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ça ira-Verlag

Jour Fixe Programm Frühjahr/Sommer 2014

Mittwoch, 7. Mai 2014

Schrecklicher Verdacht: War Heidegger Antisemit?

Zur Diskussion um die “Schwarzen Hefte”

“Es ist nicht Ehrenrühriges daran, antimodern zu sein.” (Rüdiger Safranski)

Wer Heidegger einmal mit Adorno gelesen hat, dem fällt es gewiß schwer, noch zu staunen, wenn nun mit jedem seiner Schwarzen Hefte der Antisemitismus dieses Philosophen scheibchenweise verpackt in seiner Gesamtausgabe präsentiert wird. Seine berühmten Werke, in denen davon nichts zu finden war, weil Juden und Judentum nicht erwähnt wurden, verweisen auf ihn wie das Winterhilfswerk auf die Gaskammern. Anstelle von Gegenvolk und Vernichtung ist darin von Volk und Sein zum Tod die Rede, von Entschlossenheit und Kampf gegen die Uneigentlichkeit. Nun liefern aber die Schwarzen Hefte doch noch den Blick auf den manifesten Antisemitismus Heideggers nach – und der Schock im französischen und deutschen Feuilleton tritt mit geradezu logischer Notwendigkeit ein. Doch die Schocktherapie, die Behandlung zur Exorzierung der kurzzeitig aufgetretenen Verstörung, begann schon, noch ehe die Hefte überhaupt publiziert waren. So zielen die maßgeblichen Teile der Debatte darauf ab, Heideggers Denken zu retten – und sei es, daß sie ihm als Privatperson “pathologische Verirrungen” konzedieren, die aber mit dem Werk des “größten Philosophen des 20. Jahrhunderts” gar nichts zu tun hätten. Dies verweist auf das herrschende tiefe Einverständnis mit seiner Zivilisations- und Rationalitätskritik, auf eine ungebrochene Sehnsucht nach Eigentlichkeit – Es spricht Alex Gruber (Wien), Redakteur von sans phrase. Zeitschrift für Ideologiekritik und Mitherausgeber des Buches Gegenaufklärung. Der postmoderne Beitrag zur Barbarisierung des Verhältnisse.

Um 20 Uhr im Litfass, Moltkestr. 17

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Samstag, 17. Mai 2014

Antifaschistische Stadtrundfahrt

Radtour zur Erinnerung an die Deportation von 403 jüdischen Mitbürgern in das Internierungslager Gurs am 22. Oktober 1940 und deren Vorgeschichte in Freiburg, geführt durch E. Imbery.

Treffpunkt 14 Uhr am KG I, Rempartstraße.

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Mittwoch, 21. Mail 2014

Gibt es einen linken Keynesianismus?

Wenn unter linkem Keynesianismus “diejenigen Interpretationen der Keynes’schen Theorie verstanden werden, die in den von Keynes empfohlenen Maßnahmen der staatlichen Finanzpolitik oder einer ihnen entsprechenden Gewerkschaftspolitik einen Ansatzpunkt für die Realisierung eines Programms sozialer und demokratischer Reformen zugunsten der Arbeiterschaft sehen” (Christoph Deutschmann), dann stellen sich einige Fragen: 1. Gibt es bei Keynes oder den Post-Keynesianern zutreffende Diagnosen für Krisen- und Stagnationstendenzen der kapitalistischen Produktionsweise? 2. Diese vorausgesetzt: sind die wirtschaftspolitischen Empfehlungen geeignet, den inzwischen langen Forderungskatalog
der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen und partizipativen Ansprüche wenigstens perspektivisch zu erfüllen ? 3. Keynesianismus ist nicht neu und gehört mittlerweile auch zur Wirtschaftsgeschichte. Ist dessen Ablösung durch Monetarismus und Neoliberalismus bloß ideologischer Sündenfall oder mit systemischen Ursachen begründet? 4. Welche alternative Logik des Wirtschaftens wird entworfen, sofern diese Politikempfehlungen/-forderungen einen “klug geleiteten Kapitalismus” (Keynes) sogar überschreiten sollen? Es muß insoweit erörtert werden, inwieweit therapeutische Vorstellungen des linken Keynesianismus selbst wieder bloß systemimmanenten Reparaturmaßnahmen entsprechen. – Es spricht Rüdiger Wilke (Freiburg), der Wirtschaftswissenschaften und Operations Research studiert hat, seine Schwerpunkte sind Außenwirtschaftstheorie und Konstitutionenökonomik. Er war als IT-Consultant in der Finanzwirtschaft tätig. Veröffentlichungen u.a.: Zur Ordnung des Wirtschaftslebens. Plädoyer für eine präskriptive Ökonomik (Wiesbaden 2011) sowie Finanzkrise oder Systemkrise? und Das System Ökonomie. Kapital als schlechte Unendlichkeit. (www.scharf-links.de), dazu Zur Vorgehensweise beim Design einer gebrauchswert orientierten Ökonomie (in Vorbereitung).

Um 20 Uhr im Litfass, Moltkestr. 17

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Mittwoch, 4. Juni 2014

Subjektive und objektive Momente physikalischer Erkenntnis

Ihre naturwissenschaftliche Grundlagenforschung stellen Wissenschaftler gerne als Selbstzweck dar, den sie aus reiner Neugierde verfolgen würden. Sie möchten Gesetze finden, denen die Natur folgt, und damit zur Akkumulation menschlichen Wissens beitragen. Ihr gemeinsames höchstes Ziel ist die lückenlose Erklärung der ganzen Welt durch solche Gesetze. Die Gesellschaft soll die Mittel für diese Forschung bereitstellen, die Wissenschaftler fühlen sich aber im Zweifelsfall nicht dafür verantwortlich, wie ihre Erkenntnisse genutzt werden. Die Gesellschaft soll also auch die Verantwortung für den Gebrauch ihrer Resultate übernehmen. Wie aber können dann diese Resultate ganz unabhängig von der Gesellschaft sein und die Natur einfach so erklären, wie sie an sich ist? Der naive Glaube an die absolute Objektivität der Naturwissenschaften liefert eine bequeme Rechtfertigung für wissenschaftliche Verantwortungslosigkeit, die scientific community erteilt ihrem insgesamt blinden Treiben damit selbst die Absolution. Demgegenüber skeptische Positionen erschöpfen sich häufig darin, inhumane technische Anwendungen naturwissenschaftlichen Wissens auf ethische Mängel zurückzuführen. Der eigentümliche Status des Wissens, das die naturwissenschaftliche Grundlagenforschung liefert, lässt sich aber nur ernsthaft kritisieren, wenn der unüberbrückbare epistemologische Spalt zwischen der Natur und unserer Vorstellungen von ihr nicht unterschlagen wird. Die Naturwissenschaften können gar keine völlig objektive Beschreibung der Natur liefern, da ihre Erkenntnisformen historischen Ursprungs sind. Naturwissenschaftliche Theorien als Funktionsweise oder gar als Schöpfungscode der Natur auszugeben, erweist sich als ideologischer Abdruck gesellschaftlicher Verhältnisse. Um dieser Erscheinung von Ideologie auf die Spur zu kommen, wird sich der Vortrag anhand bekannter Beispiele erkenntniskritisch mit dem Verhältnis naturwissenschaftlicher Theorie zu ihrem spezifischen Gegenstand befassen. Die theoretische Entwicklung der Himmelsmechanik zeigt die enormen Wandlungen auf dem Weg zur ersten allgemeingültigen physikalischen Theorie, deren Gegenstand, die Ordnung der Himmelskörper, dabei gegenüber irdischen Maßstäben starr geblieben ist. Aus der Himmelsmechanik entstand dann die heutige theoretische Mechanik, die noch mehrfach reformuliert wurde, obwohl keine grundsätzlichen Probleme bei ihren bekannten mechanischen Experimenten aufgetreten waren. Daher liegt die Frage nahe, inwieweit solche Reformulierungen von gesellschaftlichen Veränderungen abhängen. Der enorme Erfolg der Relativitätstheorie degradierte die klassische Mechanik dann zum wichtigsten Spezialfall allgemeingültigerer Gesetze. Und die Kantische Vorstellung, dass Raum und Zeit bloße Formen unserer Anschauung seien, geriet ins Wanken. - Es spricht Jörg Huber (Freiburg), Physiker und Autor der ”Bahamas”.

Um 20 Uhr im Litfass, Moltkestr. 17

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Mittwoch, 18. Juni 2014

Verschenkte Gelegenheiten

In einer Welt, in der sie nicht nur, wie früher auch schon, mit gesellschaftlicher Ohnmacht geschlagen, sondern zum objektiven Anachronismus, zur nur noch lästigen Erinnerung an Unabgegoltenes wurde, ist kritische Theorie zur Parodie ihrer selbst geworden: Sei es, daß man sie durch mehr oder minder redliche akademische Pflege als immer noch bessere Alternative im Angebot der Denkstile konserviert; sei es, daß man sie als Statthalter einer obskuren intellektuellen Radikalität und Militanz mißversteht, die in Wahrheit nur als Obsession ihrer Verfechter existiert; sei es, daß man sie als Kampfplatz um die jeweils neuesten geistigen Distinktionen in den Dienst nimmt. Nur mehr von Splittergruppen und aggressiv oder tiefsinnig räsonierenden Lesekreisen ernst genommen, verliert sie gerade dadurch ihren Ernst und droht objektiv kryptisch, zu einer besonders elaborierten Form von Obskurantismus zu werden, so daß man, wie Clemens Nachtmann jüngst bemerkte, versucht ist, von der Lektüre Adornos abzuraten, weil Einfalt gegenüber dem Gegenstand offener ist als solches falsche Verstehen. Durch ihre Popularisierung oder vermeintliche Aktualisierung ist dem nicht abzuhelfen. Statt dessen sollte daran erinnert werden, wie kritische Theorie ihren Anfang nahm: weder als sogenannte kritische Gesellschaftstheorie (die vielmehr ihre Schrumpfform ist) noch als positive Anweisung auf irgendeine Praxis, sondern als freie, d.h. der Sache nicht nur verpflichtete, sondern sich ihr vorbehaltlos hingebende Reflexion der Erfahrung von Wirklichkeit: in Horkheimers “Dämmerung”, Adornos “Minima Moralia”, Benjamins “Einbahnstraße” und “Berliner Kindheit um 1900”, mit sog. unsystematischen, gerade darin aber auf Verbindlichkeit zielenden, in ihrer Subjektivität das bloß Subjektive überschreitenden Texten, denen die Untrennbarkeit von Sprach- und Denkform stets gegenwärtig blieb. Es soll versucht werden, diesen Zusammenhang zu vergegenwärtigen und auf den Einzelnen zurückzuwenden, weil nur im Einzelnen die Hoffnung bewahrt bleibt, daß es irgendwann doch begriffen wird. – Es spricht Magnus Klaue (Berlin), der u.a. für Jungle World, konkret und Bahamas schreibt und dessen Buch Verschenkte Gelegenheiten. Polemiken, Glossen, Essays gerade bei ça ira erschienen ist.

Um 20 Uhr im Litfass, Moltkestr. 17

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Mittwoch, 2. Juli 2014

Vom guten Zuhören

Musikalische Logik und strukturelles Hören

“Musikalisch sein – was unter diesem Namen als Sein hypostasiert wird, ist ein Werden, ein erst sich Bildendes, prinzipiell Offenes – heißt nicht, das Vernommene unter seinem Oberbegriff zu subsumieren; nicht bloß anzugeben vermögen, welchen Ort Details in dem logisch übergeordneten Schema haben, sondern die Entfaltung des Erklingenden in ihrer Notwendigkeit mit den Ohren denken.” – Diese Beschreibung von Musikalität trifft Adornos Konzept des guten Zuhörers, der in einem emphatischen Sinne ein musikalischer Mensch ist. Die voll adäquate Verhaltensweise der Musik gegenüber ist nach Adorno zwar das strukturelle Hören, dessen Horizont die konkrete musikalische Logik, deren Ort wiederum die musikali­sche Technik ist. Dieses strukturelle Hören aber ist ein approximatives Konzept; sein Begriff wird allenfalls von einigen Komponisten eingelöst, welche die Auseinandersetzung mit der Wechselwirkung zwischen Klang und musikalischem Text zu ihrem Beruf gemacht haben. Den Hörern bleibt der konzentrierte Nachvollzug des Erklingenden, der, sofern er gelingt, ein Bild des dialektischen Wesens der von Adorno gemeinten Musik hinterläßt. “Das Ideal von Struktur wie von strukturellem Hören ist das der notwendigen Entfaltung von Musik aus dem Einzelnen zum Ganzen, das seinerseits erst das Einzelne bestimmt.” Der Vortrag wird Musikbeispiele von Joseph Haydn und Johann Sebastian Bach beinhalten. – Es spricht Aljoscha Bijlsma (Berlin).

Um 20 Uhr im Litfass, Moltkestr. 17

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Mittwoch, 16. Juli 2014

Von der verwalteten zur mobilisierten Welt

Über das Outsourcing des Staates

In dem Maße, in dem die durch das Zusammenwirken von Staat und Sozialpartnern scheinbar prästabilisierte Einheit von Massenproduktion und Massenkonsum und damit der scheinbar immerwährend prosperierende deutsche “Volkskapitalismus” in die Krise gerät, zerfällt die Gesellschaft und mit ihr der sie absichernde staatliche Souverän. Statt als Objekte der Versorgung durch das volksstaatlich gezähmte Kapital bzw. den bürokratischen Volkstaat werden die Individuen nun wie in einer schlechten Karikatur auf den Liberalismus von einst als Subjekte ins Visier genommen, die ihren Objektstatus ganz selbstbestimmt und eigenverantwortlich verwalten dürfen. Auf diese Weise kehrt die allgemeine Mobilmachung von einst wieder als “freie”, auf je eigene Faust und in Konkurrenz zueinander betriebene Mobilisierung jedes Einzelnen an sich und mit sich selbst. Die “verwaltete Welt” (Adorno/Horkheimer) als die sistierte Mobilmachung geht aus eigener Logik in die “mobilisierte Welt” über, das demokratisierte völkische Generalracket zerfällt in seine Unterabteilungen, die in sich und untereinander erbittert darum konkurrieren, als “outgesourcte” und fortan auf eigene Rechnung agierende Cliquen und Rackets als Partikel von Herrschaft, als Momente des in die Gesellschaft diffundierenden Staates anerkannt zu werden. – Es spricht Clemens Nachtmann (Graz), Komponist, Redakteur der Zeitschrift “bahamas” und Autor u.a. von “Die demokratisierte Volksgemeinschaft als Karneval der Kulturen” (in: Stephan Grigat (Hrsg.), Postnazismus revisited, ça ira 2012)

Um 20 Uhr im Litfass, Moltkestr. 17

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Programmtext:
Neues vom Gröphaz