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Roman Rosdolsky

Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen ›Kapital‹

Der Rohentwurf des Kapital 1857-1858

ca. 600 Seiten, Hardcover, ca. 34 €, ISBN: 978-3-86259-129-9

Herbst 2017

Roman Rosdolsky wurde 1898 im österreichisch-ungarischen Lemberg geboren. Während des Ersten Weltkrieges war er Anhänger Friedrich Adlers wie auch Karl Liebknechts und gründete als Soldat den illegalen Bund der Internationalen Revolutionären Sozialdemokratischen Jugend. Rosdolsky war Mitbegründer der Kommunistischen Partei Ostgaliziens, die mit den russischen und ukrainischen Bolschewiki eng kooperierte, und galt als deren Theoretiker. Nach der Niederschlagung der Westukrainischen Volksrepublik im Mai 1919 emigrierte er nach Prag, um Rechts- und Staatswissenschaft zu studieren. 1924 setzte er sein Studium bei Carl Grünberg in Wien fort. Grünberg, der erste Direktor des Instituts für Sozialforschung, sowie dessen ehemaliger Schüler Max Adler prägten Rosdolskys Auseinandersetzung mit der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie.

Vom 1. Januar 1929 bis zur Absetzung David Rjasanows im Jahre 1931 war Rosdolsky Korrespondent-Mitarbeiter des Moskauer Marx-Engels-Instituts in Wien. Dabei hatte er den Auftrag, systematisch die Bestände im Haus-, Hof- und Staatsarchiv auszuwerten und Fotokopien der Marx betreffenden Polizei-Akten für das Marx-Engels-Institut herstellen zu lassen. 1934 kehrte er aus Wien nach Lwów/Lemberg zurück und arbeitete bis zum deutschen Überfall auf Polen am dortigen Institut für Wirtschaftsgeschichte. Als im Herbst 1939 die Rote Armee im Einvernehmen mit Hitler die Westukraine besetzte, entschloß sich Rosdolsky, sich der bolschewistischen Verfolgung als Trotzkist durch die Übersiedlung ins nationalsozialistisch besetzte Krakau zu entziehen. Dort wurden er und seine Frau Emily Rosdolsky im Herbst 1942 von der Gestapo verhaftet, da sie sich ‚schuldig‘ gemacht hatten, Juden zu verstecken. Roman Rosdolsky wurde nach Auschwitz und später in die Konzentrationslager Ravensbrück und Sachsenhausen deportiert.

1947 emigrierte er mit seiner Frau und seinem Sohn aus Angst vor dem stalinistischen Terror aus dem sowjetisch besetzten Österreich in die USA. Bis zu seinem Tod im Jahr 1967 lebte er in Detroit. Sein Hauptwerk, Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen ‚Kapital‘, über die Grundrisse von Karl Marx hatte in den 1970er Jahren starken Einfluss auf die neomarxistische Debatte und galt innerhalb der Neuen Linken als Einstieg in die Kritik der politischen Ökonomie; bereits kurz nach Erscheinen avancierte es zum Standardwerk.

Helmut Reichelt würdigte in seiner Arbeit Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs die Schrift gleich zu Beginn: „Als Roman Rosdolsky im Jahre 1948 zum ersten Male Gelegenheit hatte, den Rohentwurf des Kapitals zu studieren, nahm er an, daß mit der Veröffentlichung dieses umfangreichen Textes eine neue Phase in der Auseinandersetzung mit dem Marxschen Werk eingeleitet würde. Zwar glaubte er nicht – wie man der Vorrede zu seinem Kommentar des Rohentwurfs entnehmen kann –, daß dieser Text in einen breiten Lesekreis eindringen würde; das hielt er wegen der ‚eigentümlichen Form und der teilweise schwer verständlichen Ausdrucksweise‘ für ausgeschlossen. Gleichwohl war er überzeugt, daß es in Zukunft kaum mehr möglich sein werde, ein Buch über Marx zu schreiben, ohne vorher die Methode im Kapital und deren Beziehung zur Hegelschen Philosophie genau studiert zu haben: und das würde über kurz oder lang zu einer allgemeinen Klärung vieler ungelöster Fragen im Marxschen Werk beitragen.“

In einem Radio-Essay hebt der Adorno-Schüler Martin Puder 1969 über Rosdolskys Arbeit besonders hervor: „Der von Rosdolsky kommentierte Rohentwurf des Kapital wirft auf sie [die Frage, ob Marx überholt sei] deshalb neues Licht, weil er den fließenden Charakter von Kategorien des Marxschen Denkens erkennen lässt, die nach der traditionellen Auffassung ganz fixiert zu sein scheinen.“ Weiter heißt es: „Rosdolsky [widersteht] trotz seiner neomarxistischen Grundhaltung allen Versuchen, die Theorie von der Verelendung des Proletariats durch Begriffe wie ‚mentale Verelendung‘, ‚psychische Verelendung‘ oder gar ‚moralische Verelendung‘ zu retten. Selbst den Terminus ‚relative Verelendung‘ lehnt Rosdolsky ab. Er geht davon aus, dass derartige Übertragungen, in denen sich der akademische Marxismus gegenwärtig wieder gefällt, nur von der Stumpfheit ihrer Autoren gegenüber wirklichem, physischem Entbehren zeugen.“

Rosdolskys Arbeit versucht durch den Rückbezug auf den Ursprungstext der Kritik der politischen Ökonomie diese in einem neuen Licht erscheinen zu lassen. Damit wandte er sich sowohl gegen akademische als auch bolschewistische Lesarten des Kapitals und legte einen Grundstein für die Neue Marx-Lektüre.

Vorläufiges Inhaltsverzeichnis

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Rezensionen:

Helmut Reichelt (Soziale Welt, 1969)


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