur Erreichung von Zielen außerhalb ihrer selbst, der moralische Appell und die gemeinschaftsstiftende politische Praxis ihre Handwerkszeuge: Agitation und Propaganda.

Theorie ist die Denkform, in der sich der Inhalt zum reinen Objekt verdinglicht. Wie auf einem Tablett wird dem Subjekt, ganz ohne eigenes Zutun, das Wissen als Gegenstand ser­viert. Erkenntnis soll Widerspiegelung sein, d.h.: iden­tische Theorie, die die Individuen im Gleichschritt zu verarbeiten haben. Von Subjektivität gesäubert, wird sie vorgeführt, um danach wie ein Spuk zu verschwinden. Jede weitere Erinnerung an sie ist sinnlos. Das Individuum seinerseits, das in die gesellschaftliche Form des Subjekts sich hat nötigen lassen, will nicht mehr erfahren, als ihm je gesagt wird. Keine weitere Anstrengung wird verlangt als die Bereitschaft, die theoretische Informa­tion als ganz per­sön­liche Meinung politisch zu bekennen. Der Kunde ist König, als Konsument kann er frei über die Ideologie verfügen. Als Qualifikation wird Theorie zur Trophäe, als kompakte Information ist sie Power Point-Präsen­tation: seriell reproduzierbar, verwaltbar, berechenbar. Der Inhalt muß auf das Resultat heruntergezwungen und dingfest gemacht wer­den.

Das Kapital erklären, seine krisenhaften Erscheinungen politisch manipulieren zu wollen, bedeutet, es zu rationalisie­ren und die Verdinglichung von Individuum und Gesellschaft zu verdoppeln. Die Absurdität des Kapitals erhält Sinn und eine Substanz, die ihm nicht zustehen. Um diese Leistung zu vollbringen, muß das Bewußtsein sich ebenfalls verhärten und zur Sache sich machen. Der Sinn für Objekti­vi­­tät verkommt darin zur subjektiven Illusion von Sachlichkeit. Die lähmende Tota­li­tät des Kapitals und die damit unauflöslich verbundene krisenhafte Verfassung der Subjekte soll durch for­ma­le Logik, durch den kalkulierenden Verstand geheilt werden. Es gilt, von allem anderen abzusehen, vor allem von sich selbst; dies wird als Zeichen von Reife honoriert: Der Einzelne “bekennt sich zu sich selbst, indem er sich als Niemand ver­­­leug­net, er rettet sein Leben, indem er sich verschwinden macht” (Ador­no): dies ist die negative Dialektik der zu Aufkläricht ver­­kom­­menen Aufklärung. Statt Kritik zu leisten, deren Aufgabe es wäre, den Ver­blen­dungszusammenhang zu denunzieren, dessen Wesen nicht in Form einer äußerlichen Darstellung zu fixieren ist und keines­falls als Definition, schwadroniert man über einen Gegen­stand, über den man verdächtig gut Bescheid weiß. Durch die Propaganda, durch den Appell an die regressiven Ten­denzen in den atomisierten Massen wird jene intellektu­elle Kor­ruption geschaffen, welche das eine Mal als sog. gesun­der Men­schen­verstand, das andere Mal als akademische Theorie da­herkommt. Die primitive Hetze der Stammtische gegen korrup­te Spekulanten ist zumindest insofern redlicher als jede Theorie, als sie jeden Anspruch auf intellektuelle Anstrengung in­stinktiv von sich weist, während die antikapitalistischen Welterklä­­run­gen der Linken, die Publikationen der “Rosa Luxemburg-Stiftung” insbesondere, höhere Weihen beanspruchen, wo sie doch nur die ideologischen Staatsapparate von links be­liefern.

Die Affirmation von Theorie erwächst aus Kon­­for­mis­mus, aus dem Herdentrieb der zweiten Natur. Man glotzt und applaudiert, wenn die anderen es tun, man sagt die Platitüden auf, die gemeinhin anerkannt sind. Das Wesentliche dieses Konformismus besteht allerdings nicht in der Anpassung an irgendwie äußere Zwänge, gegen den die Rebellen so gerne agitieren, um ihrer Differenz zum Mainstream sich zu versichern, sondern die grundlegenden Formen des Denkens selbst sind es. Theorie heute ist die Denkform, in der sich der objektive Widersinn der Gesellschaft, d h. die Unmöglichkeit, über die kapitalisierte Gesellschaft etwas Vernünftiges aussagen zu können, zum reinen Verstand erklärt hat. Sie ist nicht allein die Kapitulation vor dem stummen Zwang der Verhältnisse, sondern zugleich die bewußte Kollaboration mit dem verkehrten Ganzen. Die Verdinglichung des Denkens, die die Menschen in die falsche Gesellschaft bannt und sie zu Funktio­nä­ren eines irrationalen Verhältnisses beruft, wird von ihnen zugleich spöttisch abgefeiert. Die K­a­pi­­tulation ist objektiv. Die versteiner­ten Ver­hält­­nisse, die sich zum übermächtigen Schicksal verhärten, Resignation, Enttäuschung und Glück­lo­sig­keit, die “kontinuierliche Abreibung” (Ador­no) – das treibt zur stillen Selbstaufgabe und sorgt für die Brechung allen individuellen Widerstandes. Das Individuum muß sich fügen, es lernt seine Leidenschaften hintanzustellen oder sie als Selbstgefährdung zu ächten: es hat ein Subjekt werden zu wollen. Der Intellekt, seiner Sinnlichkeit beraubt, wird bloßes Organ der Anpassung – statt zum Mittel, die gesellschaftlichen Voraussetzungen des verallgemeinerten indi­vi­duellen Glücks zu schaffen. Die Kollaboration ist die freiwillige Zutat des Subjekts, sein Beitrag zur kollektiven Inszenierung des Elends.

Das Bedürfnis nach Theorie, die als souveräne Verfügung über das Chaos des gesellschaftlichen Lebens erscheint, erwächst, wie aus Ohnmacht, so aus einem elementaren Mangel an Ge­dächtnis. Das gesellschaftliche Elend, zur Theo­rie raffiniert, erscheint als seine eigene Erklärung. Verstandesbestien spreizen sich zu Offizieren des Intellekts auf, Geschichtsphilosophie besorgt den dramatisch-gefühligen Hintergrund, die Moral liefert Selbsterbauung und Selbstzüchtigung. Der Theoretiker agiert zum einen als der Sozialtechniker, der die Mechanik des lsquo;Systems‘ fein säuberlich zerlegt, um seine Funktionsweise nachzuvollziehen und gegebenenfalls neu zu justieren. Die Gesellschaft wird als Ding gefaßt nach der Art des Geldes, das die Nationalökonomen, statt sein Wesen als das erscheinende Unwesen zu begreifen, in seine Funktionen zerlegen und sodann berechnen. Zum anderen erscheint der Theoretiker als der postmoderne Philosoph, der der Gesellschaft schon wieder Eigentlichkeit beibiegen will. Der Widersinn und die Kälte der Gesellschaft finden sich wieder im dogmatischen Beharren auf definitorisch gesetzten Begriffen, die sich durch ihre Gleichgültigkeit gegenüber ihrem objektiven Gehalt sowie ihrem Mangel an Empathie auszeichnen. Der Theoretiker gleicht einem Schachspieler, der jeden seine Züge als so objektiven wie autarken Wert eines vorgegebenen Koordinatensystems fixiert. Diese vernagelte Identität ist sein Kleingeld. Das reibungslose Zusammenspiel der Denkform mit Herrschaft, d.h. nichts anderes als ihre theatralische Ohnmacht im Angesicht des Leidens, wird vergessen gemacht.

Wahrheit und Erkenntnis aber sind keine Münze, die einfach zu kassieren wäre. Dieser Begriff vom Denken ist Abbild von und Teilhabe an Herrschaft. Es erscheint hier als reine Verwaltungstätigkeit, als die Arbeit der Ordnung im Geiste. Die Sinnlichkeit, die Natur im Subjekt (und das heißt: die Gattung), wird so in das Jenseits der Reflexion verbannt, existiert nurmehr als dumpfe Wahrnehmung. Im Ergebnis dieser Operation existiert Erfah­rung als bloß noch lineares Register von Erinnerungen. Das Individuum degradiert sich zum Träger eines Denkvorgangs, einer großen Methode, die verspricht, die gesellschaftliche Gültigkeit und Geltung des Subjektiven zu verbürgen, während sie tatsächlich und real doch davon abstrahiert. Dieser Kapitulation vor der Denkform, dieser Verweigerung des Gebrauchs der Urteilsfähigkeit ist, wenn überhaupt, mit politischer Pädagogik nicht beizukommen. Jede positive Erklärung ist dem Verblendungszusammenhang immanent und inszeniert das Subjekt als geistigen Arbeiter, als Kopflanger: Denken als Selbstzweck. So ist die linke Ideologie, wo sie theoretisch wird, nichts anderes als moralisch und aktivistisch frisierte Soziologie. Jede Sozial-, Kultur- oder gar Geisteswissenschaft bedeutet geistige Kapitulation. Denn das Scheitern liegt in ihrem Unwillen, “das Negative, das im Zentrum ihrer Welt steht” (Guy Debord), zuzulassen und zum Nerv der Kritik des falschen Ganzen zu machen. Die einzig angemessene Antwort auf das gesellschaftliche Elend wäre dessen vollständige Abschaffung durch die freie, die kommunistische Assoziation der Individuen. Nicht Er­klärungen sind nötig, sondern das revolutionäre Urteil ist es.

Die Behauptung, die gegenwärtige Krise sei etwas Neues und ganz Unerhörtes, ist nicht allein unwahr – sie zeugt von interessiertem Ge­dächt­nisverlust. Denn die durchschlagende De­struk­tivität des Kapitals ist seit Karl Marx und insbesondere seit der Wannsee-Konferenz hinlänglich bekannt. Die Misere der Gesellschaft ist offensichtlich, sie bedarf alles andere als einer Theorie, um erkannt zu werden. Das atomisierte Individuum weiß, daß es unter der Form des Subjekts nichts anderes darstellt als eine austauschbare Charaktermaske der Akkumulation des Kapitals um der Akku­mulation willen. Es weiß um seine Ausbeutung, um seine stille, aber keineswegs unwirkliche Unterdrückung. Jeder weiß genau, daß er mit allen anderen über Leichen geht, daß die Zivilisation kaum mehr ist als ein brüchiges Konstrukt, das die Subjekte davor bewahrt, übereinander herzufallen, d.h. ein Gesellschaftszustand, der mit Notwendigkeit immer wieder Konkurs gehen muß und der dennoch gegen die antisemitische Konterrevolution, den Dji­had, zu verteidigen ist.

Die Krise ist dem Kapital inhärent, denn es ist der objektive Widersinn eines “durch Sachen ver­­mittelten gesellschaftlichen Verhältnisses” (Marx), das sich mit sich selbst unmöglich be­ruhi­gen kann. Ware, Geld, Kapital, Subjekt und politischer Souverän sind die verrückten Formen, in denen der Widersinn bis zum Kollaps blind akkumuliert und reproduziert wird und zugleich doch neutra­lisiert werden soll. Als ökonomisches System jedoch kann das Kapital sich nicht anders darstellen denn als bewußtlose Bewegung der Verwertung des Werts, als so phantastischer wie doch vollendet sinn­­loser, rein quantitativer Wettlauf. Aus dieser Per­­spektive sind die gesellschaftlichen Krisen schlicht­­weg nicht existent. Der springende Punkt kann es daher nicht sein, erklären zu wollen, wie es dennoch zu Krisen kommt, schon gar nicht, das Übel der kapitalistischen Vergesellschaftung agitatorisch aufzeigen zu wollen. Die Frage ist die, weshalb die Individuen Zustände zulassen, ertragen und betäti­gen, die nur Mühsal und Leiden bewirken. Das Absurde liegt darin, daß sich, wider jede Vernunft und Erfahrung, diese verrückte Form der Vergesellschaftung durchhält, daß die Individuen der Macht des Kapitals Tag für Tag nicht nur wider­willig Tribut zollen, sondern mit ihr sich identifizieren. Der ungleich größere Skandal als die Machenschaften es sind, die den austauschbaren Charaktermasken in Ökonomie und Politik empört ange­kreidet werden, ist, daß jeder Ruf nach Gewalt und Unterordnung sein Publikum unter den “Unterdrückten” und “Entrechteten” findet, daß die Individuen offen­sichtlich viel eher dazu bereit sind, den eigenen Unter­gang sich zu bereiten, als das längst fällige Urteil auszusprechen und zu vollziehen.

Wir bedanken uns bei Luis Liendo Espinoza, dessen Essay “Krise und Ideologie” (siehe www.israelsolidarity.blogspot.com) wir für dieses Flug­blatt bearbeiten und kürzen durften.

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Herbst/Winter 2009/10