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Initiative Sozialistisches Forum

Die Avantgarde des staatstragenden Widerstands

„Deutschland und Europa befinden sich in einer schweren Krise. Mehr noch: sie stehen vor ihrer Abschaffung.“ Was klingt wie der Traum antideutscher Kommunisten treibt der ‚Identitären Bewegung‘ den Schweiß auf die Stirn. Anlass zur Aufregung: „Das Gespenst des großen Austauschs geht um.“ Der Mythos vom „großen Austausch“ (Renaud Camus) und der damit einhergehenden ‚Islamisierung‘ ist Dreh- und Angelpunkt der neurechten Jugendbewegung. Ihrem Selbstverständnis als sowohl elitär-avantgardistische wie aktionistische Vorhut der kommenden völkischen Revolution und ihren Vordenkern von der ‚Neuen Rechten‘ folgend, bedienen sie sich dabei gekonnt aus der Mottenkiste linker Aktionsformen. Mittels Flashmobs in Fußgängerzonen, der Besetzung von Straßen und Parteizentralen, der Erstürmung von Theaterbühnen etc. wollen die selbsternannten ‚Conquistadores‘ auf die ‚Einzelfälle‘ aufmerksam machen, die als Teil der großen Verschwörung, des großen Austauschs, entlarvt werden.

Die Identitären fühlen sich als „letzte deutsche Mehrheitsgeneration“, die „Bevölkerungsaustausch und Islamisierung Deutschlands“ noch aufhalten und die „Traditionslinie von Arminius bis Bismarck, von Walther von der Vogelweide bis Goethe, von Leibniz bis Heidegger“ retten könne. Der Volkstod werde durch zwei gegenläufige Prozesse herbeigeführt: Auf der einen Seite sorgten Feminismus, Niedergang der Männlichkeit und der traditionellen Familie für schwindenden Reproduktionswillen des Volkes. Auf der anderen Seite würde Europa von kulturfremden Invasoren überrannt, die durch Überfremdung und Geburtendschihad die ethnokulturelle Identität Europas zersetzten. „Die importierten Einwanderermassen“ seien dabei allerdings „selbst nur Schachfiguren in diesem Prozess“. Die wahren Schuldigen seien, man ahnt es, „[i]nternationale Konzerne, fremde geopolitische Mächte, Multikulti-Parteien und eine vom Selbsthass zerfressene Medien und Kulturszene“. Am Ende stehe statt gewachsener Völker eine „amorphe Masse aus Konsumenten und Arbeitern“, „reif für eine neue Weltordnung und einen Weltstaat“. Obwohl die zitierten Untergangsphantasien klingen, als seien sie aus den Protokollen der Weisen von Zion abgeschrieben, gehört allzu offener Antisemitismus bislang nicht zur Rhetorik. Zwar böten Antisemitismus und Verschwörungsideologien einen passablen Einstieg ins ‚kritische Denken‘. Jedoch – und hier setzt auch die Kritik am Nationalsozialismus an – sei mit der Vernichtung der Juden die verhasste Moderne eben noch nicht abgeschafft. Die Bekämpfung der Moderne einzig im Juden habe es den Antisemiten erlaubt, sich dieser umso mehr zu bedienen. In diesem Sinne sei der Nationalsozialismus gar zu humanistisch gewesen und der Kampf viel umfassender und radikaler zu führen.

Mithilfe der vermeintlichen Abwesenheit des Antisemitismus stützen auch Islamversteher und -verbände ihre Behauptung, der Islam sei der neue Hauptfeind der Rechten und habe den Antisemitismus weitgehend abgelöst. Folglich sei der Islam gegen Angriffe von rechts zu verteidigen und unter kulturellen Artenschutz zu stellen. Ein gewolltes Missverständnis, das die Nähe des Multikulturalismus zum Ethnopluralismus der Rechten verschleiert.

In der Tat spielt das Bedrohungsszenario der Islamisierung im identitären und neurechten Denken eine zentrale Rolle. Der Islam erfüllt hier Horror- und Wunschvorstellungen in einem: Zunächst tritt er in seiner Opfergabe eines loyaleren und lebensmüderen Menschenmaterials in Konkurrenz zum bisher lediglich nationalkulturalistisch, und damit im Vergleich zur religiösen Überhöhung des Islams ideologisch defizitär bestimmten deutschen Volkskörper. Umso größer die Panik, denn Ideologie kann auch ohne rassistisch identifizierbare Flüchtlinge einwandern (so sehr deren Diffamierung auch vorangetrieben wird): sie lauert überall, bereit, den nichtsahnenden Deutschen beim Bulgurgenuss hinterrücks zu überfallen, zu blenden und seiner nationalen Identität zu berauben. Ohne negatives Leitbild substanzlos arbeiten die Neurechten sich deswegen am beneideten Feind ab. Alles, was den Deutschen und Europäern abhanden gekommen sei, zeichne die islamische Umma geradezu aus: Ein Aufmarsch der vom Kapital überflüssig gemachten und potentiell Überflüssigen zum autark-produktiven Kollektiv, das in repressiver Egalität gegen die Zumutungen kapitaler Verwertung verschweißt ist. Dass der politische Islam das momentan erfolgreichere faschistische Projekt ist, versetzt den autoritären Charakter in einen Zustand der Abwehr und Bewunderung zugleich. Die Opferbereitschaft, mit der die Islamisten weltweit den Kampf gegen jeden Emanzipationsversuch aufnehmen, dient dem identitären Wahn als Vorbild. Gerade die „Weigerung der Muslime“, sich „zum westlichen Einheitsmenschen machen zu lassen“ sei ihre Stärke. Was die Identitäre Bewegung gerne hätte, die unmittelbare Identität von Individuum und Gemeinschaft, wird der islamischen Kultur als Erfolg unterstellt und dem einzelnen tatsächlichen oder vermeintlichen Moslem als bloßem Exemplar seiner Gattung projektiv geneidet.

Als „willkommene Krise“ und „einzigartige historische Gelegenheit“ firmiert die sogenannte Flüchtlingskrise als Legitimation zum Losschlagen. Als im Februar 2016 identitäre Aktivisten unter dem Motto ‚Wir sind die Grenze‘ symbolisch die Grenze dicht machten, demonstrierten sie dabei nicht nur, dass sie ihrem Anspruch, „revolutionär“ und „staatstragend“ zugleich zu sein, mehr als gerecht werden. Sie zeigten auch, wo die Reise hingehen soll: Während der Islam ‚in seinen Ländern‘ als identitäres Projekt geheiligt wird, sollen auch seine Opfer in noch größerer Zahl als bisher an den Mauern und Zäunen der Festung Europa verrecken.

Das Unvermögen linker und rechter Islamkritik

„Der Islam“, so beginnt Björn Höcke seine Rede auf einer Erfurter AfD-Demonstration, „ist nicht mein Feind, unser größter Feind ist unsere Dekadenz.“ Der Islam habe seine Heimat in einer anderen Welt, nur dort könne er „die uneingeschränkten Entfaltungsmöglichkeiten beanspruchen, die wir ihm gerne zugestehen.“ Nicht der Islam als Herrschaftsideologie sei das Problem, sondern die mit ihm einhergehende Auflösung ethnisch-kultureller Homogenität. Beim Anti-Islam-Kurs der Neuen Rechten handelt es sich nicht um Kritik, sondern um ein Ticket für das eigene ethnopluralistische Ressentiment. So vernünftig das Erschrecken vor einer Religion, die den islamistischen Mörderbanden das ideologische Rüstzeug liefert, so notorisch der rechte Aufschrei als Farce. Der Islamwissenschaftler Hans-Thomas Tillschneider (AfD) gilt als Beispiel dafür, auf welchen ideologischen Denkgebäuden sich das, was früher Völkerkunde hieß, stützt: „Ich kritisiere den Islam nicht an sich und will ihn weder reformieren noch aufklären. Meine Position ist: Die Deutschen haben ihre Kultur, die Muslime haben ihre Kultur, und das passt nicht zusammen.“ Tillschneider sei gerne im Orient und habe „großen Respekt vor dem Islam“, für sein Studium entschied er sich für Damaskus, weil ihm Kairo „zu verwestlicht war.“ Von der multikulturellen Ideologie lässt sich der Ethnopluralismus nur in der Dimension der voneinander abzugrenzenden Kulturen unterscheiden, denn statt von einer kulturellfragmentierten Gesellschaft, träumt der Ethnopluralist von einer „bunte[n] Welt aus vielen verschiedenen Kulturen“ (Tillschneider), denen er ihren jeweils eigenen territorialen, nationalen Bezugsrahmen zuspricht.

Kultur (früher nannte man es Volkscharakter) wird zur Unabänderlichkeit naturalisiert. „Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch.“ (Adorno). Der Ethnopluralist schreibt dem Muslim eine fixe Identität zu, um die er ihn insgeheim beneidet – ein hasserfüllter Neid, der sich aus einer Regressionssehnsucht nach der eigenen, in der kapitalistischen Vermittlung verlorengegangenen vermeintlichen Ursprünglichkeit speist. Eine Sehnsucht nach Autorität und Heroismus, das Aufgehen des Individuums in der Umma und ein klares Regelwerk, welches das diesseitige Leben nur als Restriktion zu denken erlaubt. Die mit dem Verwertungsinteresse des Kapitals einhergehende Angst des Einzelnen vor der eigenen Überflüssigkeit drängt zur Hypostasierung der substantiellen Identität mit dem Deutschtum, die sich aus der Attribuierung des Muslims als nicht-identisch Fremdem speist.

Das Halāl der linken Kulturschutzgemeinde ist wiederum der Respekt vor religiösen Gefühlen, der die Chance verhindert, dass der Gläubige „denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte, wie ein enttäuschter, zu Verstand gekommener Mensch, damit er sich um sich selbst und damit um seine wirkliche Sonne bewege. Die Religion ist nur die illusorische Sonne.“ (Marx) Doch den Islamapologeten geht es gar nicht um die Herauslösung des Individuums aus der Zwangszuschreibung, der Subsumierung von Menschen unter dem religiösen und kulturellen Morast, sondern um die Förderung von „kulturellem Selbstausdruck“ (Die Linke). Muslime werden zum Mündel für die linken Kulturrelativisten, die damit die Versklavung der Individuen zu Angehörigen ihrer Kultur weiter vorantreiben.

Der Kulturalismus als ideologischer Kern der Linken und Rechten ist zweigestaltige Spielart desselben anthropologischen Kulturbegriffs, der auf der Annahme gründet, dass das Individuum sich durch die Zugehörigkeit zu einer Kulturgemeinschaft als abgeschlossenem Ganzem konstituiert. Die kulturalistische Ideologie beschwört die Homogenität innerhalb der Kulturen und die Differenz zwischen diesen, ohne diese zwangsläufig zu hierarchisieren. Sowohl dem rechten Ethnopluralisten, der einen Islam will, „der islamisch ist, und ein Deutschland, das deutsch ist“ (Tillschneider), als auch dem linken Multikulturalist, der von „kultureller Vielfalt und Bereicherung“ schwafelt, die erst kürzlich mit der bisher wohl größten Altkleidersammlung der Bundesrepublik begrüßt wurde, sind Respekt vor kultureller Verschiedenheit und dem Schutz dieser Identitäten ein besonderes Anliegen. Beide sind sich in ihrer Bestimmung von Homogenität ähnlicher als sie selbst zu erkennen vermögen, verwenden dabei jedoch „nur einen anderen Namen und ein anderes Maß.“ (Bruhn). Sie kennen keine Individuen, sondern nur Kollektive. Die Synergie aus kulturalistischer und antisemitischer Ideologie böte ideale Voraussetzungen zur Kollaboration der Linken und Rechten mit dem radikalen Islam. In diesem Zusammenhang gilt die Kritik der Religion als „die Voraussetzung aller Kritik“ (Marx) – jede andere ließe sich von ihrem faschistischen Gehalt nicht differenzieren.

Defizitäre Liebe in der Gemeinschaft der Tüchtigen

Während die Wutbürger von der AfD sich als Verteidiger freiheitlicher Werte gegen den Islam inszenieren, zeigt sich an der Frage nach dem Umgang mit Homosexualität, wohin die Reise geht. Der Freiburger Nachwuchsagitator Andreas Schuhmacher von der Jungen Alternative lässt vielerorts vor johlenden Eltern verkünden, dass die „grünversifften Homo-Linken“ nicht „unsere Kinder“ kriegen. Doch nicht nur dadurch, dass die AfD in ihren Reihen solche versammelt, welche die Wiedereinführung einer gesetzlichen Verfolgung homosexueller Handlungen herbeisehnen, wird deutlich, dass die Feindschaft gegen Homosexuelle wieder zum mehrheitsgesellschaftlichen Projekt zu werden droht. Der Anteil der Menschen, die angeben, es ‚eklig‘ zu finden, wenn sich zwei Männer in der Öffentlichkeit küssen, verdoppelte sich in den letzten zwei Jahren von 20 auf über 40 Prozent. Während im Islamischen Staat reihenweise homosexuelle Männer von Hochhäusern geworfen werden und im Iran schwule Teenager an deutschen Kränen gehängt werden, entdeckt man hierzulande zeitgleich seine Abscheu vor Islamisten wie vor deren schwulen Opfern und schielt neidisch nach Russland, wo Homosexualität gänzlich aus der öffentlichen Wahrnehmung getilgt wird. Die Abneigung gegen den Islam ist Erscheinungsform eines projektiven Neids: die Frechdachse vom Orient lassen jenen autoritären Verlockungen freien Lauf, die im postnazistischen Deutschland mal mehr, mal weniger erfolgreich zu Ordnungs- und Produktivitätswahn sublimiert werden: Ausmerzung individueller Lust zugunsten von kollektivistischen Produktivitätsimperativen, Wunsch nach patriarchaler Familienorganisation, projektive Bekämpfung der Moderne im Juden, Bereitschaft zur Vernichtung. Welch ein Affront für das Original! Da die wiedergutgewordenen Deutschen sich noch nicht recht entscheiden können, ob sie nun selbst zu dieser politischen Ökonomie des Wahns zurückkehren oder sie vom souveräneren Standpunkt der Liberalität bekämpfen sollen, tun sie einfach beides. Das Toleranzgeschwafel von der „ökologischen, offenen, antimilitaristischen Post-Auschwitz-Haltung“ (Zeit Online) ist Beweis genug, dass dieser Standpunkt in deutschen Gefilden nie ernsthaft verinnerlicht wurde, impliziert die Duldung der toleranten Mehrheit doch die Möglichkeit, dass ihr wieder die Hutschnur reißt. Hinter dem rhetorischen Gewand der „Verteidigung freiheitlicher Werte“ verbirgt sich meist das genaue Gegenteil, der Wunsch nach Angleichung an die autoritäre Repression des vermeintlichen Feindes durch den Rückgriff auf Vorstellungen einer traditionellen Familie, welche die legitimen Bahnen der Ausübung von Sexualität wieder volksgemeinschaftlich statt marktförmig-individualistisch bestimmen soll. Dies zeigt sich nicht zuletzt an der Renaissance des Volkskörpers: der „große Austausch“, der gerne auch als schleichender Genozid am deutschen Volk bezeichnet wird, sei einzig durch ein Wiedererstarken der vermehrungsfreudigen deutschen Familie aufzuhalten, nicht zeugungsfähige, „defizitäre“ Liebesbeziehungen (Matthias Matussek) seien bis zur Unkenntlichkeit rechtlich schlechter zu stellen, wenn nicht gleich aus dem Volkskörper zu tilgen – unter dem wahnwitzigen Motto einer „Willkommenskultur für deutsche Kinder“ (Schuhmacher). Wenn Pegida-Apologet Prof. Werner Patzelt schwärmt, der Patriot könne in einer „Gemeinschaft der Tüchtigen“ aufgehen, und der antiliberale Liberale Lucke fordert, prominente Homosexuelle sollten ihr Outing bitteschön mit dem Bekenntnis zur Ehe zwischen Mann und Frau als der eigentlich erstrebenswerten Lebensform verbinden, fällt hin und wieder ein Schlaglicht auf diesen Volkskörper, der sich unter dem zur Sicherstellung des Marktgeschehens, wie zur Selbstvergewisserung, dass man mit Auschwitz nichts zu tun habe, notwendigen westlich-demokratischen Schleier zusammenrottet.

Der teilemanzipierte Homosexuelle steht diesem Volkskörper als Ersatzjude bereit: Dem durch Heirats- und Adoptionsverbot vom Aufgehen im verwurzelten Kleinfamilienkollektiv Abgehaltenen wird ebendies als Flexibilitätsvorsprung auf dem Arbeitsmarkt angekreidet und das Glück der nicht an den Zweck der Volksreproduktion gebundenen Sexualität geneidet. So zeigt sich, warum linke Deutsche den Islamismus entweder pathologisieren oder gar als antiimperialistischen Befreiungskampf affirmieren und rechte Deutsche ihn eher wie ein neidischer Bruder bekämpfen: weil „die Tabuisierung der Sexualität, die Zivilisationsmüdigkeit und die Verachtung des Individuums - auch hierzulande Konjunktur haben“ (Ahmad Mansour).

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Programm:
Programm Herbst/Winter 2016/17