ca ira-Logo

ça ira-Verlag

Initiative Sozialistisches Forum

Rieselfeld: Neues aus der Sickergrube

“Ich freue mich immer wieder, in das schön menschliche Rieselfeld gezogen zu sein.”
(Ehrenamtliche des Thekendienstes im Glashauscafe/Stadtteilcafe im Stadtteilmagazin Rieselfeld)

Bis in die Siebzigerjahre beherbergte das Rieselfeld genau das, was der Name hergibt: eben alles, was die Freiburger nicht mehr haben oder wovon sie nichts Genaueres mehr wissen wollten; das waren neben Abwässern, einer Abdeckerei, dem als “asozial verrufenen Barackenquartier der Opfinger Siedlung” (Wikipedia) auch die notdürftigen Unterkünfte von überlebenden Sinti Familien aus Auschwitz und Buchenwald. Nachdem die Kläranlage den Abwässern nicht mehr Herr werden konnte, ohne der beliebten Freiburger Natur größeren Schaden zuzufügen, beschloss die Stadt, dem Moloch endlich ein Ende zu machen. Für die Sinti entstanden Wohnsiedlungen in Weingarten und Haslach (Die Glücklichen!), und von der Kläranlage schweigen die Quellen. In den 80er Jahren, der Zeit der Wohnungsnot und des Häuserkampfes, erkannte die Stadt das zivilisatorische Potential der Rieselfelder, und der inzwischen hochdotierte, familienfreundliche Stadtteil erstand auf dem “Ort des gesellschaftlichen Ausschlusses” (ebenda) wie ein Phönix aus der Scheiße.

Um alten Baumbestand und präzise angelegte Infrastruktur schmiegen sich heute Häuserreihen, denen nicht einmal bekennende Altbauliebhaber etwas vorwerfen könnten: Bunt, hell und nicht so hoch, dass man nicht trotzdem den Himmel sehen könnte, gewähren die Bewohner gegen ihr gutes Recht auf Licht und Aussicht ins Grün gerne Einblick in ihre Wohn- und Esszimmerlandschaft. In den Garagen stehen vor allem Familienwagen, die Gärten sind nicht so ungepflegt, dass man so recht eigentlich von Ungepflegtheit überhaupt reden könnte - und dürfte, denn schon das Wort in den Mund zu nehmen, erscheint wie ein Verrat an den bestimmt unheimlich freundlichen Menschen, die jeder hier antrifft, wenn er etwa das Glashaus besucht, den Stadteiltreff im Zentrum, an deren vielfältigen Angeboten teilzunehmen alle herzlich, sehr herzlich eingeladen sind: “Sie spüren hoffentlich, wir sind gerne für SIE alle da!” droht eine Ehrenamtliche in der eigenen Stadtteilzeitung. Fast alle Einrichtungen im Rieselfeld haben eine Stadtteil- Silbe davor, das spricht für das erschreckend gut funktionierende Stadtteil-, beziehungsweise Gemeindeleben.

Um auf die Gärten zurück zu kommen: Nein, nicht ungepflegt, sondern eher auf sympathisch menschliche Weise verwahrlost sind manche Vorgärten, denn die Rieselfelder haben wichtigeres für das Allgemeinwohl beizutragen als oberflächliche Harmonie, zum Beispiel (Stadtteil-)Kinder bekommen und hüten. Keiner entkommt als potentielle Bezugsgruppe den bienenfleißigen Kümmerern, die im übrigen alle Hände voll damit zu tun haben, überhaupt hilfebedürftiges Klientel heranzuschaffen; schließlich ist das Rieselfeld einfach Spitzenreiter in jeder denkbaren sozialen Disziplin: in einer gemeinwohlig-zärtlich kommentierten Onlinestatistik der Stadt Freiburg zeigt sich, dass es hier keinen schönen Schein zu durchbrechen gibt. “Der Anteil an Kindern und Jugendlichen und insbesondere der Anteil an Kindergarten und Grundschulkindern ist im Vergleich zur Gesamtstadt deutlich höher” triumphiert der Statistiker. Und diese lieben Kinderlein begehen auch fast keine Straftaten, jedenfalls fällt die Quote auch hier “deutlich niedriger als in der Gesamtstadt” aus. Ausländeranteil, Arbeitslosigkeit: alles “deutlich niedriger”. Beste Chancen also für den Nachwuchs, selbst einmal Teil des großen gemütlichen Ganzen zu werden, zum Beispiel durch eine Ausbildung auf dem hauseigenen Kepler-Gymnasium. Wer das nicht schafft, muss zur nächsten Haupt- oder Realschule raus nach Weingarten, rein in den sozialen Abstiegskampf.

Denn in Weingarten steht die Reservearmee schon bei Fuß, kaserniert in riesigen Betonpfeilern, vielleicht einzig zur Abschreckung der braven RieselfelderInnen, die tunlichst gemäß “des Konzepts, das für den Stadtteil entworfen wurde, (...) in Rieselfeld, bzw. in der näheren Umgebung ihre Arbeitsstelle finden. Es wird davon ausgegangen, dass nach Vollausbau im Jahr 2013 rund 1.000 Arbeitsplätze in den Kindergärten, den Schulen, in Restaurants, Arztpraxen, etc. zur Verfügung stehen.” (Wikipedia) Bei diesen Berufsaussichten ist aber eigentlich auch keine Angst der Bewohner vor einem Marschbefehl der Weingartener gen Rieselfeld erwarten. Nein, Rieselfeld ist eine saftige Weide für die gehobene Mittelschicht, so voller praller Lebensqualität, dass die Bewohner der ehemaligen Sickergrube es nicht nur bearbeiten und bekochen, sondern am liebsten gleich ganz aufessen wollen: “Das Essbare Rieselfeld” bewirbt ein Artikel des Stadtteilmagazins “unseren Gemeinschaftsgarten”.

Und dunkle Ecken? Wenigstens ein klitzekleinesbisschen Sündenpfuhl ist schon in Freiburg schwierig auszumachen; googelt man jedoch selbst Harmloses, wie etwa “Freiburg Rieselfeld Sexshop” erhält man doch nur Angebote der Rieselfelder Hundesportgruppe und der Friseurinnung.

Vielleicht ist aber doch die in porenlosen Sichtbeton gegossene, natürlich ökumenische Kirche (hier wird keiner vom allgegenwärtigen WIR ausgeschlossen) im Stadtteilzentrum als einzige pädagogische Andacht der Grausamkeit moderner Gesellschaft gewidmet: kein Besucher darf sich hier der betretenen Erkenntnis entziehen, dass er selbst als trauriger Einzelner nur Fliegenmatsch auf der Windschutzscheibe von etwas sehr viel Höherem, nämlich Mächtigerem, Effizienterem und Zeitloserem ist.

Pegida und ihre Gegner

Monatelang beherrschten Dresdner Wutbürger, die sich verquast “Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes” nennen die Schlagzeilen deutscher Medien, um dann genau so plötzlich, wie sie die Bildfläche betraten im medialen Niemandsland zu verschwinden. Während sich bei Günther Jauch die anwesenden Politikprofis gegenseitig darin überboten, ihrer Sprecherin Örthel Honig ums Maul zu schmieren, rechneten die Zeitungen allenthalben den Dresdner Demonstranten vor, dass doch weniger als ein Prozent Moslems in Sachsen lebe. Dabei gilt das gleichermaßen für die Anti-Pegida-Demonstranten im Westen. Gemessen an der Einwohnerzahl dürften wenigstens wenigstens hier die Pegida-Demonstranten im Promillebereich zu finden sein. In Freiburg, wo es keine einzige Pegida-Demonstration gab, wurde die Gegendemonstration mit 20.000 Teilnehmern zur größten der Stadt seit Ende des II. Weltkrieges. Dabei reklamieren beide Seiten für sich, das Volk und die gesellschaftliche Mitte zu repräsentieren – und haben vermutlich beide Recht.

Man sollte wohl das, was Pegida die “Islamisierung des Abendlandes” nennt, nicht allzu wörtlich verstehen. Schließlich fällt auf, blickt man einmal auf die mitgebrachten Transparente, die verschiedenen So-und-so-viel Punkte-Programme und öffentlichen Statements von Organisatoren wie Teilnehmern der Pegida, dass der Islam, die Islamisierung und der Islamismus nur in Ausnahmefällen überhaupt genannt werden und dann meist als Versuch, im rationalen Gewand über Zuwanderung zu lamentieren. Mit Islamkritik hat das aber schon allein deswegen nichts zu tun, weil der Gegenstand der Kritik um nichts besser wird, wenn seine Anhänger im Ausland sind. Mit Islamkritik gegen Zuwanderung zu argumentieren ist so dämlich und nationalisitisch, wie die Antifa-Parole “Nazis raus”. Im Bemühen der Pegida-Anhänger, die zweifelsohne vorhandenen ausländerfeindlichen Ressentiments möglichst rational zu formulieren, bleibt vor allem die Forderung übrig, die bestehenden Asylgesetze möglichst konsequent anzuwenden. Gesetze, die seit Einführung der Drittstaatenregelung den rechtlichen Anspruch auf Asyl beinahe unmöglich machen und nebenbei bemerkt nicht von Pegida, sondern u.a. den Politikern gemacht wurden, die angesichts des Dresdner Spuks in jede Kamera Toleranz und Menschlichkeit einforderten. Die von den Organisatoren gelegentlich erzählte Geschichte, zur Gründung von Pegida sei es aufgrund der Auseinandersetzungen zwischen Salafisten und Kurden, sowie wegen der (von ihnen wohl als skandalös empfundenen) Forderung nach deutschen Waffenlieferungen für die Kurden gegen den IS gekommen, könnte noch als Angst davor gedeutet werden, dass die Konflikte im Nahen Osten in Deutschland ausgetragen werden. Falsch ist daran aber weniger die Angst selbst, als vielmehr die Vorstellung, man könnte in einer zum globalen Dorf gewordenen Welt so tun, als beträfe Deutschland der zum syrischen “Bürgerkrieg” verharmloste regionale Krieg (in den beispielsweise mit der Türkei von Anfang an ein europäisches Nato-Mitglied involviert war) nicht. Auch die deutschen Asylbehörden, die lange Zeit annahmen, die größte Flüchtlingskatastrophe seit 1945 hätte keine Auswirkungen auf Deutschland, teilten diese naiv-provinzialistische Vorstellung mit Pegida.

Neben der Ablehnung von “Wirtschaftsflüchtlingen” “kriminellen Asylanten” fällt an den Pegida-Statements allerdings die Bandbreite an Forderungen und Parolen auf, deren Zusammenhang mit einer vermeintlichen “Islamisierung” nicht im Geringsten einleuchtet:

“Lügenpresse”, “GEZ abschaffen”, “Frieden mit Russland”, Angst um die Rente und immer wieder “die Politiker” würden sich nicht “um uns” kümmern. “Wir sind das Volk” meint wohl vor allem die Sehnsucht nach einem Staat, der einem die Last, den Alltag auf sich selbst gestellt bewältigen zu müssen und den lästigen Zwang, immer aufs Neue in der Konkurrenz bestehen zu müssen, durch Bevormundung abnimmt. Dass ausgerechnet Asylbewerber zu einer Projektionsfläche dafür werden, ihnen werde angeblich alles nachgetragen, mag auch daran liegen, dass diese ja tatsächlich in vielen Bereichen staatlich bevormundet werden, was allerdings einen wesentlichen Aspekt ihres kaum erträglichen Alltags darstellt. Es scheint als neiden sie den Asylbewerbern, dass diese außerhalb der Konkurrenz auf staatliche Lebendhaltung angewiesen sind. Die Sehnsucht der Pegida-Demonstranten dürfte im Ergebnis einer “Islamisierung”, also der sekundären Wiederherstellung persönlicher Abhängigkeitsverhältnisse und klar strukturierten Verhaltensregeln für den Alltag, gar nicht so fern stehen.

Wenigstens statistisch betrachtet handelt es sich, folgt man einer im Spiegel vorgestellten Studie, bei Pegida und No-Pegida um einen Generationenkonflikt: Dominiert bei den Dresdner Wutbürgern die Gruppe der 36-45-Jährigen, in überwiegender Mehrheit männlich und erwerbstätig, so bei ihren Gegnern die der 16-36 Jährigen, mit hohem Anteil von Frauen, Kinderlosen und noch nicht Erwerbstätigen. Dass sich beide Gruppen hinsichtlich der Bildung nicht unterscheiden würden, wie der Spiegel aufgrund des etwa gleichen Prozentsatzes von Hochschulabsolventen auf beiden Seiten meint, dürfte sich allerdings auf Seiten der Pegida-Gegner durch die hohe Anzahl der noch in Ausbildung befindlichen Teilnehmer relativeren. Man darf vermuten, dass es sich bei den Pegida-Gegnern vornehmlich um junge Westdeutsche aus akademischen Familien handelt. Während für das Milieu der Pegida-Demonstranten Asylbewerber in doppelter Hinsicht eine Konkurrenz darstellen – lässt man sie arbeiten, sind sie Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt, lässt man sie nicht arbeiten, sind sie in absehbarer Zeit Konkurrenten staatlicher Zuwendungen zu den klammen Rentenkassen – gilt das nicht gleichermaßen für die Pegida-Gegner. Herrscht auf den Pegida-Demos oft plumpe Aggressivität und Angst, so dominiert auf den Plakaten ihrer Gegner neben hohlen Bekenntnissen für Vielfalt und “Bunt” vor allem der Witz über die Dummheit und Ängste der Pegida. Während die Diskussion über Pegida in Zeitungen und Politik vor allem darum kreist, ob man die Ängste der Pegida nun ernst nehmen müsse oder nicht, scheinen sich die Pegida-Gegner vor allem dazu bekennen zu wollen, keine Angst zu haben. Und zwar vermutlich genau in dem Sinne, in dem bei Freud ein Patient von einer Person seines Traumes berichtet und auf die Frage, um wen es sich dabei handelt, antwortet: “Die Mutter ist es nicht”(Die Verneinung). Die Anziehungskraft der Anti-Pegida-Demonstrationen dürfte gerade darin bestehen, gegen die Angst zu demonstrieren, einmal ökonomisch und gesellschaftlich eben jenem Milieu der Pegida anzugehören. Bildet sich die Gemeinschaft der Pegida im Ressentiment gegen Asylbewerber und die Politiker, so die ihrer Gegner gegen die Unterschichten und die Banken. So berichtet der Spiegel auch “dass die NoPegida Befürworter größtes Misstrauen gegen Großkonzerne und Banken bekunden und der freien Marktwirtschaft (zu 97 Prozent) keine größere Relevanz mehr zumessen mögen”.1

Pegida ist so gut wie von der Bildfläche verschwunden und mit ihr ihre Gegner. Kaum werden sich Zehntausende über mehrere Monate hinweg mobilisieren lassen. Aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich ähnliche Konstellationen zu anderen politischen Themen in der Zukunft wiederholen werden. Wirklich gefährlich aber könnte es werden, wenn die gegenwärtigen Pegida Anhänger und Gegner erkennen, dass ihre Ressentiments so weit voneinander nicht entfernt sind.

Stadion-Debatte

Bezeichnend für die Stadion-Debatte in Freiburg ist die Tatsache, dass in ihrem Verlauf niemand deren Gegenstand in Frage stellte: die Abwägung, ob Investitionen aus öffentlicher Hand, zu deutsch: “unsere Steuergelder”, nutzbringend verwertet werden, ist keine Frage demokratischer Libido, sondern Sache von Fachleuten, am allerwenigsten jedoch ein Gegenstand kommunistischer Kritik. Weil die sachlichen Argumente schwierig, komplex, bürokratisch also: ganz ihrem zu erfüllendem Prinzip des Allgemeinwohls entsprechend jede Lust und Leidenschaft des Einzelnen abtötend zurecht als langweilig und eintönig erfahren werden, werden andere Kaliber gezückt. Denn um etwas anderes, als zusätzliche Ticket-Verkäufe und VIP-Lounges als im alten Stadion ,geht es auch laut SC nicht. Weil das zu schnöde kaufmännisch klingt, bedarf es vorgetäuschten Mitleids: Ein Rollstuhl-Fahrer bittet auf den Plakaten der Pro-Initiative, doch bitte nicht “im Regen” stehen gelassen zu werden. Auch die Segelflieger, deren Startbahn dem Neubau zum Opfer fallen wird, mutieren zu Opfern: “Erst wir, dann ihr” drohen sie mit der Ankündigung, das Ende ihres Sportes in Freiburg werde auch alle anderen in den Abgrund reißen. Die Stellungnahmen der Gemeinderatsfraktionen dagegen bringen erwartbare Beispiele internalisierter Verwertungspanik: Ein Stadion, so OB Salomon, sei einer der “wichtigsten positiven Werbe- und Imageträger”, der SC weniger ein Sportclub als ein “wichtiger Wirtschaftsfaktor” mit insgesamt rund 300 Arbeitsplätzen, von dessen Tätigkeit die Stadt profitiere. Der grüne Appell an die glokale Volksgemeinschaft darf nicht fehlen, an “gemeinsame[n] Enthusiasmus, Vorbilder für junge Menschen, ein Wir-Gefühl für Stadt und Region”. Das allerdings wollte sich partout nicht einstellen; denn der grüne Traum zur Herstellung einer Konsens-Fiktion in der Verschmelzung von Souverän und Volk, d.h. der Volksentscheid, brachte nicht den ersehnten sozialen Frieden. “Das Volk weiß es nicht besser”, titelte demnach die FAZ und zitierte OB Salomon: “Die Grünen, so Salomon, sollten ihren “Gründungsmythos” überdenken, der besage, dass das Volk immer alles besser wisse. Der Protest von Bürgerinitiativen sei heute “alt, oft verbittert und manchmal richtig böse”. Die Kampagnen seien häufig geprägt von “extremer Regellosigkeit”. Außer der eigenen Betroffenheit wollten Initiativen heute keine Regeln mehr kennen.” So zerfällt die letzte Staatsfiktion im letzten Moment ihrer Herstellung. Die Grünen trösten sich mit der “Werbung auf internationalem Parkett für eine kleine, lebenswerte Großstadt im Süden” als Antidot gegen die Sinnkrise einer City, in der Green nur der Schwarzwald ist."

Vom Elend des Antifaschismus

Nicht an irgendeinem, sondern – wie es die Ironie der Geschichte möchte – ausgerechnet am Jahrestag der Novemberpogrome zeichnete der Antizionist Horst Haitzinger für die Badische Zeitung (BZ) eine Karikatur auf der eine Schnecke mit dem Kopf einer Friedenstaube abgebildet ist und sich auf dem Weg nach Genf, zu den anhaltenden Atomverhandlungen mit dem Iran, schleicht. Neben der Schneckentaube steht ein prosaisch blickender Benjamin Netanjahu, der beim Betrachten der Schnecke seinem mutmaßlichen Mordkomplizen telefonisch mitteilt: “Ich brauche Taubengift und Schneckenkorn”. Auf die antisemitische Lüge von Juden als Brunnenvergiftern rekurriert der Österreicher Haitzinger, dessen ganzer Erfolg darauf fußt, dass er an den eintönigen Verstand der Deutschen appelliert. Wer am Morgen des Jahrestages der Novemberpogrome nicht den Lieblingen der Deutschen, den toten Juden, gedenkt und am Nachmittag der liebsten und frühesten politischen Übung, der sogenannten Israelkritik, verfällt, verrät seine politische Verpflichtungen nicht nur gegenüber Europa, sondern gerade auch gegenüber Israel. So gesehen ist Horst Haitzinger ein äußerst gewöhnlicher Antisemit, der bestens darüber in Kenntnis gesetzt ist, wie es um das gesellschaftliche Produktionsverhältnis der europäischen Gedenk- und Außenpolitik bestellt ist.

Man hätte noch viel mehr Worte über diese Karikatur und die darauf folgenden Reaktionen verlieren können, doch bei der endgültigen Entblödung des Freiburger antideutschen Antifaschismus, der in Form eines Flugblatts daherkam, geriet man mehr als nur ins Staunen. Eine steile These vertrat die Antifaschistische Initiative Freiburg (AIF), die sich auf den Punkt gebracht, wie folgt liest: “In einer Welt ohne Antisemitismus wäre Haitzingers Zeichnung nicht judenfeindlich.” Dort sind nicht nur Versatzstücke eines Kombinationsstudienganges der Soziologie und Politikwissenschaft, sondern auch der künftige sozialpädagogische Impetus zu studieren, woran der hiesige Antifaschismus immer zu kränkeln scheint. So darf man Haitzinger, nach Logik der AIF, nicht als Antisemiten bezeichnen, auch wenn zugestanden wird, dass die Zeichnung antisemitisch sei (was sie ohne Frage ist), sondern ein gesellschaftliches Unbewusstes (was auch immer das sein mag) produziere “Bildsprache, literarische Klischees und Topoi”, manifestiere auch den Antisemitismus in den Köpfen und bilde also eigentlich selbst das Motiv für die Zeichnung. “Aus diesem Grund”, so die angehenden Sozialpädagogen, “sagen Menschen häufig Dinge, die sie sich selbst gar nicht explizit klar gemacht haben. Ganze Wissenschaftszweige – zum Beispiel Literaturwissenschaft und Psychologie – beruhen auf dieser Erkenntnis.” Haitzinger sei also einem Unbewussten aufgesessen und da man es sich verbietet jemanden als Antisemiten zu titulieren, da dies nach der AIF erst Grund für den virulenten, gesellschaftlichen Antisemitismus ist, soll es laut dieser sportlichen Truppe darum gehen “was jemand gesagt oder getan hat, nicht was jemand ist.” Die Initiative leugnet den Antisemitismus zwar nicht, aber um diskursfähig zu bleiben und vermutlich niemanden zu stigmatisieren (denn immerhin wohnt das Topoi in uns und die Reflexion ist bereits jetzt auf den Müllhaufen der Geschichte verbannt), tritt man – ganz postmodern – für den “Antisemitismus ohne Antisemiten” (Henryk M. Broder) ein. Für die Verbreitung des Antisemitismus, einer – wie es begriffsscharf heißt: “prägenden Entwicklung der kapitalistischen Moderne”, sei die “Tabuisierung” des Antisemitismus maßgeblich. Denn: “Anstatt ihn [den Antisemitismus] sozialwissenschaftlich zu betrachten wird er als schlechthin (sic!) böses, unerklärliches Phänomen mystifiziert, an dem es nichts zu verstehen, sondern nur zu verurteilen gibt.” Woher das Bedürfnis stammt, eine in sich unbegreifbare Sache wie den Antisemitismus verstehen zu wollen, einer Irrationalität also noch ein rationales Moment und den Antisemiten ein solches Motiv zu attestieren, ist selbst nicht begreifbar. Eine auf Mord und Totschlag abzielende und auf Wahn begründete Denkform, verbindet eine innige Verwandtschaft mit der weltgeschichtlichen, durch das Kapital kontstituierten, Unvernunft, die in der in sich selbst unbegreifbaren geschichtlichen Tat namens Auschwitz sich Bahn brach, sich auf alle Zeit zu verewigen scheint und derzeit durch die Islamisten aller Länder und ihrer europäischen Freunde inzestuöse Hochzeit feiert. Da das gesellschaftliche Klima sich wandelte, man hierzulande “Israel” sagt und “die Juden” denkt, wenn man sich des Ressentiments entledigt, beteiligen sich die europäischen Haitzingers an der Endlösung mit Karikaturen. Doch sie verhalten sich arbeitsteilig zu ihren Brüdern und Schwestern, den islamistischen Mörderbanden, die Raketen auf den Staat der Juden (wie vergangenen Sommer) feuern. Der Blutdurst der Antisemiten ist so unersättlich, dass einzig sachlich zu den Antisemiten sich jener verhält, der nicht nur an Denunziation zu denken gezwungen ist, sondern auch an das Bonmont Woody Allens erinnern möchte: “Ich bevorzuge Baseballschläger”. Und weil die restlos auf Verstand setzenden künftigen Akademiker den Antisemiten mit einem nachmittäglichen Gesprächsangebot mit Tee und Kuchen aufwarten, statt mit Prügel, kann man sich nebst dem antisemitischen Karikaturisten auch noch schützend vor den Pfeife rauchenden Blechtrommler mit Literaturnobelpreis stellen. “Auf jeden Fall kann der tägliche Karikaturist in der morgendlichen Zeitung genauso wenig dieses Vorwurfs [Antisemit zu sein] schuldig sein, wie der Nobelpreisträger, der die Blechtrommel geschrieben hat.” Wer so viel Verständnis zeigt, darf sich mit gutem Gewissen intellektuell schimpfen.

1 http://www.spiegel.de/politik/deutschland/franz-walter-ueber-die-anhaenger- der-gegenbewegung-nopegida-a-1014993.html

Trennmarker

Als  bild  downloaden
Programm:
Programm Herbst/Winter 2014/2015