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ça ira-Verlag

Initiative Sozialistisches Forum

Die Wahrheit aus dem Off

Einleitungstext zum Jour fixe Frühjahr/Sommer 2010

“Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen”: Wenn es denn je stimmen sollte, daß die Extreme von Links und Rechts sich aufschaukeln, dann in dieser Bedrohung der gesellschaftlich überflüssig Gemachten mit dem Tode. Aus dem Diktat der Akkumulation folgt eine überschüssige Bevölkerung, eine “Surpluspopulation” (Marx), an der das Menschenrecht des Bürgers vollstreckt wird. Was als Naturrecht proklamiert wurde: das Privateigentum der Individuen an ihrer kapitalisierbaren Arbeitskraft, schlägt als das Menschenrecht des Souveräns gegen sie zurück. Das Individuum ist Schein, sein Wesen ist das Subjekt. Die Egalität der Subjekte zeigt sich als das Resultat der negativen Vergleichung der Individuen nach Maßgabe ihrer kapitalen Produktivität wie ihrer politisch unbedingten Loyalität zum Souverän. Darin wird der empirische Einzelne zum unerheblichen Rest, zur Metastase der Funktion, die er doch auf Biegen und Brechen zu bedienen hat, die er wollen muß, denn nur durch die Funktionalisierung hindurch erlaubt die totale Vergesellschaftung den Selbsterhalt des Körpers. Aus diesem Verhältnis folgt die Unschuld der kapitalisierten Gesellschaft ganz wie von selbst, und im Bild von den Extremen, die sich aufschaukeln und überbieten, setzt sich die Mitte als das selbstgefällige Selbstbewußtsein des gesellschaftlich inszenierten Naturzusammenhangs.

So demonstriert die Theorie des Totalitarismus sich als Ideologie, die vergessen machen will, auf welcher Achse die Schaukel montiert ist. Denn die Extreme von Links und Rechts bezeichnen die negative Dialektik der Mitte selbst, d.h. die geschichtsnotorische Tendenz des Liberalismus, sich Lügen zu strafen, sich aufzuheben und zu vernichten. So wetteifern die Linken mit den Rechten darum, der Mitte das erlösende Stichwort zu geben, einer Mitte, die sich zwar einiges darauf einbildet, die Aufklärung zur formalen “Gleichheit all dessen, was Menschenantlitz trägt” (Immanuel Kant), radikalisiert zu haben, die aber doch ganz genau weiß, daß die gelingende Formalität dieser Vergleichung auf den Pump ständig sich erweiternder Kapitalakkumulation geschieht, und daß die Krise der Formalität nach einer neuen Materialität der repressiven Gleichheit drängt: darum wetteifern die Linken mit den Rechten; in diesem Wettbewerb schaukeln sich “Klasse” und “Rasse” als alternative Kriterien auf, die zugleich die kapitale Logik der Formalität selbst aussprechen. Mit den Mitteln von “Arbeit” und “Volk” soll dann der Schaden behoben werden, den das Menschenrecht des Bürgers anrichtet, indem es die Individuen auf eine Existenz von “Leibeigenen des eigenen Leibes” (Marx) zwangsverpflichtet.

Wie Sozialismus, Liberalismus und Faschismus ineinanderhängen, ist seit Benito Mussolini bekannt; daß die liberale Eigentumsbestie in putativer Notwehr gerne ins Extrem sich nötigen läßt, auch. Guido Westerwelle, der sein wirkliches Ausland in den Arbeitsämtern von Neukölln und Kreuzberg gefunden hat, gefällt sich als Volkstümler, der den Spagat schafft, mit einem Bein gegen die sozialistische Gleichmacherei aufzutreten, mit dem anderen die negative Gleichheit aller vorm Zwangsdiktat der Arbeit zu vertreten. Wie ein Traumtänzer torkelt er zwischen den Extremen, die er selbst darstellt, indem er sich veröffentlicht: einerseits die antisemitische Suggestion, die er vom Möllemann gelernt hat, d.h. die demagogische Verve gegen die “Parasiten” – andererseits die produktivistische, quasi-sozialistische Apologie der produktiven Arbeit, d.h. der “Leistungsträger”, deren Elan fatal darauf geht, sich selbst zu kapitalisieren. Es gehört zur Logik dieser Agitation, sich selbst das Bewußtsein zu vernebeln, damit die Mitte ihrem gesellschaftlichen Auftrag der Vermittlung nachkommen kann. Die Rede etwa vom “Humankapital” ist wahrhaftig gelogen – sie bezeichnet den liberalen Politiker selbst und seine Utopie: die fugenlose Verschmelzung und Verschweißung von Körper und Funktion, von Individuum und Subjekt. Das bringt die kritisch gemeinte Rede von den Funktionären der Herrschaft und der Ausbeutung als “Charaktermasken” an ihr Ende, denn hinter der Maske ist gar nichts, während der aufgeklebte Charakter nicht mehr, was kritische Theorie dem “autoritären Charakter” noch gutschrieb, zwar zwanghaft, aber, weil auf Realität reflektierend, doch aufklärbar wäre. Politik als Beruf heute ist nicht Rationalisierung einer satisfaktionsfähigen Berufung, vielmehr die Vollmacht, sich auszuagieren. Die Funktion Westerwelle deutet dies an: hier agiert ein Herrschaftspersonal, das sich selbst als Underdog empfindet, als diskriminiert, von “Leistungsträgerverleumdung” (Sloterdijk) verfolgt und überhaupt zukurzgekommen: Elite, die sich für Parias hält. Während hinter der Maske nichts steckt als Geltungssucht – ausagiert mit all dem Schwung, zu dem der zur konformistischen Revolte passende antiautoritäre Gestus anspornt –, wird ihr ein abwaschbarer Charakter aufgeklebt, eine authentische, ganz persönliche Eigenschaft, die zugleich den Vorteil hat, daß sie absolut austauschbar ist. Wie der Wert, um sich zu verwerten, an den nützlichen Dingen sich darstellt, so die Souveränität am Personal der Herrschaft.

Die Parteien dagegen, die das gesellschaftliche Erbe der Volksgemeinschaft verwalten (das sie systematisch als den mit den Mitteln der lsquo;sozialen Marktwirtschaft‘ und auf dem Wege des Sozialstaats arrangierten lsquo;historischen Kompromiß‘ von Lohnarbeit und Kapital mißverstehen müssen, d.h. verewigen wollen), die Christ- und Sozialdemokraten, bestaunen diese Ekstase der Mitte hilflos. Sie sind perplex, wie ihr Projekt eines neuerlichen Europäischen Wirtschaftsraums, d.h. die Konstruktion einer durch Sozialpolitik legitimierten hegemonialen Alternative zu den Vereinigten Staaten, zerbröselt. Zwar: pro forma und de jure vertreten sie die Legalität des postnazistischen Staates, d.h. die eben noch vom Bundesverfassungsgericht in Sachen Hartz IV attestierte Staatsräson, nach der jeder, auch der überflüssig gemachte Mensch das Recht auf Subsistenz und Lebendhaltung als sein Menschenrecht in Anspruch nehmen kann. Es ist dieser “Idealismus”, gegen den die liberale Eigentumsbestie den Aufstand probt. Hier ist dann, so die Frankfurter Allgemeine Zeitung, gerne von der “staatlichen Schicksalsgemeinschaft” die Rede, weiter davon: “Einer für alle, alle für einen. Auch heute noch. Und daß die Deutschen als Volk das 20. Jahrhundert überhaupt überstanden haben, liegt auch daran, daß früher die Idee der Schicksals- und Einstandsgemeinschaft jedermann selbstverständlich war”, also das, was die Veteranen der SS die “Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit” nannten.

Aber: de facto und pro materia ist die zwangsparlamentarisierte Volksgemeinschaft dabei, in ihren Bewegungszustand zurückzufallen: eine Zwangsvergesellschaftung ist die Folge, aus der jeder für sich ausbrechen will, weil alle jeden für einen “Schmarotzer” und “Parasiten” halten, die “Bankster” sowieso, und insbesondere der künftige Hartz IV-Empfänger die jetzigen Almosenpfründner. Dieser klassenübergreifende Leistungsrassismus wird dem Westerwelle von Intellektuellen zur Philosophie erhoben, die längst jeden nur möglichen Verrat am materialistischen Überschuß der Aufklärung begangen haben, aber, erfindungsreich wie sie als Akademiker nun eben sind, zu jedem weiteren fähig sein werden. Wenn etwa Peter Sloterdijk einen “neuen Gesellschaftsvertrag” fordert, “der die Leistungsträger aller beteiligten Seiten in die Mitte der sozialen Synthesis rückt”, dann hallt darin der sog. lsquo;Klassenkompromiß‘ zwar nach, gemeint ist aber, den kapitalen Sinn der Legalität gegen alle Formalien neu und quasi-revolutionär zu begründen. Dazu schürt man die Panik der Überflüssigen, daß sie sich zum Gesellschaftsmob, zum selbstbewußten Gesindel und Pöbel aller Klassen vereinigen.

Diese Propaganda ist, wie immer, wenn sich die Kulturindustrie und ihre Intellektuellen ins Zeug legen, der letzte Schrei: die Darstellung ist also, hinsichtlich ihrer technischen Inszenierung, geradezu hyperreal und überwältigend wirklich, während die Schaustellung an sich selbst haltlos ist und nachgerade vollendet fiktiv. So arbeitet die Kulturindustrie als Umkehrung von Erkenntnis und Aufklärung, sind diese doch der Form halber fiktiv, um die Sache auf den Punkt zu bringen. Die Kulturindustrie sprengt den inneren Zusammenhang von Realität und Fiktion, und sie macht es daher, daß ein jeder nach dem Terminator sich sehnt, der das Versprengte und Böse zur vollkommenen Einheit, zum Guten fügt. Diese Logik folgt dem heillosen Satz, wonach das Ende mit Schrecken allemal dem Schrecken ohne Ende vorzuziehen sei – die Aufklärung (gar: die Kritik) dagegen faßt sich als das einfache Weder-Noch, das der fleißigen Raffinierung des individuellen Unglücks zur gesellschaftlichen Heilserwartung das Veto einlegen möchte.

Normal ist, daß der Gedanke, den der Intellektuelle denkt, weder ihn selbst noch andere klug macht, eine Regel, von der die Filme von Michael Haneke Caché (2005) und Das weiße Band (2009) immerhin eine Ausnahme versuchen, indem sie die Fiktion als Verdichtung der Realität fassen. Das weiße Band handelt von einer deutschen Dorfgemeinschaft im Jahr vor dem 4. August 1914, von Menschen, die sich so intensiv wie bewußtlos danach sehnen, vom kommenden Weltkrieg verbraucht zu werden, einem Ort, in dem so seltsame wie sinnlose Verbrechen geschehen. Die Menschen, insbesondere die Kinder, die in diesen verlorenen Flecken eingepfercht sind, leisten naturgemäß ihren je spezifischen Beitrag zum allgemeinen Elend, zum Terror des Gesellschaftslebens. Während die Männer ihres Geschlechtscharakters walten, d.h. sinnferne Autorität, Geltungssucht und ungebremsten Opportunismus ausagieren, so, als könnten sie gar nicht anders, als die Folgen der vernunftwidrigen Unterdrückung ihrer Triebe und Leidenschaften anderen anzulasten und zugleich Verschwörungstheorien zu brüten, verwalten die Frauen den ihren: zwar durchschauen sie den Unsinn und die ganze Niedertracht der Autoritäten, aber etwas anderes als trotziger Gehorsam, Flucht oder Selbstmord mag ihnen keineswegs einfallen, weil sie gleichwohl darauf fixiert sind, versorgt und beschützt zu werden. Nur die Kinder scheinen die Unschuld vom Lande zu leben, eine Bande, die es aber faustdick hinter den Ohren hat und die Gewalttaten, die die Gemeinschaft desintegrieren, zu verantworten hat. Die Gewalt, die dieser harmlos-freundliche Kinderpöbel ohne jedes nachvollziehbare Motiv ausübt, verweist schon auf das nazifaschistische Kollektiv, in dem der infantile Mob als ausgewachsene Mordbande handeln wird. Hanekes Film zeigt die brutale Idiotie dieses Landlebens als blinden Zusammenhang von nichts als Natur, die auf Natur wirkt.

Der Zuschauer erfährt die Wahrheit über die Geschehnisse aus dem Off. Es ist die Stimme des Schulmeisters, dem hier im Kleindeutschland die Funktion des Intellektuellen zukommt. Aber sein Versuch, sich einen Begriff der Sache zu machen, bleibt der private Kommentar zum Quasi-Schicksal; so versteht er zwar nach und nach, aber seine Einsicht bedeutet ihm nichts, und er greift nicht ein. Denn wichtiger als das Aussprechen der Wahrheit sind ihm sozialer Status, sind Liebes- und Staatsdienst. So wird der Kommentar aus dem Off zum gelungenen Sinnbild dessen, was allein die Intellektuellen unter der Wahrheit verstehen zu belieben: Theorie, nicht: Kritik. Indem die Intellektuellen den Verrat am Denken begehen, finden sie zum sozialverträglichen Umgang mit der Wahrheit in der geistig erblindeten Reproduktion und eigentlich: absichtlichen Widerspiegelung der Gesellschaft als Naturzusammenhang, d.h. der Gemeinschaft der Eingedeutschten. Diese Figur des Intellektuellen in Das weiße Band verweist auf Hanekes Film Caché, auf die Figur des mit allen Wassern der Rationalisierungskunst gewaschenen Journalisten, der sich verfolgt fühlt und beobachtet, der sich aber zugleich weigert, den Grund dafür: die unschuldige Schuld an der Tat seiner Kindheit, auf sich zu nehmen, sie anzuerkennen und das Geständnis abzulegen, zu dem er sich nicht befreien kann. In der Kapitulation vorm Rationalisierungszwang erst käme das Denken zu sich, würde so rücksichtslos auch gegen sich selbst, wie es die zu denkende Sache erzwingt; der Verrat des Intellektuellen am Denken allerdings verlängert das Unglück zum Schicksal, zur Naturgewalt. So herrscht die vollendete Äußerlichkeit von Erkenntnis und Gesellschaft, die Verantwortungslosigkeit der Intellektuellen für alles, was sie sagen oder nicht sagen, tun oder nicht tun. Der Absenz der Aufklärung entspricht die Abwesenheit jedweden Charakters der Gesellschaftsmasken, der Verlust des Über-Ichs in der Freud-losen Gesellschaft; und folgerichtig ersetzt Caché die moralische Instanz durch eine subjektlose Kamera, die das Geschehen einfach registriert. Die Gesellschaft ist sodann der Film, der überall läuft und von niemandem gesehen wird, weil alle Regie führen.

Deutschland ist die gesellschaftsweite Projektion einer Dorfgemeinschaft, deren Grundgesetz Protego, ergo obligo lautet – Schutz, der bedingungslose Verpflichtung und Gehorsam bedeutet. Wo der Staat nicht die Subsistenz der Subjekte garantiert, wo er ihnen nur dann Loyalität und Opfer abverlangt, wenn es um die Verteidigung der Nation geht, d.h. um die abstrakte Freiheit jedes konkret Einzelnen, da erkauft sich der deutsche Sozialstaat die Verfügungsgewalt über Person, Seele und Körper, da setzt sich der kapitale Souverän unmittelbar als das Über-Ich. Und so beginnt das gesellschaftliche Unglück hierzulande nicht erst mit der auch formellen Erklärung der Überflüssigkeit der je Einzelnen, sondern lang zuvor, im genauen Moment, in dem der Staat nicht mehr die Freiheit und Gleichheit der Bürger ohne Ansehen der Person garantiert, sondern vielmehr die Staatsangehörigen dem Souverän dafür dankbar zu sein haben, je konkrete Individuen sein zu dürfen, die ihre ganz persönliche Charaktermaske aufsetzen, d.h.: unmittelbar, bloß als Natur, gesellschaftlich nützlich zu sein. Wenn es daher, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung befindet, beim Staat der Deutschen “um ein Ganzes geht, das mehr ist als die Summe seiner Teile”, dann werden dem Souverän eben die Attribute zugeschrieben, die aus Vernunftgründen dem Individuum zustünden. Diesem Gesellschaftszustand, der sich zur Natur verhärtet hat, entspricht das Tabu, das in Das weiße Band durch die a priori gesetzte Unschuld der Kinder repräsentiert wird. Es legitimiert jene Verdrängung, Verleugnung und Abspaltung der Realität, die deren um so katastrophalere Wiederkehr provoziert.

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Frühjahr/Sommer 2010