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ça ira-Verlag

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Ilse Bindseil

Morde

und andere tödliche Geschichten

1982, 140 Seiten, 3,90 €, ISBN: 3-88633-065-6

Vergriffen, kein Nachdruck

“Neigte Ihre Frau zu Depressionen, fragte der Polizist.
Na, so wie wir alle dazu neigen, sagte ich anzüglich. Sie nahm ihr Quantum Schlaftabletten und trank auch eine Menge. Aber sie nahm die Tabletten nicht am Tag und trank aus Prinzip nicht vor dem Abendbrot. Das kann ja wohl als Kriterium gelten.
Und daß sie beides zusammengenommen hätte, sagte der Polizist und sah den Doktor fragend an.
Das hätte man gerochen, sagte der Arzt verächtlich.
Und sonst haben Sie keine Anhaltspunkte, wandte sich der Polizist wieder an mich.
Nein, sagte ich mutlos. Sonst habe ich keine.
Krank war Ihre Frau zufällig nicht, fragte der Arzt.
Sicher war sie krank. Aber daran stirbt man doch nicht.
So, sagte er und schaute mich mit unverhohlener Verachtung an. Was fehlte Ihrer Frau denn?
Sie hatte es im Darm, sagte ich, und die Ärzte der letzten Wochen, die Krämpfe und unterdrückten Schmerzen, die übersprungenen Mahlzeiten, der rasche, immer wieder geleugnete Verfall, alles fiel mir wieder ein.
Sie war natürlich in Behandlung, fragte der Arzt.
Sie traute den Ärzten nicht, sagte ich in der direkten Absicht, ihn zu kränken.
Über den Ernst der Krankheit waren Sie sich aber im klaren, frage er nun mit so schneidender Stimme, daß sogar der Polizist eine beschwichtigende Geste in seiner Richtung machte.
Über den Ernst bin ich mir nicht im klaren, sagte ich und betonte jede Silbe. Ich vermute auch, daß es jetzt zu spät ist, sich die gewünschte Klarheit zu verschaffen.”

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